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Langstrassenwoche

Club-Betreiber über ihre Hassliebe zur Langstrasse

Betrunkene, Gentrifizierung und Multikulti: Die Macher der Zukunft, des Klaus, der Olé Olé Bar, des Plaza und des Bagatelle über ihr Quartier.

von Julian Riegel
27 August 2017, 4:00am

Montage Noisey: zvg

An der Langstrasse sind Liebe und Hass, Freud und Leid nicht weit entfernt. Das Quartier, von dem uns unsere Eltern noch gesagt haben, dass wir es meiden sollten, ist heute das Zentrum des nächtlichen Treibens in Zürich. Betrunkene Aargauer treffen auf Junkies, Szenies treffen auf Prostituierte, 24-Stunden-Shops treffen auf Kontaktbars. Mittendrin stehen die lokalen Clubs und Bars, die dieses Quartier erst zu dem gemacht haben, was es heute ist. Sie erleben die guten Partys und das Ghetto vor der Türe und mit den Nachbarn hautnah. Wir wollten von den Köpfen hinter diesen Lokalen wissen, wie sie zu ihrem Quartier stehen.

Zukunft – Dominik Müller, Mitinhaber

Foto: Facebook | Zukunft

Was liebst du an der Langstrasse?
Dominik: Die Langstrasse ist eine der lebendigsten Gegenden unserer Stadt. Sie hat eine lange Tradition in Sachen Unterhaltung und Gastronomie. Diese war einfach immer wieder etwas anders geartet. Für mich ist das Quartier auch eine Art Dorf in der Stadt: Sehr viele Menschen, die hier wohnen, arbeiten oder sich regelmässig hier aufhalten, kennt man. Und der Umstand, dass hier 24/7 Menschen auf der Strasse sind, macht die Langstrasse sicherer als Ecken, wo um 23 Uhr die Bordsteinkanten hochgeklappt werden.

Was macht das Quartier aus?
Das Angebot und die Interessen sind sehr vielfältig. Hier wohnen sehr viele Leute, andere arbeiten hier, man shoppt, geht essen, trinken und später tanzen. Ich nehme das pure Gegenteil des totregulierten und -spekulierten Zürich West war. Mit ganz wenigen Ausnahmen wurde alles, was Freude macht, bunt ist und teilweise je nach Betrachtungsweise halt auch etwas stört, von der neuen Retortenstadt verdrängt. Dort findet überhaupt kein Quartierleben statt, die Menschen wohnen in anonymen Gewinnoptimierungsliegenschaften mit viel zu grossen Fenstern, die sich nicht öffnen lassen und betreten und verlassen ihr Zuhause via Tiefgarageneinfahrt.

"Party-Verrichtungsboxen am Stadtrand sind keine Lösung."

Was bringt es für Schwierigkeiten mit sich, an der Langstrasse einen Club zu betreiben?
Natürlich trifft der Umstand, dass es sich hier hauptsächlich um ein Wohnquartier handelt – Wohnanteil gemäss Bau- und Zonenordnung: 60-80% – knallhart auf die Vergnügungsabsichten der Wochenend-Gäste. Sehr viele sehr schlecht erzogene Leute kommen mit einer Nach-Mir-Die-Sintflut-Attitüde von weit her an die Langstrasse und haben keine Ahnung, wie dieses Quartier tagsüber und unter der Woche daherkommt. Oft haben sie gar keine Absicht, eine Bar oder einen Club zu besuchen, welche mit grossem finanziellem Aufwand Personal bereitstellen, sanitäre Anlagen betreiben, für Sicherheit sorgen, Auflagen erfüllen und Gesetze einhalten. Das verhindert aber nicht, dass sie das Feld nach Mitternacht irgendwann räumen und die Anwohner schlafen lassen. Unzählige 24-Stunden-Shops hauen so gut wie ohne gesetzliche Schranken Alkohol zu Dumpingpreisen raus. Was davon übrig bleibt, landet auf der Strasse und lockere Fäuste in den Gesichtern von wildfremden Passanten. Es ist ein Trauerspiel, welches die Unfähigkeit, sich einigermassen gesittet zu treffen und zu berauschen, darbietet. Der Groll der Quartierbewohner fällt derweil auf uns Betreiber von Nachtlokalen zurück, weil wir es ja sind, welche zum Prügeleinstecken hinhalten, runde Tische besuchen und Verzeigungen entgegennehmen können. Der Idiot bleibt hingegen anonym.

