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Johanna wurde im Urlaub vergewaltigt – doch der mutmaßliche Täter ist noch immer frei

Trotz Videoaufnahmen ließ die Polizei in Panama den Mann ausreisen. Und es sieht nicht so aus, als wolle ihn irgendwer zurückholen.

von Rebecca Baden
27 August 2019, 11:23am

Fotos, sofern nicht anders angegeben: Shirin Siebert

In einem Hostel auf der panamaischen Insel Bocas del Toro gibt es zwei Überwachungskameras. Eine nimmt den Küchenbereich des Hostels auf, die andere hängt im Flur und zeigt auf die Tür eines Vierbettzimmers. An Neujahr 2018 filmt die Kamera kurz nach 1 Uhr, wie ein Paar eine junge Frau in ein Zimmer bringt. Sie ist so betrunken, dass sie kaum laufen kann. Der Mann und die Frau bleiben kurz mit ihr im Raum und verlassen dann das Hostel. Während sie auf den Straßen der Insel das neue Jahr feiern, zeichnet die Kamera im Hostel die Entwicklung eines Verbrechens auf.

Ein Mann bewegt sich auf die Zimmertür zu, schaut sich um, betritt den Raum. Etwa 40 Minuten lang bleibt er darin mit der fast bewusstlosen Frau alleine. So lange, bis zwei andere Hostelgäste die Tür aufschließen und sehen, was in dem Raum vor sich geht. Sie werfen den Mann raus, er steht noch kurz vor verschlossener Tür vor der Linse der Kamera. Dann läuft er den Flur hinunter und aus dem Bild hinaus.

Für VICE ist heute nicht mehr zu überprüfen, ob die Kamera genau diese Bilder aufgezeichnet hat. Doch Johanna, deren echten Namen wir auf ihren Wunsch hier nicht nennen, hat dieses Video gesehen und beschreibt es heute genau so. Sie ist die Frau, die betrunken ins Hostel kam, von ihren Freunden ins Bett gebracht wurde und schließlich von dem Mann, der danach in ihr Zimmer kam, vergewaltigt wurde. Doch niemand außer ihr, den Hostelangestellten und der örtlichen Polizei kennt die Videobilder. An Johanna aushändigen wollte das Video allerdings niemand. Und das ist nur der erste von vielen Rückschlägen, die Johanna in den kommenden anderthalb Jahren bei dem Versuch, ihren mutmaßlichen Vergewaltiger anzuklagen, erleben muss.


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Johanna kontaktiert die panamaische Polizei und die Deutsche Botschaft in Panama City. Sie besucht Ärzte und Ärztinnen, zeigt den mutmaßlichen Täter zwei Mal an: am 2. Januar in Bocas del Toro, und, weil dort nichts passierte, drei Monate später noch einmal, dieses Mal zu Hause in Hessen. Erfolglos. Denn auch 18 Monate nach dieser Silvesternacht wurde der Mann noch nicht verurteilt.

Und es sah lange so aus, als würde das auch nicht mehr passieren: Die Staatsanwaltschaft Bocas del Toro fahndete zwar, doch die in Deutschland zuständige Staatsanwaltschaft sagte am 11. September 2018, die Ermittlungen seien eingestellt. Der Aufenthaltsort des mutmaßlichen Täters sei unbekannt. Doch am Ende dieser Recherche finden wir ein wichtiges Indiz.

An einen Großteil der Silvesternacht kann sich Johanna nicht erinnern

Johanna ist heute 21 Jahre alt. Zum Zeitpunkt der Aufnahmen war sie 19, gerade mit der Schule fertig und seit über zwei Monaten durch Mittelamerika gereist. Es war bis dahin eine typische After-Abi-Reise: Erst fuhr Johanna mit einer Reisegruppe im Van durch Honduras, Nicaragua und Guatemala, dann wachte sie in Costa Rica über schlüpfende Meeresschildkröten-Babys und schließlich buchte sie zum Jahreswechsel ein Zimmer in einem Hostel auf der Partyinsel Bocas del Toro in Panama. Dem Hostel aus dem Video.

eine blonde frau sitzt auf einer treppe
Johanna sagt, sie könne nun besser verstehen, wenn Menschen eine Vergewaltigung nicht anzeigen

An die Silvesternacht vor anderthalb Jahren kann sich Johanna selbst nur bruchstückhaft erinnern, als sie an einem bewölkten Morgen Mitte Juli das VICE-Büro in Berlin besucht. Sie trägt Schwarz, nur ihre weißen Turnschuhe und ein leuchtend gelber Kimono heben sich ab. Über ihren Schultern hängen Johannas hellblonden Haare, die Augen umrahmen lange Wimpern.

