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DIE LITERATURAUSGABE 2012

Quälender Hunger auf Papier

Jeder weiß es: Wer Schriftsteller werden will, wird hungrig durchs Leben gehen müssen, oder verfällt dem Kannibalismus.
24.7.12

Illustration von Roope Eronen

Jeder weiß es (besonders dein Dad): Wer Schriftsteller werden will, wird hungrig durchs Leben gehen müssen. Dieser Umstand hat zahlreiche berühmte Textstellen hervorgebracht, denen nichts Hochgeistigeres zugrunde liegt als ein Autor oder eine Autorin, die am Schreibtisch vor sich hin hungern—man denke nur an Prousts Madeleine-Obsession oder Portnoy aus Philip Roths Portnoys Beschwerden, der es mit einem Stück Leber treibt. Der interessante Punkt ist: Kombiniert man grenzüberschreitende Literatur mit Hunger, kommt Absonderliches dabei heraus. Und Beispiele gibt es dafür wirklich zur Genüge. Hier ein paar von meinen Lieblingen. LA CUISINE CANNIBALE VON ROLAND TOPOR
Topor schrieb und illustrierte dieses schelmische Rezeptbuch 1970. Es bietet die verrücktesten Delikatessen, so eignen sich etwa „Manager mit Tendenz zu bekleckerten Krawatten für fantastische Pasteten“. Ein Höhepunkt ist sein Vorschlag für die Weiterverarbeitung einer zur Hälfte aufgegessenen kleinen Person: „Geben Sie die Zwergenreste in einen Topf mit kochendem Wasser, salzen Sie sie, und lassen Sie alles auf kleiner Flamme für drei Stunden köcheln. Ist Ihr Zwerg zu klein, fügen Sie ein paar Kartoffeln hinzu.“ Ich würde sagen: Verdammt lecker. GEGEN DEN STRICH VON JORIS-KARL HUYSMANS
Huysmans’ Chronik der exzentrischen Ernährungsexperimente eines Mannes. Der Höhepunkt: Der Protagonist beschließt, sich das Essen durch den Hintern zuzuführen. Es gefällt ihm sehr: „Welch endgültige Befreiung des Überdrusses, der sich immer aus der notgedrungen beschränkten Wahl der Speisen ergibt!“ Stellt euch vor, er hätte von Ecstasy gewusst. DIE GESCHICHTE DES AUGES VON GEORGES BATAILLE
Diese Geschichte aus dem Jahr 1928 über zwei perverse Teenager berührt die Grenzbereiche der Ernährung. Ein typisches Beispiel: „Simone bat Sir Edmond um die Hoden des ersten Stiers. Doch sie stellte eine Bedingung—sie wollte sie roh. ‚Aber‘, sagte Sir Edmond, ,du willst sie doch nicht roh essen?‘ ‚Ich will sie, vor mir, auf einem Teller‘, sagte sie.“ Kurz darauf, in einer der seltenen Passagen, die einen hungrig und geil machen, schiebt sich Simone den einen Stierhoden in den Mund und den anderen in die Vagina. Eine echte Tupperware-Mikrowellen-Kombination für die Ewigkeit.