Fest der Liebe

Ich habe Weihnachten bei einem Telefondienst für einsame Menschen gearbeitet

"Manchmal habe ich 14 Tage nicht gesprochen. Ich habe mich sogar über Telefonumfragen gefreut", sagt Doris, 64.

von Marvin Xin Ku
27 Dezember 2017, 1:54pm

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Als vor drei Jahren Elke Schillings Nachbar gestorben war, merkte sie es an den Fliegen und Speckkäfern in ihrer Wohnung und einem wochenlang vergessenen Pizzaflyer an seiner Tür. Der Nachbar war ein ruhiger Typ gewesen, um die 60, man hatte sich im Gang gegrüßt. Zwei Wochen später trugen ihn Rettungskräfte in einem blauen Plastiksack aus der Wohnung.

Angehörige habe er keine gehabt, sagt Elke Schilling. "Er war ein vergessener Toter." Mit dem Tod ihres Nachbarn sei ihr klar geworden, dass sie etwas gegen Einsamkeit tun möchte.

Anfang 2015 gründete Elke Schilling den Berliner Verein Silbernetz. Außerdem ist die 73-Jährige Vorsitzende der Seniorenvertretung in Berlin Mitte. Die Idee hinter Silbernetz ist einfach: für einsame Senioren da sein. Wenn jemand reden will, hört Schilling zu. Wenn man Rat braucht, informiert sie. Wenn man einsam ist, ruft sie einen an.

Aber auch Menschen, die noch nicht ganz im Rentenalter sind, können einsam sein: Die heute 45- bis 55-Jährigen haben deutlich weniger Kinder bekommen als ihre eigenen Eltern, und sie ließen sich häufiger scheiden. Einsamkeit ist ein Produkt aus Demografie, Singleleben oder persönlichen Schicksalsschlägen.

Den Einsamen bietet Silbernetz zwischen Heiligabend und Neujahr einen 24-Stunden-Telefondienst mit Freiwilligen an. Ich war eine Nacht am Telefon und habe zugehört. Die Protagonisten sind einverstanden, dass ihre Geschichten veröffentlicht werden. Um ihre Identität trotzdem zu schützen, sind alle Namen geändert.

0:12 Uhr, Erster Weihnachtsfeiertag – Schichtbeginn

Berlin-Wedding. Im Treppenhaus ist es still. "Herzen öffnen für Wege von innen nach außen", steht an der Eingangstür im vierten Stock. Dahinter: die Silbernetz-Zentrale. Schreibtische, Küchennische, zwei Telefone, ein mit Zetteln gespicktes Flipboard. Die Telefonistin, die ich ablöse, deutet auf einen Teller mit Gebäck: "Zur Stärkung." Um 20 Uhr habe sie angefangen, zwei Anrufe seitdem. Einer war heftig, häusliche Gewalt, fast zwei Stunden lang haben sie telefoniert. An meinem Platz liegt ein Leitfaden, "Wenn das Gespräch mal stockt", sagt die Kollegin, und eine Liste mit Nothilfe-Nummern. Meine Schicht geht bis 8 Uhr.

3:15 Uhr – Doris, 64

Fast drei Stunden ist es still. Meine Kollegin schreibt Dankesbriefe an Spender, ich aktualisiere die Petitionsseite von Silbernetz. Dann: der erste Anruf. Die Stimme mit dem Berliner Dialekt stellt sich als "Doris" vor, spricht leise aber hastig, fast so als würde hinter ihrer Haustür ein Einbrecher stehen. "Die Nachbarin unten hört alles mit", wispert sie. Und dann, so bald sie das Wort "Weihnachten" sagt, klingt sie, als würde sie strahlen:

"Ich bin ein totaler Weihnachtsmensch. Wenn Sie mein Häuschen gesehen hätten! Wir hatten Weihnachtsmänner an der Hausfront, alles war voller Licht und blinkte. Die Leute sind vorbeigelaufen und haben fotografiert. Im Garten steckten große Zuckerstangen wie die aus Amerika. Ich habe mit einem Freund in einem Einfamilienhaus an der Ostsee gewohnt, er unten, ich oben. Wir waren kein Paar, aber beste Freunde. Traditionell gab’s bei uns Gans mit Klößen. Er war Rotkohlesser, ich mag lieber Grünkohl, deswegen gab es beides.

