nostalgie

Beim "Disneybounding" verwandeln Fans ihre Kindheitshelden in Alltags-Outfits

Warum zum 50. Mal 'Arielle, die Meerjungfrau' gucken, wenn man sich auch einfach wie sie anziehen kann?
20.7.17
Foto (links): Leo Cmacho als Chip aus "Chip und Chap – Die Ritter des Rechts"; Foto (rechts): Leslie Kay als die Haubentaucherin Becky aus "Findet Dori"

Wenn Sarah Sterling zu Modeketten wie Forever 21 oder UNIQLO geht, ist sie nicht auf der Suche nach neuen zerschlissenen Jeans oder dem perfekten Gammel-Pullover. Der eingefleischte Disney-Fan aus Kalifornien ist auf der Suche nach Hosen, die die gleiche Farbe haben wie Arielles Flosse oder einer gelben Bluse, die an Belles Ballkleid aus Die Schöne und das Biest erinnert. Warum? Sterling gehört zu der stetig wachsenden Gruppe der sogenannten Disneybounders – Frauen (und einige wenige Männer), die sich in Vorbereitung auf ihren Besuch in einem der Themenparks mühevoll geplante Outfits zusammenstellen, die an ihre Lieblings-Figuren aus dem Disney-Universum erinnern.

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Eigentlich ist Sterling mit 26 Jahren schon ein wenig zu alt, um sich zu verkleiden. Disneybounding – oder auch nur kurz Bounding genannt – ist allerdings ein Trend, der passgenau auf nostalgische Millennials wie Sterling zugeschnitten ist. Menschen, die damit groß geworden sind, sich Disney-Klassiker wie Aladdin, Der König der Löwen und Toy Story auf VHS anzusehen und inzwischen ihren Feierabend damit verbringen, durch Bildergalerien zu scrollen, die zeigen, wie Disney-Prinzessinnen als Mütter aussehen würden.

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Ein Bericht über die emotionale Bindung zwischen Konsumenten und Marken, der vor Kurzem erschienen ist, kam zu dem Schluss, dass die Themenparks von Disney für Millennials "die vertrauteste Marke" darstellen und die Kids der 90-Jahre die Loyalität behalten haben, die ihnen schon als Kind eingeimpft wurde. Und weil sie inzwischen in ihren Zwanzigern oder Dreißigern sind, haben sie nicht nur die Zeit, sondern auch das Geld, um noch eine Schippe draufzulegen.

Sterling ist nur eine kurze Autofahrt von dem Disneyland Resort im kalifornischen Anaheim aufgewachsen. Ihr Partner Leo Camacho und sie sind inzwischen eines der bekannteste Paare der Szene. "Als Kind war ich die ganze Zeit [in dem Park]. Disney gehörte einfach zu meiner Kindheit dazu", erzählt sie. Während ihre Freunde als Teenager ein Auslandsjahr machten, blieb Sterling lieber zu Hause, um sich einen langgehegten Wunsch zu erfüllen: im Disneyland zu arbeiten. In ihren Zwanzigern entdeckte sie dann schließlich die Community der Disneybounder.

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"Bounding ist ein Augenzwinkern an andere Fans", erklärt Courtney Lear, die Vertriebsleiterin von Unique Vintage, einer kalifornischen Modemarke, die inzwischen schon mehrere von Disney inspirierte Kollektionen für die Zielgruppe 25 bis 35 herausgebracht hat. "Dahinter steckt die Idee, sich zu verkleiden, in den Freizeitpark zu gehen und in der Menge nach anderen Ausschau zu halten, die zum Beispiel ein senfgelbes Kleid mit einer roten Jacke tragen, ihre Haare zu zwei kleinen Dutts verknotet haben und eine Bienenkette um den Hals tragen. Man wirft dem anderen einen Blick zu, wie um zu sagen: 'Hey, ich weiß, wen du darstellen möchtest. Du bist Winnie Puuh.'" Weil die Outfits nicht zu offensichtlich nach Kostümen aussehen dürfen, müsse man wissen, wonach man Ausschau hält. "Eine Art Insider-Club für Disney-Fans."


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Der Name "Disneybounding" wurde von der Bloggerin Leslie Kay geprägt, einer anderen Mitzwanzigerin, die einen Tumblr-Blog gegründet hat, um ihre Disney-Outfits auszustellen. Eigentlich hat das Ganze damit begonnen, dass sie und eine Freundin einen Sommer lang in ihren selbst zusammengestellten Disney-Outfits in die Freizeitparks gegangen sind. Sie wollten unbedingt zeigen, dass sie riesige Fans waren, gleichzeitig aber auch nicht gegen das strenge Kostümverbot der Freizeitparks verstoßen. Das schreibt vor, dass Besucherinnen und Besucher über 14 Jahre keine Verkleidungen mehr tragen dürfen. Schließlich kam Kay auf die Idee, ihre Lieblings-Figuren mit ganz normalen Klamotten in den passenden Farben und mit kleinen Accessoires wie zum Beispiel einer Muschelkette oder gepunkteten Schuhen nachzustellen.

