Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
tech

Grand Theft Auto V wird mein Sozialleben zerstören

Falls du noch nie Grand Theft Auto gespielt hast: Diese Spiele machen unendlich mehr süchtig als alle anderen Videospiele, in denen es angeblich keine Grenzen gibt, vor allem weil du ein obszönes, digitales Desaster anrichten kannst.

von Patrick McGuire
13 September 2013, 2:33pm


Eine extrem traurige Szene, die zwangsläufig auftreten wird, wenn GTAV erstmal draußen ist.
 

Grand Theft Auto IV kam in der Woche raus, als ich meine erste und (bislang) einzige Wurzelbehandlung hatte. Mir wurde ein sehr starkes Schmerzmittel verschrieben, das ich mir gewissenhaft in meine aus Softdrinks und Fastfood bestehende Nahrung mischte. Ich hatte damals einen Mitbewohner, dessen schnorrender Bruder auf dem Sofa in unserem Keller pennte, während ich die ganze Nacht lang, ein Stockwerk über ihm, GTAIV spielte. Einmal schrie er mich gegen 5 Uhr morgens an, ich solle endlich aufhören und ins Bett gehen. Auf diese Beschwerde hin, die mitten in einer meiner wertvollen GTAIV-Sessions von einem praktisch Fremden—der in meinem Haus couchsurfte—geäußert wurde, sagte ich ihm, dass er mich am Arsch lecken solle. In diesem Moment wurde mir klar, dass GTA mich voll im Griff hat.

Falls du noch nie Grand Theft Auto gespielt hast: Diese Spiele machen unendlich mehr süchtig als alle anderen Videospiele, in denen es angeblich keine Grenzen gibt. Die Sims sind lustig und familienfreundlich: Du kannst einen eingelassenen Swimmingpool und eine Bar neben das Sprungbrett bauen, um deine Sims abzufüllen. Du kannst sie, nachdem du die Leiter entfernt hast, in diesem Zustand schwimmen lassen, bis sie unter deinen Augen in ihrer alkoholischen Misere ertrunken sind—aber Grand Theft Auto bietet noch viel krassere Möglichkeiten, ein digitales Desaster anzurichten.

Selbst in den primitivsten Wiederholungen—wie etwa beim Top-Down der Mission Pack-Erweiterung für Grand Theft Auto II, die dich ins London der 1960er-Jahre versetzt—können GTA-Spieler seit jeher die obszönsten urbanen Verwüstungen anrichten, die du dir vorstellen kannst—wann und wo immer sie wollen.  

Und weil das Franchise die Möglichkeit bietet, solche wahnsinnigen, kreativen, brutalen Zerstörungen auszuleben, bricht eine massenhafte Begeisterung aus, sobald die Serie auf einer neuen, weiterentwickelten Hardwareplattform erscheint.

Der Sprung von GTAII zu GTAIII—durch den sich das Spiel von der Zwei- in die Dreidimensionalität bewegte—war monumental. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich zum erste Mal Screenshots von GTAIII sah (während einer Mittagspause in der 8. Klasse)—aber wenn ich dir sagen müsste, wann ich meine Freunde zum ersten Mal gesehen habe, wäre ich in den meisten Fällen überfragt.

Dass der Spieler bei Grand Theft Auto V erstmals die Straßen des modernen Los Angeles (in der GTA-Welt bekannt als Los Santos) durch drei verschiedene Protagonisten entdecken kann, die zudem Zugang zu einer vollständigen Unterwasserwelt haben (in frühen GTA-Iterationen konntest du nicht einmal schwimmen), und er die Möglichkeit hat, Grundstücke zu erwerben, mit einer Minigun zu schießen und Teil einer extrem interaktiven Online-Welt mit Freunden zu sein—all das ist verdammt gefährlich für mein Sozialleben.   

Ich muss Tag für Tag jede Menge erledigen. Mein Job ist meistens ziemlich hektisch und ich bin wirklich nicht der Typ, der unter der Woche zu Hause bleibt, um Orchideen zu stutzen oder Krimis zu lesen. Ich liebe es, unter Menschen zu sein. Doch all das wird sich nächste Woche ändern, wenn Grand Theft Auto V veröffentlicht wird.

Was passieren wird, sobald ich das Spiel habe, ist, dass ich mein reales Leben gegen ein virtuelles eintauschen werde. Anstatt an einem Dienstagabend bei meinem Kumpel zum Grillen und Biertrinken vorbeizuschauen, werde ich meine Zeit in Los Santos verbringen, Autos klauen, Banken ausrauben, Grundstücke kaufen, gestohlene Autos von Rampen herunterstürzen, bevor ich online umherspringe und die virtuellen Avatare meiner lebensweltlichen Freunde in einem gnadenlosen Häuserkampf ermorde.


Das offizielle Gameplay-Video zu Grand Theft Auto Online stellt das Ausmaß, in dem das Spiel Leben zerstören wird, sehr gut dar.

Diese Art der intensiven digitalen Immersion kann einfach nicht gesund für die Psyche sein, und dennoch macht sie so unfassbar viel Spaß. Selbst wenn GTAV noch gar nicht zum Verkauf steht, hat es schon angefangen, das Leben einiger Menschen zu zerstören, die sich seit mehr als einem Jahr zwanghaft mit dem Trailer beschäftigen.

