Interviews

"Nachrichten sind wie Politiker: voller Scheiße" – Prophets of Rage im Interview

Wir haben mit der Supergroup aus Rage Against The Machine, Public Enemy und Cypress Hill über politische Musikvideos gesprochen.

von Vincent Grundke
19 September 2017, 3:04pm

Foto: imago | Agencia EFE

Irgendwo auf der anderen Seite der Welt sterben Kinder an Hunger. Aber solange sich jeder in seinen vier Wänden auf die Couch lümmeln und abschalten kann, ist das ganze Chaos vergessen. Prophets Of Rage haben das Däumchendrehen satt. Als Rage Against The Machines Gitarrengott Tom Morello während der letzten Präsidentschaftswahlen der USA nicht mehr oft genug "What the fuck?!" sagen konnte, rief er seine Freunde an. Chuck D von Public Enemy und Cypress Hills B-Real sind lange Weggefährten, die sich wie Tom schon immer politisch in ihrer Musik engagierten. Zusammen mit den RATM-Mitgliedern Brad Wilk und Tim Commerford gingen sie als Prophets Of Rage auf die Straßen der USA, um etwas gegen die seltsame Trump-Show auszurichten. Sie schnappten sich ihre jeweiligen Klassiker und brachten die Wut erstmals im Juli 2016 vor die Türen der Republican National Convention in Cleveland. Es folgten drei Wochen Aktionen auf den Straßen der USA, Eintritte zu den Shows kosteten 20 US-Dollar und Teile davon gingen an Obdachlose und Tafeln.

Prophets Of Rage wollen da anpacken, wo andere wegschauen. Das ist der Sinn dieses Zusammenschlusses aus Legenden. Seit der Initialzündung tourt die Supergroup durch die Welt und will aufrütteln. Kopf ein, Scheuklappen ab und all das aufnehmen, was sich so widerlich anfühlt. Denn erst daraus kann die Bewegung entstehen, die sich gegen Unmenschlichkeit richtet. Nicht jeder hört da aber so genau hin und will lieber Party machen, wenn sie RATM-Klassiker wie "Killing In The Name Of" neu interpretieren. Deswegen haben wir mal bei den drei Ikonen nachgefragt: Wie politisch kann Musik sein? Drei Musikvideos sollen es zeigen.

NOISEY: Was habt ihr sofort im Kopf, wenn ihr an Musik denkt, die die Welt verändert hat?
Chuck D: Ich habe ein Video im Kopf, das ich heute erst gesehen habe: heiße Chicks, Villen, Vaporizer, Autotune. Viele Künstler müssen zeigen, wie gut sie essen. Und Helikopter verlieren niemals an Style. [alle lachen] Ich dachte mir "Yo! Echt jetzt? Das ist sowas von out."
Brad Wilk: Ich denke, alle Musikvideos sind politisch. Alles, was du tust, kann man darauf reduzieren, politisch zu sein. Wie du dein Leben lebst, welches Essen du isst, wohin du gehst, welche Videos du drehst. Wir wollen politisch sein, um uns gegen Menschen aufzulehnen, die Politik nutzen (wenn auch unbewusst), um andere hinters Licht zu führen.
B-Real: Politik hat es nicht leicht in der Musik. Es ist das alte Klischee: Die zwei Konversationen, die du an keinem Dinner-Tisch haben willst, sind über Politik und Religionen. Wenn du also deine politischen Ansichten und deinen religiösen Glauben mit deiner Musik vermischt, kann es so wahrgenommen werden, als würdest du dies anderen in den Hals stopfen. Da ist nur ein schmaler Grat, wie du Kunst mit deinen politischen Überzeugungen verbinden kannst, sodass es erleuchternd und inspirierend wird oder jemanden aufweckt. Anstatt zu sagen: "Du solltest das nicht tun!" Es gibt nicht viele Alben, die überhaupt etwas davon versuchen.


Motherboard-Video: "Die Mathematik eines Massenaufstands"


Politische Musik macht nur einen sehr kleine Prozentzteil aus. Musik, die nichts aussagt, ist auf allen Plattformen einfacher zu vermarkten. Sehr sicher. Die größte Sorge von Radiostationen und Video-Outlets ist nicht die Musik, die sie spielen – sie kümmern sich nicht darum, ob sie jemanden inspirieren. Sie sorgen sich um die Werbung, die sie von Unternehmen kriegen, die ihre Werbung in dieser Zeitspanne der Musik geschalten haben wollen. Sie haben Angst, etwas Politisches zu spielen. Deswegen gibt es so wenige Musiker mit solch einem Background, wie wir ihn haben. Aber es gibt Lieder wie die von Kendrick Lamar. Der ist total politisch, er weckt Leute auf. Seine Videos erzählen den Leuten, wie es wirklich ist. Dabei könnte er voll das durchziehen, was andere Rapper machen. Wie Chuck sagt: wie viele Chicks sie haben, die Helikopter, die Villen, die coolen Karren, der Olympia-großen Pool. Wir brauchen mehr Balance.

