Nötigung

Ein Kind muss ins Krankenhaus, doch drei Männer blockieren mit Möbeln den Rettungswagen

Kinder und Jugendliche mussten eingreifen, weil die Polizei es nicht mitbekommen hat.
18.7.17
Symbolfoto: imago | Ralph Peters

Nehmen wir an, du wachst morgens auf und beschließt, etwas unfassbar Dummes zu tun. Du könntest dein schönstes Hakenkreuz-Shirt anziehen und ein Rechtsrock-Konzert besuchen, bei dem dich dann Dutzende Journalisten fotografieren. Oder du hinderst einen Krankenwagen daran, ein verletztes Kind ins Krankenhaus zu bringen, während ganz in der Nähe die Polizei steht. Genau das ist am Montagabend in Meerbusch in NRW passiert.

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Auf einem Spielplatz war ein Zwölfjähriger von einem Bauwagen gestürzt und hatte sich dabei verletzt. Wie bei solchen Rettungseinsätzen üblich vertrieb eine herbeigerufene Polizeistreife unbeteiligte Personen vom Unfallort, damit die Sanitäter ihre Arbeit machen konnten. Darunter auch einen 19-jährigen Mann aus der Nachbarschaft, der es womöglich nicht ganz so gut verkraftete, dass er dem Einsatz nicht weiter zuschauen durfte.


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Wie eine Sprecherin der Polizei gegenüber VICE mitteilte, standen die Einsatzwagen auf einem schmalen Fußgängerweg, der zu dem Spielplatz führte. Weil der Krankenwagen hinter dem Polizeiauto stand, konnten die Polizisten nicht sehen, was unterdessen hinter ihnen passierte.

Wie Zeugen später berichteten, schoben drei mutmaßliche Täter eine Mülltonne hinter den Krankenwagen und legten Möbelteile in den Weg, aus denen spitzes Metall ragte – und das, während die Polizei in unmittelbarer Nähe stand. Zwar handelte es sich dabei laut der Polizeisprecherin um "keine Barrikade, die den Krankenwagen lange hätte aufhalten können", dennoch war deutlich, dass die mutmaßlichen Täter den Abtransport des verletzten Jungen verhindern wollten. Dank mehrerer Kinder und Jugendlicher kam es nicht so weit: Sie räumten die Hindernisse zur Seite, damit der Rettungswagen abfahren konnte.

Der 19-Jährige wurde von der Polizei vernommen, bestreitet aber die Tat. Zu möglichen Motiven ist bisher nichts bekannt. Gegen ihn und die anderen beiden Unbekannten wird nun wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Nötigung ermittelt.

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Die Polizeisprecherin sagte, sie kenne aus eigener Erfahrung keinen Fall, bei dem Rettungskräfte aktiv behindert worden seien. Mit Gaffern habe die Polizei häufiger zu tun, diese hielten jedoch meist Abstand zum Unfallort.

Zuletzt eskalierten gleich drei Polizeieinsätze in Duisburg, bei denen Schaulustige die Beamten teilweise aktiv behinderten. Unter anderem zog ein Knöllchen an einen Falschparker 250 Gaffer an. Die Polizei nahm einen von ihnen fest, andere Gaffer versuchten daraufhin, ihren Artgenossen zu befreien. Die Polizei setzte Pfefferspray ein.

Auch beim Busunglück auf der A9 in Oberfranken, bei dem 18 Menschen starben und 30 verletzt wurden, kamen die Rettungsfahrzeuge lange Zeit nicht zur Unfallstelle, weil die Rettungsgasse deutlich zu schmal war. Auf der Gegenseite verursachten Gaffer gleichzeitig beinahe weitere Unfälle. Verkehrsminister Alexander Dobrindt zog Konsequenzen: Wer keine Rettungsgasse bildet, muss heute 200 Euro zahlen, statt wie bisher 20 Euro, und kassiert zwei Punkte in Flensburg. Zudem können Gaffer, die die Rettungskräfte behindern, seit Ende Mai mit bis zu einem Jahr Gefängnis bestraft werden.

Auch wenn der Zwölfjährige laut Polizei vermutlich keine schweren Verletzungen hatte, können solche Fälle auch anders ausgehen. Vor einem Jahr hatten Unbekannte in Essen einen Reifen eines Notarztwagens zerstochen. Der Rettungswagen dahinter war so blockiert, dass die Sanitäter ihren 60-jährigen Patienten nicht mehr rechtzeitig in die Klinik fahren konnten, um ihn dort wiederzubeleben.

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