Rudis Brille

Red Bull Music-Schlangenstehen, Donaukanal und viel OpenAir – Wien im Frühling

Das Red Bull Music Festival lässt uns etwas ratlos zurück, Neues übers Horst und was der Frühling noch so bringt.

von Rudi Wrany
16 Mai 2018, 12:43pm

Alle Fotos: Isabella Khom

Nach dem unnötig langen Winter war das Bedürfnis der Feiermeute nach Wärme und Sonne dieses Jahr so groß wie nie. Bereits Ende März tanzten viele bei fünf Grad in der Pratersauna bei Kein Sonntag ohne Techno und seither überfallen uns OpenAirs aus jeder Ecke. Das ist gut so, denn zweifelsohne besteht einfach ein großer Bedarf nach Tanzen im Freien. Selbstverständlich gefällt das wiederum nicht jedem – ein leises Grillenzirpen reicht ja bekanntlich schon, um Gesundheitsgefährdung zu erkennen.

So wird etwa am Donaukanal weiterhin aufgelegt – ich vergleiche das aber ein bisschen mit einer Statistenrolle im Film – und man tut so, als ob, und raus kommt wenig bis gar nichts. Wie gesundheitsgefährdend ist eigentlich auflegen unter zehn Dezibel? Denn 60 können das auch nicht sein, die man etwa am Tel Aviv Beach hört. Aber diese Dezibel-Vorschriften grenzen für mich ohnehin an Schikane. Davon können auch andere große Clubs in der Stadt ein Lied singen, beziehungsweise keines mehr spielen. Einmal im Jahr, ja einmal im Jahr hingegen, wird auch am Kanal gezeigt, dass es laut sein darf – beim Donaukanaltreiben. Ansonsten herrscht Dosenbier-Wanderung zwischen all den neuen schicken und weniger schicken Bars. Wollte man nicht die konsumfreie Zone erweitern?


Andere OpenAir-Locations boomen hingegen: Was den Cobenzl betrifft, hat sich der Schreiber allerdings geirrt. Nie hätte ich mir gedacht, dass der ansonsten so zentrumsfixierte Wiener auf einen stadtnahen Berg feiern geht, wo es keinen Taxistand gibt, nur wenige WCs und alles ein wenig an die alte Meierei erinnert. Es reichen ein Ausblick über Wien und ein gutes Soundsystem, schon nimmt man Wegzeiten in Kauf, die man ansonsten heim zu Mami und Papi nach Hannover benötigt.

Uber sei Dank gibt es halbwegs günstige Mitfahroptionen und schon ist sie fertig – die perfekte Sommerlocation. Egal ob Tanz Durch den Tag, Merkwürdig oder Alles Banane. Es läuft für Veranstalter am Cobenzl, auch wenn hier manchmal gerne die Behörde vorbeischaut, ob es nicht zu voll ist: Auf die Wiese legen und warten hilft. Leider soll im Herbst damit Schluss sein und dann muss man wieder stadteinwärts. Es sei denn, es findet sich noch ein Plätzchen am Kahlenberg.

Auch die CREAU mach vieles richtig – ebenfalls eine temporäre Venue. Hier gibt es in den nächsten Wochen ebenfalls viele Events von Tanz Durch das Tarab, Deep Baked, Jessas und ähnlichem. Vor allem wenn Tanz durch den Tag draufsteht, kommen die Massen. Eigentlich immer zu viele. Dann herrscht Chaos und alle beschweren sich – zu wenig Platz, Bars, Bier, zu viele Leute. Trotzdem kommen alle wieder. Phänomenal, wie masochistisch die Wiener trotz Raunzen sind.


Wer gerne zwischen historischen Gebäuden tanzt, ist zwischen den Museen gut aufgehoben. Mal mehr (Gegenwind am 30.5.), mal weniger politisch. Dank der App "Bloom", weiß man ja, wo gerade das nächste heiße Dosenbier-OpenAir läuft, oder wo gerade zu Downbeat gechillt wird. Gerade letzte Woche gab es einige Gelegenheiten. Die gewitzten Organisatoren stellen sich schnell im Prater auf, raven ein bisschen und spielen Schnitzeljagd mit der Polizei.

Wahrscheinlich kam die auch nur, weil wieder ein Anwalt anrief, der selbst noch vor drei Jahren mit Dosenbier im Prater stand und jetzt eine neue Wohnung in den vielen neuen Bobo- und Hipster-Vierteln dieser Stadt besitzt, für die alle Freiflächen zugebaut werden. Und das alles nur, weil irgendwo ein paar Kunststudenten Techno hören. Ich bin ja gespannt, ob die Nordbahnhalle hierfür auch noch entdeckt wird.

Apropos Prater: Unter der Patronanz des trinkbaren Gummibären wurde das Red Bull Music Festival im Wiener Prater abgehalten (auch Noisey hatte dort einen Waggon, wir entschuldigen uns hiermit für jegliche Unannehmlichkeiten!), in dessen Rahmen die gesamte österreichische Musikszene eine Plattform erhalten sollte: Vom Nino aus Wien bis zu Kruder & Dorfmeister, von Camo & Krooked bis Yung Hurn war alles vertreten, was Rang und Namen hatte.

