Wofür brennst du, Julia Herr (SPÖ)?
Fotos: Christoph Schattleitner | VICE Media
Schon wieder Wahlen!!!

Wofür brennst du, Julia Herr (SPÖ)?

3 Stunden, ein sehr warmer Radler und ein offenes Gespräch über die Ohnmacht der Politik, die Welt in 100 Jahren – und den Sinn, SPÖ-Mitglied zu sein.

Das ist der zweite Beitrag aus unserer neuen Reihe "Wofür brennst du?", in der wir uns mit interessanten Menschen betrinken. Mehr Gespräche mit Politikern und anderen folgen in Kürze.

"Alles klar", denke ich mir beim Betreten des Café Amadeus im 15. Wiener Gemeindebezirk. Eine rote Fahne mit drei Pfeilen – das Symbol der Arbeiterbewegung gegen Faschismus, Klerikalismus und Kapitalismus – hängt beim Eingang.

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Julia Herr, die Vorsitzende der Sozialistischen Jugend (SJ), die dieses Symbol am häufigsten verwendet, kann nicht weit sein. Die Fahne sei kein Statement der Betreiber, erklärt sie gleich, sondern eher – nun ja – eine besoffene Geschichte. Über dem Bar-Tresen hängt eine güldene Flagge der Monarchie, aus den Boxen dröhnt Simon & Garfunkel.

Julia Herr ist nicht alleine, dafür aber schon länger da. Ihre Verbandssekretärin Sara Costa hat sie aus dem Büro mitgenommen, die wiederum Freunde, Matthias und Boris, mitgebracht hat. Immer wieder kommen Leute, die die Runde grüßt. "Hier trifft man immer Bekannte", sagt Herr über ihr Stammbeisl, das sie nur dann nicht aufsucht, wenn Live-Musik spielt.

"Für die muss man vermutlich ein gewisses Alter erreicht haben", erklärt meine Kollegin Isabella, die dort mal gearbeitet hat. Es sei alles sehr familiär und man kenne relativ schnell die teilweise speziellen Gäste: den Jung-Sozi, der wie Che Guevara aussieht, die Dame, die immer gleich sitzen will und Vodka-Vanille trinkt.

Ich setze mich an den Tisch und das Gespräch startet sehr langsam. Herr fragt mehrmals, ob wir uns nicht wegsetzen sollen, aber ihre Freunde protestieren; sie wollen das Interview belauschen. Ich habe damit kein Problem, weil es weniger ein Interview, dafür mehr ein Gespräch und eine Beisl-Diskussion sein soll. Auf Herrs Empfehlung bestelle ich ein Eierspeisbrot mit Speck und Kernöl sowie ein Bier. Wir haben keinen Stress, erkläre ich: "Bei Gamon waren die letzten drei Stunden auch am besten". Danach blicke ich in entsetzte Gesichter. "Medientermine sind eh schon nervig genug und dann auch noch so lang", wird sie sich denken, denke ich mir.

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Die Transparenz-Box: VICE hat alle jungen Politiker, die wahrscheinlich dem nächsten Nationalrat angehören, zu einem Gespräch in ihr Lieblingslokal geladen. Bis auf die FPÖ, die auf die Anfragen bisher nicht reagiert hat , haben alle Parlamentsparteien Interesse bekundet. Julia Herr ist wohl die nächste Jugendsprecherin der SPÖ, wenn sie es über die Vorzugsstimmen in den Nationalrat schafft. Herr und der Autor folgen sich auf Twitter, hatten aber noch keinen persönlichen Kontakt. In einer früheren Version (Update am 13.10.2017) dieses Artikels haben wir das Gespräch mittels Audio-Files wiedergegeben. Da wir bei den anderen Kandidaten aus Zeitgründen das Gespräch extern transkribieren ließen, haben wir das auch bei diesem Gespräch nachgeholt. Herr bat um eine Freigabe des Gesprächs durch den Pressesprecher der Sozialistischen Jugend.

Wir reden über das Studium (Herr hat die letzte Prüfung ihres Soziologie-Studiums 2016 gemacht) und falsche Vorstellungen über den Job als Politikerin. "Politisch aktiv zu sein, muss man sich leisten können", bedauert Herr. Es sei vor allem am Anfang Selbstausbeutung. "Wir haben sogar mal selbst den Boden im SJ-Büro rausgerissen", sagt sie. Nach einer ungewohnten halben Stunde (mit einem Journalisten, der keine Fragen stellt), legen wir thematisch los:

Julia Herr: Du musst ein Thema vorschlagen.

