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Diese Leute wollen ernsthaft das Vierte Reich einführen

Ein Staat namens Germanitien, Grenzen wie 1937 und Freiheit von der Versklavung Großbritanniens. Was sich wie das Parteiprogramm von Nazis liest, sind die Verschwörungstheorien der Germaniten.
10.9.13

Flagge des Staates Germanitien

Die Germaniten glauben, dass Deutschland eine Firma ist. 2009 haben sie deshalb ihren eigenen Staat gegründet, erkennen die Bundesrepublik Deutschland nicht mehr an und bauen eine ,germanitische' Parallelgesellschaft auf. Ich bin natürlich zu einer ihrer Informationsveranstaltungen in Potsdam gefahren, um mir das mal anzuschauen.

Als ich ankomme, sind schon circa 15 Interessierte in dem Restaurant versammelt, in dem die Veranstaltung stattfindet. Die Fahne von Germanitien hängt an der Wand und Anhänger laufen mit dem Aufdruck ,Diplomatic Corps' auf ihren schwarzen T-Shirts umher. 10 Euro kostet die Vorstellung und das Publikum wirkt durchweg bürgerlich und zwischen 30 und 60 Jahren. Als ich nach freiem Eintritt für Journalisten frage, drehen sich 15 Köpfe simultan um und starren mich an—für ein paar Sekunden herrscht Totenstille im Raum. „Unsere bisherige Presseerfahrung war bis auf wenige Ausnahmen nicht sonderlich gut", sagt gleich der Vizepräsident Ronald Gerhardy zu mir. „Tatsachen werden verdreht dargestellt und uns Dinge unterstellt, die jedweder Wahrheit entbehren.“

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Mit einer Mischung aus Verschwörungstheorien, Frustration über deutsche Behörden, geschichtsverwirrtem Gedankengut und den Menschenrechten versuchen die Germaniten, neue Mitbürger zu rekrutieren. Die Veranstaltungen sind so etwas wie Beitrittsseminare. Laut dem ,Außenminister' von Germanitien, Guido Krähenhöfer, haben bereits 10.000 Menschen in Deutschland die germanitische Staatsbürgerschaft angenommen. Besonders in Baden-Württemberg sind sie aktiv.

Das Bild ist von Guidos Facebook-Seite.

Guido selber hat aber vielleicht Dreck am Stecken—kein Wunder also, dass er und sein Germanitien die echten Behörden in Deutschland einfach nicht akzeptieren. Ist auch praktisch, besonders wenn diese einen wegen möglichem gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs und einem entstandenen Schaden von fast 62 Mio. Euro verklagen wollen.

Aber gut. Es gibt auch Führerscheine (die laut der Polizei Ulm reihenweise in Baden-Württemberg aufgetaucht sind) und  Diplomatenausweise—so wollte einer der ,Diplomaten', der ebenfalls angeklagt war (insgesamt sind es 16 Angeklagte) am Flughafen der Verhaftung entgehen, indem er sich durch den germanitischen Diplomatenausweis Immunität verschaffen wollte. Er wurde dann aber trotzdem verhaftet.

Von der Bundespolizei beschlagnahmter Diplomatenausweis eines Germaniten

„Ich werde hier nichts sagen, das ich nicht 100 Prozent beweisen kann“, verkündet Außenminister Guido derweil bei der Veranstaltung gleich zu Beginn. „Das wird alles etwas schockierend für Sie sein, was ich Ihnen hier erzähle. Ich war auch am Anfang geschockt!“, sagt er dann und erklärt weiter: „Aber es ist die Wahrheit!“ (Übrigens, Guido hat einen Linked-In-Acoount und Facebook Account—soviel Struktur und Realität muss also dann doch sein).

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„Im alten Rom wurden die Namen von Sklaven mit Großbuchstaben geschrieben", erklärt er weiter und sagt dann: „Und jetzt kucken Sie mal, wie Ihr Name in Ihrem Pass geschrieben wird!“ Das ist der Beweis dafür, dass wir eigentlich alle Sklaven sind und keine Bürger. „Deutschland ist kein Staat!“, erklärt er und fügt hinzu: „Das Verfassungsgericht und die Polizei, das sind alles eingetragene Firmen!“

Deutschland sei eine Art Finanzagentur, die in Großbritannien als ,German Trust' eingetragen ist. „Warum würde es sonst PERSONAL-Ausweis heißen?“, fragt er weiter in die Runde. Ich muss mir das Grinsen verkneifen bei der Logik. Bürger sind nur ,Human Capital' für Deutschland, sagt er.

