Meinung

Der Karneval 2019 hat ultimativ gezeigt, dass Deutsche keinen Humor haben

Aschermittwoch. Gott sei Dank, es ist vorbei!

von Juri Sternburg
06 März 2019, 10:29am

Foto: imago | JOKER

"Ein deutscher Witz ist nichts zum Lachen", schrieb Mark Twain und lag damit richtig. Die Deutschen an sich haben schon lange nichts mehr zu lachen. Im Endeffekt seit Stalingrad, wo der deutsche Übermut wunderbarerweise zu Fall gebracht wurde. Was die Deutschen leider nicht davon abhält zu denken, sie könnten über Humor und seine Grenzen entscheiden. Oder sogar stellenweise selber lustig zu werden. Der Karneval 2019 und sein Rattenschwanz waren ein Paradebeispiel für die Selbstüberschätzung der schunkelnden Germanen im Biene-Maja-Kostüm. Und auch ein Beleg für die Langeweile in deutschen Debatten.

Die jüngst entstandene Aufregung rund um die nach alten Menschen müffelnden Witze irgendwelcher Alleinunterhalter aus dem Ruhrgebiet, die sich rund um den Rosenmontag ein paar Euros damit verdienen, in vor Schweiß triefenden Turnhallen ihre spießigen Kalauer abzulassen, ist belastender als so manches anonymes Sodomie-Treffen. Und glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede. Ich arbeite schließlich für VICE. Tusch!

Besonders auf Twitter, der Plattform, auf der sich Empörung und Beleidigtsein oft an der Zahl der möglichen Likes orientieren, war die Aufregung enorm. Aber was will man auch erwarten von einem Medium, auf dem Sophie Passmann und Jan Böhmermann als Nonplusultra der pointierten und aufklärerischen Komik gelten. Auf der sich Online-AktivistInnen jeglicher Couleur versammeln, auf der Suche nach dem nächsten Hashtag, das für eine Woche ein bisschen Aufmerksamkeit garantiert.

Endlich, Aschermittwoch. Das hier ist bitte der ultimative Karneval-Schlusspunkt. Jetzt können wir alle wieder in unsere Twitterblasen und Altersheime zurückgehen, um uns selber lustig zu finden oder den Mund zu halten. Ich werde mit gutem Beispiel vorangehen. Zumindest was dieses Thema betrifft. Aber machen wir es doch vorher einfach wie Bento und stellen eine hochjournalistische Frage, um die notwendigen Informationen dieses Artikel geschickt unterzubringen: Was war genau passiert?

Der Scheißesturm begann, nachdem ein Mann namens Bernd Stelter, den niemand so richtig kannte oder ihm auch nur einen Funken Humor zugesprochen hätte, ein paar Witze abließ, die als solche nicht mal zu erkennen waren. Oder hat bis heute irgendjemand diesen Annegret-Kramp-Karrenbauer-Joke verstanden? Nein, natürlich nicht. Denn da gibt es gar nichts zu verstehen. Dieser fantasielose Gagversuch des ehemaligen Mitglieds der nichtschlagenden Verbindung "Verein deutscher Studenten zu Bonn" ist an Trostlosigkeit kaum zu überbieten. Humoristisch reicht es bei Stelter nicht mal zur Mensur, geschweige denn zum tödlichen Degenstoß.

Peter Stelter posiert auf einem Motorrad
Stelter, wie er leibt und lebt | Foto: imago | Sven Simon

Was irgendwelche Empörungsfetischisten nicht davon abhält, ein Fass aufzumachen, das den Bauchumfang Stelters um Längen schlägt. Lookism-Tusch! Der WDR, das Flaggschiff der öffentlich-rechtlichen Piefigkeit, sah sich sogar genötigt, die entsprechende Stelle aus der Sendung zu schneiden. In den sozialen Medien und in den Gazetten ging das muntere "Ich hab jetzt auch mal was zu sagen" dennoch fröhlich weiter.

Noch mal zur Erinnerung: Ein Eklat ist beispielsweise, wenn in der Frankfurter Polizei ein rechtsextremes Netzwerk existiert, und eine sprachliche Entgleisung findet potentiell immer dann statt, wenn Sahra Wagenknecht ans Mikrofon tritt.

Von einem "Eklat" ist die Rede und von "sprachlichen Entgleisungen". Tweets wurden zu Kommentaren, Kommentare zu Artikeln, Artikel zu Grundsatzdebatten. Deutschland, deine Denker. Noch mal zur Erinnerung: Ein Eklat ist beispielsweise, wenn in der Frankfurter Polizei ein rechtsextremes Netzwerk existiert, und eine sprachliche Entgleisung findet potentiell immer dann statt, wenn Sahra Wagenknecht ans Mikrophon tritt. Ein alternder Komiker, dessen Pointe aus der Frage besteht, warum der Standesbeamte Kramp-Karrenbauer nicht vor ihrem neuen Nachnamen warnte, ist hingegen nichts von beidem. Kein Tusch!