VICE : Eigentlich würd's mich interessieren, welche Themen du als wichtig empfindest. Im besten Fall ohne Wahlkampf, dafür bisschen zurücknehmen und fragen: Was sind die Herausforderungen für die nächsten 10, 20 Jahre? Worum geht's wirklich? Reden wir über das Richtige im Wahlkampf? Fällt dir ein Thema ein oder sind es mehrere?
Das sind mehrere. Es sind tausend Themen. Wir haben in der SJ ein paar Grundpfeiler, auf die man sich immer konzentriert. Das ist Antikapitalismus, Antifaschismus und Feminismus. Ich glaube, das sind die drei großen Ecken, mit denen man sich in der SJ immer beschäftigt und das find ich natürlich auch gut so. Muss ich mir eins aussuchen?

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Nein.
OK, sehr gut. Das wäre jetzt auch irgendwie schwer. Und nein, natürlich reden wir überhaupt nicht über die richtigen Themen im WahlkampF. Aber auch generell, was wir immer diskutieren oder was in der Zeitung steht. Ich finde, das geht voll oft komplett vorbei, an allem, was real tatsächlich passiert.

"Kein Mensch hat in irgendeiner Art und Weise eine Vorstellung darüber, wie viel Reichtum es in Österreich eigentlich gibt"

Was steht in den Zeitungen und worüber sollen wir reden?
Also, das ist zwar jetzt auch im Wahlkampf, aber generell ist eine ewige Forderung der SJ, die Millionärssteuer. Kein Mensch hat in irgendeiner Art und Weise eine Vorstellung darüber, wie viel Reichtum es in Österreich eigentlich gibt und wie viel Reichtum weltweit konzentriert in wenigen Händen liegt. Es gibt Eliten, von denen du nicht in den Zeitungen liest. Es ist ständig dieses Treten nach unten und das Buckeln nach oben. Du hast nie die Leute im Fokus, die tatsächlich die mächtigsten auf der Welt sind. Da weiß man ja noch nicht einmal, wer die sind. Die sind so mächtig, dass sie verschleiern, wer sie sind. Das hört sich jetzt nach Verschwörungstheorie an.

Hahaha, bisschen.
Es gibt schon unglaublich mächtige Konzerne, die unglaublich viel Einfluss haben. Das große Problem ist, dass Wirtschaft – wenn man's grob zusammenfassen will – mehr Macht und Einfluss hat als Politik. Amazon hat quasi gesagt, Städte sollen sich um den nächsten Standort bewerben. Und da geht's natürlich darum: Wer bietet die beste steuerliche Begünstigung? Wer lässt vielleicht Auflagen weg? Wo machen sie möglichst viel Profit? Und das ist doch arg, dass mittlerweile Konzerne so viel Macht haben, dass sie sie der Politik "Hey, macht uns ein Angebot!" sagen können und nicht mehr die Politik die Regeln für die Wirtschaft festlegt. Es gibt 130.000 Beispiele. Ich hab das so arg gefunden, wie rausgekommen ist, dass Apple Steuerbetrug begangen hat und das Geld eigentlich nachzahlen hätte müssen, Irland aber gesagt hat: "Nananana! Bitte behaltet das Geld, wir wollen es eh nicht haben. Bitte lasst euren Standort bei uns."

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Das war ziemlich absurd.
Wie arg ist, dass Irland das Geld nicht haben will? Wir versuchen immer, dass in Österreich möglichst viel Steuergeld reinkommt, dass man es fair verteilen kann, dass jeder ein Leben in Würde führen kann, und gleichzeitig gibt's aber voll viel Steuergeld, das in Österreich nicht greifbar ist. Wenn McDonalds jeglichen Gewinn, den es einfährt, nach Luxemburg verschifft, dann fehlt uns das Geld.

Herr ist in ihrem Element, was man an der zunehmenden Burgenländisierung ihrer Aussprache erkennt. Ich lasse sie weitermachen.