"Wir haben uns abends mit etwa neun Leuten aus dem Hostel getroffen", erzählt Johanna. Die meisten seien aus Chile oder Argentinien gewesen und haben nur Spanisch gesprochen. "In dieser Gruppe war auch er."

Am Morgen nach der Tat habe sie in der Küche den Hostelmanager getroffen und ihm erzählt, woran sie sich erinnern konnte. Er habe Johanna gefragt, ob sie sich sicher sei, dass sie die Polizei rufen wolle. "Es wirkte, als wollte er mich vor dem Aufwand warnen", sagt sie. Sie habe bejaht, erzählt Johanna weiter, und der Manager habe mit ihr die Beamten gerufen und sich mit ihr die Videoaufnahmen aus den Kameras angeschaut. Johanna sagt, sie habe das Gesicht des Mannes eindeutig auf den Bildern erkannt. Der Hostelmanager habe ihn dazugeholt, als die Beamten eingetroffen waren. Dort habe der Beschuldigte gesagt, Johanna habe "das doch auch gewollt". Ein Polizist habe daneben gestanden.

Trotz der Vorwürfe, die Johanna gegen ihn erhebt, ließen die Beamten den Beschuldigten gehen. Er reiste vermutlich zurück in seine Heimat Chile. Das macht den Fall kompliziert: ein deutsches Opfer, ein chilenischer Beschuldigter. Eine junge Frau, die knapp 9.320 Kilometer von zu Hause entfernt nach ihrer Vergewaltigung auf sich allein gestellt ist. Und die panamaischen Behörden, die auf eine Auslieferung warten, die allem Anschein nach nicht stattfinden wird.

Johanna fühlt sich von den Behörden allein gelassen

Johanna gehört zu Tausenden Frauen in Deutschland, die darauf warten, dass ihr Angreifer verurteilt wird. Zwischen 2001 und 2012 wurden jährlich etwa 8.000 Vergewaltigungen in Deutschland angezeigt, nur rund 990 Verurteilungen gab es in der Zeit pro Jahr. In Panama wurden allein im Januar 2018 230 Vergewaltigungen bei der Polizei gemeldet. Die Dunkelziffer ist in beiden Ländern vermutlich deutlich höher. Auch, weil viele Opfer solche Anzeigen für aussichtslos halten.

Seit Johanna am 11. September 2018 das Schreiben der hessischen Staatsanwaltschaft erhielt, die für die Ermittlungen zuständig ist, hat sie keine weiteren Informationen mehr über weitere Ermittlungen bekommen. "Es ist eine Sache, das Ganze zu verarbeiten", sagt Johanna. "Die Kraft, mit der ich für meine Gerechtigkeit kämpfen muss, eine andere."

das ohr einer blonden frau und schmutziges wasser
An große Teile der Silvesternacht kann sich Johanna heute nicht erinnern

Johanna schwankt im Gespräch zwischen Entschiedenheit und Resignation: Sie sagt, sie verstehe heute besser, wenn Frauen ihren Täter nicht anzeigen, weil sie hoffnungslos sind oder ihre Kraft brauchen, um die Tat zu verarbeiten. Gleichzeitig habe sie sich vorgenommen, mit ihrer Geschichte auch anderen Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht alleine sind oder sich schämen müssen. "Natürlich will ich für mich, dass er bestraft wird", sagt Johanna. "Aber ich möchte auch nicht, dass er sowas auch mit anderen Frauen macht – weil er weiß, dass er schon einmal damit durchgekommen ist."

"Ich wurde erst wieder wach, als er schon dabei war, mit mir zu schlafen."

Johanna sagt, sie habe am Silvesterabend zum ersten Mal seit ihrem Reisebeginn Alkohol konsumiert: "Entsprechend war ich schon von einer kleinen Menge betrunken." Sie wisse noch, wie sich die Gruppe an Mitternacht zum neuen Jahr gratuliert habe. Dass das bis dahin die einzige Interaktion mit dem mutmaßlichen Täter gewesen sei. Und dass sie es nicht mehr mit den anderen in den Club schaffte, weil sie neben dem Einlass mit Schwindel auf den Bürgersteig sank. "Ich kann mich noch daran erinnern, dass mir jemand ein Glas Wasser reichte", sagt Johanna. "Aber ich weiß nicht, wer das war oder wo es herkam."

