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Ethereum statt Bausparvertrag – Studenten stecken ihr Geld lieber in die Kryptowährung

Die digitale Währung Ether boomt wie nie zuvor. Statt sich im Nebenjob abzuschuften, spekulieren daher immer mehr Studis lieber auf die große Krypto-Kohle – mit ganz unterschiedlichen Strategien.

von Sarah Ernst
21 Juni 2017, 12:19pm

Als sich der Preis für ein Ether vor ein paar Wochen verdoppelte, war die Aufregung gigantisch. Meine Studienfreunde bombardierten mich sofort mit Nachrichten. Gemeinsam schauten wir gebannt zu, wie der Kurs immer weiter in die Höhe kletterte. Der Zeitpunkt des Kursanstiegs hätte für mich nicht besser sein können, denn ich hatte gerade mein gesamtes Vermögen in Ether investiert.

Dabei hatte ich bis vor ein paar Wochen noch nie von Ethereum oder Ether gehört. Erst durch meinen Freund Arturo erfuhr ich von der Kryptowährung. Auch er hatte gerade sein gesamtes Erspartes in Ether investiert. Arturo riet mir, es ihm gleich zu tun. Ich studierte zu der Zeit gerade in Spanien, und unser Telefongespräch entwickelte sich schnell zu einem transatlantischen Business-Call. Ich war zunächst skeptisch, doch dann sagte Arturo den Satz, der mich neugierig machte: "Geld ist Freiheit."

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Sofort musste ich an den 5.000 US-Dollar schweren Studienkredit denken, den ich nach meinem Abschluss abbezahlen muss. Arturos Argument erschien mir daher überzeugend – und wenn am Ende noch ein bisschen mehr Geld für mich übrig bleiben würde, wäre das natürlich auch schön. Also beschloss ich, mehr über Ethereum herauszufinden.

Was ich über Ethereum herausfinden konnte

Mit Bitcoin kannte ich mich bereits ein wenig aus, doch von Ethereum hatte ich bis zu dem Telefonat mit Arturo noch nie gehört. Ich begann, mich in die Materie einzulesen und klickte mich durch die Tiefen des Ether-Universums. Ich war von meinem neuen Rechercheprojekt geradezu besessen und versuchte, so viel wie möglich über die Besonderheiten von Smart Contracts und die Enterprise Ethereum Alliance herauszufinden, in der sich ein paar finanzstarke Unternehmen zusammengeschlossen haben, um Ethereum weiterzuentwickeln. Außerdem las ich nach, wie Skeptiker die Situation einschätzten: Die Entzweiung der Ethereum-Community nach dem DAO-Hack und den damit verbundenen möglichen Sicherheitsrisiken verunsicherten mich etwas.

Freunde, die anfangs nur den Kopf schütteln konnten, steigen jetzt selber scharenweise ins Krypto-Geschäft ein.

Denn wie bei jedem Investment gibt es auch natürlich auch hier Risiken. Doch Ethereum konnte über die letzten Jahren kontinuierlich wachsen, seit Februar sogar um mehr als 2.000 Prozent. Angespornt durch die Erfolgsgeschichten auf Reddit von Menschen, die dank Ethereum über Nacht zum Millionär wurden, versucht scheinbar gerade jeder, ein Stück vom 20 Milliarden US-Dollar schweren Kuchen abzubekommen.

Auch ich hatte Blut geleckt und wollte ins Geschäft einsteigen. Kurz nachdem ich in Spanien angekommen war, überwiesen meine Eltern mir 900 US-Dollar auf mein Konto – dieses Taschengeld sollte für mein gesamtes Auslandssemester reichen. Also tat ich, was jede brave Tochter tun würde: Ich nahm das Geld und transferierte es direkt auf die Kryptowährungsbörse Coinbase. Innerhalb einer Woche hatte ich 700 US-Dollar in Ethereum investiert, für 87 US-Dollar pro Ether.

In den letzten Monaten konnte Ethereum einige solide Wertanstiege verzeichnen, aber keiner davon war mit der Preisexplosion Ende Mai vergleichbar: Der Preis für ein Ether verdoppelte sich innerhalb weniger Tage von 100 US-Dollar auf 200 US-Dollar. Momentan ist ein Ether etwa 350 US-Dollar Wert. Somit konnte ich meinen Einsatz also mehr als verdreifachen. Freunde, die anfangs über meinen Enthusiasmus nur den Kopf schütteln konnten, steigen jetzt selber scharenweise ins Krypto-Geschäft ein.

Die Anlege-Strategien meiner Freunde

Inzwischen haben viele meiner Informatik-Freunde ihr Erspartes in Bitcoin und Ethereum investiert. Gespräche über die neuesten Krypto-Trading-Tricks und die ewige Achterbahnfahrt der Gefühle, die mit dem Anstieg und Fall des Kurses einhergeht, gehören inzwischen zu unserem Alltag.

Natürlich gehen meine Freunde die Sache nicht alle gleich an; nicht jeder legt sofort sein ganzes Vermögen an. Mein Freund Stirling hat beispielsweise Bitcoin im Wert von 50 US-Dollar zum Geburtstag geschenkt bekommen und möchte davon Musikinstrumente kaufen, falls der Wert weiter ansteigt. Sam hingegen hat 10.000 US-Dollar seiner Ersparnisse in Ethereum investiert. Mit dem Gewinn möchte er sein unbezahltes Praktikum im Sommer finanzieren: "Mit den Gewinnen kann ich Miete, Essen und Transportkosten in den nächsten vier Monaten abdecken", meint er.

Wir haben dabei alle verschiedene Investment-Strategien. Einige von uns lassen das Geld arbeiten und hoffen auf langfristige Gewinne, andere kaufen und verkaufen ihre Krypto-Einheiten mehrmals am Tag.


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"Als Student bin ich chronisch pleite und kann es mir nicht leisten, langfristig zu investieren", sagt mein Kumpel Hunter. "Das Daytrading ermöglicht größere Gewinne bei einem viel höheren Risiko." Mit dem Geld, das er mit dem Trading verdient, möchte er gerne reisen.

Ethereum gibt mir eine neue Perspektive

Ich selbst habe mein Geld langfristig angelegt. Ich glaube an Ethereums Potenzial. Ether bietet mir die Möglichkeit, mein Geld sinnvoll anzulegen, die ich ansonsten in der heutigen Welt vermisse.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der zwar unglaublich viel von jungen Menschen erwartet wird, die steigenden Mieten und niedrigen Löhne aber keine großen Sprünge zulassen. Wer kann heute schon sagen, wie sich mein Ethereum-Investment in den nächsten fünf Jahren entwickeln wird? Vielleicht hat es sich dann in das Startkapital für mein eigenes Unternehmen verwandelt. Oder es stellt sich heraus, dass es nur eine weitere dumme Idee von mir war. Ich weiß es nicht, aber ich bin sehr gespannt, was die Zukunft bringt.