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Wie es ist, in einem Musikverein im Ländle zu spielen

„Vielleicht wären meine Leberwerte heute einen bisschen besser, aber meine Jugend wäre viel langweiliger gewesen.“
2.12.16

Vorarlberg, Vori, Gsiberg, 's Ländle. Viele Mythen ranken sich um das verschlafene Bundesland jenseits des Arlbergs. Doch so altertümlich, wie der Dialekt vielleicht vermuten lässt, ist Vorarlberg gar nicht. Klar, es gibt nicht das gleiche Fortgeh-Angebot wie in Wien und wenn dort sonntags Öffis fahren, ist das ein Grund zu feiern. Aber das heißt nicht, dass man in der Provinz am Bodensee nicht weiß, wie man seine Freizeit sinnvoll gestaltet.

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Eine Tradition, die sich in Vorarlberg—und auch im Rest Österreichs—immer noch sehr großer Beliebtheit erfreut, ist der örtliche (Blas-)Musikverein. Im Ländle fallen derzeit 111 ordentliche Musikvereine auf 96 Gemeinden. Ob das daran liegt, dass sonst nicht viel los ist in Vori, sei dahingestellt. Vom Musikverein Hörbranz bis zur Harmoniemusik Tschagguns ist also in jedem Dörfchen was dabei. Eine Blasmusik ist auch viel mehr als ein bisschen marschieren und gemeinsames "HumDaDa" nach dem Feierabend. Deshalb hat jeder Musikverein mit seinen Vorurteilen zu kämpfen und manche werden in diesem Text wahrscheinlich auch bestätigt. (Nein, niemand findet "Lol, bist du Bläser?" noch lustig.)

In keinem Verein habe ich mich bisher so wohl gefühlt wie in meinem örtlichen Musikverein. Das könnte aber auch daran liegen, dass ich mich beim Fußballspielen immer ziemlich blöd angestellt habe und die vom Schachverein gleich gemerkt haben, dass meine Anmeldung ein Versehen war.

Ich kann an dieser Stelle natürlich nicht für alle Blasmusikvereine in Österreich sprechen, aber in meinen über zehn Jahren Mitgliedschaft in einem Vorarlberger Verein, habe ich schon einiges erlebt (und auch vieles wieder vergessen).

Die Leute

Der Vorteil, wenn man Leute über ein gemeinsames Hobby kennenlernt, ist, dass man immer gemeinsamen Gesprächsstoff hat. Und das auch obwohl in einem Musikverein ziemlich viele verschiedene Individuen aufeinandertreffen. Von der jungen Schülerin bis zum betagten Pensionisten ist quasi alles dabei. Trotzdem verstehen sich Jung und Alt durch die Bank super miteinander (obwohl die Oboisten immer ein bisschen belächelt werden).

Das hilft auch vor allem dann, wenn man jemanden aus einem anderen Musikverein (oder dem eigenen) aufreißen will. Falls einem die Flirtthemen ausgehen, kann man immer noch irgendwie die Kurve kratzen. Vermeidet es aber, euren Penis mit einem Instrument zu vergleichen. Macht es einfach nicht.

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Wenn ihr euch dann nicht ganz blöd anstellt und Vergleiche von Instrumenten mit euren Geschlechtsteilen sein lasst, könnte aus dem Flirt auch mehr werden. Eventuell führt das Ganze ja bis zur Musikantenhochzeit. Ja, das sind Hochzeiten von Paaren, bei denen mindestens ein Part bei einem Musikverein ist oder die sich irgendwie über die Vereine kennengelernt haben (Sehr wahrscheinlich im Ländle. Siehe Flirtvorteil und Anzahl der Musikvereine). Und ja, die Mitmusikanten werden eingeladen. Und ja, es eskaliert sehr wahrscheinlich (spätestens) bei der Afterparty. Aber auch wenn gerade niemand heiratet—auch das soll vorkommen—ist die Stimmung innerhalb des Vereins doch ziemlich familiär.

Außerdem sind die meisten Musikanten mit einem sehr ausgeprägten Humor ausgestattet. Auch wenn sich ein Kasperl mal wieder extrem lustig findet und den ältesten aller Musikantenwitze reißt (Wie klingt eine Klarinette am schönsten? Leise knisternd im Feuer. Ha, ha.), wird darüber gelacht. Ja, auch als Klarinettist.