"Ich habe mir immer wieder vorgesagt: 'Du musst dir sein Gesicht merken. Du musst dir sein Gesicht merken.'"

Ein befreundetes Paar habe sich daraufhin mit ihr ins Taxi gesetzt, sie im Hostelflur gestützt, in ihrem Zimmer ins Bett gelegt und zugedeckt, erinnert sich Johanna. Dann sei sie eingeschlafen. Sie habe nicht gehört, wie der Mann das Zimmer betrat. "Ich wurde erst wieder wach, als er schon dabei war, mit mir zu schlafen", sagt Johanna. "Ich habe nicht gemerkt, wie er mich ausgezogen hat."

Sie habe versucht, sich zu wehren, sagt Johanna, aber sie sei zu schwach gewesen. So schwach, dass sie immer wieder eingeschlafen sei. Die Tat habe sich für sie wie zehn Minuten angefühlt, sagt Johanna, dabei war der Täter laut Kameraaufzeichnungen viermal so lange in ihrem Zimmer. Nur an einen Gedanken könne sie sich bis heute klar und deutlich erinnern: "Ich habe mir immer wieder vorgesagt: 'Du musst dir sein Gesicht merken. Du musst dir sein Gesicht merken.'"

Johanna sagt, sie sei sich überall wie ein Störfaktor vorgekommen

Johanna weint nicht, während sie die Tat nacherzählt. Ihre Augen blicken entschieden geradeaus. An manchen Stellen wird ihre Stimme lauter und höher. So, als könne sie nicht glauben, dass sie mit ihrer Forderung nach Gerechtigkeit ganz alleine ist. Denn der mutmaßliche Täter ist auch anderthalb Jahre später noch frei. Auch, weil die panamaischen Behörden von Anfang an Fehler machen.

Johanna erzählt, sie sei am Tag nach der Tat von Polizisten vom Hostel auf die Wache gefahren worden. In einem anderen Auto sei auch der mutmaßliche Täter auf die Wache gebracht worden. Einen Übersetzer habe Johanna nicht mitnehmen dürfen. Sie sagt, sie und der Mann seien auch auf dem Polizeirevier getrennt gewesen. "Ich bin davon ausgegangen, dass sie ihn befragen und seine Personalien aufnehmen", sagt Johanna. Doch kurz darauf haben die Beamten ihn gehen lassen. Johanna selbst bringen sie an jenem Tag ins örtliche Krankenhaus zur Untersuchung.

eine frau hält ihre halsketten fest
In den Tagen nach der Tat begegnen nicht alle Menschen Johanna mit Empathie

"Überall, wo ich in den nächsten Tagen hinkam, habe ich mich wie ein Eindringling gefühlt", sagt Johanna. "Ich habe nirgendwo Empathie empfunden, niemand hat mir zugelächelt." Im Krankenhaus sei sie von drei Frauen untersucht worden, die während der Untersuchung miteinander lachten. "Das war krass erniedrigend."

Am nächsten Tag geht Johanna mit der Sekretärin des Hostels, die für sie übersetzt, zurück zur Polizei und gibt ihre Anzeige auf. Ein Protokoll dieser Aussage liegt VICE vor, sie ist auf den 2. Januar datiert und deckt sich mit Johannas heutigen Erzählungen. Die Polizei schreibt, Johanna habe in der Tatnacht eine schwarze Hose und ein schwarzes Oberteil getragen. Außer ihr und dem mutmaßlichen Täter sei niemand im Hostel gewesen. Der Name des Beschuldigten werde noch ermittelt. Johanna sagt, sie könne sich das bis heute nicht erklären. Wir haben bei der Polizeibehörde nachgefragt, ob es keinen Haftbefehl gegen den Beschuldigten gab. Eine Antwort erhalten wir nicht.

