Anzeige
Tech

Was Handysignale und Abwässer über den Drogenkonsum einer Stadt verraten

Die neue Methode zur präzisen Ermittlung des Drogenkonsums einer Bevölkerung ist aus Sicht des Datenschutzes höchst umstritten.

von Troy Farah
25 September 2017, 8:22am

Bild: wk1003mike/shutterstock

Durch einen kurzen Blick in die Kanalisation lässt sich ohne Weiteres der Drogenkonsum einer ganzen Stadt ermitteln. Tatsächlich ist die Analyse von Abwasser in vielen Teilen der Welt eine gängige Methode, um die Menge an illegalen Substanzen nachzuweisen, die in der Stadt kursierenden. Sie wird in Australien, China, den USA und seit einigen Jahren auch in Deutschland angewandt.

Eine der größten Schwächen dieser Untersuchungsmethode ist es, die tatsächliche Größe der untersuchten Population in Echtzeit korrekt zu bemessen – denn die kann sich im Laufe eines Jahres stark verändern. Statistische Einwohnerzahlen geben keinen genauen Aufschluss darüber, wie viele Menschen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer Stadt aufhalten. In Metropolen wie London kann diese Zahl beispielsweise stark durch Touristen oder Pendler schwanken. Woher soll man also wissen, von wem und wie vielen Menschen der Kokain-verseuchte Urin am Ende stammt?

Folgt Motherboard auf Facebook, Instagram, Snapchat und Twitter

Eine Lösung für dieses Problem haben jetzt die Forscher des Norwegian Institute for Water Research gefunden: In ihrer aktuellen Studie schlagen sie vor, die Signaldaten von Mobiltelefonen zu nutzen, um den Drogenkonsum einer Population präzise zu bestimmen. Dazu wird erfasst, wie viele Handynutzer sich in einem Gebiet aufhalten, um diese genauere Zahl dann mit dem Drogengehalt im Abwasser in Relation zu setzen.

"Das Mobilfunknetz kann anonymisierte Daten darüber liefern, nach welchen Mustern sich Individuen in einem bestimmten Gebiet bewegen", erklären die Forscher im Fachjournal Environmental Science and Technology. "Somit können die chemischen Substanzen aus jeder Probe einer genauen (und dynamischen) Bevölkerungszahl gegenübergestellt werden, die dem Zeitraum entspricht, in dem die Abwasserprobe genommen wurde."

Um ihre These zu testen, untersuchten die Forscher 13 Drogensubstanzen: Untern anderem Amphetamine und Ritalin (Methylphenidat), MDMA, Methamphetamine, Kokain und sogar einen Stoff namens Carbamazepin, der unter anderem zur Behandlung von Schizophrenie eingesetzt wird. Für die Studie wurden im vergangenen Jahr Proben aus der Kläranlage Vestfjorden Avløpsselskap in Oslo entnommen, die ungefähr 600.000 Menschen versorgt.

Die Proben wurden im Juni und Juli entnommen, um eine möglichst große Schwankung in der Einzugspopulation einzufangen. In Oslo ist der Juli der beliebteste Urlaubsmonat; zu dieser Zeit halten sich durchschnittlich 30,5 Prozent weniger Menschen in der Stadt auf als sonst.


Ebenfalls auf VICE: Der echte Walter White


Die Forscher gingen wie folgt vor: Nachdem sie die Glasröhrchen mit ungefiltertem Abwasser durch eine Zentrifuge jagten, filterten sie die gesuchten Chemikalien mit dem Verfahren der Massenspektronomie nach ihrem atomaren Gewicht. Diese Werte kombinierten die Forscher mit über 33 Millionen Messwerten von Telenor, dem größten Mobilfunkanbieter Norwegens. Dazu wurden geeignete Signalwerte verwendet, die Telenor nutzt, um die Funktionalität seines Mobilfunknetzes zu überwachen.

Anhand der Signale, die das Mobilfunknetz registriert, ist es sehr einfach, zu bestimmen, wie viele Menschen sich in einem Gebiet aufhalten. "Signaldaten sind die beste Quelle, um einen Einblick in die Dynamik einer Population zu gewinnen", erklären die Forscher in der Studie, "Das System ist sehr verlässlich."

Die Forscher fanden heraus, dass der Konsum von MDMA und Kokain im Untersuchungszeitraum am Wochenende anstieg und dass der Konsum von Amphetamin, Meth und verschreibungspflichtigen Medikamenten über die Woche verteilt gleich blieb. Auch wenn diese Ergebnisse nicht sehr überraschend klingen, hätten sie ohne den Abgleich mit den Mobilfunkdaten auch deutlich anders ausfallen können.

Denn die Population von Oslo kann sich selbst innerhalb von 24 Stunden um über 40 Prozent ändern. Wenn die Forscher sich also an den offiziellen Einwohnerzahlen orientiert hätten, wie es bei Studien dieser Art normalerweise geschieht, hätten sie schlussfolgern müssen, dass die Nutzung von Medikamenten im Juli abnahm und der Konsum von illegalen Drogen in etwa gleich blieb – ungeachtet davon, dass sich in diesem Zeitraum viel weniger Menschen in der Stadt aufhielten. Dank der Handysignale konnte die korrekten Anzahl der sich im untersuchten Gebiet aufhaltenden Personen jedoch viel präziser dargestellt werden.

Massiver Eingriff in die Privatsphäre

Aus Sicht von zahlreichen Datenschützern sind solche flächendeckenden Drogentests allerdings bedenklich. Nicht ohne Grund: In Neuseeland wurden die Abwasserproben für eine Untersuchung beispielsweise in enger Zusammenarbeit mit der Polizei durchgeführt. In Australien nutzte die Polizei Ergebnisse aus einer Abwasserprobe, um Gebiete für stichprobenartige Drogentests bei Sozialhilfeempfängern auszuwählen. Den australischen Beamten gelang es sogar, das Ergebnis eines Wassertests zurückzuverfolgen und ein MDMA-Labor im Wert von 10 bis 20 Millionen US-Dollar aufzuspüren.

Die datenschutzrechtlichen Bedenken werden noch größer, wenn man die Werte aus den Abwasserproben mit Mobilfunkdaten kombiniert – auch wenn die norwegischen Forscher angeben, dass sie alle Daten, in denen sich nur ein einzelner Nutzer pro Region registrierte, entfernt hätten und dass sie "die Datensätze von allen möglichen Merkmalen bereinigt haben, die zur Identifizierung des einzelnen Nutzer genutzt werden könnten".

Aber was wäre, wenn diese Daten doch sichtbar würden? Wenn Untersuchungen dieser Art künftig häufiger genutzt werden und vor allem, wenn sie auf Daten staatlicher Mobilfunknetze beruhen, könnten die Ergebnisse der Forscher tiefgreifendere Konsequenzen haben – die weit über einen wissenschaftlichen Mehrwert hinausgingen.

Tagged:
Tech
Motherboard
MDMA
speed
Drogen
Kokain
drogenkonsum
überwachung
Abwasser
Statistik
medikamente
Kanalisation
population
Gewohnheiten