Experiment

Ich habe nur zwei Stunden täglich geschlafen, um endlich mehr zu schaffen

Nachts habe ich einen Gemüsegarten angelegt, meine Steuererklärung gemacht und einen Roman geschrieben. Am Ende habe ich fast den Verstand verloren.

von Julian Morgans
12 September 2017, 11:05am

Foto: Ben Thomson

Laut seinem Biografen schlief der geniale Erfinder Nikola Tesla maximal zwei Stunden pro Nacht. In Nikola Tesla: Das verlorene Genie steht, er habe das Schlüsselloch und die Lücken um die Tür seines Kinderzimmers verstopft, um die ganze Nacht durch Bücher zu lesen, die er vom Regal seines Vaters gemopst hatte. Hinterher habe er sich kein bisschen erschöpft gefühlt.

Solche Geschichten hört man öfter. Leonardo da Vinci schlief angeblich nur zwei Stunden pro Nacht. Die erste britische Premierministerin Margaret Thatcher schaffte es auf etwa vier Stunden, aber schlief dafür manchmal am Wochenende mehr. Mozart stand jeden Tag um 6 Uhr auf und arbeitete bis nach Mitternacht, sein nächtliches Pensum belief sich also auf etwa fünf Stunden.

Diese Anekdoten sind beliebt, weil sie suggerieren, dass es ein Rezept für Genialität gibt. Erfolg, so wollen wir glauben, ist etwas Demokratisches, das wir alle erreichen können, wenn wir nur hart arbeiten. Wenn wir von Margaret Thatchers Schlafgewohnheiten hören, stellen wir uns vor, dass ihr beruflicher Erfolg kein Ergebnis aus Abstammung, Bildung und glücklichen Umständen war. Wir gehen davon aus, dass sie es so weit brachte, weil sie jeden Tag bis spätnachts arbeitete – und das könnten wir schließlich alle tun. Wir wollen glauben, dass wir alle zu großartigen Dingen fähig sind.


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Ich hänge an dieser Überzeugung noch mehr als die meisten. Manchmal höre ich The Strokes, nur um mir vorzustellen, wie ich für ein ganzes Stadium voller Fans "Juicebox" spiele. Dabei beherrsche ich gar kein Instrument, bin 30 und werde jeden Tag älter, ohne näher an musikalisches Können oder Selbstdisziplin zu rücken. Ich bin Spätaufsteher. Mir ist Bier wichtiger als Arbeiten. Mit 19 gründete ich eine T-Shirt-Firma, die genau null Shirts produzierte. Mit 24 drehte ich eine abendfüllende Doku, die ich nie zurechtgeschnitten habe. Zwischen 25 und 30 schrieb ich drei Filmdrehbücher, die jetzt auf drei verschiedenen, kaputten Laptops unter meinem Bett schlummern. Dann ist da noch ein Roman in einem ähnlichen Zustand. Und außerdem rede ich jedes Jahr davon, dass ich zum Sommer einen Gemüsegarten anlege, und mache es dann doch nicht.

Ich schätze, wenn ich nichts ändere, wird mein Leben einfach so versickern, Jahr für Jahr.

Deswegen interessiere ich mich jetzt für polyphasischen Schlaf. Das erste Mal hörte ich von dieser Praktik bei Seinfeld. In einer Folge versucht Kramer, seine Schlafzeit zu verringern, indem er alle drei Stunden ein 20-minütiges Nickerchen macht. Er erklärt Seinfeld, dass er damit jede Woche zweieinhalb Tage länger wach sei. Natürlich endet alles in einem amüsanten Chaos und Kramer scheitert kläglich, aber die Prämisse war eigentlich gut. Denn wer weniger schläft, kriegt mehr gebacken.