Würde die Zukunft auch an einer anderen Location funktionieren?
Natürlich führen eine gewisse Dichte an Angeboten und mehr Menschen dazu, dass sich auch in den Zielgruppen jedes einzelnen Lokals mehr Leute finden, als wenn diese auf die ganze Stadt verteilt wären. Das Nachtleben muss zwingend an Orten stattfinden, wo die Stadt lebt, wo es die unterschiedlichsten Nutzungen gibt. Party-Verrichtungsboxen am Stadtrand sind keine Lösung. In Zürich haben sich diesbezüglich mehr oder weniger zwei Regionen herauskristallisiert; die Langstrasse und das Geroldareal mit Ausläufern entlang der Hardbrücke. Natürlich hat man wenig Verständnis, wenn man in der Nacht am liebsten schläft und genau in diesen zwei Quartieren wohnt. Allerdings hat das Nachtleben, wie viele andere Branchen, eine riesige Berechtigung auf verschiedensten Ebenen. Und das Nachtleben hat eine gewisse Grundlautstärke, das ist einfach so. Wahrscheinlich ist es aber besser, es konzentriert sich auf ein paar Hotspots, als dass die entlegensten Wohnquartiere im Seefeld, Wollishofen und Höngg auch noch nachtaktive Gastrolokale in der Nachbarschaft haben. Um aber nochmals auf die Frage zurückzukommen: Zürich ist nicht Berlin – wobei Berlin langsam auch nicht mehr Berlin ist. Es gibt beim besten Willen nicht einfach beliebig viele Flächen und Räume, welche man auf der Flucht vor Neuzuzügern, völlig übertriebenen Auflagen und schizophrenen Politikern alle paar Jahre einfach so findet.

Wie sieht die Zukunft der Langstrasse aus?
Wie in Zürich West hat es auch hier zuerst ein paar und dann immer mehr Angebote gebraucht, welche aus unbenutzten oder überholten Hüllen attraktive Anziehungspunkte gemacht hatten, um das Quartier auf den Radar der Immobilienspekulation zu setzen. In Zürich West war das die abgewanderte Industrie, an der Langstrasse das Drogen- und Sexmilieu. Die Gentrifizierung ist in vollem Gang und wird auch hier dazu führen, dass man die neuzugezogenen Hipster in ihren völlig überteuerten Wohnungen sich selbst überlassen muss. Schlussendlich werden sich nämlich die Angebote, welche das Quartier ursprünglich zu dem gemacht haben, was es heute ist, mit den explodierten Mieten und seefeldisierten Ansprüchen nicht mehr betreiben lassen. Man wird weiter weg von der Innenstadt ziehen und neue vermeintliche Brachen bespielen müssen. Aber das dauert wohl noch einen Moment. Und ist leider in jeder Grossstadt so. The only constant is change.

Olé Olé Bar – Elena Nierlich, Mitbetreiberin

Foto: zvg

Noisey: Was liebt ihr von der Olé Olé Bar an der Langstrasse?
Elena: Ich glaube, ich spreche im Namen des ganzen Teams, wenn ich sage dass wir an der Langstrasse wir schlicht alles lieben. Dass man hier den ganzen Blumenstrauss an Menschen findet. Die Langstrasse hat so viele Gesichter und ist immer lebendig. Hier pumpt das Herz unserer Stadt. Es ist die Strasse, die niemals schläft. Dies bringt natürlich auch Emissionen mit sich, aber unsere grossartige Stadt reinigt unsere Langstrasse jeden Morgen und so kann sie jeden Tag wieder frisch und unschuldig starten. Wir finden es toll, dass unsere Bar an der Langstrasse liegt und dazu noch am geilsten Eck.

