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Sex machina

Hat irgendjemand wirklich Sex auf Clubtoiletten?

Das Klo gilt als ultimativer Rückzugsort für Leute, die es einfach nicht erwarten können, übereinander herzufallen. Wir haben den Realitätscheck gemacht.

von Maria Yagoda
07 August 2017, 7:15am

Foto: imago | allOver-MEV

Jetzt, wo ich alt und desillusioniert bin, reaktiviere ich meinen Tinder-Account nur noch, um auf Reisen Tipps für gute Restaurants zu bekommen. In meinem Leben gab es allerdings auch eine Zeit, so um 2014 rum, in der ich locker drei Dates pro Woche hatte. Bei einer dieser Verabredungen – wir hatten hatten den Smalltalk-Teil bereits hinter uns gebracht und waren heftig am Flirten – musste ich nach meinem dritten Glas Bier schließlich dringend aufs Klo. Als ich mich vor den Treppen zu den Toiletten umdrehte, stand er plötzlich hinter mir und küsste ich. Als ich meinen Weg fortsetzte, folgte er mir plötzlich. "Ich muss wirklich auf Toilette!", rief ich ihm zu. Doch als ich die Tür zur Frauentoilette aufstieß, küsste er mich weiter. Da wurde mir klar: Er wollte, dass wir es auf dem Klo treiben.

"Ich komm' mit dir mit", sagte er. "Sicher nicht", antwortete ich.

Ich bin jemand, der offen über Sex schreibt. Erst heute Morgen habe ich eine Nachricht von einem Fremden bekommen, der meine Vagina als eine "durchgenudelte, öffentlich zugängliche Muschi auf Fentanyl" bezeichnete – mich schockiert also so schnell nichts. Aber eines muss ich sagen: Ich war schon schockiert, dass dieser Mann dachte, dass wir es in einer öffentlichen Toilette treiben würden. Nichts an dieser Vorstellung hat mich irgendwie angemacht. Ja, da war zum einen das Hygiene-Problem. Meine größte Angst war aber, dabei erwischt zu werden und Ärger zu bekommen. Außerdem wusste ich noch gar nicht, ob ich überhaupt mit ihm schlafen wollte. Immerhin hatte er sich im Verlauf unseres Gesprächs als "Klassik-Junkie" bezeichnet.

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Obwohl ich persönlich so einige Bedenken habe, regt die Vorstellung von Sex auf einer öffentlichen Toilette immer noch die Fantasie vieler Menschen an – auch wenn der prozentuale Anteil der Bevölkerung, die tatsächlich so mutig und neugierig darauf sind, es auch wirklich zu tun, relativ gering ist. Die Onlinedating-Plattform OkCupid hat im Rahmen ihrer "Daters' Choice Awards" unter anderem Menschen aus New York gefragt, welche Bars die besten Toiletten für einen Quickie hätten. Home Sweet Home in der Lower East Side ging als Sieger hervor, wir sehen also: Das ist wirklich etwas, das Menschen tun. Auch in der Popkultur gehört Toiletten-Sex fest zum Inventar dazu. Kanye West wird sich bei der Textzeile "Come and meet me in the bathroom stall" schon irgendetwas gedacht haben.

Als ich meine Freunde frage, ob jemand von ihnen schon mal Sex auf einer öffentlichen Toilette hatte, erhalte ich ein überwältigendes Nein als Antwort. Wer es tatsächlich schon mal getan hatte, war nicht sonderlich angetan. "Neben Sex unter der Dusche – der niemals so gut ist, wie er sich anhört – hatte ich auch schon mal Sex auf Toilette. Es war unbequem, total eng und einfach nur eine dumme Idee", erzählt mir eine Freundin. Dabei handelte es sich noch nicht mal um eine öffentliche Toilette.


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Je mehr Menschen ich allerdings danach fragte, umso mehr fand ich, die tatsächlich schon positive sexuelle Erlebnisse zwischen Klodeckel und Kabinentür hatten. Eine Frau erzählt mir, dass sie mit jemandem, mit dem sie gerade angefangen hatte zu tanzen, Richtung Toiletten ging. "Unsere Hände wanderten umher und auf einmal ziehe ich ihn ins Damenklo und stehe gebeugt über einer Toilette. Alles, während ich höre, wie andere Frauen Drogen nehmen, pinkeln oder gegen die Tür hämmern und uns sagen, wir sollten uns beeilen", erzählt sie mir. "Ich würde dem Ganzen 12 von 10 Punkten geben, aber ich würde es nicht noch einmal machen. Ich bin keine 20 mehr."