Es ist so eine unglaubliche Abwärtsspirale. Jedes Land in der EU versucht, die Steuern für Unternehmen zu senken, um Anreize zu schaffen. Wenn man das nicht irgendwann unterbindet, werden Unternehmenssteuern immer weiter nach unten sinken. Es geht da um unheimlich große Gewinne, die eingefahren werden, und die einfach nicht mehr fair verteilt werden. Und das kann man jetzt im ganz Großen diskutieren, nämlich international gesehen, wo sich große Konzerne über nationalstaatliche Grenzen hinweg, sich einfach Sachen richten und sich's aussuchen können. Was es bedeutet, wenn Gewinne nicht mehr wirklich weitergegeben werden, sehen wir aber auch im kleinen Österreich. Wann war die letzte große Gehaltserhöhung?

Es hat aber schon wenig Sinn, als Acht-Millionen-Einwohner-Staat über sowas zu diskutieren. Das funktioniert doch nur auf einer größeren Ebene.
Sicher kann man die Probleme in Österreich nicht lösen, aber ich glaub schon, dass du Aufmerksamkeit dafür schaffen kannst. Das Problem ist ja generell, dass so wenig Möglichkeit gibt, über große, internationale Themen zu reden oder zu berichten. Ich finde zum Beispiel, dass sich linken Parteien immer mehr auf nationalstaatliche Themen konzentrieren. Und eigentlich war die Linke immer eine internationale Bewegung, weil die einem Arbeiter in Österreich geht's genau gleich wie einem Arbeiter in Deutschland. Die Sozialdemokratie hat sich auf die Nationalstaaten zurückgezogen. Aber eigentlich müssten sich alle europäischen Sozialdemokratien zusammenschließen und sich nicht gegeneinander ausspielen lassen.

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Und du glaubst, dass das das größte Thema ist?
Ach, das größte Thema. Die Verteilungsfrage ist – zum Beispiel auch bei der Digitalisierung – der springende Punkt.

Aber die hat sich doch radikal geändert, oder? Vor mehreren Jahrzehnten hat man noch klar sagen können, wer ein Mensch zweiter Klasse ist – die Arbeitnehmerschaft. Ich würde sagen, dass das mittlerweile nicht mehr so klar ist.
Heute ist es vielleicht eine migrantische, alleinerziehende Frau, die selbstständig putzen geht oder selbstständig Altenpflegerin ist. Also, es hat sich natürlich verändert. Aber ich glaube, es gibt immer noch ganz klar jene, die vom System profitieren und jene, die verlieren.

"Ich finde, die SPÖ vertritt die Bauern in Österreicher derzeit besser als die ÖVP."

Ich denke an meinen Vater, der ein Gasthof am Land führt und eigentlich genau in die Zielgruppe rein fallen würde. Wenn ich daran denke, was du sagst und was er sagt, passt das ziemlich überein. Nämlich, dass Konzerne sich's richten und "wir Armen werden ohne Ende wegen dieser und jener Auflage besteuert". Das war doch immer Kern-ÖVP-Klientel. Aber hast du den Eindruck, dass die SPÖ dorthin spricht?
Das müsste sie. Gerade bei Ein-Personen-Unternehmen ist die soziale Absicherung eine Katastrophe. Außerdem sind sie nicht wirklich bei der Wirtschaftskammer vertreten, aber auch nicht vernünftig bei der Arbeiterkammer angesiedelt. Ich meine, das sind Leute, die sich unglaublich selbst ausbeuten. Aber ich muss sagen, gerade Christian Kern hat versucht, dass er mit dem Thema Start-up eine andere Zielgruppe anspricht. Ich habe auch mit Bauern viele Podiumsdiskussionen zum Thema CETA und TTIPP gehabt. Der Bauernbund von der ÖVP hat sich da fast nie hin getraut, weil sie genau gewusst haben, dass die Bauern eigentlich gegen CETA sind. Da sollte man auf die Inhalte schauen. Ich finde, die SPÖ vertritt die Bauern in Österreicher derzeit besser als die ÖVP.

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Ich gehe aufs Klo und lasse unabsichtlich das Aufnahmegerät liegen. Während die anderen zum Tuscheln ansetzen, unterbricht Herr wohl mit Blick auf das Gerät lautstark: "Es rennt!". Danach erzählt Herr, dass bei Jungen das Thema Europa mit dem Brexit und der österreichischen Bundespräsidentenwahl an Aktualität gewonnen hat. Die Politisierung wirke sich auch auf die Mitgliederzahl der eigenen Organisation aus. Ich bestelle noch ein Bier, Herr bleibt bei ihrem Radler.