Würde die Olé Olé Bar auch woanders funktionieren?
Natürlich würde die Olé Olé Bar, so wie sie ist, an keinem anderen Standort funktionieren. Weg von hier wollen wir auf keinen Fall. Unsere Vorgänger haben in der Olé schon sagenhafte 47 Jahre mit Herzblut gewirtet und dies ist eine Zeitspanne, die wir durchaus auch anstreben.

"Die Zukunft der Langstrasse: laut, bunt, spannend und fidel."

Wann hängt euch die Langstrasse zum Hals hinaus?
Zum Hals raushängen kann sie einem gar nicht. Denn kein Tag ist gleich wie der vorherige und es gibt immer wieder Überraschungen. Es bleibt spannend.

Wie sieht die Zukunft des Quartiers aus?
Auch der Entwicklung der Langstrasse sehen wir positiv entgegen. Quartiere sind im stetigen Wandel und das ist gut so. Diesbezüglich geschieht nichts von heute auf morgen. Es bewegt sich ständig. Die Zukunft der Langstrasse sehen wir genau wie die Gegenwart: laut, bunt, spannend und fidel.



Klaus – Alain Mehmann, Mitbetreiber

Foto: zvg

Was liebst du an der Langstrasse, persönlich und für den Klaus?
Alain: Persönlich liebe ich, dass sich die Stadt Zürich Freitag- und Samstagnacht auch mal von der ungepflegten, überbordenden und masslosen Seite zeigt. Nebst der freundschaftlichen Zusammenarbeit mit den anderen Clubs und Bars an der Langstrasse ist für uns als Club Pusterla Elektronik eines der Highlights. Da gibt es einfach alles an Technik, was man im Notfall braucht, um den Laden in Schuss zu halten.

Was bringt die Location Langstrasse für Schwierigkeiten mit sich?
Die Schwierigkeiten liegen weniger bei der Langstrasse selber sondern bei der Menge an Leuten und vor allem bei deren teilweiser Anstands- und Respektlosigkeit. An den Wochenenden treiben sich ganz viele Leute an der Langstrasse herum, die eigentlich gar nicht in einen Club wollen oder gar nie reinkommen würden. Diese sorgen dann meistens für den Lärm und Abfall auf der Strasse und gar nicht die eigentlichen Club- und Bargäste – die gehen ja im Club auf die Toilette und nicht im Innenhof.

Würde der Klaus auch an einer anderen Location funktionieren?
Im Moment fühlen wir uns sehr wohl, wo wir sind. Aber als privater Club sind wir eigentlich nicht von der "Laufkundschaft" abhängig, welche die Langstrasse in Massen bieten würde.

Was hasst du an der Langstrasse?
Dass sich die Stadt manchmal von der zu ungepflegten, überbordenden und masslosen Seite zeigt.

Wie sieht die Zukunft der Langstrasse aus?
Wenn ich in die Zukunft schauen könnte, würde ich bei Mike Shiva arbeiten und nicht bei Klaus.

Bagatelle – Tamara Sommerhalder, Geschäftsführerin

Was liebst du an der Langstrasse?
Tamara: Am meisten gefallen mir die verschiedenen Kulturen. Es ist, als wäre die ganze Welt in einer Strasse vertreten, die lebt, liebt und zusammen feiert. Ein kleines Utopia, so wie ich es mir und sicher viele andere für die ganze Welt wünschen. Mir ist klar, dass sich dies kitschig anhört... Aber das ist egal, denn es ist einfach schön zu wissen, dass es möglich ist.

Was macht die Location Langstrasse aus?
Neben den kulturellen Unterschieden auch das schöne Miteinander. Die Langstrasse hält zusammen, jeder hilft jedem. Die Club-, Bar- und Restaurantbetreiber kennen sich untereinander und es gibt immer wieder mal einen nachbarschaftlichen Besuch, über den man sich freut.