"Damals hatte ich nicht viel Geld und musste nehmen, was ich in meinem Kleiderschrank gefunden habe. Ich habe dazu nur noch ein paar Teile bei Walmart gekauft", sagt sie. "Das erste Outfit, das ich zusammengestellt habe, war Rapunzel, weil Rapunzel – Neu verföhnt damals gerade neu herausgekommen ist. Dann fing ich an, nach und nach alle Disney-Prinzessinnen darzustellen. So hat alles angefangen."

"In der Schule kannten mich alle nur als das seltsame Mädchen, das total auf Disney stand."

Als Kay das (zuvor noch verborgene) Ausmaß ihrer Liebe zu Disney mit der Welt teilte, stieß sie auf viele Gleichgesinnte. Schon nach kurzer Zeit gab sie ihren Job als Rechtsanwaltsfachangestellte auf und kümmerte sich von da an hauptberuflich um ihre Webseite The Disneybound. Inzwischen verbringt sie den Großteil ihrer Zeit damit, Outfits für ihre stetig wachsende Fangemeinde zusammenzustellen. Auf Instagram hat sie 26.700 Follower und Facebookgruppen wie Disneybounders Unite zählen rund 11.000 Mitglieder. Zu ihren neuesten Kreationen gehören unter anderem Olaf, der Schneemann aus Frozen, den sie mit weißen Shorts von River Island, weißen Sandalen von H&M, kohlschwarzen Ohrringen und einer Karotten-Kette nachahmt und Klopfer, der Hasen aus Bambi, dessen pelzige Brust sie symbolisch durch ein Rüschen-Top von Hollister darstellt.

"Manche Figuren sind wirklich schwer", sagt Kay. "Tiggers Streifen können zu einer echten Katastrophe werden und Arielles Farbkombination sieht im wahren Leben einfach nicht gut aus. Doch solange dir gefällt, was du anhast, wirst du sicher auch Spaß haben."

Die Kollektion von Unique Vintage wurde durch die Attraktionen der Disneyland-Parks wie Adventureland (links) und Filmen wie 'Arielle, die Meerjungfrau' inspiriert. Foto: Unique Vintage

Das Interesse an den Disneyboundern und der Einfallsreichtum der Fans wurde mit der Zeit immer größer. Unique Fashion bringt diesen Sommer die vierte Disney inspirierte Kollektion heraus – nur dieses Mal dienen die Disney-Parks selbst als Inspiration. Warum sollte man Mickey auf der Brust tragen wollen, wenn man gleich die gesamte Geistervilla oder Adventureland darstellen kann?

"Im vergangenen Jahr sind wir innerhalb der Bounding-Comminity immer wieder auf den Wunsch gestoßen, noch einen Schritt weiterzugehen und noch kreativer zu werden", sagt Lear. "Viele haben damit angefangen, Nebenrollen darzustellen, zum Beispiel Tassilo aus Die Schöne und das Biest anstatt Belle. Je nischiger Bounding wird, desto mehr Spaß macht es. Wer erkennt, dass du Phil aus Hercules darstellen möchtest, der muss ein riesiger Disney-Fan sein."

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Sterling ist derselben Meinung: "Meine Lieblings-Disneybounder sind die, deren Outfits man sich ansieht und denkt: 'Wo hat er das nur gefunden?' Es ist beeindruckend, wenn jemand nicht ganz eindeutig erkennbare Figuren darstellt, man sie aber trotzdem sofort erkennt. In letzter Zeit habe ich immer mehr Muppet-Figuren gesehen, die mich echt umgehauen haben. Wie soll man zum Beispiel Tier darstellen? Aber auch das habe ich schon gesehen."

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Disneybounding hat dem heimlichen Hobby von Disney-Fans wie Sterling eine ganz neue Bedeutung gegeben. "Die Disney-Fangemeinde hat sich in den vergangenen fünf Jahren total verändert. Die Veränderungen, die man beobachten konnte, waren vollkommen verrückt. Inzwischen ist die Community extrem aktiv. Als ich selbst noch zur Schule gegangen bin, sah das noch ganz anders aus."

Auch Disneybounding hat ihrer Meinung nach viel zu dieser Entwicklung beigetragen, weil es Fans weltweit die Möglichkeit gibt, miteinander zu kommunizieren und sich zu vernetzen. "In der Schule kannten mich alle nur als das seltsame Mädchen, das total auf Disney stand", sagt Sterling. "Wenn ich die Leute jetzt wiedersehe, sagen sie: 'Du stehst noch immer auf Disney? Das ist cool.'"

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