Psychische Gesundheit

Sagt mir nicht, dass Essen meine Depressionen heilen kann

Kein Ernährungsplan und kein Lebensmittel ist ein Wundermittel gegen psychische Probleme.

von Emily Reynolds
18 Oktober 2018, 4:00am

Fotos: Pixabay | CC0 | Collage: MUNCHIES Staff

Wenn es nach den Schlagzeilen ginge, könnte man fast glauben, dass wir eine Heilung für Depressionen gefunden haben. Vor Kurzem behauptete eine Studie in der Fachzeitschrift Molecular Psychiatry, dass eine mediterrane Diät – reich an fettigem Fisch, Getreide und Gemüse – vor Depressionen "schützen" könne. Es folgten begeisterte Meldungen und ein paar fragwürdige Beiträge, die suggerierten, dass auch du mit etwas Olivenöl und ein paar Ausflügen nach Apulien deine psychischen Probleme in den Griff bekommst. Schon lange wird die Mittelmeer-Diät als besonders gesund gepriesen, aber kann eine ernste psychische Erkrankung wirklich durch Essen allein geheilt werden?

Olivenöl und Vollkorn sind nicht die einzigen Nahrungsmittel, die vor Depressionen schützen sollen. Versuch's doch mal mit einer ketogenen Diät! Oder einfach nur noch Früchte? Du willst nicht auf Fleisch verzichten? Kein Problem, Psychologe und Berufs-Sympath Jordan Peterson empfiehlt die Fleischfresser-Diät.

Viele "Wellness"-Köchinnen und Food-Blogger behaupten, dass ihre Ernährungstipps auch die psychische Gesundheit verbessern. Wie Ruby Tandoh im Guardian schrieb, warben die Wellness-Influencerinnen Jasmine und Melissa Hemsley für die Arbeiten von Dr. Natasha Campbell-McBridge. Diese behauptet in ihrem Buch, mit Ernährung Autismus zu "behandeln", Aufmerksamkeitsstörungen, Legasthenie, Dyspraxie, Depressionen und Schizophrenie. Goop-Gründerin Gwyneth Paltrow bezeichnet Sellerie als "Heilnahrung". Fucking Sellerie.

Die Verbindung zwischen Ernährung und psychischer Gesundheit ist in Wahrheit weitaus komplexer.


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"Ernährung und ein gesunder Lebenswandel – inklusive Schlafverhalten, Aktivitätsgrad und, ob man regelmäßig die Wohnung verlässt, frische Luft und natürliches Licht abbekommt – können einen großen Einfluss auf die Psyche haben", sagt Ernährungswissenschaftlerin Priya Tew. "Wenn sich jemand vor allem von Chips und Schokolade ernährt und nur eine Mahlzeit pro Tag zu sich nimmt, kann eine Umstellung der Ernährung einen großen Unterschied machen. Regelmäßige Mahlzeiten, Vollkorn und fettiger Fisch sind nie verkehrt."

Schnell fügt sie hinzu, "aber es wird nicht alle Probleme lösen".

Andy Bell, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Londoner Centre for Mental Health, sagt, dass der Schlüssel darin liege, die Ausmaße des Problems zu erkennen. Bell hilft aktuell dabei, eine neue Kampagne auf die Beine zu stellen, die die körperliche Gesundheit von Menschen mit psychischen Krankheiten unterstützen soll.

"Menschen, die mit einer schweren psychischen Erkrankung leben – Schizophrenie, Bipolare Störungen und Persönlichkeitsstörungen – haben in der Regel eine 15 bis 20 Jahre kürzere Lebenserwartung als der Durchschnitt", erklärt Bell. "Das ist ein riesiger Faktor, der alles andere wie geografische Unterschiede in den Schatten stellt. Außerdem lebt ein Großteil der Betroffenen gleichzeitig mit ein, zwei oder drei körperlichen Beeinträchtigungen."

Die Gründe für die kürzere Lebenserwartung liegen vor allem in den sogenannten "Zivilisationskrankheiten", so Bell. Dabei betont er aber, wie problematisch er den Begriff findet. "Es ist eine Mischung verschiedener Dinge. Es liegt zum Teil auch an dem tragischen Verlust von Leben durch Suizide und daran, dass manche Medikamente die körperliche Gesundheit beeinträchtigen. Aber es liegt auch daran, dass Alkohol und Essen zur Selbstmedikation verwendet werden."

