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So waren meine ersten Fortgehnächte als Nichtraucherin

Besoffen nimmt man frühzeitige Impotenz, weinende Babys und faule Zähne für "nur einen kleinen Zug" Ernte 23 sehr gerne in Kauf.

von Fredi Ferkova
24 August 2017, 1:14pm

Diese Zeiten sind FAST vorbei. Alle Fotos von der Autorin.

Eines vorweg: Ich gehöre nicht zu den Menschen, die einfach so von einem Tag auf den anderen aufgehört haben. Mir sind exakt diese Menschen extrem suspekt und auch wenn sie seit 20 oder auch nur zwei Jahren mit einer rosa Lunge durch Blumenfelder hüpfen, finde ich ihre Ratschläge ungefähr so hilfreich wie tatsächlichen Lungenkrebs. Ratschläge von Nichtrauchern, wenn man zum Rauchen aufhören will, sind wahrscheinlich – neben den desaströsen Bildern auf den Tschickpackerln – der Grund, warum die meisten Raucher auch beim Rauchen bleiben.

Ich hatte also einen schweren Entzug, will ich damit sagen. Es war auch nicht mein erster Entzug, im Endeffekt kann ich nur hoffen, dass es mein letzter bleibt. Seit meinem 15. Lebensjahr rauche ich täglich. Logisch, immerhin haben nur Streber nicht geraucht und ich war ja eine extrem coole Jugendliche. Ich weiß nicht mehr, ob mir meine erste Tschick geschmeckt hat, aber ur grauslich, wie diverse Nichtraucher-Bücher behaupten, war sie wohl auch nicht. Zumindest nicht grauslicher als Schnaps oder Bier.

Meine Familie besteht aus Nichtrauchern und ein paar Nicht-Mehr-Rauchern. Das hat zur Folge, dass ich jedes Jahr mehrmals zur Weihnachts- und Osterzeit gefragt werde, wann ich aufhöre. Außerdem werde ich jedes Jahr mehrmals darüber aufgeklärt, dass das Rauchen schädlich und teuer ist. Meine Familie sollte unbedingt zur APA, da solche Breaking News eigentlich einen Großteil der familiären Kommunikation ausmachen.

Aber das war lange Zeit mein Problem: Auf Kritik bezüglich des Rauchens, die ausschließlich von meiner Familie kam, reagierte ich stets gereizt und präpubertär. Andere Leute wollen einem das Rauchen ja auch nicht ausreden. Es ist ihnen einfach zu blöd, zu diskutieren und man muss auch sagen wie es ist: Raucher sind Süchtige und mit Süchtigen über ihre Drogen zu reden, ist meistens genauso angenehm wie ein Raucherbein. Du bist natürlich eine rauchende und trotzdem extrem reflektierte Ausnahme, lieber Facebook-Kommentator. War ich ja auch. Sind wir alle.

Nicht mehr ich. Untertags rauchen ist haram.

Irgendwann wurde auch ich erwachsen und fand die Vorstellung von Falten ungefähr so prickelnd wie frühzeitige Impotenz für Männer. Außerdem mein Hauptargument: Da gebe ich mehrmals die Woche Geld für einen Scheiß aus, der mich nicht mal dicht macht. Es macht mich hässlich, alt, unsportlich und das alles für was? Für weniger gefühlte Wartezeit bei der Busstation? Ach, fick dich, Tabak. Als wahre und true Hedonistin musste ich mir eingestehen: Rauchen ist kein spaßiger Genuss, sondern die unnötigste Sucht der Welt. Ich genieße Tschick nur, weil ich süchtig bin. Sucht ist uncooler als das Streber-Dasein. Ich muss aufhören.

Die ersten Tage

Meine erste Stirnfalte entdeckte ich mit 23 und so fand ich endlich eine Antwort für die Frage meiner Familie: Mit 25. Mit 25 höre ich auf zu rauchen, weil dann habe ich eh zehn Jahre geraucht und bin später trotzdem die coole Oma. Übrigens erwähne ich meine Aufhörgründe nur deshalb so detailliert, weil es mir psychisch hilft. Vielleicht hilft dir eine Reise in dein Innerstes ja auch. "Die schlimmsten Nichtraucher sind ehemalige Raucher", sagte mal ein DJ zu mir und oh Gott, hat der Typ recht.

Meinen ersten Entzug machte ich im November 2016. Das war ein paar Monate vor meinem Geburtstag und ich war für vier Tage bei der Familie. Ich wohne in Wien, alle meine Freunde rauchen. Intuitiv wusste ich, dass ich aus meiner Suchtumgebung raus sollte, um zumindest die körperliche Abhängigkeit zu überwinden. Die hält sich tatsächlich nur zwei bis drei Tage. Ein Fakt, den ich ernsthaft nicht geglaubt habe. Für mich war in meinem Kopf ein Nikotinentzug etwas so Langwieriges und Unmögliches wie ein Heroin-Entzug. Spoiler: Jeder Kater ist schlimmer als ein körperlicher Nikotin-Entzug.

