Wir wollen dir nicht deinen Skiurlaub in die Berge versauen, aber es gibt ein paar bemerkenswerte Fakten, die man über die 460 Kilometer lange Strecke zwischen München und Wien wissen sollte.
Ein deutscher Gastautor sieht beim Fahren durch Österreich Gespenster. Wir finden das alles etwas blödsinnig, aber lest selbst.Wer mit dem Auto von München nach Wien will, nimmt die deutsche A8, die bei Walserberg an die österreichische A1, die sogenannte Westautobahn, anschließt. Diese beiden Autobahnen ziehen eine relativ gerade Linie zwischen den beiden Städten. Aber was ziemlich langweilige 460 Kilometer sein sollten, ist viel mehr ein schmaler Pfad durch ein Tal der Schrecken. Scheinbar eine Autobahn wie so viele andere reiht sich entlang der österreichischen A1 ein Ort des Grauens an den nächsten. Angeblich besteht zwischen Lyon, Turin und Prag ein unsichtbares Hexendreieck, ganz sicher verbindet München und Wien ein schmaler Betongrat, an dessen Rändern jede Art von menschlichem Abgrund klafft.
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Braunau am Inn Schnurstracks läuft die Autobahn von München nach Osten auf die österreichische Grenze zu. Und kaum hat man den Grenzfluss überquert, begrüßt Österreich Reisende in der Geburtsstadt von Adolf Hitler—in Braunau am Inn. Der Diktator selbst tat übrigens den ersten Spatenstich zum Bau der A1.In Braunau wurde bis in die 80er Jahre sogar noch Nazi-Merchandise, wie zum Beispiel Hitler-Aschenbecher, verkauft. Seit 1989, anlässlich Hitlers 100. Geburtstag, kam schließlich ein ziemlich allgemein gehaltener Gedenkstein vor sein Geburtshaus. Seit circa zwei Jahren ist er auch nicht länger Ehrenbürger von Braunau. Zuletzt hegten russische Duma-Abgeordnete den Plan, das Haus zu kaufen und abzureißen.MauthausenAls wäre die A1 nicht nur eine gemeine Straße, sondern ein Zeitstrahl, fährt man von Braunau am Inn direkt weiter zu den Konsequenzen der Geburt des braunen Mannes. Nach 133 Kilometern führt die Strecke an Mauthausen, dem größten Konzentrationslager der ehemaligen Donau- und Alpenreichsgaue, vorbei. In nahegelegenen Granit-Steinbrüchen mussten die Insassen des Lagers für die Prachtbauten in Deutschland und die Verwandlung von Linz in eine der sechs Führerstädte ab 1938 bis zum Tode arbeiten. Diese Lagerstufe III, einzigartig innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs, sah die Vernichtung der Insassen durch Arbeit vor. In Mauthausen entstand auch das erste Lagerbordell des gesamten KZ-Systems. Insgesamt starben auf die unterschiedlichsten, bestialischen Weisen ungefähr 120.000 Menschen in Mauthausen. Bevor es jedoch häufig soweit war, arbeiteten sie oder ihre Leidensgenossen in den Außenlagern zum Teil bei Waffenfabrikanten in der Nähe. Bei Steyr-Daimler-Puch zum Beispiel.
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Steyr30 km weiter schlägt einer der größten österreichischen Waffenproduzenten die Brücke zur Gegenwart. Der Vorgänger des Waffenherstellers Steyr-Mannlicher (und anderer Ableger), die Österreichische Waffenfabriks-Gesellschaft im namensgebenden Steyr, war zwischen 1864 und 1913 teilweise die größte Waffenfabrik Europas. Auch im Ersten Weltkrieg, aber besonders im Dritten Reich, war sie unter dem Steyr-Namen aktiv. Heute produziert der hier ansässige Konzernteil hauptsächlich Handfeuerwaffen. Das klingt wohl weniger grausam als die Panzer, die an anderer Stelle gebaut werden, doch behaupten einige NGOs ja mittlerweile, dass das die wahren Massenvernichtungswaffen seien. Wenn man die Bezeichnung wörtlich nimmt vielleicht kein ganz abseitiger Gedanke. Besonders da Handfeuerwaffen allein in den USA in den letzten zehn Jahren 300.000 Menschen getötet haben. Auch im syrischen Bürgerkrieg sind Steyr-Mannlicher-Gewehre aufgetaucht.Vielleicht werden Kenner der Geografie oder Geschichte mir an dieser Stelle vorwerfen, ich hätte Linz und seine Grausamkeiten übersprungen, und vielleicht habe ich das auch, aber besonders in der bluttriefenden Erde um Mauthausen will man sich wirklich keine Sekunde zu lange aufhalten. Nur eins soll gesagt sein: Während Hitler Ehrenbürger fast aller Städte entlang der Westautobahn wurde, war es bei Linz umgekehrt. Er übernahm die Patenschaft der Stadt, und Linz wurde seine Ehrenstadt. Dort hatte er nach dem Einmarsch in Österreich beim Anblick der stürmischen Begrüßung der Bevölkerung den Entschluss gefasst, den langfristig geplanten Anschluss sofort umzusetzen. Vielleicht habe ich mittlerweile auch über genug Nazi-Verbrechen geschrieben.
