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Reisen

Geschichten von Menschen, die nach durchzechten Nächten in anderen Ländern aufgewacht sind

"Ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder etwas so sehr bereut."

von Samantha Howard
01 September 2016, 8:00am

Nach durchzechten Nächten ist es schon des Öfteren vorgekommen, dass die Schluckspechte an komischen und ihnen unbekannten Orten aufwachten. Vor zwanzig Jahren waren diese komischen Orte vielleicht noch irgendein Kaff im Hinterland oder die nächstbeste Mülltonne. Da Flüge inzwischen aber so spottbillig sind und der Buchvorgang dank bequemer Handy-Apps auch viel schneller von der Hand geht, befinden sich die komischen Orte nun immer häufiger in exotischen und fremden Ländern, von denen man zum ersten Mal etwas mitbekommt, wenn Snapchat das nach dem Aufwachen geschossene Selfie geotaggt.

Es hat den Anschein, als ob alle paar Monate eine neue Geschichte eines jungen Mannes aufkommt, der sich eigentlich nur einen Drink genehmigen will, dann natürlich vollkommen über die Stränge schlägt und schließlich in einem Flugzeug landet. Der junge Mann wacht dann am darauffolgenden Morgen in einem anderen Land auf und postet sein Dilemma auf Twitter oder Facebook. Irgendein Revolverblatt nimmt sich der Story an, die berüchtigte Bro-Website LADbible gibt ihren Gütesiegel und irgendwann verschwindet der ganze Zwischenfall wieder in den Weiten des Internets und macht damit Platz für eine neue Geschichte dieser Art.

Drei möglicherweise ziemlich betrunkene Jungspunde auf Mallorca | Foto: Jamie Lee Curtis Taete

Handelt es sich hier um einen tatsächlich belegbaren Trend? Und sollte man diesem Phänomen einen Namen geben? Schwer zu sagen. Um aber aufzuzeigen, wie geläufig das Ganze ist, haben wir vier der vielen Jungs kontaktiert, die so etwas in verschiedenen Formen schon einmal erlebt haben. Wir wollten von ihnen vor allem wissen, wo es sich hinverschlagen hat und wie das Ganze überhaupt passieren konnte.

"Wie schlimm kann es denn schon sein?"

Eines Abends zog ich zusammen mit einem Kumpel durch die Bars meiner Heimatstadt. Nach unzähligen Drinks ging mein Kumpel irgendwie verloren und als ich den Bus vorbeifahren sah, der einen direkt zum Flughafen bringt, hielt ich es für eine hervorragende Idee, einen Last-Minute-Flug irgendwohin zu buchen, wo es nicht so abgefuckt, kalt und regnerisch war. Da fielen mir auch direkt eine ganze Reihe an Orten ein, aber letztendlich entschied ich mich für Barcelona.

Nachdem ich in ins Flugzeug gestiegen, eingeschlafen und wieder aufgewacht war, wurde mir plötzlich bewusst, welch folgenschwere Entscheidung ich da eigentlich getroffen hatte. Ich hatte ja auch nur eine leere Flasche Wasser, die Klamotten an meinem Körper, meinen Geldbeutel sowie mein Handy dabei.


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Nach Jägermeister und Aftershave riechend, stieg ich also aus dem Flieger und rief erstmal meine Eltern an. Mein Vater riet mir, doch ein paar Tage in Barcelona zu bleiben, wenn ich schon mal da sei. Also buchte ich meinen Rückflug erst für drei Tage später und machte mich anschließend daran, die spanische Metropole zu erkunden, neue Leute kennenzulernen und das Wetter sowie das Essen zu genießen. Da ich keine Wechselkleidung dabei hatte, musste ich meine Klamotten immer kurz in der Hoteldusche waschen.

Unterm Strich habe ich durch meinen "unfreiwilligen" Trip gelernt, wie ich auch alleine Spaß haben kann und auf die Meinung anderer scheiße. Wenn es dich nicht tötet oder ins Gefängnis bringt, wie schlimm kann es dann schon sein? Das ist mein neues Motto.
– Alex

Flucht ohne Schuhe

Alles begann in einem kleinen Hafen in der französischen Stadt Beaulieu-sur-Mer. Zwei Kollegen und ich sind freitagnachmittags mit Bier im Gepäck von der Arbeit direkt an den Strand gegangen. Ich kann mich noch an die Stunden am Meer erinnern—und auch an den Plan, nach Monaco zu fahren und dort im Club La Rascasse feiern zu gehen. Allerdings bezweifelte ich zu diesem Zeitpunkt stark, dass wir diesen Plan tatsächlich in die Tat umsetzen würden, denn wir waren einfach schon viel zu betrunken.

Danach folgt erstmal eine große Erinnerungslücke.

Mir fehlen wohl so sechs Stunden. Die nächste Sache, an die ich mich wieder erinnern kann, ist das Krankenhaus auf einer großen Klippe, von dem aus man den Hafen von Monaco überblicken kann. Als ich dort aufwachte, meinten die Krankenschwestern zu mir, dass mich die Polizei dort abgeladen hatte. Ich bestand darauf, nach Hause zu gehen, weil ich ja um 08:00 Uhr wieder auf der Arbeit sein musste. Das Krankenhauspersonal drohte jedoch damit, die Polizei zu rufen, denn ich war noch nicht nüchtern genug, um wieder nach Frankreich zurückzufahren.

