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Warum der Tod von Baby-Grauwalen auch eine gute Nachricht ist

Für Walbeobachter war es ein grausiger Anblick; Meeresbiologen können dem blutigen Tod der Jungtiere jedoch Positives abgewinnen.

von Erica Cirino
06 Juni 2017, 2:56pm

Ein Orka versucht ein Grauwalkalb zu ertränken. Bild: Jodi Frediani

Jedes Jahr begeben sich Millionen schaulustige Touristen an verschiedenen Orten dieser Welt auf Walbeobachtungstouren und hoffen , einen Blick auf die majestätischen Meeresriesen zu erhaschen. So stach auch am 20. April ein Boot an der Küste von Monterey in See, um Orcas zu beobachten. Mit an Bord war unter anderem die US-amerikanische Tierfotografin Jodi Frediani. Ihr und den anderen Passagieren bot sich an diesem Tag ein seltenes und blutiges Schauspiel: Eine Gruppe von über 30 Orcas machte Jagd auf Grauwalkälber.

In den darauffolgenden zwei Wochen machten die Orcas dabei ihrem Spitznamen "Killerwal" alle Ehre: Frediani beobachtete, wie eine Orca-Gruppe, angeführt von neun Leittieren, insgesamt acht Grauwalkälber angriffen und sechs von ihnen tötete. Die blutrünstigen Verfolgungsjagden waren so außergewöhnlich, dass Experten sie als beispiellos bezeichnen. Viele Menschen, die die dramatischen Szenen hautnah miterlebt hatten, zeigten sich dabei traurig und schockiert, dass die Orcas so viele Jungtiere töteten.

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Für Frediani hingegen ist der Tod der Grauwale, die einst vom Aussterben bedroht waren, einfach ein Beispiel für den Kreislauf der Natur—wenn auch ein sehr grausames. Genau wie alle anderen Tiere auch, müssten Orcas nun mal fressen, erklärt Frediani gegenüber Motherboard. Und wie es der Zufall will, haben sie eine Vorliebe für das Walfett anderer Meeressäuger.

Möwen laben sich am Kadaver eines Grauwalkalbs. Haibisse haben das Walfett bereits frei gelegt. Bild: Jodi Frediani

Der natürliche Tod von Grauwalen und anderen großen Walarten nützt jedoch nicht nur den Orcawalen, die das Fleisch fressen, sondern dem gesamten Ökosystem des Ozeans.

"Es gibt wahrscheinlich Hunderte von Spezies, die von Walkadavern profitieren", meint Joe Roman. Der Naturschutzbiologe vom Grund Institute for Ecological Economics an der University of Vermont erforscht, wie Wale das Ökosystem der Meere beeinflussen.

Roman erklärt uns, dass die Wale Nährstoffe sowohl vertikal als auch horizontal durch den Ozean transportieren: Sie tauchen auf der Nahrungssuche nämlich sehr tief ab und steigen dann wieder zur Oberfläche auf, um zu atmen und nährstoffreiche Exkremente auszuscheiden. Dieser Vorgang wird von Meeresbiologen als "Walpumpe" bezeichnet und trägt dazu bei, das Meeresökosystem von oben zu düngen.

Auch bei ihren Wanderungen durch die Meere verteilen die Wale jede Menge Lebensmittel für andere Meeresbewohner, indem sie nährstoffreiche Exkremente aus reichhaltigen Futtergebieten in nährstoffärmeren Gebieten ausscheiden.

Ein Schwarzfußalbatross streitet sich mit Möven um das Bindegewebe eines Grauwalkalbs. Bild: Jodi Frediani

Im Gegensatz zu anderen Spezies wie Pflanzenplankton spielen Wale nicht nur eine passive Rolle bei der Verteilung von Nährstoffen, erklärt Roman. "Sie können das marine Ökosystem fördern, indem sie Nährstoffe wie Eisen, Phosphor und Stickstoff neu verteilen, Nahrung für Raubtiere und Lebensraum für Tiefseearten bereitstellen."

Sogar nach ihrem Tod versorgen Wale die Weltmeere. Manchmal werden ihre Kadaver an die Küste gespült, wo Seevögel und Aasfresser sich von ihnen ernähren. Wenn ein Wal inmitten des Ozeans stirbt, wird er zuerst von Aasfressern wie Seevögeln oder Weißen Haien angeknabbert, bis dann die Verwesung soweit vorangeschritten ist, dass der Kadaver zum Meeresboden sinkt. Von Biologen wird dieses Versinken als "Whale Fall" bezeichnet. Am Meeresgrund wird der Kadaver dann von verschiedenen Borstenwürmern und knochenfressenden Bartwürmern weiter zerlegt. Außerdem transportiert ein Walkadaver große Mengen an Kohlenstoff in die Tiefsee.

"Die gesunkenen Walkadaver bieten einen einzigartigen Lebensraum, sie fördern die Artenvielfalt und Artenbildung in der Tiefsee", meint Craig Smith, Professor für Meereskunde an der University of Hawaii. So würden tote Wale während der Verwesung große Mengen an Schwefel absondern. Einige Meereslebewesen haben sich möglicherweise an diesen besonderen Lebensraum angepasst, um in den schwefelhaltigen Tiefseespalten und kalten Gewässern überleben zu können.


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Die Meeresbiologen betonen, dass es einen großen Unterschied mache, ob Wale an natürlichen Ursachen oder aufgrund menschlicher Einwirkung sterben. Seit Januar 2016 wurden fast doppelt so viele tote Buckelwale wie gewöhnlich an die Atlantikküste gespült. Die Expertengruppen, die diese Vorfälle beobachten, konnten die Ursache für das hohe Wal-Sterben bis heute nicht feststellen. Sie vermuten jedoch, dass die 43 Buckelwale an Krankheiten, Biotoxin-Vergiftungen oder durch menschliche Einflüsse gestorben sein könnten.

In den letzten Jahrhunderten brachte der Walfang die Meeressäuger teils an den Rande der Ausrottung. Auch wenn heute nur noch wenige Nationen Jagd auf die Meeressäuger machen, sterben immer noch viele Wale durch Menschenhand: Wir rammen sie mit unseren Booten, vergiften sie, führen militärische Übungen mit Sonar-Signalen durch oder fangen sie in Fischernetzen. Experten rechnen damit, dass eine Zunahme des durch Menschen verursachten Walsterbens das Ökosystem des Ozeans verändern könnte – und wahrscheinlich ist diese Veränderung schon längst im Gang.

"Es ist gut möglich, dass die ersten Meerestiere, die wegen des Menschens ausgestorben sind, Arten waren, die auf Walkadaver im Nordatlantik angewiesen waren. Hier war die Anzahl der Großwale Anfang des 19. Jahrhunderts stark dezimiert worden", erklärt Smith.

Der Mensch hat den Ozean inzwischen so sehr für sich beansprucht, dass ein Schauspiel wie die jagende Orka-Gruppe in der Monterey Bay zu einem der seltenen Fälle geworden ist, in denen den Menschen keine Schuld am Tod von Walfischen trifft.