Chuck D: Was auch OK ist. Politik ist auch nicht immer positiv. Es spiegelt andere Seiten wider von dem, woran du glaubst. Muss es ja auch geben, damit du für deine Seite kämpfen kannst. Politik fragt: Glaubst du wirklich an den Shit? Ich bin seit 25 Jahren ein Fan von B-Real und Cypress Hill, weil sie ernsthaft engagiert sind. Ich rauche kein Gras, aber man sollte das Recht haben, daran zu glauben, dass es gut ist. Es hilft Menschen.

Scorpions – "Wind Of Change"


Brad Wilk:
Oh Gott, ernsthaft? Ich habe das Video schon seit Jahren nicht mehr gesehen.
B-Real: Weißt du, sie hatten eine riesen Plattform und hätten Musik über alles Mögliche machen können. Aber sie haben über ihre Geschichte, ihre Kultur gesungen. Dinge, die in ihrer Gesellschaft abgingen. Deswegen sind die Scorpions so großartig: Sie verbinden Rock und Musik mit einer Botschaft. Als wir zum ersten Mal hierher kamen, standen noch weite Teile von der Mauer aufrecht. Dieses Lied gab Leuten Hoffnung, dass sich die Dinge ändern können. Die Mauer fiel und vieles änderte sich.

Ihr singt ja auch in "Smashit": "the mission the music the force / free the border walls". Denkt ihr, es sollt keine Nationen und Grenzen geben?
Chuck D: Ich persönlich glaube nicht an Regierungen per se. Ich bin ein "Earthizen" [ein Erdenbewohner, Anspielung auf seinen gleichnamigen Public Enemy-Song]. Ich habe mich lange von dem Glauben distanziert, dass Regierungen die Leute so zusammenbringen können wie es Kulturen können. Ich schaue aus meinem Flugzeug und sehe keine Linien, Schriften und Buchstaben, die Belgien oder so schreiben. Ich sehe den Planeten Erde. Wir sind "Earthizens", wir sind Musiker, man. Wir sagen etwas und das Schöne ist: Jemand, egal, wo er auf der Erde ist, spielt den Ball zurück zu uns. Und das ersetzt für mich Regierungen und Religionen, besonders organisierte Religionen, die ja im Prinzip wie Regierungen sind und vice versa. "Give me the music man".

Ist es überhaupt möglich, keine Nationen zu haben? Eine vereinte Welt?
B-Real: Das wäre ein schlechter Tausch. Weil dann eine Person die ganze Welt regiert.
Chuck D: Dann gibt es wieder menschliches Versagen. Das findet immer seinen Weg, solange wir existieren.
B-Real: Sehr beängstigend.
Chuck D: Du brauchst Regierungen, um den Puff unter Kontrolle zu halten. Aber die sind auch nur Puffs.
Brad Wilk: Da fällt mir das Buch Farm der Tiere ein. Guter Stoff.

Rise Against – "Prayer Of The Refugee"


Chuck D:
[lacht kühl wie ein abgekämpfter Weihnachtsmann]
B-Real: Hier ist wieder eine Gruppe, die über verdammt all das reden kann, was sie will. Kindersklaverei und solche Scheiße. Das sind Dinge, die keiner will. Aber in anderen Ländern ignorieren es viele Menschen. Und hier kommen sie und treffen den Nagel auf den Kopf. Sowas muss verdammt nochmal aufgedeckt werden, Menschen müssen ihre Scheuklappen ablegen und sehen, was abgeht. Für mich geht es hier darum.

Wie ihr in der einen Zeile in "Living On The 110" rappt: "It might be you some day".
B-Real: Oh ja. Das ist ein großes Problem in den Vereinigten Staaten.
Chuck D: Der Song handelt von der "check-by-check-society", du kannst wirklich mal da landen. Verpasse zwei Checks von deinem Job und du hast kein Haus mehr. Das geht schnell in den USA. [Redet sich in Rage] Aus deinem Haus geworfen werden, in dem du über 20 Jahre gelebt hast, weil du zwei Zahlungen nicht bekommen hast, und dann findest du deinen Scheiß auf der Straße im "land of the free", ist verdammt abgefuckt deeper Shit, oder? Real shit. Du kannst von einer Bank oder einer Kreditfirma gefickt werden oder irgendwelcher bürokratischen Abschlusszahlungen. Und dann brauchst du einen Anwalt, um ein Haus für deine Familie zu bekommen – nachdem du deinen Job verloren hast, zur Regierung rennst, um ein bisschen Geld zu bekommen, damit das Haus gehalten werden kann. Und sie sagen dir: "Fick dich!"