Was bringt sie für Schwierigkeiten mit sich?
Da viele Ausgangsviertel nicht mehr existieren – oder nur noch einzelne Clubs und Bars – konzentriert sich am Wochenende alles auf die Langstrasse. Dies bedeutet natürlich auch: viel mehr Menschen, als die Strasse effektiv tragen kann. Viel Abfall, Leute die an jeder Ecke urinieren und noch mehr. Für die alteingesessenen Anwohner ist dies natürlich keine schöne Entwicklung, was jeder verstehen kann. Natürlich versucht jeder Betreiber, Dinge wie Lärm und Dreck so gut wie möglich zu vermeiden. Was aber auf der Strasse selbst geschieht, ist für uns nicht mehr kontrollierbar.

"Was ich überhaupt nicht mag, ist, wenn Leute denken, dass sie sich an der Langstrasse nicht an die üblichen Anstandsregeln halten müssen."

Würde der Club auch an einer anderen Location funktionieren?
Unser Konzept würde sicher auch in einem anderen Viertel funktionieren. Aber die Langstrasse zu verlassen, wäre wie seine Heimat hinter sich zu lassen.

Was hasst du an der Langstrasse? Wann hängt sie dir zum Hals hinaus?
Was ich überhaupt nicht mag, ist, wenn Leute denken, dass sie sich an der Langstrasse nicht an die üblichen Anstandsregeln halten müssen, die jeder von zu Hause aus mitbekommen hat. Hier kann man ja die Sau raus lassen und es interessiert keinen. Ist ja nur die Langstrasse. Ein Bitte und Danke liegt immer drin und irgendwelche unnötigen Pöbeleien sind alles andere als gern gesehen.

Wie sieht die Zukunft der Langstrasse aus?
Leider sehe ich die Zukunft nicht so rosig für Bar- und Clubbetreiber. Es wird immer mehr gebaut und die neuen Anwohner beschweren sich über Dreck und Lärm. Dies kann ich natürlich verstehen. Aber wenn man seine Ruhe will, sollte man auch nicht in ein Ausgangsviertel ziehen. Wer an der hippen Strasse wohnen will, muss sich nun mal mit solchen Dingen abfinden. Ansonsten zieht man woanders hin. Dies gilt natürlich nur für die Neuzugezogenen. Daher denke ich, wird in den nächsten Jahren dasselbe passieren wie im Niederdorf und anderen ehemaligen Ausgangsvierteln und eine Location nach der andern wird schliessen müssen.

Plaza – Christian Angst, Geschäftsführer

Foto: Kamil Biedermann

Was magst du an der Langstrasse?
Christian: Man kann sich einfach treiben lassen, ob man Lust auf eine Bartour oder Clubbing hat – einen Plan braucht man nicht und eine gute Nacht hat man fast immer. Man trifft die verschiedensten Leute über einem Bier oder einem Stück Pizza. Für den Club spricht die Lebendigkeit der Langstrasse. Die Leute, die sie besuchen, haben die verschiedensten Storys im Gepäck, die sie ins Plaza bringen.

Was bringt sie für Schwierigkeiten mit sich?
Hohe Nachtaktivität bringt natürlich auch Lärm und Streitereien mit sich. Wir schlichten oft auch bei Geschichten, die uns nicht direkt betreffen. Das gehört dazu.

Würde das Plaza auch an einer anderen Location funktionieren?
Könnte sein, wollen wir aber nicht rausfinden.

Was magst du an der Langstrasse nicht?
Auch nach viel überlegen fällt mir nichts ein. Es passt alles zusammen und macht die Langstrasse aus.

Wie sieht die Zukunft der Langstrasse aus?
Wir hoffen, dass sie noch lange so erhalten bleibt, wie sie ist. Die Entwicklung auf der Seite Kreis 5 zeigt aber, dass sich dies relativ schnell ändern kann. Hier sind die Vermieter und auch die Stadt in der Pflicht, damit es der Langstrasse nicht ergeht wie dem Dörfli.

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