Die gängige Vorstellung von "Zivilisationskrankheiten" sei falsch. "Wir haben es mit Krankheiten zu tun, die sehr oft von den sozialökonomischen Umständen abhängen, in denen wir leben. Das übersehen wir schnell und machen Menschen für Dinge verantwortlich, die sie in ihrem Leben erfahren, ohne die Ursachen dahinter wirklich zu verstehen."

"Es ist unfassbar wichtig, sich um sich selbst zu kümmern, wenn es einem nicht gut geht." – Pryia Tew

Laut der britischen Gesundheitsbehörde NHS sind Nahrung und psychische Gesundheit auch auf andere Arten miteinander verbunden – darunter eine, die man vielleicht auch bei der eingangs genannten Studie zum depressionslindernden Effekt mediterraner Speisen hätte miteinbeziehen können. So spiele die Fähigkeit eines Menschen, eine gesunde Mahlzeit zu kochen, erheblich zu dessen Wohlbefinden bei. Tew ermutigt ihre Klienten, sich über Lebensmittel zu informieren, gesunde Tiefkühlgerichte zu kaufen oder Freunde und Familie um Unterstützung in der Küche zu bitten. Natürlich sind diese Dinge Menschen mit psychischen Problemen nicht immer möglich.

"Es ist unfassbar wichtig, sich um sich selbst zu kümmern, wenn es einem nicht gut geht – egal, ob physisch oder psychisch. Aber in diesen Phasen ist es gleichzeitig am schwierigsten", sagt die Ernährungswissenschaftlerin. Depressive Menschen bereiten sich seltener Gerichte zu, manche essen kaum. Wenn du dich gerade mit finsteren Gedanken rumschlägst, denkst du eher nicht daran, ein Drei-Bohnen-Chili für die kommende Woche vorzukochen.

Ernährung sei genau wie psychische Gesundheit ein politisches Thema, sagt Bell. "Ein Großteil der Menschen mit psychischen Problemen verfügt über ein extrem geringes Einkommen – und mit wenig Geld kann es schwieriger sein, sich gut zu ernähren."

Ernährungs- und Gesundheitsratschläge kämen außerdem eher bei Menschen mit höherem Einkommen an. "Die Ungleichheiten können durch den Diskurs noch weiter verstärkt werden. Wenn die Tipps vor allem wohlhabendere Menschen mit mehr Freizeit und Möglichkeiten erreichen, wächst der Graben weiter."

Es sei außerdem wichtig, Menschen nicht wegen ihrer Beziehung zu Essen anzuprangern. "Wir müssen die emotionale Rolle verstehen, die Nahrung in unseren Leben spielt", sagt Bell. "Was bringt Menschen dazu, sich ungesund ernähren?" Fehlender Zugang zu gesundem Essen, Armut und weitere Faktoren spielten hier eine Rolle.

"Wir müssen Ernährung als psychischen und physischen Gesundheitsfaktor begreifen – einen, der beide Seiten betrifft." – Andy Bell

"Aber einiges davon hat auch mit schlechter emotionaler und körperlicher Verfassung zu tun", erklärt Bell. "Wir müssen Ernährung als psychischen und physischen Gesundheitsfaktor begreifen – einen, der beide Seiten betrifft. Solange wir die psychologischen Grundlagen schlechter Ernährung nicht verstanden haben, werden wir nie verstehen, was Menschen in ernsthafte Gesundheitsprobleme führt."

Natürlich ist es gut für Geist und Körper, sich gut zu ernähren. Die British Dietry Association empfiehlt bei Depressionen, auf das Frühstück nicht zu verzichten, und eine Ernährung, die Vollkorn, Obst, Gemüse und Eiweiß umfasst. Aber kein Lebensmittel und kein Ernährungsplan ist ein Allheilmittel. Genau so wenig wird es ein Wundermittel gegen psychische Probleme geben. Viele davon erfordern eine Kombination aus Medikamenten, Therapie und eine Änderung des Lebenswandels.

Psychische Krankheiten bestehen aus einem Geflecht sozialer, ökonomischer, biologischer, psychologischer und politischer Faktoren. Wenn Medienberichte, Influencer oder Promis suggerieren, dass der Schlüssel zur geistigen Gesundheit in nicht mehr als der richtigen Kombination von Lebensmitteln liegt, dann ist das vor allem eins: Bullshit.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei MUNCHIES UK.

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