Anschließend haben die Beamten Johanna die Adresse eines Arztes auf dem Festland gegeben, erzählt sie, einem Rechtsmediziner. Die Fahrt dorthin dauert mit dem Bus und der Fähre etwa fünf Stunden. Fünf Stunden, die Johanna nach der Tat und in einem fremden Land und streckenweise ohne ausgebautes Verkehrsnetz alleine hätte reisen sollen, wäre da nicht Giesbert gewesen.

Giesbert, ein deutscher Hostelgast, unterstützte sie spontan und begleitete sie auf der langen Strecke. Er und jener Arzt seien die einzigen positiven Begegnungen dieser Tage gewesen, sagt Johanna. "Der Arzt hat von allen Leuten als Erster gesagt, dass ihm leid tut, was mir passiert ist", sagt Johanna. "Er hat mir zugehört und mit dem Google-Übersetzer versucht, mir die Untersuchung zu erklären." In seinem Bericht schreibt der Arzt, Johanna habe einen Bluterguss am linken Oberschenkel. Vaginale Verletzungen habe er nicht finden können. Medizinerinnen zufolge ist das allerdings nicht ungewöhnlich: Nur etwa bei der Hälfte der Vergewaltigungen kämen überhaupt vaginale Verletzungen zustande.

Hätte Johanna nicht selber recherchiert, wäre vielleicht noch weniger passiert

Johanna sagt, sie habe Bocas del Toro kurz nach der Anzeige verlassen. Danach habe sie sich in Panama City mit der Deutschen Botschaft in Verbindung gesetzt. Die Mitarbeitenden sollen Johannas Informationen aufgenommen und mit ihr geprüft haben, dass die Anzeige korrekt ist. "Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass bestimmt etwas passieren wird", sagt Johanna. Johanna entscheidet, ihre Reise frühzeitig abzubrechen. Ihre Eltern bezahlen den Flug.

Doch als sie die Botschaft nach ihrer Rückkehr in Deutschland erneut kontaktiert, rät ein Mitarbeiter Johanna per Mail dazu, sich an eine panamaische Anwältin zu wenden. Selbst in das Verfahren eingreifen könnte man nicht. Johanna nimmt sich keinen Rechtsbeistand. Warum? "Ich war in Deutschland bei einem Anwalt und glaube nicht, dass mir jemand in Panama mehr geholfen hätte", sagt Johanna. "Ich spreche kaum Spanisch und hätte einen Dolmetscher gebraucht, die Telefonate nach Panama sind teuer, der Anwalt an sich auch."

Screenshots von Chat-Nachrichten
Screenshots aus einer Messenger-Unterhaltung zwischen Johanna und dem Hostelmanager in Bocas del Toro | Screenshot: Privat

Johanna recherchiert nach ihrer Rückkehr selbst: Sie schreibt mehrere E-Mails an die Deutsche Botschaft in Panama City. Sie kontaktiert das Auswärtige Amt. Sie erstattet in Deutschland Strafanzeige. Sie ruft mit einem Spanischlehrer bei der Polizei in Bocas an. Sie vereinbart ein Gespräch mit einem deutschen Anwalt, besucht einen Verein für Betroffene sexualisierter Gewalt, macht eine Therapie.

"Ich bin keine traurige Person und mag mein Leben immer noch", sagt Johanna. "Die meiste Zeit bin ich glücklich."

Johanna will sich nichts nehmen lassen, beginnt ein Studium, studiert Filmproduktion, zieht von zu Hause aus. "Ich bin keine traurige Person und mag mein Leben immer noch", sagt sie. "Die meiste Zeit bin ich glücklich." Doch in manchen Momenten scheint durch, wie die Tat Johanna auch im persönlichen Leben beeinflusst: Sie verwendet das Wort "Vergewaltigung" im Interview nicht, sondern umschreibt es mit "sowas" oder "das, was passiert ist". Sie sagt, sie reagiere heute wütender, wenn Männer im Club kein Nein akzeptierten. Das feministische Buch Untenrum Frei von Margarete Stokowski würde Johanna gerne "tausendfach kaufen und überall auslegen, damit alle es lesen".

Johanna ist tapfer. Aber daran, dass sie so tapfer ist, zeichnet sich noch deutlicher ab, dass sie ihren Kampf alleine kämpft. Manche sagen ihr sogar, der Fall sei aussichtslos: weil die Tat in Panama passiert ist, der mutmaßliche Täter aus Chile kommt, und Johanna aus Deutschland. Zuständig seien die dortigen Behörden, sonst könne man wenig machen. Johanna kann diese Erklärung offenbar nicht nachvollziehen. "Vielleicht verstehe ich die Grenzen der Behörden nicht", sagt sie. "Aber was kann an der Sache so schwierig sein?"

