Foto: jen | Flickr | CC BY 2.0 || bearbeitet von VICE

Wie mich sexuelle Belästigung in meinem ersten Studentinnenjob geprägt hat

"Ich bin 18", sagte ich lächelnd. Auch er lächelte. "Dann bist du also legal."

von Angely Mercado; illustrationen von Kitron Neuschatz und Lia Kantrowitz
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25 November 2018, 5:00am

Foto: jen | Flickr | CC BY 2.0 || bearbeitet von VICE

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Mein Studium begann 2010 – nur zwei Jahre nach Beginn der Finanzkrise. Ich fand keinen Teilzeitjob im Einzelhandel, also babysittete ich und putzte Privathäuser, um mir Bücher und anderes Studienmaterial zu kaufen. Ein Semester später schrieb mir eine Freundin: Eine Firma suchte "Probenmädchen" für eine neue tropische Eiscremesorte. "Der Job schien einfach, und der Stundenlohn für die Wochenendschichten war besser als das bisschen, das ich beim Putzen verdient hatte. Am ersten Tag fuhr ich zu dem Supermarkt, den man mir zugeteilt hatte, und baute meinen Stand bei der Tiefkühlabteilung auf.

Mein erster "Kunde" war ein Supermarktangestellter. Ich hielt ihm lächelnd eine Probe Kokosnusseis hin. Er beugte sich vor und versuchte, das Eis vom Löffel in meiner Hand zu essen. Meine Wangen glühten.

"Ich mach nur Spaß, Süße." Er lachte, zwinkerte und verschwand mit seinem Probelöffel.


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Ein paar Kunden später kam ein großer Mann mit graumeliertem Haar zu mir. Er nahm eine Probe für sich und eine für seine kleine Tochter. Dann fragte er, wie alt ich sei. Ich bin klein und sah für mein Alter jung aus. Vielleicht dachte er, ich wäre noch nicht alt genug für einen Job?

"Ich bin 18", sagte ich lächelnd.

Auch er lächelte. "Dann bist du also legal."

Ich stammelte irgendwas und wurde rot. Er kam noch mehrmals an meinen Stand. Er fragte, wie ich heiße und ob ich allein arbeite. Ich log. Nach meiner Schicht versteckte ich mich eine Weile auf dem Klo. Auf dem Heimweg schaute ich ständig über meine Schulter.

In den folgenden Monaten machte mich bei jeder Schicht ein Angestellter oder Kunde an. Ich fühlte mich ausgeliefert. Wenn mich Männer anstarrten, vermied ich Augenkontakt. Jedes Mal dachte ich an den guten Stundenlohn und tröstete mich: Immerhin belästigten sie mich "nur", statt körperlich übergriffig zu werden.

Einmal kam ein älterer Kunde ganz nah an mein Gesicht und sagte: "Du hast wunderschöne Wimpern."

Ich zog noch weitere Kleidung an als ohnehin schon und log über mein Alter, wenn jemand fragte. Eine Minderjährige würden sie in Ruhe lassen, dachte ich.

Zu Hause schrubbte ich meine Mascara so heftig ab, dass ich mir ein paar Wimpern ausriss. Ich zog noch weitere Kleidung an als ohnehin schon und log über mein Alter, wenn jemand fragte. Eine Minderjährige würden sie in Ruhe lassen, dachte ich.

"Ich mag 16-Jährige", sagte mir daraufhin ein Supermarktangestellter.

Ich ließ meine Hände in den Taschen, bis er weg war, um mein Zittern zu verbergen.

Alle paar Wochen unterhielt ich mich mit den anderen Probenmädchen, wenn wir unsere Lohnschecks abholten. Unsere Vorgesetzte verteilte selbst Proben und fragte, wie es lief.

"Seid ihr auch angebaggert worden?", fragte eine Kollegin.

"Ein Typ hat an meinem Haar geschnüffelt – ich glaube, das hat ihn angemacht", sagte eine andere.

"So ein alter Typ wollte wissen, ob ich legal bin", erzählte ich.

