Popkultur

Whiskey, Lederjacke und Detektivarbeit – Ich habe 24 Stunden als Jessica Jones gelebt

Spoiler: Sturzbetrunken andere Menschen zu observieren, scheint nur als Superheldin einfach zu sein.

von Kara Weisenstein; Fotos von Ada Chen
03 April 2018, 3:53am

Linkes Foto: bereitgestellt von Netflix; rechtes Foto: Ada Chen

Ich bin schon immer Fan von toughen Detektivinnen gewesen. Als Kind habe ich die Geschichten von der berühmten Privatermittlerin Nancy Drew verschlungen und heute schaue ich nur TV-Serien, in denen die Hauptperson Detektivin, Superheldin, Hexe oder Spionin ist. Deswegen knackte ich gefühlt auch den popkulturellen Jackpot, als Netflix 2015 Jessica Jones rausbrachte – eine Serie über eine Privatdetektivin mit Superkräften.

Jessica Jones basiert auf den Alias-Comics und Krysten Ritter spielt die Protagonistin – eine gescheiterte Superheldin, die sich jetzt als Privatdetektivin mit Superkräften durchschlägt. Jessica Jones hat aber auch ein Alkoholproblem, ist ständig gereizt und kann keine Beziehungen führen. Außerdem ist es ihr scheißegal, ob sie bei anderen Menschen gut ankommt oder nicht.

Im Grunde ist Jessica Jones das genaue Gegenteil von mir. Ich versuche immer, äußerst höflich zu sein. Hier in New York bezeichnen mich Leute ständig als "sehr nett". In einer Metropole mit 8,5 Millionen gnadenlos zielstrebigen Einwohnern habe ich mich aber schon oft gefragt, ob meine Nettigkeit da nicht eher ein Klotz am Bein ist. Wäre mein Leben besser, wenn ich Jessica Jones nacheifere? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden.

In der Flasche befindet sich Whiskey, die Lederjacke liegt im Trend

Bevor ich mich in mein Cosplay-Abenteuer stürze, schreibe ich eine Liste mit typischen Jessica-Jones-Aktivitäten: unverhältnismäßige Mengen Whiskey trinken, niemals lächeln und anderen Menschen von Feuertreppen aus hinterherspionieren. Eigentlich will ich auch einen Geldautomaten knacken oder wie Jessica gruselige Typen vermöbeln und danach hinter Gittern landen, aber ich glaube nicht, dass VICE die Kaution zahlen würde.

Ich unterhalte mich mit einer Frau, die mehr über Jessica Jones weiß, als ich es jemals tun werde: die Serienschöpferin Melissa Rosenberg. Zusammen mit Ritter feilt sie schon seit zwei Staffeln an der Protagonistin. Ihr gefällt meine Liste, aber sie sagt auch, dass ich mich in Jones' Kopf hineinversetzen müsse, um wirklich so zu leben wie die Privatdetektivin: "Die 'Leg dich nicht mit mir an'-Attitüde ist entscheidend."

Natürlich bin ich vom Bürgersteig aufs Dach des VICE-Büros gesprungen

Mein Jessica-Jones-Look muss ebenfalls sitzen: T-Shirt und Hoodie unter einer Lederjacke, löchrige Jeans, fingerlose Handschuhe und Motorradstiefel. Ist dieser Look nun stylish oder nicht? Jessica Jones-Kostümdesignerin, Elisabeth Vastola, sagt, die Frage sei komplett irrelevant.

"Meine Inspiration waren Patti Smith, Frances Bean Cobain und andere Frauen, die sich in ihren Klamotten tough fühlen", sagt sie. Der raue Jeansstoff und das schwere Leder sind genau wie Jessicas gereizte Laune aber nicht nur eine Art Schutzpanzer, sondern erfüllen auch einen anderen Zweck.


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"Jessica ist dann am furchteinflößendsten, wenn sie von einem Gebäude springt oder ihre ganze Kraft gegen andere Menschen einsetzt", sagt Vastola. "Deshalb trägt sie auch schwere Stiefel. Die wirken wie zwei Baumstämme an ihren Füßen und stabilisieren sie, wenn sie hart landet oder einen Bösewicht durch eine Glastür wirft."

Das einfache Outfit ist aber auch eine Sache der Bequemlichkeit. Die ständig betrunkene Jessica muss so nicht lange überlegen, was sie morgens anzieht. Meistens schnappt sie sich einfach die dreckige Jeans, die in ihrem Zimmer rumliegt.

Alle Vorbereitungen sind getroffen, ich kann mich endlich als Jessica Jones in die Straßen New Yorks stürzen.