Es gibt sogar einen Verein, der Menschen dabei unterstützt, es Kramer gleichzutun: die Polyphasic Sleep Society. Sie informiert darüber, wie man seinen Schlaf um eine bis sechs Stunden verkürzen kann, indem man den Schlafzyklus umstellt. Die bekannteste Variante nennt die Organisation "Uberman", also "Übermensch": Alle 4 Stunden wird 20 Minuten lang geschlafen. Damit kommt man innerhalb von 24 Stunden auf insgesamt zwei Stunden Schlaf. Der Produktivitäts-Guru Tim Ferriss ist ein Fan, außerdem der Milliardär und Wordpress-Gründer Matt Mullenweg. Letzterer beschreibt sein Experiment mit dem Uberman-Zyklus als "die vermutlich produktivste Phase meines Lebens".

Als ich das lese, werde ich ganz aufgeregt. Ich kann nicht glauben, dass polyphasischer Schlaf es mir ermöglichen wird, eine Firma zu gründen oder ein besserer Mensch zu werden – aber vielleicht werde ich ja ein bisschen aktiver? Ich muss es einfach ausprobieren.

Tag 1

Ich versuche, auf meinem notdürftigen Lager in einer Schnittkabine zu schlafen

Der Großteil des ersten Tages fällt mir leicht – er ist sogar großartig. Ich habe mir einen Stundenplan gemacht: ein Nickerchen um 11:10 Uhr, eins um 15:30 Uhr, eins um 19:50 Uhr, und so weiter. Ich richte mir im VICE-Büro ein Schlaflager in einer Schnittkabine ein. Dort verlaufen meine ersten zwei Nickerchen einwandfrei. Erst nach Mitternacht wird mir richtig klar, was ich mir aufgehalst habe. Ich habe auf einmal vier einsame Stunden vor mir, bis ich wieder schlafen soll, und das Haus ist so unfassbar still. Ich beschließe, wieder ins Büro zu gehen.

Ich mache laut Trance an und finde ein leeres Whiteboard, auf das ich eine To-Do-Liste für die Woche schreibe. Ich will all die Dinge machen, zu denen ich sonst nie komme. Lauter Scheiß wie "Steuererklärung für 2014 fertigmachen" und "Socken kaufen". Dann sind da noch so mittelgroße Ambitionen wie "Gemüsegarten anlegen". Aber ganz oben schreibe ich hin: "Ein Buch schreiben" – mit meiner Romanidee muss sich doch endlich was anfangen lassen.

Meine erste Nacht ist eigentlich nicht schwer, aber deprimierend. Ich merke, dass ich ein bisschen Rat brauche, wenn ich das hier wirklich durchziehen will.

Tag 2

Charlotte Ellett via Skype

Mein Rat kommt von einer Frau namens Charlotte Ellett. Sie schläft und wacht seit etwa neun Jahren basierend auf verschiedenen polyphasischen Stundenplänen. Bei ihrem Job geht das wohl auch gut: Sie ist Videospiel-Designerin und arbeitet von zu Hause, im US-Staat Alabama. Ich erzähle ihr, wie emotional erschöpft ich mich schon fühle, und sie versichert mir, das sei normal. "Die ersten ein, zwei Wochen nennt man 'Zombie-Phase'", sagt sie mir über Skype. "Du gerätst in einen Zustand, wo du dir gar nicht mehr erklären kannst, warum du das überhaupt machst. Dein Wecker wird klingeln und du wirst nicht einmal kapieren, warum er überhaupt gestellt war."

Ich frage Charlotte, warum sie damit so lange weitergemacht hat, und sie beschreibt mir ein glorreiches Gefühl der Freiheit. "Wenn bei dir viel los ist, wirst du aufhören, dir Sorgen darüber zu machen, wie erschöpft du bist. Du wirst dich klarer und schneller fühlen, und plötzlich hast du Zeit für absolut alles." Doch durch die Zombie-Phase müsse ich mich schon durchkämpfen, warnt sie. "Du merkst, dass du dich der anderen Seite näherst, wenn deine Nickerchen besser werden. Du wachst auf und fühlst dich, als hättest du Stunden geschlafen, obwohl es nur 20 Minuten waren."