Die Proben (und Afterpartys)

Die meisten Musikvereine proben einmal in der Woche. In den heißen Phasen vor Konzerten können es aber auch gerne mal drei Proben pro Woche werden, was dann schon ziemlich zeitintensiv und nervenaufreibend werden kann. Vor allem dann, wenn ein Register (oder im worst case die ganze Kapelle) eine Woche vor dem Konzert gewisse Stellen noch immer nicht beherrscht. Aber man will sich ja nicht blamieren, eh klar. Besonders für die jungen Musikanten sind auch Proben am Freitagabend manchmal etwas unangenehm, denn man hat ja auch außerhalb des Musikantenlebens noch Freunde, die natürlich immer nur genau am Freitag sturmfrei haben. Aber auch die Jüngsten kommen schnell in den Genuss des kollektiven Feierns … ähhh Probens am Freitagabend. Jedes gute Probelokal ist nämlich mit einer Kantine, Bar oder zumindest mit einem Kühlschrank ausgestattet. Also versammelt sich innerhalb von wenigen Minuten nach Probenende—man soll die Instrumentenpflege ja nicht vernachlässigen—eine Menge an durstigen Bläsern (und noch viel durstigeren Schlagzeugern) um die erfrischende Oase. Dabei kommt es auch nicht selten vor, dass man ganz nach Vorarlberger Manier "verhockt" und sich plötzlich um 04:30 Uhr tanzend auf den Tischen des Probelokals wiederfindet.

Die Konzerte (und Afterpartys)

Der Sinn hinter jeder einzelnen Probe- und Übeminute ist—abgesehen von der Schonung der Nerven des Dirigenten—das Konzert, auf das monatelang hingearbeitet wird. Wenn man endlich vor dem gespannten Publikum sitzt und gemeinsam die ersten Töne anspielt, stellt sich häufig das ein oder andere Nackenhaar auf. Hochkonzentriert sitzt man auf der Bühne und hofft, dass man während den leisen Stellen seine Flatulenzen im Griff hat. Wenn das klappt und man dann noch sieht, wie es den Kollegen bei den schönsten Stellen ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert, weiß man, wofür man sich teilweise sonntags um 9:00 Uhr verkatert zur Probe gequält hat. Und natürlich wird man als Musikant dann nach dem Konzert auch für die harte Arbeit belohnt—und zwar mit einer massiven Afterparty. Wenn der Konzertsaal schon einmal angemietet ist, muss man ihn schließlich auch ausnutzen. Und weil man sich untereinander sehr gut kennt, muss man sich am nächsten Tag beziehungsweise bei der nächsten Probe auch für nichts schämen. OK, wenn man es für eine gute Idee hält, das Hemd auszuziehen und sich quer durch die Mitglieder schmust, könnte das eventuell Gesprächsstoff liefern.

Die Musikfeste

Das El Dorado für jeden Dorfmusikanten ist es, auf einem Musikfest aufzuspielen. Auch wenn der eigene Verein nicht eingeladen ist, fahren viele Musikanten privat auf die Musikfeste in der Umgebung, um auch außerorts zu checken, wer am meisten trinken kann. Diese Musikfeste dauern in der Regel mehrere Tage und werden von tausenden Zuhörern aller Altersklassen besucht—Musikfestivals quasi. Checkst? Der beste Tag eines Musikfests ist der Sonntag, denn dann finden normalerweise die Umzüge statt. So ein Umzug kann allerdings für einen verkaterten Musikanten—man war ja am Vortag auch schon dort, wie es sich gehört—bei strahlendem Sonnenschein in der Vereinstracht sehr schnell zur Tortur werden. Das ist aber nur halb so schlimm. Getrieben vom Bier- oder Spritzerdurst und der guten Stimmung im Zelt hat man noch jeden Umzug irgendwie überlebt. Der große Vorteil: Ist der eigene Verein zum Musikfest eingeladen, wird von den Organisatoren ein sogenannter "Festführer" gestellt. Dieser Festführer macht dann (wenn er gut ist) nichts anderes, als den Mitgliedern von dem ihm zugeteilten Verein, den Rausch zu bezahlen.

Spielt man dann bei einem gut besuchten Musikfest auf der Bühne—als "Festmusik"—, ist das eine sehr große Ehre für jedes einzelne Mitglied. Bei solchen Konzerten sitzen die Zuhörer nämlich nicht im abgedunkelten Konzertsaal und hören gespannt zu. Spielt man die richtigen Lieder an, dreht die Menge durch. Die Leute stehen auf den Tischen, singen die Melodien mit, klatschen, schreien, weinen, tanzen—und das auch, obwohl jeder der Besucher den "Böhmischen Traum" schon vierhunderttausendmal gehört hat. Schon so mancher Biertisch ging unter dieser Last zu Bruch.

Doch nicht jeder ist der Musikfest-Challenge gewachsen. Der ein oder andere ist am darauffolgenden Tag schon—ohne Erinnerung und einer leeren Geldtasche—in der Wiese vor dem Zelt oder im Bett einer fremden Person aufgewacht. Aber das ist heutzutage kein big deal mehr. Das Ganze wird mit einem kurzen "goht scho" abgetan, der Dreck wird lässig von der Tracht geklopft. Danach geht's zurück ins Zelt—denn dort hat der Frühschoppen schon angefangen. Und überhaupt, so ein Kater ist nichts, was eine "ghörige" Portion "Käsknöpfle" nicht wieder in Ordnung bringt.