Schurken nehmen sich besser in Acht

Betrunken ins Bett gehen und zum Frühstück Red Bull trinken

Am Abend vor meinem Experiment gehe ich noch schnell in die Bar um die Ecke, um mir einen ordentlichen Kater anzutrinken. In der Serie ist es Jessicas Nachbar und Angestellter Malcolm, der sie jeden Morgen aufweckt und mit Red Bull versorgt. Mir steht leider kein Malcolm zur Verfügung, deswegen muss ich mich vom Miauen der neuen Katze meines Mitbewohners aus dem Schlaf reißen lassen. Grummelnd schnappe ich mir eine herumliegende Jeans und werfe mir meine Lederjacke über. Dann mache ich mich schlurfend auf den Weg zur Arbeit und werfe fremden Menschen in der U-Bahn böse Blicke zu.

Kurz vorm Büro hole ich mir eine Dose Red Bull. Der Typ an der Kasse nennt mich Schätzchen und fragt, ob ich eine Tüte und einen Strohhalm bräuchte. Die erste Gelegenheit, meine neue "Ich scheiß auf alles"-Attitüde zu zeigen: Ich verneine, ohne mich dabei lächelnd zu entschuldigen oder zu bedanken. Der Verkäufer verstummt und lässt mich in Ruhe. Fühlt sich zugegebenermaßen nicht schlecht an.

Einen Fall finden und ermitteln

Mit Red Bull im Blut findet man schnell den Typen, der die beste Freundin geghostet hat

Im Büro mache ich mich mit dem Energy-Drink im System an meine Arbeit als Privatdetektivin. Ich entscheide, mich dem Fall meiner besten Freundin zu widmen, die von einem Typen namens D. geghostet wurde. Mein Ziel: den mysteriösen Typen finden und fotografieren, um zu beweisen, dass er weder gestorben noch ins Ausland gezogen ist.

Um mir Tipps für meine Ermittlungen zu holen, rufe ich bei einem echten Privatdetektiv an. Michael McKeever sagt, dass ein guter Privatermittler vor allem Szenekenntnis und Geduld brauche. Außerdem hat er einen Rat für mich: "Vor Jahren habe ich gelernt, dass man bei der Verfolgung in einer nicht wirklich vollen U-Bahn am besten erst in einen anderen Wagon einsteigt und nach zwei Stopps den Wagon der zu beschattenden Person betritt. So wirkt man wie ein neuer Fahrgast."

Keine Angst, New York, ich beschütze dich vor den Schurken

Teures Equipment ist laut McKeever Geldverschwendung und macht niemanden zu einem besseren Privatdetektiv. Meine alte Spiegelreflexkamera reiche völlig aus. Mithilfe von Google komme ich an D.s Arbeitsadresse, Telefonnummer und Social-Media-Profile. Anschließend ordne ich alle meine Spuren und Beweise an einer Wand und gehe alles noch mal durch, während ich an meiner zweiten Dose Red Bull nippe. "Richtig gruselig", kommentieren meine Kollegen.

Obwohl es noch vormittags ist, muss ich aus Gründen der Authentizität Jessicas zweites Lieblingsgetränk ins Spiel bringen: Whiskey direkt aus der Flasche. Ich spüle das ganze Red Bull mit einem Shot hinunter. Ich fühle mich beschissen.

Kurz die Superheldin raushängen lassen

So sieht Parkour auf dem Dach des VICE-Büros aus

Was mich am meisten von Jessica Jones unterscheidet: Ich habe keine Superkräfte. Deswegen mache ich das Nächstbeste und renne im Parkour-Stil über das Dach des VICE-Büros. Danach jogge ich eine Weile über einen Parkplatz unter der Williamsburg-Brücke, denn auch Jessica scheint in der Serie immer zu rennen. Da ich bis jetzt nur Red Bull und Whiskey konsumiert habe, bin ich schnell ziemlich erschöpft. Genau der richtige Zeitpunkt, um zu spionieren.

Menschen von einer Feuertreppe aus beobachten

Ja, auch bei Tageslicht kann mich hier oben niemand sehen

Auf dem Weg zu dem Typen, der meine Freundin geghostet hat, übe ich mich schon mal in der Überwachung. In der Serie fotografiert Jessica vor allem von Feuertreppen aus andere Leute und trinkt dabei Schnaps aus ihrer Thermoskanne. Ich wähle den gleichen Beobachtungsposten und versuche, Passanten dabei zu erwischen, wie sie die Kacke ihres Hundes nicht aufsammeln oder eine Affäre mit dem Postboten haben. Mehr als ein Taxifahrer, der gegen die Richtung einer Einbahnstraße fährt, kommt mir allerdings nicht vor die Linse. Ich dokumentiere sein Nummernschild und denke kurz über eine Karriere als Verkehrspolizistin nach.

Einen Bösewicht schnappen

Warum muss Jessica immer rennen?

Als ich die Lobby von D.s Arbeitsplatz betrete, bemerke ich, wie mich ein Security-Mitarbeiter argwöhnisch inspiziert. Ich befolge die erste Regel aller Privatdetektive und versuche, nicht aufzufallen. Ich habe noch McKeevers Tipp im Ohr: "Nur wenn die zu beschattende Person dich nicht ein einziges Mal bemerkt, hast du als Privatdetektiv alles richtig gemacht."