Carmen Ali, eine Stand-up-Comedian aus London, die in ihrem Blog auch über Sex schreibt, erzählt mir von ihrem Toiletten-Quickie: Ihr hat es Spaß gemacht und sie fand es ziemlich aufregend. Richtig befriedigend war es allerdings auch nicht, weil für ein gutes Vorspiel einfach Zeit, Platz oder Hilfsmittel fehlten.

"Mein Ex-Freund wollte, dass wir aus Spaß mal in die Scientology-Kirche gehen. Wir gingen hinein, aber da war keiner, also gingen wir zu den Toiletten und hatten in einer der Kabinen Sex", beschreibt sie ihre Erfahrung. "Mein Problem mit Quickies ist nur, dass es für Frauen nicht genug Zeit für ein Vorspiel gibt. Ich komme bei einem Quickie meist nicht – dafür bräuchte ich einen Vibrator und müsste liegen."

"Das war schon geil, aber bäh! Ein Männerklo in einem Club ist einfach ekelhaft."

Für eine andere Frau, mit der ich gesprochen habe, liegt der Reiz von Toiletten-Sex darin, dass er so gar nicht ihrer Persönlichkeit entspreche.

"Ich war in einer der berühmten Ruinenbars in Budapest und tanzte allein auf einem der vielen Dancefloors zu Dubstep. Dann kam ich mit dieser süßen Türkin ins Gespräch", erzählt sie. Als es zwischen den Beiden heiß wurde, verzogen sie sich schließlich auf ein Damenklo und machten dort weiter. "Meine Hände waren schon in ihrer Hose, als einer der Securitys kam und uns rausschmiss. Draußen hatte sich schon eine Schlange mit Mädels gebildet, die pinkeln mussten. Also rannten wir raus, und riefen kichernd: 'Securitys, [hier sind] Lesben!'"

Die Autorin ist nicht überzeugt.

Eine andere Frau hat eine etwas andere Erfahrung mit Clubtoiletten-Sex gemacht: "Wir trafen uns in einem Club, wir kannten uns nicht und nachdem wir uns ein paar Minuten lang geküsst hatten, zog er mich zum Männerklo und wir hatten in einer der Kabinen im Stehen Sex. Ich glaube, irgendjemand hat auch über die Türwand geguckt. Das war schon geil, aber bäh! Ein Männerklo in einem Club ist einfach ekelhaft."

Die Männer, die ich dazu befragt habe, waren sich einig, dass ein Quickie auf dem Klo vor allem deshalb reizvoll sei, weil er einen Ausbruch aus der Routine bedeute. Niemand von ihnen mache das regelmäßig – oder sei überhaupt willens, es noch einmal zu versuchen. Auch die klinische Psychologin und zertifizierte Sextherapeutin Megan Fleming sieht den Akt als "erotisches Element, das das Brechen einer Regel" beinhaltet und aus den voyeuristischen und exhibitionistischen Fantasien vieler Menschen schöpfe.

Allerdings: "Zwischen einer Fantasie und dem, was einen wirklich antörnt, besteht ein großer Unterschied", sagt Fleming. "Ich mag den Gedanken, eine Bank auszurauben und mir nie wieder Gedanken über Geld machen zu müssen. Doch ich habe kein Interesse daran, das auch wirklich zu tun." Ihren Klienten empfehle sie, ihre Fantasien erst einmal "probeweise" auszuleben. Also eine Situation zu schaffen, die dem Traumszenario nahe kommt, sie aber nicht direkt überfordert.

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Anders gesagt: Ob etwas, das man sich in der Fantasie ausmalt – zum Beispiel gegen eine klebrige Klokabinenwand gedrückt zu werden, während draußen Leute mit voller Blase gegen die Tür hämmern –, auch wirklich so antörnend ist, wie man es sich vorstellt, weiß man vorher nicht (und kann man auch nicht wissen). "In der eigenen Fantasie hat man alles unter Kontrolle, den Ort, die Personen, einfach alles, was passiert. Das ist im echten Leben nicht so", erklärt die Expertin.

"Schon mal daran gedacht, wie klein so eine Toilette sein kann? Und wenn es eine öffentliche ist, wie sie vielleicht riecht oder wie schmutzig sie ist? Und wenn man erwischt wird? Wird man vielleicht bloßgestellt? Oder wird man aus einem Laden rausgeworfen, wo man eigentlich echt viel Spaß hatte? Das sind nur ein paar der Dinge, die ich bedenken muss, wenn ich darüber nachdenke, eine Fantasie – die immer erregend ist – in die Realität umzusetzen."

Vor eurem ersten Toiletten-Sex solltet ihr also eure Erwartungen entsprechend anpassen. Und wahrscheinlich anschließend ein Bad in Desinfektionsmittel nehmen. Sicher ist sicher.

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