Wer die offenkundige Irrelevanz des – als Focus-Eilmeldung servierten – Stelter-Gate erkannte und offenlegte, wie etwa der gewöhnlich selbst nicht durch herausragend lustige Auftritte glänzende Shahak Shapira, wurde postwendend von angeblich relevanten Twitter-Menschen als "Rassist" mit einer "Nazi-Gefolgschaft" tituliert. Ja nee, ist klar! Eine derart verkrampfte, dauerbeleidigte und kleinkarierte Diskussion gab es in Deutschland zuletzt, als 1976 die Gurtpflicht eingeführt wurde. Und da ging es wenigstens um was.

Es ist sinnlos, die unzähligen Stand-up-Comedians, Late-Night-Talker und Satiriker aufzuzählen, die seit Jahrzehnten den Humorstandort Deutschland ins Verderben stürzen.

Nun hätte sich das Dorf einfach der nächsten Sau zuwenden können, die digitalen Fackeln brennen hierzulande schließlich trotz zu langsamem Internet 24/7. Stattdessen entwickelte sich jedoch ein Plot-Twist von Shakespear'schem Ausmaß. AKK, eben noch das Opfer der hinterhältigen Stelter-Attacke, entschloss sich nun, erneut zu beweisen, dass die Deutschen vieles können: Pharmaindustrie, Gewalt in der Ehe, Autobahnen, Terrornetzwerke in der Bundeswehr und sogar Zeppeline (einmal ist keinmal). Nur eins können sie mit Sicherheit nicht – Humor. Sinnlos, die unzähligen Stand-up-Comedians, Late-Night-Talker und Satiriker aufzuzählen, die seit Jahrzehnten den Humorstandort Deutschland ins Verderben stürzen.

Doch zurück zur vermutlich kommenden Bundeskanzlerin. Mit ihrer Tirade gegen die "Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen", legte AKK noch viel mehr offen, als den meisten bisher bewusst war. Denn Kramp-Karrenbauer hat überhaupt keinen Witz gemacht. Und damit ist sie sich wenigstens darüber bewusst, was sie kann und was nicht. Das ist immerhin ein Fortschritt zu all den anderen Büttenrednern und Spaßkanonen, die auf so grausamen Veranstaltungen wie dem "Stockacher Narrengericht" ihren nicht existenten und erzkonservativen 60er-Jahre-Humor ausleben. Die trans- und interphoben Ausdünstungen, die sie vor einem Saal lethargischer Halbtoter vom Stapel ließ, spiegeln vollumfänglich ihre Einstellung wider und zeigen: Nur weil sich jemand eine bescheuerte Mütze aufsetzt und in einem merkwürdigen Singsang spricht, ist das Gesagte noch lange kein Witz.

Annegret Kramp-Karrenbauer hat überhaupt keinen Witz gemacht. Und damit ist sie sich wenigstens darüber bewusst, was sie kann und was nicht.

Ich kann mir Kramp-Karrenbauer auch ohne Probleme privat vorstellen, wie sie Muckefuck trinkend die Ehe für alle mit Inzest und Sodomie vergleicht, während sie vor ihrem hauseigenen Kamin im Saarland sitzt. (Saarland und Inzest? Da war doch was.) Man muss schon einiges auf dem Kerbholz haben, damit einen der ehemalige Wahlkampfmanager von Edmund Stoiber als "reaktionär" bezeichnet. Die künstliche Empörung über den Alman-Normalzustand gleicht der Empörung eines Strandbewohners über Ebbe und Flut.

Jedem Menschen, der länger als zwölf Monate in diesem Land verbracht hat, dürfte doch klar sein: Karneval ist das zentrierte Hinterland, die eiternde Talgdrüse einer Nation, die einmal im Jahr ordentlich ausläuft. Ein Festival deutscher Spießbürgerlichkeit, an dem man zusammenkommt um hemmungslos Eierlikör zu trinken, lauthals lachend ein Zigeunerschnitzel zu bestellen und der Sekretärin an den Arsch zu grabschen. Deutsche können schunkeln und im Stechschritt laufen. Sie können weder Witze erzählen noch über die richtigen Witze lachen.

Karneval ist das zentrierte Hinterland, die eiternde Talgdrüse einer Nation, die einmal im Jahr ordentlich ausläuft. Ein Festival deutscher Spießbürgerlichkeit, an dem man zusammen kommt um hemmungslos Eierlikör zu trinken, lauthals lachend ein Zigeunerschnitzel zu bestellen und der Sekretärin an den Arsch zu grabschen.

Es war der großartige und zu früh verstorbene Robin Williams, der auf die Frage einer deutschen Moderatorin, warum Deutsche keinen Humor haben, antwortete: "Did you ever think you killed all the funny people?" Da ist was Wahres dran. Mein Urgroßvater hat Gottseidank knapp überlebt, aber der war auch nicht besonders witzig. Und vor allem war er kein Latte-Macchiato-Mann mit einer dritten Toilette. Unter AKK hätte er also Karriere machen können. Tusch!

Folge dem Juri auf Twitter und VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.