Ich war kein Raucher, der immer zum Kaffee eine Tschick geraucht hat. Struktur habe ich also nicht mal in der Suchtbefriedigung aufgebaut, was mir den körperlichen Entzug leicht gemacht hat. Bis heute trinke ich ohne Probleme Kaffee, warte auf die Bim und empfinde Stress. Aber sobald Alkohol meine Lippen benetzt, entwickle ich mich von einer vorausschauenden Hedonistin einfach nur zur pubertären Hedonistin zurück. Gedanken wie: "Ach, was machen schon die zwanzig Tschick" oder "YOLO 4 lyfe LOL" schreien in meinem Kopf laut und übertönen alles, was ich gerade mühselig niedergeschrieben habe. Schlau und reflektiert wie ich bin, kannte ich diese Schwäche. Ob du auch so ein Raucher bist, erfährst du in meinem zwei Fragen-Test:

1) Stehst du nach besoffenen Abenden auf und in jeder deiner Taschen ist ein leeres oder fast leeres Tschickpackerl und kratzt dein Hals, obwohl du nicht auf einem Konzert warst?

2) Findest du es nicht einfach GEIL, wenn Nikotin und Alkohol eine Affäre in deinem Blut eingehen? Gibt dir eine Tschick nach einem Shot mehr Halt, als es deine Familie jemals getan hat?

Es ist egal, was du geantwortet hast. Jeder Raucher liebt angsoffenes Rauchen. Unsere Kollegen bei Munchies erklärt auch warum. Am ersten Abend habe ich mich mit der Familie betrunken – ich dachte, wenn ich den Körper und Geist auf Rausch ohne Nikotin gewöhne, dann bin ich quasi unbesiegbar. So war's auch, bis ich wieder in Wien war.


Wie eine Bananenpfeife gemacht wird, seht ihr hier:


Der erste Rausch in Wien – Beisl mit Raucherbereich

Mein erster Rausch im Beisl war trotzdem rückfallos, weil Raucherbereiche in Beisln wirklich massiv ekelhaft sind. Ich hatte Glück, weil der Abzug nicht funktioniert hat und der Raum klein war: Ich denke, ich habe pro Sekunde an die fünf Zigaretten über meine Haut aufgenommen, was sich doch dann wieder auch leiwand angefühlt hat. Für alle Raucher: Für Menschen, deren Geschmacks- und Geruchsnerven nicht selbstverschuldet verstopft sind, riecht jeder Raucherbereich wie die Raucherkammern am Flughafen Schwechat. Mir wurde auch so richtig bewusst, wie ekelerregend es für meine Nichtraucher-Freunde immer mit uns im Raucherbereich gewesen ist. Wobei ich sagen muss, dass ich coole Freunde habe und nicht die, die sich beschweren oder umsetzen wollen. Eigentlich fällt mir keiner ein, der nicht raucht, aber tun wir mal so, als hätte ich auch normale Freunde.

Alkohol und Tschick = Heroin des einfachen Volkes.

Der zweite Rausch in Wien - Vorglühen und nachher ein Techno-Club

Der wahre Rückfall kam mit meiner ersten Disco-Nacht in Wien, eigentlich schon beim Vorglühen. Ich habe den Fehler gemacht, mit einer Freundin zu entziehen und das mag vielleicht einigen helfen – wegen der Unterstützung und geteiltem Leid –, aber wir haben uns die ganze Zeit nur gesagt, wie gern wir eine rauchen würden, Oidaaaaaaaa. Das glorifiziert die Tschick nur und ist bei einem Vorglühen hochgefährlich. Mein erster Tipp wäre wohl, es einfach alleine durchzuziehen. Wenn dein Partner schwächelt, kann es sein, dass du auch schwächelst und ihr euch gegenseitig in euren desaströsen Entscheidungen bestärkt, anstatt euch rauszuhelfen. Zumindest ist das meine gängige Freundschaftsdynamik, seit immer. Bedenke: Ihr seid Süchtige und nicht auf einer Schnitzeljagd im Prater – vertraue niemanden, außer deiner schwachen Mind.