Die Ausflüge und Nichtmusikalisches (und Afterpartys)

Jeder Musikverein, der was von seinen Mitgliedern hält, ist auch sehr darauf bedacht, dass außerhalb der Probephasen niemandem langweilig wird. Deshalb werden auch in der probefreien Zeit häufig gemeinsame Ausflüge unternommen. Das Gute daran ist, dass diese Ausflüge vom Vorstand geplant und organisiert werden. Und da der Vorstand auch aus Vereinsmitgliedern besteht, wissen die Damen und Herren aus der Chefetage genau, auf was ein Durchschnittsmusikant steht. Als Musikverein hat man in der Regel guten Kontakt zu dem ein oder anderen Winzer. Es kann auch sein, dass ein Mitglied, das mittlerweile im Ausland lebt, den Verein zu einem Ausflug einlädt. Vielleicht deshalb, weil sich dort gerade ein fettes Stadtfest abspielt. Für einen Musikverein kommen natürlich auch andere Ausflugsziele in Betracht. Es muss nicht immer ein Weinbauer oder ein Stadtfest sein—das Hofbräuhaus in München tut's auch. Hauptsache, man macht sich nicht unbeliebt, indem man sich über das Buffet beugt und direkt aus den Schalen isst. (Das ist natürlich frei erfunden und nicht mir passiert.)
Bei solchen Reisen wird deshalb viel Wert auf einen Bus mit Klo gelegt. Die Bedürfnisanstalt im Bus hat bei Reisen eines Musikvereins ungemein mehr zu tun als sonst und manche lernen bei ihrer ersten Reise, wozu es diese lustigen Speibsackerl im Bus gibt.

Natürlich bietet ein Musikverein auch die Möglichkeit, seine Talente abseits von seinem Instrument unter Beweis zu stellen. Ob das nun ein Schitag ist (bei dem es schon mal vorkommen kann, dass sich jemand vor dem Après Ski eine Hand bricht) oder ein Fußballturnier aller Ortsvereine (Ich stell mich dabei deppert an, ihr erinnert euch?), ist völlig egal. Und auch wenn das Wetter beim Schitag scheiße ist beziehungsweise sich beim Fußballturnier nur der zehnte Platz (bei zehn Mannschaften) ausgeht, bleibt die Stimmung trotzdem super. An dieser Stelle muss ich wahrscheinlich nicht mehr erwähnen, was im Endeffekt dabei herauskommt. Kleiner Tipp: Es könnte sein, dass es etwas mit einer Afterparty zu tun hat.

Der gesellschaftliche Mehrwert

Es ist nicht selten, dass aus einem Musikverein ein zukünftiger Profimusiker hervorgeht. Egal, ob Bayerische Staatsoper oder Wiener Symphoniker, sie haben alle einmal klein angefangen. Abgesehen davon, dass eine Blasmusikkapelle für die Mitglieder ziemlich nice ist, bringt sie auch den anderen Leuten im Ort etwas. So wird zum Beispiel dafür gesorgt, dass am 1. Mai niemand den Feiertag verschläft. Die Kapelle marschiert verlässlich durchs Dorf und holt auch den ärgsten Langschläfer aus den Federn.

Es kann sein, dass dieser Text das Vorurteil bestätigt, dass Musikanten nicht viel mehr machen, als sich sinnlos zu besaufen. Das stimmt aber nicht. Abgesehen von allen Exzessen, die eh nur ganz selten vorkommen, ist ein Musikverein immer noch kulturschaffend.

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Lobend zu erwähnen ist auch die Jugendarbeit, die solche Vereine leisten. Jugendlichen wird ein Hobby geboten. Sie lernen im Vereinsleben neue Aufgaben kennen und fangen an, sich freiwillig zu engagieren. Und auch wie man eine ordentliche Party feiert, will gelernt sein. Heutzutage kann das wohl als "Social Skill" angeführt werden.

Auf alle Fälle bin ich sehr froh, dass mich meine Mama vor ungefähr 14 Jahren gezwungen hat, ein Instrument zu lernen. Was würde ich heute mit meinem Leben anfangen, wenn ich nicht in der behüteten Atmosphäre eines Musikvereins zum Flunkyball-Profi geworden wäre? Und mit was würde ich auf Partys angeben, wenn ich Bierflaschen nicht mit 250 verschiedenen Gegenständen öffnen könnte? Vielleicht wären meine Leberwerte heute einen bisschen besser, aber meine Jugend wäre auch so viel langweiliger gewesen.

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung der Bürgermusik Lauterach.

Sandro hat Twitter: @voriboy

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