Feature

Ein Rückblick auf den ‚Donnie Darko'-Soundtrack—eine Oper der Teenager-Ängste

Fünfzehn Jahre nach der Veröffentlichung von ‚Donnie Darko‘ analysieren wir, wie sich der Soundtrack im Kopf einer ganzen Generation zementieren konnte.

von Francisco Garcia
22 September 2016, 10:24am

Jeder von uns hat Kunstwerke auf seiner internen Festplatte gespeichert, die für ihn den Charakter einer Offenbarung haben. Werke, die uns dabei geholfen haben, Mitgefühl zu entwickeln oder uns mit Sichtweisen und Erfahrungen bekannt zu machten, die man während einer Jugend in Rinteln, Stuttgart oder gar Berlin nicht hätte sammeln können. Dinge, die bestätigten, was du bereits irgendwie wusstest, aber selbst nicht ausdrücken konntest. Oft befinden wir uns dabei in einer Phase, in dem wir geradezu fiebrig und vor allem beeinflussbar sind. Gerade dann sind wir für diese Kunstwerke besonders empfänglich, die uns danach ein Leben lang begleiten. Es ist das sonderbare Bündel, das du aus einer Jugend mit dir rumschleppst, die du nie wirklich hinter dir gelassen hast, bzw. die du—seien wir ehrlich—auch nie wirklich abschütteln konntest. Vielleicht waren es Blink-182, vielleicht waren es Radiohead. Und wenn du irgendwann in den 2000ern auch nur halbwegs pubertiert hast, besteht eine große Chance, dass für dich auch Donnie Darko dazugehört.

Der abwechselnd tragische, düstere, lustige, bissige, introspektive, absurd bombastische und an manchen Stellen auch leicht peinliche Film Donnie Darko war Jake Gyllenhaals Karrieresprungbrett, das sich auch 15 Jahre später in keine Schublade zwängen lässt. Der Film ist das Kind einer obsessiven und autobiographischen Leidenschaft des damals 26-jährigen Richard Kelly—ein äußert zitierfähiges und ultraverkopftes Meisterwerk, das auf dem vorstädtischen Horror seiner eigenen Jugend in den 80ern basiert. Einen großen Teil seiner Stimmung—die drohende Atmosphäre, die unheilvoll über fast jeder einzelnen Szene schwebt—, zieht der Film aus der perfekten Kreativsymbiose zwischen Kellys Erzählung und dem Soundtrack. Und nicht zuletzt dieses auditive Skizzenbuch hat dabei geholfen, den Film im kollektiven Gedächtnis einer ganzen Generation zu zementieren.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich Donnie Darko zum ersten Mal gesehen habe. Ich war angefixt vom Abo einer Filmzeitschrift und einem ungesunden Drang zur Selbstoptimierung. Außerdem befand ich mich glücklicherweise in diesem kleinen Fenster zwischen Kindheit und Dauerwichs-Pubertät. Es waren aber nicht der Plot oder die Charaktere, die mich so sehr in den Bann zogen. Ehrlich gesagt habe ich damals wahrscheinlich kaum etwas verstanden. Es waren die Stimmung, der Ton und die Schattierungen, die es mir angetan hatten. Von Tears for Fears hatte ich davor noch nie etwas gehört, aber als „Head Over Heals" erklang, während Donnie und seine kleine Außenseitergang durch die Hintertür des Schulbusses aussteigen, wusste ich, dass ich es mit etwas Besonderem zu tun hatte. Ob dieses Besondere jetzt signifikant war, ob ich es mochte oder hasste, keine Ahnung. 

Diese kunstvolle Kamerafahrt durch die Schule führte jedenfalls dazu, dass ich dem Film meine volle Aufmerksamkeit schenkte. Es wurde schon viel über die technische Brillanz des Films geschrieben, seine ausgeklügelten, choreographischen Qualitäten—wie sie den ganzen Film über all seine Sorgen und Themenkomplexe rahmen und formen. Aber auch das war nicht wirklich der Grund, warum er mich so sehr in seinen Bann zog. Es war das Gefühl, dass dieser Film und dieser Song einfach etwas hatten. Da war der Schrecken der High School in seiner ganzen Komplexität und Absurdität. Richard Kelly selbst sagt, dass dieser Song eine  „romantische Lass-es-uns-durchstehen-Qualität" besitzen würde.

Wie so viele legendäre Kollaborationen in der Vergangenheit kam die Zusammenarbeit zwischen Richard Kelly und Michael Andrews—dem Komponisten, Multiinstrumentalisten und gewitzten Arrangeur hinter dem Donnie Darko-Soundtrack—durch einen Zufall zustande. Ein gemeinsamer Bekannter empfahl Kelly den Komponisten als nicht weniger als ein „Genie". Es brauchte auch nicht viele Treffen, bis Kelly der gleichen Meinung war. In einem Interview mit About Entertainment erinnert er sich: „Ich erkannte sofort, dass er unglaublich talentiert war und wirklich originelle Filmmusik komponieren würde." Ganz besonders wichtig für ihre kreative Partnerschaft war auch, dass Kelly in Andrews eine Bereitschaft zur Kollaboration sah, die es „mir erlauben würde, involviert zu sein, und Vorgaben zu machen, wie ich es am Ende haben wollte."


