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Stress Ohne Grund

Wie Juve mit einem Doping-Doktor sogar die eigenen Fans gegen sich aufbringt

Juventus Turin macht einen alten Bekannten zum Chef seiner medizinischen Abteilung: Riccardo Agricola. Der hat Zidane einst mit einer kontroversen Substanz vollgepumpt und wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.

von Markus Hofmann
23 Juni 2017, 10:58am

Juve arbeitet in Italien mal wieder an seinem Ruf. An seinem Negativruf. Die Meldung klingt erstmal harmlos: Juventus Turin ernennt Riccardo Agricola zum neuen Chefmediziner. Wäre da nicht das kleine biografische Makel des 71-Jährigen, dass er im Jahre 2004 wegen systematischen Dopings bei Juve vor Gericht stand und verurteilt wurde.

Agricola war von 1985 bis 2009 Mannschaftsarzt beim italienischen Rekordmeister. Sein Name ist nicht nur mit der erfolgreichen Zeit unter Marcello Lippi verknüpft, sondern auch mit einer großen Dopingaffäre, ausgelöst durch die Aussagen des Serie-A-Dauerbrenners Zdenek Zeman. Der damalige Roma-Trainer hatte 1998 auf "unnatürlichen Muskelzuwachs" bei den Bianconeri hingewiesen. Infolgedessen wurden Ermittlungen gegen Agricola und Geschäftsführer Antonio Giraudo aufgenommen, es ging um den Vorwurf des Sportbetrugs (damals gab es in Italien noch kein "Doping"-Gesetz). Genauer gesagt gab es zwei Anklagepunkte: 1) systematisches Blutdoping mit EPO und 2) Missbrauch erlaubter Substanzen, die bei hoher Dosierung leistungssteigend wirken. Agricola wurde in erster Instanz für schuldig befunden und zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt, während Giraudo von allen Vorwürfen freigesprochen wurde. In zweiter Instanz wurde Agricola von beiden Vorwürfen freigesprochen, in dritter und letzter Instanz wurde er von der Cassazione, Italiens Pendant zum Bundesgerichtshof, vom EPO-Vorwurf freigesprochen. Gleichzeitig urteilte das Gericht, dass er sich des Sportbetrugs durch Missbrauch erlaubter Substanzen strafbar gemacht habe, dieser Tatbestand aber mittlerweile verjährt sei.

Mit anderen Worten: Schuldig ja, nur konnte man ihn nicht bestrafen, weil die Mühlen der Justiz zu langsam gemahlen haben.

Selbst frühere Stars bei der Alten Dame gaben vor Gericht zu, leistungssteigernde Mittel eingenommen zu haben. "Ich habe nur bei Juventus Kreatin eingenommen. Ich hatte es zuvor niemals getan. Auch in Spanien habe ich niemals diese Substanz eingenommen", gab Zinedine Zidane zu. Die Substanz steht nicht auf der Dopingliste, was viele Sportmediziner bedauern. "Für mich erfüllen die im Hochleistungssport gebräuchlichen Kreatin-Dosierungen den Tatbestand des Dopings", zitierte die Rheinische Post 2004 Professor Dr. Wilhelm Schänzer, Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Zu Juves Verteidigung sei an dieser Stelle erwähnt, dass während des Prozesses ans Licht kam, dass auch andere Vereine der Serie A ähnliche unsaubere Praktiken mit erlaubten Substanzen in ihrem festen Repertoire hatten.

Doch das ist nicht der Punkt. Natürlich war Juves Teamarzt damals nicht der einzige auf der Welt, der "Dreck am Stecken" hatte. Und natürlich wurde Agricola am Ende auch nie rechtswirksam verurteilt. Aber warum muss man sich ausgerechnet diesen Mediziner aussuchen? Eine Frage, die sich auch viele Juve-Fans stellen.

In der Kommentarspalte bei der Gazzetta dello Sport schreibt ein Leser: "Ich bin Juve-Fan und frage mich, wie man von solch einer Entscheidung nicht angewidert sein kann! Italien ist voller Ärzte, und genau ihn mussten sie wieder berufen! Ich bin sprachlos"

Und in der Tat: Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Juve ausgerechnet Agricola reaktiviert. Auf der einen Seite will man auf Teufel komm raus mit der Zeit gehen, etwa indem man sich ein hypermodernes (lies: potthässliches) Logo zulegt und seine 132 Mitarbeiter starke, hypermoderne Medizinabteilung 'J Medical' (wie auch sonst??) nennt, auf der anderen Seite holt man sich einen Mediziner an Bord, der nicht nur über 70 Lenze auf dem Buckel hat, sondern auch an Juves schmutzige Calciopoli-Vergangenheit Mitte der 2000er-Jahre erinnert.

Wie das auf die Öffentlichkeit wirken würde, muss den Juve-Verantwortlichen klar gewesen sein, allein sie haben es billigend in Kauf genommen. Es scheint fast so, als habe man sich mittlerweile damit abgefunden, in Italien wahlweise ladri oder ladrona (Diebe bzw. Diebin) genannt zu werden. Es ist just diese augenscheinliche Überheblichkeit, dieses Sich-über-die-Regeln-stellen, was Juve bei Millionen von Tifosi so verdammt unbeliebt macht.

Ein anderer Leser kommentiert Agricolas Berufung wie folgt: Unabhängig davon, ob Agricola schuldig war oder nicht...aber hält Juve es echt für angebracht, ihn wieder zu berufen?? Ich sehe keine andere Motivation dahinter, als ganz offensichtlich provozieren zu wollen. Genau diese Arroganz macht euch zur meist gehassten Mannschaft Italiens, nicht eure Siege, wie ihr denkt."

Nicht genug damit, dass im Juventus Stadium 35 Scudetti hängen (also auch die beiden Titel, die wegen des Manipulationsskandals aberkannt wurden) und Juve ein Mafia-Mitglied zum Zwischenhändler für Tickets machte. Der Verein beruft einen Mediziner, der vor allem eine Sache in seinem Ärztekoffer mitbringt: Diskussionsstoff.

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