Der Rückfall kam nicht, weil ich es wagte, mir nach zwei Wochen gelebter moralischer Präpotenz gegenüber Rauchern, eine Tschick anzuzünden. Er kam, weil eine selbstgedrehte süße Tschick im Umlauf war, ich zwei oder 25 Züge nahm und dann mein mühsam aufgebautes moralisches Ego mit einem Schlag vergessen hatte. Newsflash: In Wien bauen Menschen nicht mit Katzenminze oder Knaster, sondern mit Tabak. Auch Newsflash (ich sollte auch mal zur APA) : Deine gesamte Umgebung wird dich auslachen, wenn du Öfen mit Katzenminze verlangst. Original vier Bier später lachte ich mit einem selbstgekauften Tschickpackerl meine angepissten Freunde in der Grellen Forelle an. Ich war wirklich die Tage davor unaushaltbar und erinnerte sie stets daran, dass Tschick nur für Opfer sind.

Mein zweiter Tipp ist, genau diesen Scheiß sein zu lassen. Obwohl es mir psychisch geholfen hat, meinen rauchenden Freunden zu sagen, dass sie süchtig sind und dass Nikotinsucht so richtig unnötig ist, macht es dich wirklich unbeliebt und solltest du, ähnlich wie ich, rückfällig werden – hawidere, Hawi. Außerdem ist der Moralapostel-State-of-Mind ungefähr der uncoolste Zustand für den menschlichen Geist. Sei nicht der Veganer deiner Freundesliste. Sei nicht der Mensch, den sie an irgendwelche totalitären Ideologien verloren haben. Streber haben keine Freunde, bedenke das. Die coolsten Menschen machen Understatement.

Nun ja und da hatte ich den Salat: Das Tschickpackerl war am nächsten morgen nicht fertig, also habe ich alles hingeschmissen und nochmal angefangen. YOLO und so. Nie wieder wollte ich einen körperlichen Entzug durchmachen – immerhin ist alles stressig, es würde mir nur Kraft und Nerven kosten und weitere Argumente, die mein Suchttier mir glaubwürdig präsentiert hat. Da werd ich lieber frühzeitig impotent.

Das bin ich grad als Stockfoto. Zerbrechen kann ich sie noch nicht. Außerdem ist sie ja nicht meine.

Die zweiten ersten Tage

Seit dem 1.8. 2017 bin ich wahrlich rauchfrei. Oder halt: mehr oder minder. Das ist auch das Datum, an dem ich wieder auf Familienurlaub gefahren bin. Übrigens auch nicht die allerbeste Idee, bei der Familie zu entziehen, aber sie ist deine Familie. Sie können nicht einfach nicht mehr deine Familie sein, nur weil du sie weinend anschreist und im Restaurant mit Pommes bewirfst. Weil es auch Familienurlaub war, trank ich jeden Tag in der Lobby Wein. Manchmal in Flaschenmengen, manchmal in Fässermengen – wieder mit dem Gedanken, mich an Rausch ohne Tschick zu gewöhnen. Und fuck, es war die ersten Nächte sehr hart.

Mir ist es wirklich wichtig, mich an den Alkohol ohne Tschick zu gewöhnen, weil es meine einzige Struktur beim Rauchen war. Und ich bin immer für Schocktherapien. Wenn du immer zum Kaffee rauchst, dann sauf in der ersten Woche Kaffee. Wenn du immer bei der Busstation rauchst, dann stell dich zu einem VOR-Regionalbus und warte 45 Minuten. Am Anfang ist deine Motivation frisch und dir wird einfach viel mehr auffallen, wie wurscht es ist und wie es eben ohne Tschick geht. P.s: Ich meine, ein bisschen unnötig ist es schon auch, weil wenn du alleine an der Hotellobby saufst, dann ist das nicht gleichzusetzen mit einer Disco in Wien, wo alle deine Freunde am Hinweg tschicken, aber ich habe Rechtfertigungen fürs alleine Saufen gebraucht.

Das zweite erste Fortgeh-Wochenende

Das Wochenende darauf war ich mit Freunden in Vorarlberg. Natürlich habe ich angesoffen angefangen, "ein oder zwei Züge" zu nehmen. Das können sich Nichtraucher nicht vorstellen, aber die Wechselwirkung von Nikotin und Alkohol, dass ist der Hero-Shot der österreichischen Bevölkerung. "'S Lebm is oafoch guad", wenn das Nikotin durch deine Adern jagt, in denen mehr Marille als Blut ist. Aber ich muss stolz sagen: Es blieb bei den paar Zügen. Zumindest laut meiner Erinnerung.

Den Tag darauf, wollte ich keine Züge mehr, sondern in der Nacht eine ganz Tschick. Wohl gemerkt: Wir haben seit Vormittag gesoffen, also wollte ich relativ spät Zigaretten. Zwei Zigaretten habe ich geraucht und natürlich habe ich sie "genossen". Am nächsten Tag stand ich auf und hatte eine Stimme wie ein Bauarbeiter. Außerdem taten meine Lunge und mein Hals weh. Vielleicht klingt das nach einem restfetten Reinsteigern und vielleicht war es auch so, jedenfalls wollte ich den ganzen Tag keine Zigaretten sehen. Und das hielt sich auch die Woche. Naja, fast.