Dann ist er vor fünf Jahren an Krebs verstorben. Im August wurde die Diagnose gestellt, Anfang Dezember war er tot. Er wollte eine Seebestattung und weil er keine Familie mehr hatte, bin ich mit im Boot rausgefahren."

Doris’ Stimme klingt nun brüchig. Es ist die erste Pause unseres Gesprächs. Ich frage, ob wir über etwas anderes reden sollen. "Nein", sagt sie. Schnäuzen. "Ist schon OK."

"Danach hatte ich auf einmal niemanden mehr. Ich bin dann in ein riesengroßes Loch gefallen und habe seitdem Angst rauszugehen. Bevor ich meinen Therapeuten vor drei Wochen kennenlernte, hatte ich niemanden zum Reden. Manchmal habe ich 14 Tage nicht gesprochen. Nur manchmal beim Einkaufen sage ich 'Guten Tag' zur Kassiererin. Ich habe mich sogar über Telefonumfragen gefreut.

Meine drei Kinder und ich haben ein schwieriges Verhältnis. Ich hatte früher mal ein Alkoholproblem. Meine Tochter war da 21 und konnte damit nicht umgehen, dass ihre Mutter so abstürzte. Seit 20 Jahren haben wir kaum Kontakt. Mein jüngster Sohn kommt morgen zu Besuch. Die letzten Male war ich an den Feiertagen allein und habe ferngesehen. Mein Sohn hat aber die Bedingung, dass es keine Weihnachtsaktionen gibt. Normalerweise habe ich, wie jedes Jahr, alles geschmückt, aber mein Therapeut meint, dass ich ihm den Gefallen tun soll. Ich merke meinem Sohn an, dass er enttäuscht ist, dass unsere Familie auseinandergebrochen ist.

Wenn du weißt, dass deine Kinder irgendwo ohne dich sitzen und sich nicht melden, ist das schlimm. Vieles ist meine Schuld. Aber kann man als Kind nicht einfach mal fragen: 'Mutti, was machst du eigentlich an Weihnachten?'"

Vor meiner Schicht wurde ich zwei Tage lang zum "Silbernetz-Freund" ausgebildet. Die Pressesprecherin von Silbernetz erklärte, welche Sorgen Senioren haben können oder wie ich auf schwierige Gesprächssituationen reagiere: Suizidgefährdete, wütende Anrufer oder jene, mit denen das Gespräch sehr stockend verläuft.

Ich trage Doris’ Daten ins Archiv ein. Die Anrufer bleiben anonym, einige Infos helfen aber zur Auswertung der Schicht, beispielsweise ob der Anrufer alleinlebend, verheiratet oder verwitwet ist und was der Grund für den Anruf war.

5:50 Uhr – Hannah, 88

Seit die Hotline am 24. Dezember freigeschaltet wurde, haben 50 Menschen angerufen. Alle waren aus Berlin, da nur dieser Bereich freigeschaltet ist. Mehr Gebiete bedeuten höhere Kosten – Geld, das Silbernetz nicht hat. "Zwei große Sponsoren haben spontan abgesagt", erzählt meine Kollegin. Wochen zuvor wurde bereits die Werbetrommel gerührt: Zeitungsberichte, Radio, sogar ein Filmteam kam. Wenn sich bis März 2018 kein neuer Geldgeber findet, stirbt das Projekt.

Um kurz vor 6 Uhr morgens ruft Hannah an. Ihre Stimme klingt nach einer sehr müden Großmutter. Seit ihr Mann Erich vor über 30 Jahren verstorben ist, lebt sie allein.

"Ich habe Erich vor mehr als 60 Jahren in Velten kennengelernt, einem kleinen Ort nördlich von Berlin. Früher fuhr die Berliner S-Bahn noch bis zu uns. Erich und ich trafen uns beim Tanzen. Da war ich 24, er war anderthalb Jahre älter. Eine Kapelle spielte Tanzmusik, Erich saß am Nebentisch und forderte mich zum Tanz auf. Mir gefielen seine schwarzen Haare, er war sehr zackig, wie ein Soldat.

Im selben Jahr haben wir geheiratet. Kurz darauf kam unsere ältere Tochter zur Welt, drei Jahre später unsere zweite Tochter. Wir waren junge, verliebte Leute. Erich arbeitete damals als Vermessungstechniker in Berlin, ich als Kindergärtnerin in Velten. Er hat gern alles auf mich abgeschoben. Ich habe aber auch Hilfe bei den Kindern erwartet. Es war nicht immer einfach, geliebt habe ich ihn trotzdem."