Tag 3

Meine To-Do-Liste

Die Tage werden zu einem einzigen langen, grauen Etwas, aber ich kriege wenigstens einiges erledigt. Inzwischen habe ich meine Steuererklärung gemacht, mich um Renten-Kram gekümmert, das Haus geputzt, meine Großeltern angerufen, neue Socken und Unterhosen gekauft ... und wieder angefangen, an meinem Roman zu schreiben. An dieser Stelle muss ich eins klarstellen: Das Buch ist Müll und ich habe nicht vor, es irgendwem zu zeigen. Aber es fühlt sich spirituell wichtig an, dass ich es fertigschreibe. Einfach nur, um etwas fertig zu haben. Ich treffe eine Entscheidung: Wenn ich es schaffe, während meiner Zeit mit polyphasischem Schlaf meinen ersten Entwurf abzuschließen, dann werte ich das Experiment als Erfolg. Also schreibe ich jede Nacht daran – im Durchschnitt schaffe ich jedes Mal um die 3.000 Wörter.

Aber ein anderer Gedanke drängt sich mir auf: Warum versuchen wir es überhaupt? Warum strengen wir uns so an? Das ist eine einzigartige menschliche Eigenschaft. Manchmal beobachte ich die Katze meiner Mitbewohnerin und denke darüber nach, dass sie sich nie so anstrengen wird. Liegt das daran, dass sie nicht über den Tod nachdenkt? Für mich hängen Ambition und Angst vor dem Tod eng zusammen. Sei es nun die Karriere, ein spiritueller Meilenstein, oder was auch immer dich bewegt – es scheint, als sei Erfolg der einzige Weg, diesem riesigen, gottverlassenen Universum Bedeutung abzuringen. Deswegen tröstet es mich, dass ich mich anstrenge, und deswegen will ich endlich etwas hinkriegen.

Tag 4

Socken und Unterhosen kaufen um 4 Uhr morgens

Während meiner wachen Nachtstunden habe ich viel Zeit zu lesen. Dabei erfahre ich, dass die moderne Version des polyphasischen Schlafs 1998 von zwei Philosophiestudentinnen erfunden wurde.

Marie Staver litt schon fast ihr ganzes Leben lang an Schlaflosigkeit, und irgendwann beschloss sie, einfach mithilfe 20-minütiger Nickerchen zu überleben. Ihre Freundin Psuke litt nicht an Schlaflosigkeit, aber machte trotzdem bei dem Experiment mit – sozusagen als Kontrollgruppe. Die zwei Akademikerinnen verbrachten ihre Nächte meist in einem 24-Stunden-Restaurant und lernten. Später schrieb Staver einen Blog, in dem sie die ersten zwei Wochen als "absolut unheilige, monströse Tortur" beschrieb. Doch nach und nach hätten sich die beiden an ihre neue Lebensweise gewöhnt. Was nach der ersten Gewöhnungsphase kam, überraschte sie. "Es war das Großartigste, das ich je in meinem Leben entdeckt habe, und ich fühlte mich besser als je zuvor", sagte sie Motherboard.

Staver erklärte später selbst noch im Detail, wie es sein kann, dass es ihr besser geht. Sie schreibt, das menschliche Hirn verbringe insgesamt pro Nacht eineinhalb Stunden im REM-Schlaf, die restliche Schlafzeit nutze der Körper, um Zellen wachsen zu lassen und zu reparieren. Letzteres hielt Staver anscheinend für optional: Sie wollte lediglich die REM-Phase abgreifen, indem sie sich den Schlaf in Form von Nickerchen holte. "Nach drei bis fünf Tagen passt sich das Gehirn an. Es geht in den REM-Schlaf über, sobald du die Augen schließt, um ein Schläfchen zu machen. Und wenn du aufwachst, fühlst du dich richtig erholt."

Als ich das lese, wünsche ich mir innig, ich könnte einfach zu diesem Zustand vorspulen. Es ist der vierte Tag, ich habe keinerlei Appetit mehr und ich friere durchgehend. Außerdem fühle ich mich zerbrechlich und schon von einfachen Interaktionen überfordert. Wenn mein Handy klingelt, ignoriere ich es. Wenn die Person, die meinen Kaffee zubereitet, gesprächig wirkt, entschuldige ich mich und warte draußen.