Kein bisschen auffällig

Leider sind die Sicherheitsvorkehrungen unglaublich strikt und ich habe keine Chance, mich heimlich bis zu D. vorzuarbeiten. Die Lösung: D. muss zu mir. Ich werde mich am Telefon einfach als Paketlieferantin ausgeben und ihn nach unten in die Lobby locken. Ich wähle seine Arbeitsnummer und lande direkt beim Anrufbeantworter. Scheiße. Ich probiere es stattdessen bei der normalen Nummer seines Arbeitgebers, um an der Rezeption rauszukommen. Keine Chance, eine elektronische Stimme blockt mich ab.

Ich halte noch eine Weile nach D. Ausschau. Vielleicht macht er ja gleich Mittagspause. Allerdings macht mir mein eigener Hunger bereits Probleme und ich breche die Mission ab. Weil Jessica in der Serie quasi nichts Anderes als Pizza isst, gönne auch ich mir auf dem Weg nach Hell's Kitchen ein Stück. Mit halbwegs gefülltem Magen versuche ich mich danach an Jessicas Lieblingsbeschäftigung.

Viel Whiskey trinken

Wirkt doch total einladend

Ich begebe mich zu Rudy's Bar, weil der echt abgeranzte Schuppen mal in der Serie erwähnt wird. Immerhin bekommt man dort zu jedem Getränk einen Hotdog serviert, was zu Jessica passt. Obwohl es mitten am Nachmittag ist, ist die Kneipe voll. Drinnen mustert mich eine Gruppe betrunkener Prolls, die mich auch direkt anmachen. Ich denke mir nur: "Hoffentlich komme ich hier wieder raus, ohne irgendjemandem auf die Fresse zu hauen."

So sieht eine Frau aus, die nicht für dich lächeln will

Nachdem ich mir einen Whiskey pur bestellt und mich hingesetzt habe, wird es nicht besser. Ein älterer Mann fragt mich vom Nebentisch aus, warum ich denn so ernst dreinschaue. Ich solle doch mal lächeln. Schädliches maskulines Gehabe wie aus dem Bilderbuch. Ich blicke nur eiskalt zurück und exe meinen Whiskey. Anschießend nimmt meine Fotografin den Typen mit ihrer Kamera ins Visier und ich frage, warum er denn nicht lächle.

Dann werfe ich einen Tisch um.

Kleiner Scherz. Das hätte Jessica bestimmt getan. Ich bestelle mir nur ein neues Glas Whiskey.

Farbenfroher Sex auf dem Boden

Jessica gibt sich zwar knallhart, aber manchmal bekommen wir auch ihre emotionale Seite zu sehen. "Jessicas Charakter hat auch eine sexuelle und feminine Seite. Sie weiß genau, was ihr Körper braucht, und ist sich ihrer Sexualität bewusst", sagt Kostümdesignerin Vastola. Diese Eigenschaften kommen bei Jessicas Beziehungen zum Vorschein. Und in einer Szene von Staffel wird es besonders heiß.

Ich versuche mal, diese Szene ohne Spoiler zu beschreiben: Ein Leben wird gerettet, zwei zuerst zerstrittene Menschen kommen sich näher, es wird viel Alkohol getrunken und dann kommt es auf verschütteter Farbe spontan zum Sex.

Diese Szene im echten Leben nachzustellen, ist gar nicht so einfach. Erstmal muss ich abwaschbare Farbe, mehr Whiskey und eine Abdeckplane für den Boden kaufen. Als ich mit den Vorbereitungen durch bin, komme ich mir eher vor wie Serienheld Dexter, der einen Verbrecher umbringen und zerstückeln will.

Zum Glück ist mein Date locker drauf und findet die Dinge, die ich ich im Namen des Journalismus tue, nicht komisch. Vielleicht macht mir der Sex genau deswegen so viel Spaß – oder wegen der rauen Mengen an Whiskey, die wir vorher trinken.

Merkt man, wie dreckig ich mich fühle?

Am Ende meines Tages als Jessica Jones bin ich unglaublich erschöpft. Durch das ganze Fast Food und den Whiskey fühle ich mich verstrahlt. Ich bin sauer auf die Männerwelt, weil ich trotz meines "Leg dich nicht mit mir an"-Gesichts ständig angemacht wurde. Und ich weiß jetzt, dass es im betrunkenen Zustand sehr schwer ist, Leute zu observieren. Ich habe es nicht geschafft, den Typen zu fotografieren, der meine Freundin geghostet hat. Zum Glück hat mir Privatdetektiv McKeever mit auf den Weg gegeben, dass man auch in diesem Beruf nichts erzwingen kann.

Es fühlt sich aber verdammt gut an, nicht höflich zu Menschen zu sein, die nicht höflich zu mir sind. In Zukunft werde ich definitiv öfter auf mein "Resting Bitch Face" setzen. Jessica hat mich als starke Frau mit Fehlern daran erinnert, dass es voll OK ist, auch mal gereizt und starrköpfig zu sein, um das zu bekommen, was man will. Vor allem dann, wenn eine gute Absicht dahintersteckt.

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