Das ist ja das große Ziel von den meisten: Sicherheit. Aber sicher ist man nie.
Brad Wilk: Das ist die menschliche Natur.
B-Real: Jeder will sicher sein. Will, dass seine Kinder so aufwachsen, dass sie was haben im Leben, Möglichkeiten. Aber das ist gerade jetzt nicht überall der Fall.

System Of A Down – "B.Y.O.B."

B-Real: Grundsätzlich ist jeder abgelenkt. Jeder ist zu beschäftigt damit, eine gute Zeit zu haben, Party, während ernsthaft Scheiße abgeht. Das ist die Gesellschaft, in der wir jetzt leben. Abgelenkt von Social Media, den Reality-Shows, Narzissmus auf Rekordhöhe. Menschen reden darüber, was bei ihnen abgeht. Sie könnten jemanden auf der Straße sehen, wie er zusammengeschlagen oder ausgeraubt wird, und sie würden eher ihr Smartphone rausholen und das mit einem Foto festhalten, statt der Person zu helfen. Heute ist man zerfahren, zu abgelenkt, um Mitgefühl zu empfinden und ein menschliches Wesen zu sein. Menschen lassen Dinge vorbeigehen, ohne sie überhaupt zu sehen. Wegen dieser Ablenkungen. Oder sie wollen die hässlichen Dinge gar nicht sehen. Das bedeutet der Song für mich.
Brad Wilk: Es ist cool, wie [System Of A Down] diese Dekadenz mit der Realität, mit Krieg verknüpfen. Faschistische Regimes. Sie zeigen, wie nahe diese beiden Dinge beieinander liegen können und wie schnell sich das umkrempeln kann.
Chuck D: Als ich das Video zum ersten Mal sah, hatte ich eine andere Deutung, weil ich den Hintergrund zum Völkermord an den Armeniern kenne. Musik sollte Spaß machen, um gute Zeiten gehen. Das wäre fantastisch für Armenier, wenn sie nicht einen Mantel aus Bullshit über sich hätten. Sie besitzen nicht die Freiheit, einfach Musik zu spielen, gute Zeiten zu haben. Sie müssen darüber sprechen. In 99 Prozent der Interviews werden wir Musiker wegen unserem Präsidenten gefragt und wie der Puff weitergeht. Es ist bequem für uns als Band, etwas zu sagen. Aber wenn bestimmte Situation eintreten, dann werden wir einstehen! Wünscht man sich Bullshit, damit man starke politische Anti-Songs schreiben kann? Nein, du wünscht dir eine bessere Welt. Unser Song "Legalize Me" sucht einen Weg für eine bessere Welt, gute Zeiten. Aber dafür musst du kämpfen! Hart kämpfen.

Deswegen singen System Of A Down: "Where the fuck are you?" Schweigen ist das Schlimmste. Ignoranz ist Handeln.
Chuck D: Schweigen ist das Schlimmste.
B-Real: Wenn du Däumchen drehst und darauf wartest, dass etwas passiert, dann bleibt es eigentlich nur dabei, dass du deine Däumchen drehst.

In "Hail To The Chief" singt ihr: "Divising words to divide us". Wie kann man sich heute noch auf Informationen fokussieren bei der Flut an Nachrichten?
B-Real: Menschen suchen schon andere Wege, sich zu informieren. Weil die Nachrichten wie Politiker sind: voller Scheiße. Mit ihrer eigenen Agenda. Unterstützt von Leuten, die ihre Agenda haben. Sie alle gewinnen da etwas. Menschen müssen sich die News woanders suchen, um informiert zu werden. Leute mit Scheuklappen müssen aufgeweckt werden. Es gibt Leute, die informiert sind, welche, die informiert, aber fehlgeleitet sind. Und dann die in der Mitte, die keine der beiden Seiten kennen. Und das ist ein großes Problem. Viele Menschen haben zu viel Angst vor Wissen, davor, involviert zu werden. Deswegen sind die Dinge teilweise so wie sie sind. Wie der Scheiß, der mit dem Brexit oder unserer Präsidentschaftswahl abging. Zu viele Menschen drehen Däumchen und warten darauf, dass andere für sie die Entscheidungen treffen. Wir hatten von Beginn an keine guten Alternativen. Aber die Leute, die überrascht waren, dass Trump gewonnen hat, sind die, die einen Scheiß dafür getan haben, dagegen zu kämpfen, dass er gewinnt.
Brad Wilk: Ich stimme voll zu. Man fragt sich: Sind diese Wahlen überhaupt echt? Wir müssen uns das vor Augen führen und kluge Entscheidungen treffen.

Folge Noisey auf Facebook, Instagram und Snapchat.

Tagged:
Music
Noisey
Cypress Hill
Rap
rock
Rage Against The Machine
Public Enemy
Prophets of Rage
Politik