Eine weitere junge Frau seufzte – dasselbe habe sie auch schon erlebt. Wir fragten unsere Vorgesetzte, ob wir zu zweit arbeiten könnten, oder ob jemand von der Eisfirma mit den Filialleitern sprechen könne. Sie wollte nachhaken, doch sie kam nie auf uns zurück. Eine meiner Kolleginnen erinnerte uns daran, dass es kaum andere Jobs für uns gab.

"Ich muss mein Monatsticket und meine Bücher für die Uni kaufen", sagte sie. "Ich kann nicht kündigen."

Also machten wir weiter. Manchmal kam ich in den Supermarkt und fand keine Proben oder keinen Stand vor. Wenn es Probleme gab und ich bei der Eisfirma anrief, half mir niemand weiter. Eine Kollegin erzählte, einmal habe sich die angebliche Adresse ihres Supermarkts als Baustelle entpuppt. Unsere Vorgesetzte musste sich mit unseren Beschwerden auseinandersetzen, bekam aber keine Unterstützung von oben. Sie versuchte, uns zu helfen und Lösungen zu finden, aber vieles lag außerhalb ihrer Macht. Sie war von dem Job genauso frustriert wie wir.

Nach einigen Monaten bekam ich immer weniger Schichten zugeteilt. Schließlich rief uns die Vorgesetzte zusammen: Wir waren entlassen. Die Supermärkte hätten kein Eis mehr bestellt, angeblich sei das unsere Schuld.

Ich war frustriert. Nach ein paar Tagen schrieb ich meiner Ex-Vorgesetzten auf Facebook: "Ich möchte der Firma einen Brief schreiben."

Sie riet mir, ich solle empfehlen, die Probenmädchen nicht mehr allein in die Supermärkte zu schicken.

Ich setzte einen Brief auf, in dem ich beschrieb, wie unangenehm es war, ständig von viel älteren Männern belästigt zu werden. Wie unsicher ich mich auf dem Arbeitsweg und auf der Suche nach der richtigen Adresse fühlte. Das Dokument wartete eine Woche lang auf meinem Laptop, bevor ich es löschte. Mein Brief würde ja doch nichts ändern. Warum sollten sie auf eine Teenagerin hören? Ich rechnete nicht mal mit einer Antwort. Die Firma hatte ja schon deutlich gezeigt, dass wir ihr egal waren.

Sieben Jahre und mehrere Jobs später bin ich noch immer keine Angestellte, die sich beschwert. Stattdessen kriege ich Panik, wenn ich um Hilfe bitten muss oder jemand bemerkt, dass ich einen Fehler gemacht habe. Mein erster Job hat mich gelehrt, dass mir niemand helfen wird, selbst wenn ich darum bitte. Die Entlassung damals sorgte außerdem dafür, dass ich mich austauschbar fühle. Wer sagt, dass ich nicht noch mal gefeuert werde, wenn ich mich beschwere?

"Warum hast du nicht Bescheid gesagt, dass das nicht funktioniert hat?", fragte mich mein Vorgesetzter in einem späteren Job. "Ich hätte dir gezeigt, wie es geht."

Ich hatte keine Antwort. Und noch immer habe ich keine. Oft schätze ich mich glücklich, überhaupt ein Einkommen zu haben, selbst wenn der Job mich stresst. Dann sage ich mir: Schlafmangel ist immer noch besser als sexuelle Belästigung. Stress ist noch lange nicht so schlimm, wie ein Mann, der mir folgt und nach meiner Hand greift.

Als Journalistin habe ich mich nicht beschwert, wenn Kontaktpersonen für eine Story mich belästigt haben. Ich habe auch nicht den Mund aufgemacht, wenn ich mich vernachlässigt, überfordert oder unterschätzt gefühlt habe. Immer wieder denke ich: Es kommt doch nicht so häufig vor, es könnte schlimmer sein.

Dieser erste Job hat mich langfristig geprägt, doch inzwischen habe ich verstanden, dass Belästigung keine Kleinigkeit ist. Dazu brauchte es viele Gespräche mit Freundinnen und mehrere virale Hashtag-Kampagnen.

Heute schreibe ich freiberuflich und habe zusätzlich zwei Jobs – und auch heute noch sage ich mir, dass es schlimmer sein könnte. Ich könnte immer noch Eisproben verteilen.

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