Ich habe Freunde, die sich bereits Urlaub genommen haben, um GTAV zu zocken. Andere Freunde von mir twittern und sprechen seit Monaten darüber, dass sie September und Oktober dieses Jahres ausschließlich drinnen verbringen werden. Du musst dir nur das beliebteste GTA-Messageboard GTAForums ansehen, um von Leuten zu lesen, die GTAV nutzen wollen, um weniger zu trinken, oder von anderen, die sich mit dem Spielen von Grand Theft Auto: San Andreas auf GTAV vorbereiten, oder von solchen, die darüber beunruhigt sind, dass manche den Online-Modus von GTAV „zu ernst“ nehmen.

Ich persönlich habe mich auf GTAV vorbereitet, indem ich noch einmal GTAIV gespielt habe—genau gesagt als Luis Lopez, den Helden der Ballad of Gay Tony-Erweiterung. Gerade gestern habe ich einer Freundin, die mich nach meinen Abendplänen gefragt hat, getextet, während ich gerade dabei war, bei einer Verfolgungsjagd einen gestohlenen Mülltransporter durch Liberty City zu fahren. Ich entlud meine Maschinenpistole aus dem Fenster auf der Fahrerseite in Richtung der Polizisten, die mich jagten. Dann versteckte ich mich mit einem Sturmgewehr in einem Krankenhaus und wartete, bis die Polizei mich fand. Sie haben eine Weile gebraucht.

Wie auch immer, ich beschrieb diesen Amoklauf in Liberty City meiner Freundin so, als ob er im realen Leben stattfinden würde. Sie sagte, dass ich mich wie ein Verrückter anhöre—das ist schon OK, glaube ich. Aber es ist diese Art der sozialen Reaktion, die mich der Erscheinung des wahrscheinlich fesselndsten und aufregendsten Videospiels aller Zeiten etwas beunruhigt entgegen blicken lässt—denn ich liebe die reale Welt wirklich.

Wir leben in einer traurigen und verrückten Zeit, in der Menschen ihr Gehirn lieber dazu nutzen, sich, wie bei GTAV, durch extrem kriminelles und brutales Ödland zu navigieren, anstatt sich der existierenden brutalen globalen Ödnis zu widmen—und zu versuchen, die Situation zu verbessern. Ziemlich seltsam, wenn man mal darüber nachdenkt.

In ihrem hervorragenden Buch Reality is Broken über Videospiele und ihr gesellschaftsveränderndes Potenzial weist Jane McGonigal auf die gigantische Arbeitskraft hin, die auf Videospiele verwendet wird. Als Beispiel führt sie die reine Arbeitskraft vor, die bei der Erstellung des WoWWiki, dem Wiki von Wold of Warcraft, aufgewendet wurde:

„Noch immer sind mehr als 65.000 WoW-Spieler als Beiträger beim WoWWiki registriert. Damit ist es, nach Wikipedia, das momentan zweitgrößte Wiki weltweit. Wenn du nur diese Gruppe dazu bringen würdest, ihre Zeit nicht WoW widmen, dann könnte das Kollektiv innerhalb von zwei Wochen eine Ressource in der Größenordnung von Wikipedia schaffen. Zum Vergleich: Wikipedia brauchte acht Jahre, um auf 100 Millionen Stunden geistiger Arbeit zu kommen.“

Wenn es also möglich wäre, sie zu vereinen, könnten die WoWWiki-Beiträger, wenn sie es wirklich darauf anlegen würden, alle zwei Wochen eine Wiki in der Größe von Wikipedia schaffen. McGonigal bezeichnet diese massive Aufmerksamkeit und Mühe, die 65.000 Orc liebende Nerds darauf verwendet haben, die Geschichte von World of Warcraft zu katalogisieren, als „Bandbreite der Partizipation“. Kannst du dir eine Welt vorstellen, in der Menschen das gleiche Talent und Interesse auf Probleme wie die Heilung von Krebs oder die Beseitigung des Welthungers richten, anstatt fiktive Drachen zu schlachten und fiktives Gold zu sammeln, um ihre fiktiven Schwerter upzugraden? Das wäre ziemlich beachtlich. Ich frage mich, welche massiven globalen Probleme in der Zeit gelöst werden könnten, die Menschen mit dem Zocken von GTAV verbringen ...

Aber wen kümmert dieses utopische „Was-wäre-wenn“-Getue letztlich? GTAV wird eine größere Karte haben als GTAIV, Red Dead Redemption und San Andreas zusammen, du kannst in der realen Welt in dein Headset brüllen, um virtuellen Schnapsladenangestellten Angst einzujagen, die du am Ende vielleicht ausraubst. Wenn du eher Lust auf einen entspannten Sonntag hast, kannst du auch einfach in einem geklauten Sportwagen durch Hollywood rasen, bevor du dich zu einer Wildjagd in den Wald zurückziehst, um deine Gedanken zu sammeln.

All dies ist viel bereichernder, lustiger und wichtiger, als mit Freunden und Familienmitgliedern abzuhängen, die du liebst—oder als die reale Welt, in der wir leben, wieder in Stand zu setzen oder zumindest leicht zu verbessern. GTAV stellt ein sichere, aber extrem chaotische Umgebung dar, in der du dir keine Sorgen darüber machen musst, ob Barack Obama den Dritten Weltkrieg auslöst, indem er mit Hellfire Missiles und einem unsinnig erbarmungslosen Militärschlag in Syrien einfällt. Wenn du einmal das fünfte Level erreicht hast, nachdem du Dutzende Zivilisten auf deinem Weg zum besten Taco-Laden von Los Santos massakriert hast, musst du nur noch verhindern, dass die Armee dich ermordet. Das ist alles.

Scheiß auf das Leben da draußen:

Der Aufstand der Geek-Girls gegen Sexismus

Das schlechteste Computerspiel der Welt?

Jung, arbeitslos und trotzdem eine geile Zeit