Über eine Gegenbewegung haben wir in der Redaktion auch schon öfter diskutiert. VICE US hat nach Trump die Augen nach einer Counter Culture offen gehalten, aber es ist irgendwie nichts passiert. Und auch in Europa – Brexit, Le Pen, Hofer – muss ich sagen: Ich sehe nichts.
Man muss ja wirklich sagen, dass ein Teil der Problematik eine Schwäche der Linken ist. Aber um meine Generation zu verteidigen: Ich glaube, wenn sich wer auf die Füße stellt, dann sind das junge Leute.

Wir reden über vergangene Proteste von Jungen in Österreich wie "Uni brennt" oder den Akademikerball und die Frage, ob es nicht besser wäre, für statt gegen etwas zu demonstrieren – zum Beispiel die Europäische Union.

Wir haben auch sehr viel Kritik an der EU. Zum Beispiel Justizreform, die in Polen geplant war, ist nicht mehr mit einer Demokratie vereinbar. Oder was in Ungarn passiert. Und ehrlicherweise: Wie stark wird denn in der Europäischen Union dagegen vorgegangen? Also da würde es mittlerweile auch drastischere Mittel geben, die man anschlagen kann.

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Du hast gesagt, es gibt tausende Dinge, die in der EU nicht laufen. Wie würdest du sie modellieren, wenn du neu anfangen könntest?
Von Anfang an demokratischer machen.

Also Kommission und Europäischem Rat abschaffen?
Naja, abschaffen. Es braucht einfach mehr Möglichkeiten, direkt zu wählen. Und der Einfluss des Parlaments könnte größer sein.

Wie zufrieden bist du eigentlich mit dem SPÖ-Abgeordneten im EU-Parlament?
Ich muss sagen, die trauen sich manchmal mehr als im Parlament. Beim Thema CETA haben sie zum Beispiel dagegen gestimmt, obwohl in Österreich ja die eh bekannte Situation eingetreten ist.

Ich witzle, dass die Unabhängigkeit der EU-Parlamentarier vielleicht daran liegt, dass niemand über sie berichtet und sie daher machen können, was sie wollen. Wir reden noch weiter über die zu wenig wahrgenommene Verantwortung Europas für die Entwicklung anderer Länder. Herr erzählt vom Beispiel der Milchüberproduktion, die zu einem Preisverfall in Afrika geführt haben soll. Ich werfe das Beispiel der EU-Tomaten ein, die aus afrikanischen Bauern Flüchtlinge gemacht haben sollen.

Warum will man eigentlich SPÖ-Abgeordneter werden? Im Parlament kannst du doch nichts machen. Du kannst immer nur die Regierungsvorlagen abnicken.
So würde ich es nicht auslegen.

Da kannst du als SJ-Vorsitzende wahrscheinlich mehr umsetzen als als Parlamentarier.
Da muss wer reinkommen, der mutig ist und nicht mit stimmt.

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Du würdest den Clubzwang brechen?
Wenn es um einen Beschluss geht, wo ich mir denke, den kann ich absolut zu 100 Prozent nicht mittragen, sicher. Ich glaube, es ist immer wichtiger, dass man seine politische Glaubwürdigkeit nicht verliert.

Dann weißt du eh, was mit dir passiert, oder? Ich sag' nur Sonja Ablinger und Daniela Holzinger. (Beide galten in der SPÖ als "Rebellen" und wurden innerparteilich entmachtet, Anm.).
Ja, aber ich hab das bisher auch schon so gelebt. Wenn du SJ-Vorsitzende bist, ist es auch nicht leicht. Ich sitze ja auch im Bundesparteivorstand – mit Christian Kern oder Werner Faymann. Ich hab damals den Bundesparteitag aufgefordert, Werner Faymann zu streichen. Das ist auch nicht leicht. Da bin ich gefühlt 10 Jahre älter geworden.

Herr erzählt vom britischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn, der vor allem bei Jungen eine Welle der Begeisterung ausgelöst hat. "Weil der einfach 20 Jahre lang und sogar gegen die eigene Parteilinie für etwas gestanden ist", sagt sie. Und dann das:

Ich will nicht Josef Cap werden. Mein politisches Projekt ist länger ausgerichtet.

Warte mal! Das könnte man jetzt falsch verstehen. Dein politisches Projekt ist länger ausgerichtet, als das von Josef Cap, das bereits 32 Jahre dauert?
Mein politisches Projekt ist länger ausgerichtet als "Ich mache Wahlkampf, komme in den Nationalrat und bin dann Abgeordnete."