Das erste Resultat war „Carpathian Ridge", das gleichzeitig auch den ersten Ton stellt, den wir im Film hören. In seiner Unheil heraufbeschwörenden Einfachheit fängt der instrumentale, von Pianoklängen getragene Song perfekt das ein, was noch kommen wird. Er ist in seiner Art präzise und schummrig zugleich—wie ein Patient, der gerade nach seiner Operation aufwacht. Dieser Augenblick, in dem Donnie mitten auf dem Gipfel eines Berges aufwacht. Wie sich sein lebloser Körper langsam aufrichtet, der traumhafte Sonnenaufgang, seine langsame, noch leicht benebelte Drehung in Richtung Kamera. Aber es ist in der nächsten Szene merken wir, wie unfassbar wichtig der Soundtrack für den Film und sein Nachwirken war. Als Filmmusik und Credits verblassen und Donnie beginnt, den Hügel zu seinem 08/15-Familienhaus in einer 08/15-Vorstadt hinunterzufahren, erklingt ein Song, der gleichermaßen vertraut wie offenbarend ist: „The Killing Moon" von Echo and the Bunnymen.

In weniger achtsamen Momenten hat Kelly durchblicken lassen, dass seine Ambitionen bezüglich der Wirkungsmächtigkeit des Soundtracks mit einer rein editorischen Einflussnahme vielleicht zu kurz kommen. Er beschreibt ihn als „strukturell ... wie eine Oper oder ein Musical" mit „fünf musikalischen Zwischenspielen, die die Story hoffentlich weiterbringen." Das hört sich größenwahnsinnig an—bis du dir den Film noch einmal genau anschaust und erkennst, dass er voller Hinweise ist. Die Art wie sich „For Whom The Bell Tolls" (von Steve Baker und Carmen Daye) aufbaut und vor Donnies Haupt-Showdown mit Frank das schreckliche Unheil einleitet; die Vielzahl an Verzerrungen der Produktion; die Verwendung des Tears for Fears-Backkatalog, um die Hauptereignisse und -themen des Films zu unterstreichen. Es sind diese minutiösen Details, die zur bewusstseinsverändernden Erfahrung des Donnie Darko-Soundtracks beitragen.

Es gibt eine starke Verbindung zwischen der Klarheit der Filmmusik und der geschickten Songauswahl. Schau sie dir noch mal an: Echo and the Bunnymen, The Pet Shop Boys, Duran Duran, Tears for Fears. Kelly und Andrews haben sich die Rosinen einer Generation herausgepickt, die existentielle Finsternis in verhältnismäßig schwungvolle Synthpop-Hits verpackte. Der Soundtrack von Donnie Darko ist aber nicht bloß eine nostalgische Welt, die es zu erforschen gilt, sondern eine ganze Galaxie der Desillusion, die dich anspricht, als wärst du ihr einziger Bewohner. Was könnte für eine bestimmte Art von Teenager schon verlockender sein, als auf den ersten Funken zu warten, der in einem den tröstenden Irrglauben entflammt, dass man der einzige in diesem unendlichen Universum bist, der sich so unzufrieden und einsam fühlt. Doch indem Kelly seine eigenen High-School-Erinnerungen sowohl in die erzählerische als auch die musikalische Ebene einfließen lässt, erinnert er einen daran, dass man nicht der einzige ist, dem es so geht. Einsamkeit und Angst sind universelle und generationsübergreifende Gefühle—und auch diese Erkenntnis kann beruhigend sein.

In vielerlei Hinsicht ruft dir diese enge Verzahnung aus Andrews Filmmusik und Kellys Vision für den Soundtrack ins Gedächtnis, dass diese tiefen, heftigen Gefühle nicht einzigartig oder exklusiv sind. Schließlich sind das hier Bands, deren Musik deine Eltern wahrscheinlich in- und auswendig kennen. Dieser Punkt wurde deutlich, als Millionen Menschen Michael Andrews Cover von „Mad World" kauften—dem niederschmetternden Klagelied am Schluss des Films—das den Song nicht nur auf Platz eins der britischen Charts brachte, sondern auch für das spätere kultische Interesse an dem Film verantwortlich war. Wie Kelly anmerkte, wurde bewusst dieser Song ausgewählt, da er die „selbstbezogene adoleszente Angst" einfing und einen perfekten Höhepunkt des Films abgab. Du kannst dir denken, dass die meisten Käufer, die das Lied an die Spitze der Charts beförderten, entweder Teenager inmitten ihrer adoleszenten Desillusion waren oder Eltern, die sich nostalgisch an eben diese Phase erinnerten.

Es ist erstaunlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Kelly erst 26-Jahre alt war, als Donnie Darko fertiggestellt wurde—das Drehbuch hatte da in unterschiedlichen Fassungen bereits einige Jahre auf der Kappe. Dahingehend liegt die Genialität des Soundtracks in gewisser Weise in seiner Naivität verborgen oder ist vielleicht sogar das Ergebnis eines glücklichen Zufalls. Jahre, nachdem Donnie Darko seinen unumstößlichen Status als Kultfilm manifestiert hatte, bezeichnete Michael Andrews den Film als „vielleicht eine Naivität, die sich in der Form von etwas Originellem manifestiert hatte." Romantischer lässt es sich wohl kaum ausdrücken. Andererseits unterschätzt man mit dem Naivitätsansatz, wie unfassbar sorgfältig und penibel der Soundtrack zusammengestellt ist—wie die Songs in jede Szene wie Knöpfe auf einen Mantel eingenäht sind; wie die Simplizität und Unerschrockenheit der Musik dem Ganzen so viel Bedeutung verleiht; und wie man fünfzehn Jahre nach seinem Erscheinen immer noch das Gefühl hat, hier einen der ganz wenigen Mainstreamfilme vorliegen zu haben, die erfolgreich eingefangen haben, was es bedeutet, jung, traurig und verwirrt zu sein.

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