Warum es vielleicht keine gute Idee ist, in einer Berliner Grundschule Gold auszustellen

Nur fünf Tage nach der Enthüllung des hochkarätigen Kunstwerks gab es den ersten Einbruchversuch.
26.11.18
Ein Kind blickt durch eine Lupe daneben Goldbarren
Collage bestehend aus: imago | Westend61 || imago | Blickwinkel 

Was man in einer gewöhnlichen Grundschule findet: Holzstühle, beschmierte Wände, Kartoffelstempelkunst aus der letzten Ferienfreizeit. Was man in der Grundschule am Fuchsberg im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorfer findet: ein Vogelnest aus 24-karätigem Gold, ausgestellt in einer ins Mauerwerk eingelassenen Vitrine aus Panzerglas. 814 Gramm schwer, knapp 28.000 Euro wert. In Berlin spricht sich so etwas schneller herum als Schülerinnen und Schüler einer Grundschule bis hundert zählen können.

Das Vogelnest trägt den Titel "24 kt" und ist ein Kunstwerk des Berliner Künstlers Thorsten Goldberg. Der heißt wirklich so. Und er hat damit nicht nur sogenannte Kunst am Bau für den Neubau der Schule geschaffen, sondern auch eine Wertanlage.


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Denn Goldbergs Kunstkonzept sieht vor, dass das goldene Nest nach 14 Jahren in seinen Materialwert eingetauscht werden darf. Die Schule könnte es etwa einschmelzen und verkaufen. Die Erlöse müssten dann allerdings wieder sinnvoll in die Schule investiert werden. Schüler, Lehrer und Eltern sollen die Entscheidung gemeinsam treffen, das ist die Bedingung des Künstlers. Denn so entstehe eine Gemeinschaft.

Da deutsche Schulen bekanntlich ohnehin immer knapp bei Kasse sind, klingt das nach einer guten Idee. Jedenfalls nach einer besseren Idee als sich ein Gedicht an die Fassade zu sprühen, um das 15 Jahre später ein wilder Streit ausbricht. Und allemal besser als sich eine Skulptur in den Hof zu stellen, die ohnehin niemand beachtet, nur dreckig oder zerstört wird. Gold gilt als krisensicher, und schön anzuschauen ist das Vogelnest mit seinen 74 filigranen Zweigen auch noch.

Den ersten Einbruchsversuch gab es nach fünf Tagen

Doch damit die Schule das Nest in 14 Jahren gegen etwas eintauschen kann, wovon heute niemand weiß, was es sein wird, muss das Kunstwerk erst einmal 14 Jahre überleben. In Berlin. Wo Diebe eine 100-Kilo-Goldmünze aus dem Bode-Museum stehlen. Wo Banken über Monate hinweg untergraben und Goldwerkstätten gesprengt werden.

Nur fünf Tage nach seiner Präsentation bekam die Grundschule zum ersten Mal Besuch. "Am 22. November wurde uns ein versuchter Einbruch angezeigt. Der Hausmeister hatte am Morgen die Polizei alarmiert. Die Türscheibe am Eingang zum Schulgebäude war eingeschlagen worden." Das sagte ein Sprecher der Berliner Polizei der Tageszeitung B.Z.

Allerdings kamen die Einbrecher nicht ins Gebäude. Nicht nur die Schule, auch das Kunstwerk selbst ist zusätzlich gesichert: Die Vitrine sei luftdicht verschlossen, schussfest, vollständig verschweißt und "vielfach gesichert in die Wand eingelassen", sagte Künstler Thorsten Goldberg der Onlinezeitung LichtenbergMarzahn+.

Vielleicht hat der für den Bau verantwortliche Bezirk die mögliche Gefahr eines Diebstahls unterschätzt, als er ein Kunstwerk im Wert eines Kleinwagens in ein Schulgebäude stellte. Vielleicht dachten die Verantwortlichen auch, es würde keiner je von ihrem kleinen Schatz erfahren. Vielleicht waren sie auch einfach von der Aussicht geblendet, eine kleine, feingoldige Geldanlage zu haben. Oder vielleicht hofften sie, dass doch niemand allen Ernstes eine Grundschule ausrauben würde – eine Vorstellung, der man in beschaulicheren Gegenden Deutschlands vielleicht noch anhängen kann.

Ob die Verantwortlichen ihre Entscheidung für das goldene Vogelnest bereuen und sich schon nach einer herrlich langweiligen Stahlrohrskulptur sehnen, die man eher vor dem Sperrmüll als vor Dieben beschützen muss, wissen wir nicht. Die Grundschulleiterin war für VICE am Montag nicht zu sprechen, eine Antwort vom Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf steht noch aus.

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