Bundesheer

Ein junger Ausbildner antwortet auf die Kritik am Bundesheer

Die vielen negativen Geschichten der vergangenen Wochen seien übertrieben oder – falls wahr – ohnehin über die Dienstvorschrift geahndet worden.
Christoph Schattleitner
aufgeschrieben von Christoph Schattleitner
Foto: 7armyjmtc | Flickr | CC BY 2.0

Nach dem tragischen Tod eines Rekruten in der Kaserne Horn haben viele ehemalige Grundwehrdiener uns ihre Kritik an der Ausbildung geschildert. Hier antwortet ein Ausbildner, der aus dienstrechtlichen Gründen anonym bleiben will, und erklärt aus seiner Sicht, wie er die Ausbildung sieht.

Gar keine Frage: Die bisherigen Horror-Geschichten von Grundwehrdienern klingen völlig surreal und furchtbar. Vor allem, was ich auf VICE zu dem Thema bisher gelesen habe, wirkt unglaublich. Aber das ist auch der Punkt: Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Vorfälle in der Form passiert sind.

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Überall, wo ich bisher ausgebildet habe, wäre das auf keinen Fall möglich gewesen. Es gibt natürlich starke Unterschiede in der Ausbildung (je höher der Waffentyp, desto mehr Drill), aber zum Beispiel die Behauptung, dass sich Rekruten Zigarettensstummel zum Lärmschutz in die Ohren stecken müssen, halte ich für ausgeschlossen. Ich glaube, die ein oder andere Geschichte wurde aufgepeppt.

Sehr vieles davon geht schon allein wegen des strikten Dienstrechts nicht. Zum Beispiel ist vorgeschrieben, dass eine Geldbuße maximal 15 Prozent des Gehalts betragen darf. Es ist fast alles exakt geregelt. Wir Ausbildner haben da so gut wie keinen Spielraum. Ich hätte zum Beispiel laut Plan einmal mit Rekruten über eine Wiese robben sollen. Aber sie war erst kürzlich mit Gülle gedüngt worden und wir mussten die Übung absagen. Und wie ich selber erstaunt feststellen musste, ist das größte Klischee von allen nicht wahr: Beim Bundesheer wird nämlich nicht geschimpft.

Die vielen Beschwerden über die Ausbildung hängen wohl auch damit zusammen, dass beim Heer junge Menschen das erste Mal in ihrem Leben nicht mehr machen können, was sie wollen.

Da gibt es übrigens kaum Unterschiede zwischen Ausbildnern beim Heer und Ausbildnern der Miliz, für die sich Zivilisten mit anderen Berufen freiwillig als Soldaten melden. Wir legen es alle sehr ähnlich an und machen es gar nicht so anders wie viele Lehrer: Am Anfang scharf anfangen und dann langsam den Druck verringern. Zu Beginn bin ich der Kommandant, später der Kamerad der Soldaten.

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Der Drill gehört schon auch dazu. Um ganz ehrlich zu sein, glaube ich, dass das vielen jungen Menschen gut tut. Zum Grundwehrdienst kommen viele, die noch nie Ordnung in ihrem Leben halten mussten. Die vielen Beschwerden über die Ausbildung hängen wohl auch damit zusammen, dass beim Heer junge Menschen das erste Mal in ihrem Leben nicht mehr machen können, was sie wollen.

Vor fünf Jahren habe ich von Grundwehrdienern sicher mehr verlangen können als vor zwei Jahren.

Ich beobachte auch, dass die Beanspruchung deutlich nachgelassen hat. Vor fünf Jahren habe ich von Grundwehrdienern sicher mehr verlangen können als vor zwei Jahren. Jetzt muss ich mehr Pausen während der Übungen machen. Und ich kann oft nur 5 statt 10 Kilometer marschieren. Außerdem überrascht es mich, dass die Ausbildung der Grundwehrdiener so kritisiert wird. Bei Grundwehrdienern trauen sich die Ausbildner grundsätzlich viel weniger, weil sie oder ihre Mütter sich andauernd beschweren. Mit angehenden Offizieren kann man hingegen fast alles machen.

Nicht falsch verstehen: Das Beschwerderecht stelle ich nicht in Frage. Das passt schon so. Auch die Kompetenzen von Rechten und Pflichten sind meiner Meinung nach gerecht verteilt. Was ich sagen will, ist: Bei Grundwehrdienern ist das Drill-Niveau relativ niedrig, während das Beschwerde-Niveau sehr hoch ist.

Übrigens: Die Begriffe "Drill" und "Druck" werden leider oft missverstanden. In manchen Geschichten wirkt es so, als könnte der Ausbildner willkürlich strafen. Dabei sind meine Möglichkeiten klar geregelt. Zum einen kann ich die Ausbildung körperlich verhärten, indem ich etwa mehr Liegestütze verlange. Oder ich kann jemanden über das Wochenende zur Nachausbildung verpflichten. Ein Ausgangsverbot kann maximal 14 Tage verhängt werden. Und kollektive Strafen (einer macht etwas falsch, alle werden bestraft) gibt es zwar bei den Einjährig-Freiwilligen, aber nicht bei Grundwehrdienern.

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Wir können ja nicht in die Köpfe der Rekruten reinschauen.

Was die meisten auch als Strafe auffassen, sind Belastungsübungen, die nicht angekündigt stattfinden. Wenn dann in der Nacht spontan ein Einsatz geübt wird, halten das fast immer alle für eine Bestrafung. Dass das nicht die Intention ist, wird Grundwehrdienern bereits am ersten Tag gesagt. Noch bevor sie das Zimmer beziehen und ihre Ausrüstung bekommen (das sogenannte KAZ035), werden ihnen ihre Rechte und Pflichten erklärt. Sie bekommen auch die Allgemeine Dienstvorschrift erklärt.

Um so etwas wie in Horn zu vermeiden, gibt es die Meldepflicht des Soldaten. Wir können ja nicht in die Köpfe der Rekruten schauen. Bei Märschen ist immer ein Sanitäter dabei, der sofort das gesundheitliche Ausmaß abchecken kann. Und wenn es was Ernstes ist, wird der Rekrut mit Sani im Pinzgauer-Wagen abtransportiert.

Die Vorschriften und Struktur des Bundesheeres finde ich also absolut in Ordnung. Ob sie überall eingehalten werden, kann ich natürlich nicht sagen. Ich kann ja nur für mich und die Kameraden, die ich persönlich kenne, sprechen. Aber falls nicht, gibt es mit der Beschwerdekommission ein gutes Mittel, dagegen vorzugehen.

Das einzige, was meiner Meinung nach an der Ausbildung besser gemacht werden könnte, ist ein bisschen Abwechslung. Die Ausbildung ist aufgrund des Geldmangels so monoton, dass sie ab und zu wirklich langweilig ist. So trainieren wir in der zweiten Ausbildungswoche den Einsatz von ABC-Waffen. Und in der 8. Woche noch einmal, weil wir sonst nicht wissen, was wir tun können. Das, sowie der viel zu niedrige Verdienst von Grundwehrdienern, gehört meiner Meinung nach geändert.

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