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Blinde Menschen beschreiben, wie sie sexuelle Anziehung erleben

"Manche glauben, dass blinde Mädchen auf jeden stehen, weil wir nichts sehen können. Aber das ist absolut falsch."
31 Oktober 2018, 11:34am
Eine Illustration, die zwei Menschen zeigt, die eng zusammensitzen und sich küssen
Illustration: Charlotte Mei

Du bezeichnest dich als radikal sapiosexuell, wetterst gegen die Oberflächlichkeit der Tinder-Gesellschaft. Aber irgendwie hatten alle deine letzten Barbekanntschaften braune Locken, große dunkle Augen, sinnliche Lippen und eine markante Nase. Ob wir es wollen oder nicht, das Aussehen ist ein maßgeblicher Faktor dafür, ob wir jemanden sexuell attraktiv finden oder nicht.

Aber was ist mit Menschen, die mit einer Sehbehinderung leben? Etwa 1,2 Millionen sind es allein in Deutschland. Wie springt der erste Funke über, wenn optische Reize überhaupt keine Rolle spielen.

Um das herauszufinden, haben wir mit der Athletin Selina Litt, dem Reiseautor Tony Giles, der Bodybuilderin und Künstlerin Claire Lawrence und der Make-up Vloggerin Lucy Edwards gesprochen.


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Selina Litt

Blinde Menschen können die Schönheit einer Person nicht gerade aus der anderen Ecke eines Raums erfassen, Augenkontakt herstellen oder Körpersprache lesen. Wir brauchen direkte Interaktion, bevor wir sexuelle Anziehung erleben. Eine der größten Fehlvorstellungen über uns ist, dass wir Gesichter anfassen, um die Gesichtszüge eines anderen Menschen zu erfassen und zu entscheiden, ob wir die Person mögen oder nicht. Das passiert nicht. Für mich basiert sexuelle Anziehung vor allem auf Instinkt. Mein Gehirn entscheidet in der Regel innerhalb der ersten fünf Sekunden, ob ich jemanden mag oder nicht.

In meinem Kopf erschaffe ich dann ein Bild von der Person. Damit kann ich natürlich absolut daneben liegen, weil ich keine Möglichkeit habe, es zu verifizieren. Es ist in etwa, wie mit jemandem zu telefonieren und sich vorzustellen, wie die Person aussieht. Auch wenn ich mein Gegenüber nicht sehen kann, beeinflusst mein inneres Bild meine Wahrnehmung von ihm.

Ich fühle mich eher zu Menschen hingezogen, die größer sind als ich. Bei 1,60 Metern ist das aber in der Regel kein Problem. Da ich sportlich bin, interessieren mich Menschen, die einen gesunden Lebensstil führen. Außerdem habe ich Englisch studiert, ich mag also Männer, die sich gut ausdrücken können. Männer können ihren Sexappeal noch verstärken, indem sie in ein gut riechendes Aftershave oder Duschgel investieren. Geruch spielt also auch eine gewisse Rolle für mich.

Tony Giles

Tony Giles Tony Giles in Oman | Tony hat ein Buch darüber geschrieben, die Welt blind zu bereisen. Du kannst es hier kaufen

Ich fühle mich von der Persönlichkeit von Frauen angezogen. Ich finde anziehend, was sie sagen, wie sie es sagen, ihre Stimme, ihren Dialekt und so weiter. Ein paar Dialekte sind stimulierender als andere.

Körperlicher Kontakt spielt bei Blinden oft eine dominantere Rolle bei der sexuellen Anziehung. Ich achte zum Beispiel darauf, wie weich und/oder zart die Haut ist, wie sich die Haare anfühlen und wie lang sie sind. Wenn ich fantasiere, kreiert mein Kopf visuelle Bilder und ich denke an Frauen mit schwarzen Haaren. Ich bin zwar blind geboren, aber als kleines Kind konnte ich Schwarz-weiß-Bilder sehen.

Ich halte andere Menschen oft an Arm oder Ellbogen, damit mich die Person führen kann. Dabei kann ich die Größe, das Gewicht und die Knochenstruktur eines Menschen erkennen. Frauen mit dünnen Armen und schmalen Hüften finde ich weniger ansprechend als solche, die etwas mehr Formen in ihrer Figur haben. Ich fühle auch gerne bestimmte Stoffe auf einer Frau. Weiche Texturen sind stimulierender. Ich mag das Gefühl von Seide und Satin, aber auch von Spitze und Leder. Das Geräusch von High Heels auf hartem Boden macht mich auch an.

Manche Menschen gehen wohl einfach davon aus, dass Blinde keine sexuelle Anziehung verspüren. Das ist Schwachsinn. Ich habe neun Jahre in einer sexuellen Beziehung gelebt und es gibt blinde Menschen auf der ganzen Welt, die glückliche und erfolgreiche sexuelle Beziehungen führen.

Claire Lawrence

Ich finde einen sehr gut riechenden Mann mit einer wohlklingenden Stimme extrem attraktiv. Ich bin außerdem sehr taktil und auf Berührung angewiesen, um eine Vorstellung von etwas zu bekommen – auch von Körpern. Ich bin Bodybuilderin und mir gefällt es, wenn sich ein Mann gut anfühlt. Als ich jünger war, hätte ich es nie bei einem sportlichen Fitnesstypen versucht. Aber jetzt, da ich Athletin bin, bevorzuge ich muskulöse Männer. Schließlich haben wir gemeinsame Interessen und ich fühle mich sexuell zur Vorstellung eines durchtrainierten Körpers hingezogen. Aber gut, wer tut das nicht?

Generell finde ich körperliche Eigenschaften attraktiv, die ich auch habe. Ich liebe, wie sich meine Schultern und mein Rücken anfühlen – und die Muskeln in meinen Beinen. Wenn ich mit jemandem körperlich werde, will ich, dass er sich genau so gut anfühlt, wenn nicht sogar besser.

Auch über Geruch kann ich eine Verbindung zu jemandem aufbauen. Manche Parfüms können mich erregen. Andersherum lösen manche Männergerüche das komplette Gegenteil bei mir aus. Ich trainiere jeden Tag in einem Fitnesscenter und bin oft mit eher unangenehm riechenden Kerlen konfrontiert. Die könnten Idris Elba sein, aber wenn die so riechen, würde ich immer noch sagen: Nein, danke.

Lucy Edwards

Ich habe meinen Verlobten, Ollie, kennengelernt, bevor ich meine Sehkraft verloren habe. Ich weiß also, wie er aussieht. Aber meine Art der sexuellen Anziehung zu ihm hat sich verändert, seit ich blind bin. Sie läuft jetzt viel mehr über eine emotionale Ebene. Ich mag flirtiges Reden und Geruch ist auch ein wichtiger Faktor. Ich liebe es, wenn er ein gut riechendes Aftershave trägt und sein T-Shirt mit Wäscheparfüm gewaschen ist.

Was Promis angeht, finde ich Stimmen attraktiv. Ich nehme inzwischen auch die Meinung meiner Schwester in diesen Angelegenheiten ernster. Sie sagt mir, ob ein Celebrity gut aussieht oder nicht. Manche glauben, dass blinde Mädchen auf jeden stehen, weil wir nichts sehen können. Aber das ist absolut falsch. Wenn mich in den vergangenen Jahren Leute in Pubs angemacht haben, habe ich mich manchmal gefragt, ob sie glauben, dass ich leicht zu haben sei, weil ich blind bin. Das ist definitiv nicht der Fall.

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