Was ist dein politisches Projekt? Was ist dein langfristiges Ziel für die nächsten 10 bis 15 Jahre?
In 10 bis 15 Jahren? Das ist nicht langfristig.

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OK. In 32 Jahren?
Sagen wir in 100 Jahren?

Damit wir nicht überprüfen, ob es eingetreten ist, hahaha. Aber gut.
Die Sozialistische Jugend ist jetzt 123 Jahre alt. Und die Gründer haben auch über sich selbst hinaus denken müssen, weil es politische Bewegungen im besten Fall länger wie das eigene Leben gibt. Stell dir mal eine Welt vor, wo jeder Mensch auf die Welt kommt und sein Leben in Würde und Respekt sein Leben leben kann. Dass du die Möglichkeit hast, verschiedenste Dinge zu machen. Und es nicht darauf ankommt, wo du geboren wurdest, welche Hautfarbe du hast, welche Religion du hast, welche sexuelle Orientierung du hast, sondern wertfrei. Du kommst auf die Welt und jeder Mensch ist gleich viel Wert und jeder Mensch hat die gleichen Chancen. Du kommst auf eine Welt, wo du nicht mehr arbeitest, um zu leben. Du kannst dir dein Leben so schaffen, dir eine Arbeit so suchen, dass du nicht nur einen Beruf für immer hast. Dazu gibt es ein super Zitat von Karl Marx.

Wir können gern in der Utopie bleiben, aber ich verstehe es nicht ganz. Was bedeutet das konkret? Dass es keine Ausbildungen mehr gibt?
Das ist dann aber sehr weit ausgeholt. Eine alte Diskussion ist jedenfalls der Durchbruch von geistiger und körperlicher Arbeit, den ich extrem spannend finde. Derzeit ist es ja komplett getrennt: Entweder du gehst studieren und arbeitest geistig oder du machst eine Lehrlingsausbildung und arbeitest körperlich. Spannend würde ich finden, wenn jeder die Möglichkeit haben würde, das andere zu tun.

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Das heißt, du müsstest die Allgemeinbildung dermaßen aufstocken, dass du dich mit 14 Jahren nicht zwischen körperlicher und geistiger Arbeit entscheiden musst.
Im besten Fall wird die Arbeitszeit unglaublich reduziert. John Maynard Keynes hat schon vor Jahrzehnten gesagt, dass man in Zukunft 20 Stunden arbeiten geht. Und wenn wir sehen, wie rasant die Entwicklung geht, dann ist das ja möglich. Dass man die Digitalisierung derzeit als Problem und Jobvernichter sieht, ist absurd. Eigentlich müsste man sagen: "Boah, es gibt immer bessere Maschinen, wir müssen immer weniger arbeiten, wir haben alle mehr Freizeit." Nur so ist der Gedankengang in unserer kapitalistischen Welt nicht. Bei uns bedeutet das, dass die Arbeitslosenzahlen steigen werden, viele Jobs eliminiert werden und viele Leute ihren Job verlieren, während sich die Burn-Out-Rate erhöht. Wenn ich die Zukunft gestalten könnte, wie ich es wollte, dann würden unglaublich viele Menschen mehr Freizeit haben. Derzeit sind ja Teile der Freizeit noch immer unbezahlte Arbeit.

Meinst du damit Haushalt oder was?
Ja. Kindererziehung, Altenpflege und viele andere Dinge sind in unserem System auf familiäre Strukturen abgewälzt – ganz besonders auf Frauen. Wenn wir beim Thema Pflege wieder in die Gegenwart wechseln: Wir wissen, dass viele Leute, die sich jetzt noch selbst versorgen, werden sich in Zukunft selbst versorgen müssen. Und man ist überhaupt nicht vorbereitet.

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"Wenn das schon utopisch ist, können wir einpacken."

Das Thema Pensionen hat mit der Flüchtlingsdebatte ja einen ganz anderen Zugang bekommen. ÖVP und FPÖ haben Mindestpensionisten mit Flüchtlingen, die Mindestsicherung beziehen, vergleichen. Ich halte den Vergleich für falsch, weiß aber auch nicht wirklich, wie ich das einer Mindestpensionistin erklären soll.
Wenn man arbeiten geht, muss sich das lohnen. Derjenige, der arbeiten geht, soll nicht der Dumme sein. Mit dieser Ausgangslage haben wir zwei Möglichkeiten: Entweder müssen die Löhne angehoben werden, oder man kürzt etwas anderes. Die Frage ist doch: Geht's der Pensionistin besser, wenn ein Flüchtling nichts hat?