"Aber Felix Baumgartner und Ferdinand Wegscheider kreisen als Wutadler über allen Events mit dem Stier. Das war früher anders."

Selbst Falco habe ich dort gesehen, ich glaube zumindest, er hat da noch gelebt. Leider hielt die Organisation nicht ganz mit dem bemühten Plan mit – die Gondeln waren zu überfüllt, beziehungsweise brachten sie das Riesenrad zum Schwingen, auf den verschiedenen Floors war es infolgedessen ebenso ungemütlich. Die Kritiken waren äußerst bescheiden für Durchführung und Organisation – weniger für die Idee. Fraglich, ob dieses Konzept an diesem Ort Zukunft hat – ganz abgesehen von der Diskussion, die sich im Vorfeld darüber entspann, wie sehr man Red Bull noch trauen darf, these days – wenngleich die Music Academy bisher redliche Arbeit geleistet hat, das sei durchaus erwähnt. Aber Felix Baumgartner und Ferdinand Wegscheider kreisen als Wutadler über allen Events mit dem Stier. Das war früher anders (besser sowieso).

Ansonsten gibt es natürlich auch dieses Jahr wieder die üblichen Anlaufstellen: Am Dienstag das Techno Café (ab jetzt), Mittwoch Albert und Tina (ab 6.6.), an einigen Sonntagen der 5 Uhr Tee (ab 8.7.) und diverse Ausflüge der KSOT-Crew, so etwa dieses Wochenende im Auer von Welsbach Park.

Bereits erwähnt hatte ich ja einmal das Festival Summer of Love, das sich nun über zwei Tage (13.7. und 14.7.) erstreckt und die Psytrance-Fraktion einbaut, die übrigens ebenfalls viele OpenAirs plant, unter anderem auf der Donauinsel. Das Festival wird es nun Nina Kraviz – auch dank Hyperreality – ermöglichen, sämtliche soziale Schichten aus Wiens Randbezirken zu bespaßen. Immerhin ist sie Wiens best bezahlte DJ in diesem Jahr (weil sie zwei Mal spielt).



Mehr verdiente wohl auch Solomun im Horst nicht, als er kürzlich dort eine seiner raren Österreichshows spielte: Die 360-Grad-Bilder des vollen Clubs, auf denen jeder gefühlt drei Handys in die Höhe hielt, um diesen historischen Abend festzuhalten, waren weltberühmt in Wien und den sozialen Medien. Man muss dabei gewesen sein, man hat etwas verpasst. Als ich am nächsten Tag gefragt wurde, wie die Musik war, antwortete ich: "Äh … ja eh."

Aber Horst hat alles eingeladen, was Rang und Namen hatte – mit der Erkenntnis, dass auch hier weniger mehr sein hätte können. Sechs absolute Superstars innerhalb weniger Wochen hält kein Portemonnaie aus, das muss sich ändern. Wird es sich auch, denn bereits im August geht es wieder weiter – auf ein Neues. Aber die geschickten Marketingprofis closen jetzt mal so richtig vor sich hin, posten "das letzte und das wirklich allerletzte Bier" und in drei Monaten wird dann wieder frisch "grand" geöffnet: Frisches Bier! Fair enough, so läuft der Markt. In einigen Wochen werden wir auch mehr über die neue Location wissen, über die ja schon viel getuschelt wird.

In Graz wiederum gibt es auch dieses Jahr wieder ein stimmiges SpringFestival: Vom 13. bis 17. Juni werden in diversen Locations wieder viele internationale und nationale Acts in Graz aufschlagen: Kruder & Dorfmeister, Âme, Jan Blomqvist & Band, Mefjus mit seiner Manifest-Album-Präsentation, sowie viele Konzerte unter anderem von Mavi Phoenix und Jugo Ürdens. Auf 14 Stages treten 100 Künstler auf, erstmals gibt es auch eine OpenAir-Bühne im Augartenbad und sogar die legendäre Murinsel wird beschallt. Diesmal übrigens endlich nicht am selben Wochenende wie das Lighthouse Festival. Man sollte in Graz vorbeischauen.

Doch Österreich wäre nicht Österreich, daher zu guter Letzt der Treppenwitz – auch Terminabsprachenkalauer genannt. Wie sonst kann es passieren, dass folgende Events ALLE am selben Wochenende stattfinden? Nämlich an jenem des 1. und 2. Juni – noch dazu ein langes Wochenende? Lighthouse Festival (ausverkauft – 2500 Wiener weg), Hypnotic Festival, Life Ball samt legendärer Afterhour, Donaukanaltreiben, Faith mit Innervisions (Sauna), sowie viele lustige kleine OpenAirs. Nur die Horstbetreiber liegen da schon mit den Cocktails auf dem Liegestuhl …Sommerpause. Gönnt euch!


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