Auf VICE könnt ihr mehr zu Tabak-Joints lesen:


Unter der Woche

Ich wusste intuitiv, dass ich am richtigen Weg war. Ich hasste Tabak. Ich hasste mich beim Rauchen so sehr, dass ich restfett nichts davon sehen wollte. Ich wollte auch unter der Woche eigentlich keine rauchen. Aber hier kommen wir zum süßen Tschick-Problem. Ich bin Studentin und als ehemalige Soziologie-Langzeitstudentin rauchen auch meine Freunde gerne. Es ist Sommer. Es dürfte vorgekommen sein, dass ich an zwei oder drei Abenden hintereinander die Tabak-Joints in den Händen hielt. Das Ding ist auch: Jedes Tabakersatzzeugs schmeckt scheiße. Kehlkopfkrebs ist besser als jede Katzenminze oder grüner Tee.

Einfach auf den Spaß zu verzichten in der zweiten Woche, war für mich nicht drinnen. Also rauchte ich abends mit und siehe da, Überraschung: An Tag drei war ich wieder mitten im Nikotinentzug. Es war so schlimm, dass ich mich nicht auf meine Arbeit konzentrieren konnte. Ich habe meinem Freund Stress gemacht, als wäre ich nicht in Meidling sondern in Venezuela auf einem Telenovela-Set. Ich habe meine Familie angebitcht. Aber: Ich habe es durchgezogen. Und dieses erneute Entziehen, das hat mir Kraft gegeben, Kinder. Das hat mich bekräftigt. Wenn ich Fehler machen kann, dann könnt ihr sie auch machen.

Das zweite Fortgehen in Wien

Da war ich auf dem Geburtstag einer Freundin und relativ bald wusste ich, dass ich das nicht kann. Ich kann einfach nicht nicht Tabak konsumieren ein Leben lang. Das wird nicht funktionieren. Vielleicht, wenn ich zwei Kinder geworfen habe und in einem Vorort am Land wohne und eben das spießigste Leben habe, aus dem wir alle kommen. Aber so lange ich Partys in Wien organsiere, solange ich studiere und solange ich unter "Kreuzweh" nichts verstehe – so lange wird mir Tabak hier und da begegnen. Und ich werde hier und da mental nicht stark genug sein, um mich an meine nüchternen Ideen zu halten. Wenn ich wirklich komplett mit Tschick aufhören will, muss ich mit meinem Leben aufhören.

Und Leute, es ist OK. Ich habe an dem besagten Freitag so an die fünf Zigaretten geraucht. Am nächsten Tag habe ich keine angerührt. Am übernächsten Tag auch nicht. Warum? Weil ich nicht sofort alles hinschmeiße, nur weil ich beim Fortgehen geraucht habe. Es ist OK für mich. Ich darf Fehler machen, solange ich nicht vergesse, dass sie Fehler sind und Rauchen scheiße ist. Ich habe drei Regeln entwickelt, damit das klappt und ich nicht jeden Montag aufs Neue entziehe (Ich spuck ziemlich groß, für das zweite Fortgehen, gell?):

1) Kaufe dir unter gar keinen Umständen ein Tschickpackerl. Und wenn, dann schenke es am Ende des Abends weiter. Eigentlich nein. Kaufe dir keins. Wenn du dir eines kaufst, dann unterstützt du die Tabaklobby und gibst dein Geld für etwas aus, was dich jahrelang verarscht hat. Ein Produkt, dass dir nicht gut tut und nichts bringt. Schnorre einfach.

2) Rauche so, wie bürgerliche Menschen mit Hund und Jogging-Hobby essen: Du hast deine Cheatmomente (nicht Tage!), aber öfter hintereinander macht halt auch Cellulitis. Ja, ein Tabak-Joint und am nächsten Tag Fortgeh-Tschick ist hintereinander rauchen und haram. Gönn dir das nicht! Lass dir nach jedem Abend, an dem du Tabak geraucht hast, fünf Tage dazwischen, bis du es wieder tust. Alte Menschen wie ich spüren haben zwar kein Kreuzweh, aber einen Kater spüren wir eh bis zu drei Tage lang, somit erledigt sich für mich der Punkt automatisch.

3) Egal wie schlimm dein Verlangen am nächsten Tag ist: Rauche nicht. Baue stattdessen deinen moralischen Ständer aus und wähne dich in Überlegenheit. Voilá.

Haltet mir die Daumen. Ich halte euch die Daumen.

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