Hannahs Stimme klingt, als würde sie langsam aufwachen. "Fragen’se nur, fragen’se nur!", sagt sie.

"Wir sind gerne zum Wandern in die Sächsische Schweiz gefahren. Die Gewerkschaft hatte uns billige Ferienzimmer besorgt. Unsere Kinder waren bei meiner Mutter. Wir sind von Dorf Wehlen bis an die tschechische Grenze gelaufen und dann mit dem Dampfer auf der Elbe zurückgefahren. Wir sind oft in den Uttewalder Grund gelaufen, eine schöne, steile Schlucht. Unten war eine Gaststätte, die gehörte einem Berliner, der gerne sang. Wir aßen Braten und haben uns prächtig amüsiert."

Wenn sich Hannah an manches nicht erinnert, ruft sie: "Ach wissen’se was, das ist jetzt weg!" Dann seufzt sie. Andere Dinge seien in ihr Gedächtnis gemeißelt: ihre Hochzeit mit Erich, 1953 im April. Der Blick vom Felsentor "Kuhstall" in der Sächsischen Schweiz und wie sie auf dem Heimweg von einem Gewitter überrascht wurden.

"Wir wollten nach Westdeutschland ziehen. Dann brach Erich in der Bahn zusammen. Der Arzt sagte, dass bei seinen Nerven etwas nicht stimmte. Blutkrebs. Wir sind dann nach Berlin-Marzahn gezogen, Erich musste ständig zur Untersuchung in die Charité. Ich habe ihm Erdbeeren aus unserem Garten gebracht. Das ging mehr als fünf Jahre so. Mit 51 ist er verstorben.

Nachdem mein Mann starb, fuhr ich nochmal in die Sächsische Schweiz. Ich wollte nochmal die Wege gehen, die ich mit ihm gegangen bin. Aber es war nicht das Gleiche ohne ihn. Da hat er mir sehr gefehlt."

Hannah und ich telefonieren mittlerweile seit fast einer Stunde. Sie möchte nicht auflegen, weil sie nicht mehr so oft plaudere, sagt sie. Einsam fühle sie sich nur manchmal. Ich frage sie, was ihre Pläne für Weihnachten sind. "Meine Tochter kommt später", sagt sie. "Und was gibt’s zu Essen?", frage ich. "Ach wissen’se was, das weiß ich nicht mehr! Salat oder so was."

Für Einsamkeit gebe es verschiedene Ursachen, sagt Elke Schilling. "Einige Senioren isolieren sich, wenn der Lebenspartner stirbt." Auch wachsende Immobilität oder ein Umzug aus dem sozialen Umfeld können Gründe sein. "Wenn deine Miete erhöht wird und du von Berlin Mitte nach Marzahn umziehen musst, dann bist du scheiße einsam."

Wie viele Senioren wirklich einsam sind, lässt sich nicht genau sagen. Einer Studie nach fühle sich jeder Dritte der Befragten ab 40 einsam, ab 85 Jahren fast jeder Zweite. Silbernetz errechnete daraus etwa acht Millionen Senioren über 60, die sich einsam fühlen.

7:10 Uhr – Wolf, 64

Wolf ruft an, weil er sich nach der nächsten Schulung erkundigen will. "Mein Therapeut meint, dass Reden helfen soll", sagt er. Seinem sonoren Lachen nach klingt Rolf wie ein Zwei-Meter-Hüne. Nach vielen Fragen zu Silbernetz und Freiwilligenarbeit in Berliner Schnauze erzählt er seine Geschichte:

"Früher hatte ich meine Frau und einen Sohn. Ich war Küchenmonteur, meine Frau Helga arbeitete in einem Möbelhaus, es hat also gepasst. Wir hatten nicht viel, aber wir kamen über die Runden. Unten, im Erdgeschoss, hatten wir unsere Stammkneipe. Helga und ich haben mit den anderen Leuten vom Stammtisch einen Sparclub gegründet. Wir haben versucht, jedes Jahr Urlaub zu machen. Am schönsten war Istanbul. Die Hälfte unseres Zeugs im Haus stammt von den Basaren: Lampen, Figuren, Teller. Lauter Krimskrams.