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AmstettenNur 40 Kilometer weiter gelangt man in den Ort Amstetten und in das Jahr 2008. Damals hatte man dort durch den Krankenhausaufenthalt seiner Enkelin/Tochter herausgefunden, dass Josef Fritzl seine eigene Tochter vergewaltigt und insgesamt 24 Jahre in einem Keller gefangen, sieben Kinder mit ihr gezeugt und drei von ihnen von Geburt an auch im Keller gefangen gehalten hatte. Obwohl die Nachbarn ihn immer als lieben Opa bezeichneten. Weder seine Frau hatte in all den Jahren eingegriffen, noch hatten die Behörden irgendetwas bemerkt, obwohl Fritzl mit gefälschten Briefen seiner angeblich fortgelaufenen Tochter immer wieder Kellerkinder/-enkel als vor seiner Tür ausgesetzte Waisen bei den Behörden anmeldete und insgesamt drei von ihnen so in die Familie über Tage integrierte. Nur nebenbei hatte er seinen Kindern im Keller mit Vergasung gedroht, sollte ihm irgendetwas zustoßen. (Bis Mai 2011 war Adolf Hitler übrigens auch noch Ehrenbürger von Amstetten.)WienWenn man bis hierhin durchgehalten und sich vor lauter Wegschauen-Wollen nicht verfahren hat, sind es jetzt nur noch 130 km bis Wien. Doch auch dort hört die österreichische Pein nicht auf. Natürlich hat jede Großstadt ihre Verbrechen und Gewalttäter. 2006 konnte sich die damals seit acht Jahren als vermisst und damit eigentlich als tot geltende Natascha Kampusch aus ihrem Gefängnis befreien, während ihr Entführer, Wolfgang Priklopil, Selbstmord beging. Priklopil hatte das 10-jährige Kind entführt und in seinen Keller gesperrt. Bis heute gibt es die Vermutung, dass es weitere Mittäter gegeben hat. Und obwohl mittlerweile auf der ganzen Welt, von Brasilien über Cleveland bis London, immer mehr geheime Privatgefängnisse in Reihenhäusern entdeckt werden, und der Fall Kampusch nicht mehr als der brutalste oder längste gilt, bleibt ihm doch die Vorreiterrolle.Natürlich waren auch die staatlichen Verbrechen in Wien von visionärem Format. Adolf Eichmann, der einzige von den Israelis gefangene und 1962 hingerichtete deutsche Kriegsverbrecher, erfand in Wien als Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung die Logistik der Deportationen für das gesamte Dritte Reich.Am Ende habe ich also ziemlich erschüttert Österreichs Hauptstadt erreicht. Wahrscheinlich ausgesprochen schnell, um nicht aus Versehen an einem McDonald's, der über einem Massengrab gebaut wurde, oder an einer Tankstelle, unter der eine Folterzelle liegt, angehalten zu haben. Wenn man dann immer noch so verantwortungsbewusst und interessiert sein sollte, kann man ein Buch des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard zur Hand nehmen. Diesem hochgelobten Chronisten österreichischen Lebens und unbequemen Kritiker der Nachkriegszeit hält man zugute, die Finger immer wieder in die unverheilte/unaufgearbeitete Wunde der Vergangenheit zu legen und das Alpenvolk zum Nachdenken zu zwingen. Vielleicht sind seine selbstgerechten Werke aber auch nur ein weiteres Verbrechen. Bezeichnend heißen seine autobiographischen Bücher: Der Keller, Der Atem, Die Kälte, Ein Kind und Die Ursache.
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