Johanna versucht vergeblich, das Videomaterial aus dem Hostel zu bekommen. Mehrmals kontaktiert sie den Hostelmanager auf Facebook, doch er ignoriert Johanna kurz nach den ersten Nachrichten. Die Polizei in Bocas weigert sich ebenfalls, ihr das Beweismaterial zu schicken – ebenso wie den vollständigen Namen des mutmaßlichen Täters. Johanna beginnt, zahllose Facebook-Profile auf der Suche nach Bildern von ihm aus der Silvesternacht zu durchkämmen. Sie findet ihn auf einem Gruppenfoto und macht einen Screenshot. Bis zum September 2018 wird das Bild Johannas einzige Information über den Mann bleiben.

Mit dem Brief der in Deutschland zuständigen Staatsanwaltschaft bekommt Johanna neun Monate nach der Silvesternacht die Gewissheit, dass der Mann wohl verschwunden ist. Doch sie erfährt endlich auch seinen vollen Namen. Erneut sucht Johanna auf Facebook nach dem mutmaßlichen Täter. Sie kann ihn nicht finden. Bis sie im Juli in die VICE-Redaktion kommt und mir den USB-Stick mit den Dokumenten der Polizei, des Arztes und der Staatsanwaltschaft gibt. Und dem zugeschnittenen Screenshot des Gruppenfotos.

Es gibt ein Facebook-Profil, das dem Mann in Johannas Screenshot ähnelt

Was an der Kommunikation über mehrere Kontinente hinweg so schwierig ist, erfahre ich nach kurzer Zeit bei meiner eigenen Recherche. Weder die panamaische Staatsanwaltschaft, noch die Polizei in Bocas del Toro reagieren auf meine Anfragen. Der Manager von Johannas Hostel ignoriert meine Nachrichten. Die Deutsche Botschaft in Panama leitet meine Nachrichten an das Auswärtige Amt weiter. Dessen Presseabteilung schreibt, die Auslandsvertretungen können per Gesetz keinen Einfluss auf die Ermittlungen nehmen. Allerdings biete man Unterstützung und Beratung für Betroffene wie Johanna an.

Kurz nach Johannas Besuch, und mit all den Unterlagen, die sie hinterlassen hat, versuche ich noch einmal, ihren mutmaßlichen Vergewaltiger auf Facebook zu finden. Und ich werde fündig. Anhand seines vollen Namens erscheinen fünf Profile, die dem Mann auf dem Screenshot von Johannas USB-Stick nicht ansatzweise ähneln. Doch wenn man nur den Vor- und Zweitnamen eingibt, ist der erste Treffer ein Mann, der der Person auf dem Bild sehr ähnlich sieht und angibt, in Chile zu wohnen.

Auf dem Profil sind nicht viele öffentliche Fotos zu finden. Eines zeigt ihn beim Klettern mit Freunden, ein anderes beim Baden in einem Pool, wieder andere Arm in Arm mit Freundinnen beim Feiern. Sein letztes Profilfoto hat er im September 2017 hochgeladen, knapp drei Monate vor der Silvesternacht in Bocas del Toro. Er hat die gleiche graugrüne Augenfarbe, den markanten Höcker am Nasenbein, die identischen beiden Leberflecken auf dem linken Wangenknochen. Am vorderen Ende seiner Augenbraue ist der Haarwuchs auf beiden Fotos an einer Stelle dichter.

"Ich glaube, das ist er", sagt Johanna am Telefon, als sie sich die beiden Fotos eine Woche nach unserem Gespräch bei WhatsApp anschaut. Einen Tag später schickt sie das Facebook-Profil des Mannes an die zuständige Staatsanwaltschaft. Fast einen Monat später kommt per Mail die Antwort: Das Verfahren bleibt geschlossen, Johanna solle sich an die Behörden in Panama wenden. Dort hat sie keine Ansprechperson.

Johanna muss nun wieder versuchen, einen Kontakt zu finden, der sich zuständig fühlt. "Das nimmt alles so viel Energie", sagt sie am Telefon. "Aber ich kämpfe trotzdem weiter."

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