Abgesehen von den aufgeschürften Knien und einer Beule auf der Stirn ging es mir gut. Meine Klamotten befanden sich in einer Plastiktüte, aber meine Schuhe fehlten. Als die Krankenschwestern schließlich wieder weg waren, zog ich mich an, kletterte aus dem Fenster und rannte barfuß sowie nach einem Bahnhof Ausschau haltend den Hügel hinunter. Auf der Hauptstraße traf ich schließlich auf eine Bekannte von der Arbeit, die mir vom gegenüberliegenden Gehweg aus zurief. Inzwischen war es ungefähr 06:00 Uhr und sie war die ganze Nacht unterwegs gewesen. Sie erzählte mir, dass sie mich im La Rascasse gesehen hätte, und fragte, ob alles in Ordnung sei. Anschließend zeigte sie mir den Weg zum Bahnhof und bevor ich weitergehen konnte, machte sie noch ein Foto, denn sie fand es unglaublich witzig, dass ich immer noch einen Tropf am Arm hängen hatte. Letztendlich habe ich es dann sogar noch pünktlich zur Arbeit geschafft.
– Sam

Reif für die Insel

Tom und sein Kumpel Daniel mit der tasmanischen Wildnis | Hintergrundfoto: Wikimedia Commons | Public Domain

Als ich 17 war, machte ich mit meinem besten Kumpel Daniel einen drauf. Wir hatten dann schon ordentlich einen im Tee und als es darum ging, nach Hause zu gehen, kam irgendjemand auf die glorreiche Idee, den nächstbesten Flieger aus Melbourne raus zu nehmen. Also ging es statt ins Bett zum Flughafen und ehe wir uns versahen, befanden wir uns auf Tasmanien, wo schweinekalte Temperaturen herrschten.

Mit dem wenigen Geld, das wir noch dabeihatten, kauften wir uns erst mal ein paar echt starke Baseball-Caps und mieteten einen Golfwagen. Somit blieben uns nicht mal mehr zehn Dollar für Essen. Und dann spielten wir nicht mal eine Runde Golf, sondern fuhren einfach nur planlos durch die Gegend und diskutierten über unsere Dummheit.

Während des Rückflugs waren wir dann total im Eimer und auch dehydriert. Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben nie wieder etwas so sehr bereut.
– Tom

Der blinde Passagier

Hier war Jordan noch bei seinen Kumpels

Für den Junggesellenabschied meines Schwagers reiste ich von meiner Heimat England nach München. Jeder schmiss 20 Euro in die Gemeinschaftskasse und unser Hotel stattete uns mit Armbändern aus, auf denen die Adresse und alle anderen wichtigen Informationen standen. Aus diesen Gründen nahm ich auch weder Handy noch Geldbeutel mit auf die Piste. Nach dem Genuss einiger alkoholischer Getränke gingen dann natürlich meine Freunde verloren. Also hüpfte ich ins nächstbeste Taxi und zeigte dem Fahrer mein Handgelenk. Dabei musste ich jedoch feststellen, dass ich das Armband anscheinend verloren hatte. Ich stammelte noch irgendetwas vor mich hin und dann schmiss mich der Fahrer raus.

Nachdem ich weitere 20 Minuten erfolglos nach einem Taxi Ausschau gehalten hatte, versuchte ich mein Glück mit dem Fahrer eines Reisebusses, in den gerade Leute einstiegen. In der Hoffnung, dass er irgendwie an meinem Hotel vorfahren würde, flehte ich den Mann an, mich mitzunehmen. Er ließ mich allerdings eiskalt abblitzen. Als er sich dann wieder von mir wegdrehte, sprang ich einfach in den Gepäckraum und versteckte mich dort hinter einem Koffer, bis die Tür zuging.

Als der Bus fünf Stunden später endlich wieder zum Stillstand kam, sprang ich aus dem Gepäckraum und lief erstmal ein wenig durch die Gegend, um mich irgendwie zurechtzufinden. Dabei fielen mir diverse "Zürich"-Schilder und schweizerische Flaggen auf. Nach einer Stunde des Herumirrens suchte ich schließlich eine Polizeistation auf. Ich erzählte einem Beamten von meinem Abend und er übersetzte die Geschichte direkt für seine französischen Kollegen. Nachdem das schallende Gelächter wieder abgeklungen war, gab man mir ein paar Sandwiches, Zigaretten sowie einen Brief, den ich den Fahrkartenkontrolleuren im Zug vorzeigen sollte. Wieder in München angekommen, irrte ich ohne Handy und Geld noch ein wenig durch Gegend, bis ich endlich den Bahnhof wiedererkannte, an dem wir am Anfang der Reise angekommen waren. Von dort aus schaffte ich es dann auch, mich bis zum Hotel durchzuschlagen.
– Jordan

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