Gründungsurkunde der Germaniten

Allen Ernstes verstehen sie sich als Volksgruppe in ihrem eigenen Staat, der in den Grenzen des Deutschen Reiches vom 31.12.1937 existieren soll und als Verfassung die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat.

In Westerheim, in Baden-Württemberg, hatten die Germaniten sogar einmal eine Botschaft, die mittlerweile aber geschlossen ist. Der Pressesprecher der Polizei Ulm erklärt mir, dass die Bewohner, ohne sich abzumelden, umgezogen seien. Auch die Mitgliederzahlen kann er nicht bestätigen. Im Alb-Donau-Kreis, in dem die Germaniten mit ihrer Hauptbotschaft aktiv waren, sollen es ungefähr zehn Mitglieder sein. Über die Mitgliederzahlen im Rest von Deutschland ist nichts bekannt.

Das Staatsgebiet, das die Germaniten beanspruchen

Trotzdem ist es schon schlimm mitanzusehen, wie die paar Zuhörer mit ,Ohs' und ,Ahs' auf den Quatsch reagieren. Für eine Dame Mitte 40 in der ersten Reihe ist das schon fast zu viel des Guten: „Das ist ja der Wahnsinn!“, entfährt es ihr, als sie von der Theorie mit den Personalausweisen hört.

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Oft sprechen der Außenminister und die Präsidentin, Ulrike Kuklinski,direkt zu mir, als ob man mich besonders überzeugen müsste. „Das können Sie alles nachlesen!", ruft sie mir zwischendurch zu. Ich werde als der lebende Beweis dafür gehandelt, dass die Presse immer alles verdreht. Sobald ich etwas notiere, ernte ich skeptische Blicke.

Ulrike Kuklinski trägt auch ein T-Shirt mit dem Aufdruck ,Diplomatic Corps' und begrüßt mich anfangs etwas zurückhaltend. Sie selbst sieht sich als Opfer der deutschen Justiz. Sie habe selbst sieben Jahre im Rollstuhl gesessen, sagt sie und wisse, wie es ist, von den Behörden schikaniert zu werden. Kuklinski fühlte sich unter anderem wegen zu niedrigen Betreuungsgeldern in ihren Menschenrechten verletzt und schlug mit ihrer Staatsgründung gegen Deutschland zurück.

Guido erklärt mir später, dass Germanitien wie ein richtiger Staat organisiert ist. Mehrere Ministerien soll es geben. Anscheinend haben sie einen Sicherheitsdienst, eine Behindertenfürsorge (Ringvorsorge) und mehrere Firmen, die eng mit dem Staat Germanitien zusammenhängen und von deren Vorsitzenden geleitet werden. Laut Angaben der Germaniten sind diese komplett unabhängig von der Bundesrepublik.

Auf die Frage, ob man nach Erwerb der germanitischen Staatsangehörigkeit Steuern zahlen muss, antwortet mir der Finanzminister: „Bürger, die in den Strukturen der BRD gefangen sind, müssen keine Steuern zahlen, alle anderen schon.“

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Am Ende der Veranstaltung erklärt der Außenminister den faszinierten Zuhörern der Veranstaltung, wie sie dem Staat beitreten können, und gibt Informationsmaterial heraus. „Vielen Dank, das war wirklich interessant!“, sagt eine Frau Mitte 40 und schüttelt seine Hand. Als ich mit ihm nach der Veranstaltung eine Zigarette rauche, erklärt er mir, dass seine Anwälte nur gegen ihn arbeiten würden. „Ich dachte auch mal, dass in Deutschland alles in Ordnung wäre, aber das glaubt man nur, bis man so richtig eins in die Fresse bekommt“, erklärt er mir. „Zehn Monate war ich in Untersuchungshaft“, sagt er mir. Ich empfehle ihm, dann Amnesty International beizutreten, wenn er sich für Menschenrechte interessiere und er erklärt mir: „Die sind doch auch unterwandert!“ Die Überzeugungskraft der Germaniten scheint vor allem von ihrer Frustration mit den Behörden, dem Staat und der Welt zu stammen. Eine Frustration, die einige Menschen scheinbar so sehr mitreißt, das sie sogar einem Fantasiestaat beitreten.

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