Nein. Aber sie will den Unterschied sehen.
Wenn sie ein Leben lang gearbeitet hat, will sie, dass es sich auszahlt. Das ist vollkommen verständlich. Aber mein Ansatz ist nicht, dass ich Geflüchteten das Geld kürze, weil dann weiß ich auch, dass mir das nichts bringt. Ich schaue lieber, dass ich für einen gerechten Lohn und damit für eine gerechte Pension kämpfe. Jeder Mensch muss abgesichert sein. Er darf nie in Armut abgleiten. Oder siehst du das anders?

Nein, ich kann auch etwas Persönliches sagen; meine Mutter bekommt 640 Euro Mindestpension. Das liegt daran, dass sie im Familienbetrieb nicht angestellt war. Das waren stundenlange Diskussionen, wo ich genau das gesagt habe, was du gerade gesagt hast: Eigentlich müsste man die Pension erhöhen, weil du hast ja nichts davon, wenn man die Mindestsicherung von Flüchtlingen halbiert. Sie glaubt halt, dass das nie im Leben passieren wird. Und ich glaube, sie hat Recht.
Warum?

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Ist das in den nächsten 5 Jahren realistisch?
Wenn man es schafft, dass wir am 15. Oktober die Regierung stellen, dann wäre das schon möglich. Ein Mindestlohn ist jetzt nichts Utopisches. Also wenn das schon utopisch ist, können wir einpacken.

Ich verheddere mich beim Kontext einer Frage.

Die Frage geht auch allgemein: Fühlst du dich von der SPÖ im Stich gelassen?
Ich bin aus Überzeugung bei der SPÖ, weil ich keine Alternative sehe. Ich bin aber überhaupt nicht zufrieden, weshalb meine Kritik auch öffentlich ist. Es bringt nichts, wenn man einen sozialdemokratischen Kanzler stellt, wenn man keine sozialdemokratischen Inhalte umsetzen kann. Weil dann sind die Leute zu Recht enttäuscht. Die Leute haben an die SPÖ andere Anforderungen als an die FPÖ oder die ÖVP, weil die SPÖ selbst den Anspruch hat, niemanden zurück zu lassen. Daran merkt man, dass viele Leute unzufrieden sind. Und genau deswegen bin ich immer noch in der SPÖ, weil ich sie verändern will.

Du bist in der SPÖ, um die SPÖ zu verändern?
Ja sicher.

"Der Christian Kern hätte natürlich viel mehr Leute rausschmeißen müssen"

In erster Linie deshalb?
Mit 16 wollte ich die Welt verbessern und bin deswegen zur SPÖ gegangen. Ich bin nicht aus einer SPÖ-Familie. Ich bin trotz der SPÖ zur SJ gegangen. Erst Jahre später bin ich SPÖ-Mitglied geworden. Aber nicht, weil ich mir gedacht habe, die SPÖ sei cool, sondern wegen der vielen Missstände, die ich angehen möchte. Ich finde den Grundgedanken einer Partei super: Dass sie Menschen zusammengeschweißt, weil sie die gleichen Probleme haben und gemeinsam stärker sind. Ich bin aber nicht ein Leben lang an die SPÖ gebunden. Ich habe keine Treue zu einer Partei, ich habe Treue zu meinem Inhalten.

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Warum tust du dir die SPÖ an?
Das ist eine berechtigte Frage. Ich glaube nicht, dass die SPÖ unveränderbar ist. Ich komme jetzt noch ein zweites Mal aufJeremy Corbyn zurück. Der hat die Partei so arg reformiert, dass es niemand für möglich gehalten hätte. Die englische Labour Partei war ideologisch schon so verkümmert. Und da hat man es durch Parteimitgliedschaften geschafft, die Partei von innen heraus zu reformieren.

