Mahlzeiten für den Weltuntergang

Henry Hargreaves' neuestes Projekt zeigt, wie postapokalyptische Mahlzeiten aussehen könnten.

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09 März 2015, 5:15pm

Viele von Henry Hargreaves' Fotos lassen sich als seltsames Porträt beschreiben: Anstatt zu versuchen, das Wesen einer Person einzufangen, indem er eine Kamera auf sie richtet, kreiert er ästhetische Stillleben aus Mahlzeiten, die sie gegessen hat. Er hat dies bereits bei berühmten Musikern und Todestraktinsassen gemacht, und die daraus entstandenen Aufnahmen in Werbefoto-Qualität, die meist einfache Mahlzeiten zeigen, haben dank ihres Kontexts eine seltsame Macht. Ein Teller frittiertes Hähnchenfleisch ist ein alltäglicher Anblick—bis man sich vorstellt, wie Busta Rhymes oder John Wayne Gacy das ganze essen.

Hargreaves' neuestes Projekt konzentriert sich auf Menschen, die sich auf das Ende der Welt vorbereiten. In den USA nennt man sie „preppers" (von prepare, vorbereiten), und sie sind bekannt dafür, Waffen, Gold und andere Notwendigkeiten anzuhäufen, in Vorbereitung auf ein Ereignis der Alarmstufe „Alles am Arsch", das die Kommunikations- und Verkehrsinfrastruktur zusammenbrechen lässt und ein neues Zeitalter der Knappheit einläutet. Dank einer zufälligen Begegnung mit einem Produzenten der National-Geographic-Serie Doomsday Preppers lernte Hargreaves viele der Teilnehmer der Sendung kennen und konnte sich mit ihnen darüber unterhalten, was sie nach dem Ende der Welt kochen würden. Er stellte die Mahlzeiten daraufhin in seinem New Yorker Studio zusammen, und kombinierte die daraus entstanden Fotos mit einer Übersicht der Eigenarten der einzelnen „Prepper" und der Apokalypsen, die sie sich jeweils ausmalen.

VICE: Was hast du bei den Gesprächen mit diesen Leuten gelernt? Haben sie in irgendeiner Weise deine Ansichten geändert?
Henry Hargreaves: Als ich damit anfing, erwartete ich, dass das Ganze ein bisschen Sensationsmache sein würde, so von wegen, sieh dir diese Leute an, sie sind irgendwie verrückt, doch als ich mit ihnen sprach, dachte ich: „Hey, vieles davon klingt wirklich einleuchtend." Es gibt auf jeden Fall viele Dinge, denen ich absolut zustimme. Und was das Essen angeht, wenn man mal von den ganzen anderen Aspekten absieht, dann ist diese Art von Selbstversorgung eigentlich ganz schön beeindruckend.

Könntest du mir mehr über John Major erzählen, den Typen, der von dem Teller voller Insekten repräsentiert wird?
Er macht sich Sorgen, dass schmutzige Bomben hochgehen könnten, also lagert er alles unterirdisch, denn Erde ist eins der besten Isoliermaterialien gegen Strahlung. Sein Ding ist es, nach Insekten zu suchen und sie wegen ihre Nährstoffe zu kochen, und außerdem pflanzt er Samen. Er hat sogar ein Geschäft, das Preppern und anderen Leuten Samen verkauft. In Doomsday Preppers kocht er [die Insekten] tatsächlich mit Parmesan und gibt sie seinen Kindern.

Hast du bei deiner Arbeit an diesem Projekt etwas gelernt, dass dich völlig überrascht hat?
Mir wurde klar, dass ich persönlich selbst für die kleinsten Ereignisse völlig unvorbereitet bin. [Lacht] Ich meine, ich habe einen riesigen Haufen militärischer Fertiggerichte in meinem Lagerraum. Also habe ich wenigstens ein bisschen ekligen Dosenfraß, der mich eine Weile am Leben hält. Aber ich schätze, ich hatte nicht wirklich darüber nachgedacht, wie sehr individuelle Erfahrung und Überzeugung die Leute beim Preppen beeinträchtigen. Wenn du orthodoxer Jude bist, dann hast du bestimmte Regeln, denen du folgen musst. Wenn du Diabetes hast, dann hast du andere Regeln, die du befolgen musst. Manche Menschen sagten: „Aber es wird Strahlung freigesetzt werden, also musst du deine Sachen unterirdisch lagern." Alle hatten ihre eigene Geschichte, je nachdem, welches Szenario sie für wahrscheinlich hielten.

Du hast bereits mehrere dieser Serien gemacht. Würdest du sagen, was jemand isst verrät etwas über die Person?
Du bist, was du isst. Was ich einfach sehr interessant fand ist, dass wir nichts über diese Menschen selbst wissen—aber durch ihre Essenswahl, dadurch, dass wir wissen, wie diese Lebensmittel schmecken, werden wir irgendwie gepackt und sehen den menschlichen Aspekt. Anstatt nur ein Bild anzusehen und jemandem in die Augen zu starren und für einen Augenblick gefesselt zu sein, kann ich ein Bauchgefühl für die Person entwickeln.

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