Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Mathias Vef

Körper in Auflösung: Dieser Künstler malt mit GBL

Thomas Vorreyer

Thomas Vorreyer

Mathias Vef lässt Bodybuilder, Berghain-Schönheiten und Game-of-Thrones-Stars unter einem Drogenschleier verschwinden.

Alle Bilder mit freundlicher Genehmigung von Mathias Vef

In Mathias Vefs WG-Zimmer-großen Berliner Studio, einen Kaffeebecherwurf entfernt von der alten Mauergrenze, scheinen die Wände zu tanzen. Auf den Bildern des Künstlers sind Ballett-Tänzer wie zu einem Tornado verschlungen, muskelspannende Bodybuilder stehen in Flammen und ein Pornodarsteller hängt vornübergebeugt mit seinen Lippen am Schwanz eines Kollegen. Vefs Pinselstriche lassen den Schaft verschwinden und versetzen den Kopf statt in ein Auf-und-Ab in eine Rotation. Die Augen des Mannes sind geschlossen, bleiben vom Künstler unberührt, er verharrt im Spiel versunken. "Die konzentrieren sich vollkommen, die Anspannung spricht aus ihren Gesichtern, gleichzeitig ist der Körper erregt, wie in einer Alarmsituation", sagt er über den Akt. "Mich drängt es, da hin zu schauen."

Die Körperstürme und Blase-Strichmännchen entstehen aus Porträtfotos, die Mathias Vef mit Gamma-Butyrolacton oder GBL bearbeitet, dem Ausgangsstoff für die Droge GHB. Wenige Tropfen von ihr können euphorisch machen, die Wahrnehmung dämpfen und auch erregen. Doch eine Überdosis kann bereits bei unwesentlich größeren Mengen auftreten und zu einem kritischen Abfall des Sauerstoffgehalts im Blut, Atemstillstand oder Bewusstlosigkeit führen. Bei Mathias Vef erzeugt GBL, kurz: G, vor allem Leben.

"G wirkt auf den Prints so, wie es als Droge wirkt: Es löst auf, lässt Hemmungen verblassen", sagt Vef. Viele würden denken, er selbst sei high beim Malen. Dabei trägt er stets eine schwere orange-schwarze Atemmaske über Mund und Nase, die auch den breiten Schnäuzer des muskulösen Künstlers verdeckt. Seit zwei Jahren arbeitet er mit seiner Technik.

Die Fotos schießt er selbst, bearbeitet die Farben anschließend am Computer, gibt ihnen oft ein fahl-metallisches Blau. Betrachter erinnere der Ton oft an Viagra, sagt er. Dann druckt er die Bilder mit einem Laserdrucker auf weiches Papier oder macht einen Plakatdruck, bevor er das G aufstreicht, -spritzt und -kratzt. Die Körper verformen sich, einem Model etwa scheint plötzlich der Kopf zu brennen, mit dem G hat Vef sein Gesicht aufgelöst, Striche schießen ihm aus der Stirn. "G ist ein Äther, der manche Sachen auflöst und andere möglich macht", sagt Vef über seinen Werkstoff.

Doch das Industriereinigungsmittel, das Vef aus Polen bezieht, löst nicht nur die Farbpigmente und damit die Körperformen auf, sondern verätzt auch seine Pinsel und die blau-gelbe Pflanzenschutzmittel-Spritzpistolen innerhalb weniger Wochen. Zuerst hatte er mit Barbie-Puppen vom Flohmarkt experimentiert, die er mit GBL verformte. Dann begann er mit den Bildern.

Die Inspiration, überhaupt mit einer allgegenwärtigen Substanz wie GBL zu arbeiten, habe er unter anderem bei Sarah Schönfeld gefunden. Die Künstlerin hatte für ihr Werk "Hero’s Journey (Lamp)" über 1.000 Liter Urin auf den Toiletten des Berghains gesammelt, in eine ausgeleuchtete Vitrine gegossen und so zu einer Art Altar geformt. Vef verwendete dann GBL, weil es unter Feiernden als Droge und bei Bodybuildern als Dopingmittel beliebt ist – zwei Szenen, die ihn und seine Kamera immer wieder anziehen.


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Seine Models findet Vef ebenfalls im Berghain, aber auch im KitKatClub, im Bekanntenkreis und auf Kreuzfahrten. Auf einem tuckernden Schiff habe man mehr Zeit, sich zu unterhalten und das Konzept zu erklären, sagt er. Die Menschen auf seinen Bildern sind oft tätowiert oder aufgepumpt, Vef sagt, ihn interessiere vor allem, wie die Leute ihrer Körper selbst "hacken". Rummelsnuff etwa, der Ostberliner Muskelberg, der als Türsteher im Berghain und Sänger postmoderner Arbeiterlieder bekannt geworden ist, verblasst jetzt unter Vefs G-Schleier. Oder Vefs guter Freund Tom Wlaschiha, der in der Serie Game of Thrones passenderweise den mysteriösen Anführer der Faceless Men spielt. Auf Vefs Bildern wirkt er plötzlich wie in einem Eisblock eingefroren – mitsamt den Luftblasen stummer Schreie.

Tom Wlaschiha, porträtiert von Mathias Vef

"Einerseits nehme ich etwas weg, andererseits kann ich nicht beliebig viel wegnehmen – was ich dem Bild nicht mehr zurückgeben kann", sagt Vef. Es gebe da eine schmale Grenze, "so wie bei GHB". Selbst erfahrene Konsumierende fallen regelmäßig in Ohnmacht, das hat gerade erst wieder eine große Nutzerbefragung ergeben. Vef selbst habe Bekannte gehabt, die an der schwer zu dosierende Droge gestorben seien. Er findet es gut, dass viele Clubs ihre Besucher streng auf Drogen kontrollieren. GHB erfordere von den Konsumierenden eine große Verantwortung.

Seine Werke sollen weder belehrend sein noch GHB feiern, sagt der Künstler. Für manche drücke die Droge schlicht den herrschenden Zeitgeist aus. Denn während Drogen wie MDMA vorranging in den Serotonin-Haushalt eingreifen, wirkt sich GHB vor allem auf das Dopamin in unseren Körpern aus. "Wie eine Pushnachricht auf dem Smartphone auch", sagt Vef.

Mathias Vef zeigt einer Auswahl seiner G-Bilder und anderer Arbeiten unter dem Titel "On G / Non G" vom 17. Juni bis Oktober 2018 im AxelBeach auf Ibiza.

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