Ich würde ja sagen, dass alle die, die in letzter Zeit versucht haben die SPÖ zu verändern, gescheitert sind. Wolfgang Moitzi, Barbara Blaha und ich würde sogar sagen: Christian Kern. Würdest du dem zustimmen?
Der Christian Kern hätte natürlich viel mehr Leute rausschmeißen müssen, sage ich in ganz großer Deutlichkeit. Inhaltlich müsste man mutiger sein. Und zum Wolfgang Moitzi, der seine Ortsgruppe übernommen hat und ebenfalls für den Nationalrat kandidiert: Politisches Engagement ist nie verloren.

Aber dann gehe ich doch gleich woanders hin?
Wohin soll ich gehen? Zu den Grünen? Die würden mich direkt rausschmeißen. Das, was ich mit dem Werner Faymann gemacht habe, das haben die Grünen nicht ausgehalten (gemeint ist wohl der Rauswurf der Jungen Grünen, Anm.). Du hast in der SJ schon inhaltliche Freiheiten. Wir sind eine wirklich kritische Organisation. Wir sind eine ideologische Organisation, aber es gibt uns trotzdem auf dem Land. In jedem Kuhkaff gibt es die SJ. Wir können politisch bilden. Wir haben eine große, gesellschaftliche, strukturelle Verankerung. Wir sind die größte, linke Jugendorganisation. Und ich glaube, dadurch dass wir viele junge Leute politisieren, wirklich viel verändern können. Zu mir: Ich bin auch nicht grundsätzlich dagegen, die Partei zu wechseln, wenn sie meine Inhalte besser verkörpert.

Nach dem Rücktritt von Werner Faymann bist du in einem Interview gefragt worden, warum die SJ keinen Kandidaten stellt. Und du hast gesagt, dass das überhaupt keinen Sinn hat. Warum?
Es wird sich ja kein 18-Jähriger hinstellen und sagen: "Ich kandidiere gegen Werner Faymann."

"Ich hätte in der SPÖ ein einfacheres Leben, wenn ich nicht 7 Mal im ORF gesagt hätte, dass ich gegen Rot-Blau bin."

Warum nicht? In der ÖVP ist es passiert.
Sebastian Kurz ist nicht 18.

Herrs Freunde bringen sich ins Gespräch ein. Kurz habe ja nie die eigene Partei kritisiert und sei nie gegen jemanden angetreten, sondern wurde als Parteiobmann vorgeschlagen.

Wenn du den Parteivorsitzenden kritisierst, dann hast du halt ein gewisses Spannungsverhältnis. Das nehmen wir in Kauf, weil uns die Inhalte wichtiger als Partei-Jobs sind. Es gibt mehrere Jugendorganisationen innerhalb der SPÖ. Die anderen sind vielleicht erfolgreicher in Mandatsfragen als wir. Ich glaube, ich hätte in der SPÖ ein einfacheres Leben, wenn ich nicht 7 Mal im ORF gesagt hätte, dass ich gegen Rot-Blau bin.

Sollen wir wirklich über Rot-Blau reden? Du bist schon so oft dazu gefragt worden.
Ich kann es auswendig aufsagen.

Foto: instagram.com/_frau_herr_

Wir einigen uns darauf, dass das Thema nervt. Wahlen gewinne man nicht mit Spielchen, sondern mit eigenen Inhalten, meint Herr. Außerdem wünscht sich Herr einen Ort, um innerparteilich wirklich diskutieren zu können. Deshalb sollten die Parteitage nicht medienoffen sein, weil aus Widerspruch schnell ein Streit stilisiert werden würde. "Inhaltlich würde ich gern scharf formulieren", sagt Herr, und zählt SJ-Erfolge, die ihre Organisation am Parteitag gegen anfänglichen Widerstand durchbekommen hat: Die Position zur Cannabis-Entkriminalisierung (die SJ wollte Legalisierung), die Vermögenssteuer und Wählen ab 16.

Nach gut drei Stunden wechseln wir zunehmend ins nicht wirklich relevante Anekdotische. Ich erzähle, dass meine Bekannten mich als Teenager vergeblich versuchten, zur SJ zu bringen. "Hast du dir nie vorstellen können, politisch aktiv zu werden?", fragt Julia Herr. "Bin ich eh", sage ich im Hinblick auf meine journalistische Arbeit. "Oh, einer, der es zugibt". Herr erzählt hingegen, dass man sie am 15. Oktober wählen sollte, weil sie auch ohne Alkohol recht gut tanzen könne. Und dafür, dass Herr nur einen Radler und ich zwei Bier getrunken habe, ist das ein ganz passabler Schluss.

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