Mein Sohn war sehr anhänglich, klebte immer an der Mama. Er hat in Hamburg eine Ausbildung gemacht und hatte dort eine Freundin, mit der er sich verlobt hat. Sie war ganz lieb, meine Frau hat sie seit dem ersten Tag als unsere Tochter bezeichnet. Als sie schwanger wurde, haben wir mit unseren Ersparnissen eine Babyparty veranstaltet. Es wäre ja unser erstes Enkelkind gewesen. Als sie im vierten Monat war, ist sie bei einem Autounfall gestorben. Mein Sohn hat das nicht verkraftet. Ein Jahr nach ihrem Tod hat er sich das Leben genommen. Da war er 32."

Wolf schweigt jetzt. Ich auch. Nach fünf Sekunden, eine stille Ewigkeit, spricht er weiter, nachdenklich, wie mit sich selbst. Ich weiß nicht, ob er mir das überhaupt erzählen wollte oder eigentlich schon die ganze Zeit darauf gewartet hatte.


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"Wenn dein Sohn vor dir stirbt, geht das an die Nieren. Er hat nach ihrem Tod wieder bei uns gewohnt, weil er nicht mehr für sich selbst sorgen konnte. Wir sind gemeinsam zur Therapie gegangen, haben ihm angeboten, dass er wieder nach Berlin kommt und sich hier eine Arbeit sucht. Er hat immer gesagt, dass es ihm viel besser ginge. Wir waren blind. Wahrscheinlich, weil wir auf einen Hoffnungsschimmer gewartet haben.

Meiner Frau ging es seit dem Tod unseres Sohnes immer schlechter. Sie ging weiter zur Arbeit, zog sich danach aber gleich ins Schlafzimmer zurück. Irgendwann wurde ihr vom Chef nahegelegt, eine längere Pause zu machen. Manchmal lag sie die ganze Nacht wach. Weihnachten wollte sie nicht mehr feiern. Sie hat sogar alle Fotos im Wohnzimmer in den Keller gesperrt. Wenn ich mit ihr sprechen wollte, hat sie mich ignoriert oder Bücher nach mir geworfen. Ich kam nicht mehr an sie ran. Sie hat nicht gesprochen und nicht geweint. Diese Stille macht krank. Vor drei Jahren hat sie sich schließlich auch das Leben genommen. Seitdem lebe ich allein.

Ich weiß nicht, was mich noch am Leben hält. Ich habe darüber nachgedacht, mich umzubringen, aber ich kann es nicht. Das würde meine Frau nicht wollen. Ich glaube, dass sie mir einen Gefallen tun wollte. Damit ich weiterkomme."

Seine Stimme klingt fest. "Helga hat immer gekämpft, dass wir Weihnachten gemeinsam feiern, entweder Berlin oder Hamburg. Meistens hat es geklappt." Als ich ihn frage, ob er mit der Telefonseelsorge sprechen wolle, ächzt er nur: Die hätten Wichtigeres zu tun. Wolf verspricht nach den Feiertagen noch mal anzurufen.

7:55 Uhr – Schichtwechsel

Es klopft an der Tür, davor steht die Frau, die ich gestern Nacht abgelöst habe. "Schöne Weihnachten!", ruft sie. Ich grüße wacklig zurück. Es ist nicht das Reden, das mich angestrengt hat, sondern das Mitfühlen. Anonymität auf beiden Seiten ist eine der Regeln bei Silbernetz. Trotzdem wünschte ich, ich würde Doris, Hannah oder Wolf mal auf der Straße treffen. Sie und mich trennt fast eine ganze Lebensspanne. Wir sprachen über Ehe, Kinder, Verlust – Themen, die für mich noch in weiter Zukunft liegen.

Einsame Senioren sind nicht nur die Folge individueller Entscheidungen, sie sind Teil unseres Systems: Auch fehlende Pflegekräfte und teure Pflegeheime mit oft schlechter Betreuung verstärken Einsamkeit. Als ich die Senioren fragte, was ihr größter Wunsch sei, sprach aber keiner von Geld. Sie wollten jemanden zum Reden haben, eine Familie oder einfach das Gefühl, willkommen zu sein. Sie haben Angst, einmal selbst als "vergessener Toter" zu enden.

Notrufnummern für Suizidgefährdete bieten Hilfe für Personen, die an Selbstmord denken – oder sich Sorgen um einen nahestehenden Menschen machen. Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist: 0800 111 0 111. Hier gibt es auch einen Chat .
Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene, wie die AGUS-Gruppe bieten Angehörigen die Möglichkeit, sich auszutauschen. Sie zeigen den Trauernden, dass sie nicht alleine sind.

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