Aber die schwersten Stunden sind zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang. Die Stunden der Stille. Ich bin allein und habe jede Menge Zeit, mir einzureden, dass Menschen, die Bücher fertigschreiben und Lebensziele erreichen, einfach schlauer und besser sind als ich. Das mit der harten Arbeit ist doch alles Wunschdenken. Oder nicht? Mein Mitbewohner hört mich in diesen Stunden durchs Haus streifen und laut seufzen.

Tag 5 und Tag 6

Ich lege um 3 Uhr nachts einen Gemüsegarten an

Inzwischen habe ich eine solide Routine. Ich gehe jeden Tag arbeiten, dann nach Hause, Abendessen, am Roman schreiben, und nach 2 Uhr nachts körperliche Anstrengung und dabei Podcasts hören. Ich gehe ins Fitnessstudio, gehe joggen, und fange an, mich um meinen ersehnten Gemüsegarten zu kümmern. Mich nach 2 Uhr hinsetzen und etwas Ruhiges machen, ist mir zu riskant, also bleibe ich lieber in Bewegung. Dann mache ich morgens nochmal ein Nickerchen, bevor ich zur Arbeit fahre und der Kreislauf von vorn anfängt.

Das Schwierigste ist, dass ich nichts habe, auf das ich mich freuen kann. Leben ohne Schlaf hat keine Unterbrechungen. Wenn dein Tag in der Arbeit stressig war – nachts wird es nicht besser. Es ist einfach alles ein monotoner Zyklus. Die Sonne geht auf, die anderen Menschen zeigen sich. Die Sonne geht unter, der Rest der Menschheit verschwindet. Und wieder von vorn.

Tag 7

Home sweet Schnittkabine

Am siebten Tag fange ich an, zu husten. Mein Gehirn hängt außerdem in einer gestörten Rückkopplungsschleife, zu der eine Werbemelodie aus den 90ern gehört. Jedes Mal, wenn ich mich hinlege, um ein Schläfchen zu machen, erwacht mein Geist zum Leben und spielt diese Reklame ab, die im Fernsehen lief, als ich 12 war. Es war eine Werbung für eine Logistikfirma, und sie ging so:

"Fletcher's! Seit '48 überregional, wir schaffen Ihre Lasten allemal. Durch jedes Dorf und jede Stadt – bei Fletcher's weiß man, was man hat. Fletcher's!"

"FLETCHER'S!!! SEIT '48 ÜBERREGIONAL ..." Und so weiter, immer lauter und lauter.

Am Abend schwirrt mir der Kopf, ich merke, dass ich krank werde. Dass ich mich jetzt bis spät in die Nacht mit einem Virus anlege, kommt nicht infrage. Ich hieve meinen müden Körper ins Bett und wache ungefähr 48 Stunden später auf, verschwitzt und verstört von meinen Träumen.

Als es mir ein paar Tage darauf besser geht, kontaktiere ich noch einmal Charlotte Ellett aus Alabama und erzähle ihr, wie mein Experiment verlaufen ist. Sie sagt, sie sei durch den polyphasischen Schlaf nie krank geworden. Nur der Stress, ständig hyperproduktiv sein zu müssen, habe sie irgendwann mitgenommen. In den Foren zum Thema finde ich auch niemanden, den es deswegen gleich erwischt hat. Anscheinend reagiert nur mein Körper so. Ich überlege kurz: Soll ich es vielleicht noch mal versuchen? Ach, nee. Scheiß drauf!

Das Experiment ist vorbei. Rückblickend wirkt es ganz witzig, einfach nur, weil mein Leben eine Zeit lang völlig anders war. Und ich habe ja auch wirklich viel erledigt. Etwa die Hälfte der Punkte auf meinem Whiteboard sind durchgestrichen – weil ich nachts nichts Besseres zu tun hatte. Und was den Roman angeht: Der erste Entwurf ist fertig. Ich lese ihn mir gerade noch einmal durch und er ist zwar nur mittelmäßig, aber wenigstens fertig.

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