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Von Hodensack-Liftings und Penis-Prothesen: Ein Männerarzt erklärt seinen Beruf

Nein, das männliche Gegenstück zur Gynäkologie ist nicht die Urologie. Das heißt, nicht ganz. Wir haben einen Andrologen gefragt, warum er sich das antut.

von Franz Lichtenegger
24 November 2017, 4:30am

Fotos: Franklin Kuehhas

Für die meisten Mädchen steht der erste Termin bei der Gynäkologie spätestens dann an, wenn sie zum ersten Mal mit Themen wie Verhütung oder Menstruation in Berührung kommen – von da an sind regelmäßige Besuche auf dem frauenärztlichen Stuhl ein leidiger Fixpunkt im Leben einer jeden Frau. Männer hingegen lassen sich als Teenager höchstens einmal bei der freiwilligen Jugend-Vorsorgeuntersuchung die Eier kraulen und gut ist. Sollte doch mal was sein, geht man halt zum Urologen.

Und genau da liegt auch schon der erste Fehler: Wie uninformiert Männer über ihre eigene Penis-Gesundheit zu sein scheinen, zeigt nämlich allein der weitverbreitete Irrglaube, die Urologie wäre das männliche Pendant zur Frauenheilkunde. Ein Urologe behandelt in erster Linie harnbildende und harnableitende Organe wie Nieren, Blase, Harnröhre und Harnleiter – und das nicht nur bei Männern, sondern auch bei Frauen und überhaupt allen Menschen.

Das tatsächliche männliche Gegenstück zur Gynäkologie – also das Fachgebiet, das sich explizit mit den Fortpflanzungsfunktionen auseinandersetzt – ist vielmehr ein urologisches Teilgebiet: die Andrologie. Dass es genauso wie Frauenärzte also auch richtige Männerärzte gibt, scheint nur einfach niemand zu wissen. Noch nicht mal der Duden; und da steht sogar "Hundezüchter" drin.

Die Andrologie hat also ein Bewusstseinsproblem. Eines, das sich zu einem ernsthaften Gesundheitsproblem auswachsen könnte. Um uns selbst und die Öffentlichkeit endlich darüber aufzuklären, was ein echter Penisdoktor so macht, haben wir mit Dr. Franklin Kuehhas gesprochen – einer der wenigen Ärzte mit einer Spezialausbildung in rekonstruktiver Andrologie mit Fokus auf männliche Genitalchirurgie. Dr. Kuehhas führt seit 2017 eine Praxis für Männermedizin in Wien und verdient sein Geld unter anderem damit, Hodensäcke zu liften.

VICE: Warum sucht man sich dieses Spezialgebiet überhaupt aus?
Franklin Kuehhas: Das ist eine gute Frage, die man sich so, glaube ich, selten stellt. Im Laufe der Ausbildung zum Urologen durchläuft man nun mal die einzelnen Teilgebiete der Urologie – wie eben auch die Andrologie. Mir gefällt es einfach, Menschen Freude in ihr Leben zu bringen und ihnen dabei zu helfen, ihre Visionen in die Realität umzusetzen. Ich habe immer schon eine gewisse Affinität für die Behandlung von Problemen des Mannes gehabt und die Andrologie beschäftigt sich als Teilgebiet der Urologie ausschließlich damit.

"Wichtig ist, dass man sich mit seinem Penis auseinandersetzt und ihn richtig einsetzen kann."

Was sind das für Probleme, mit denen Männer zu Ihnen kommen?
Ein Androloge ist ja der eigentliche Männerarzt, daher kommen Patienten mit verschiedensten Anliegen und Wünschen zu mir. Vereinfacht gesagt, geht es aber meist um den Penis – und um die Probleme, die sich um das beste Stück des Mannes drehen. Dazu zählen beispielsweise Penisverkrümmungen, erektile Dysfunktion, zu enge Vorhäute, bis hin zur Implantation einer Penisprothese. Die ästhetische Intimchirurgie spielt auch beim Mann eine immer größer werdende Rolle – dabei geht es um den Wunsch nach einem perfekten Penis.

Wie darf man sich den vorstellen?
Den perfekten Penis gibt es meiner Meinung nach nicht – wichtig ist nur, dass man sich mit seinem Penis auseinandersetzt und ihn richtig einsetzen kann.

Aber das klingt so abgedroschen – ist die Größe wirklich egal?
In Zahlen gesprochen ist der Durchschnittspenis im schlaffen Zustand 9,2 Zentimeter und im erregten Zustand 13,1 Zentimeter lang. Der durchschnittliche Penisumfang im schlaffen Zustand beträgt 9,3 Zentimeter und 11,7 Zentimeter im erregten Zustand.

Der Wunsch nach einem längeren Penis und mehr Penisumfang wird jedoch in unserer Zeit immer präsenter – und warum sollen auch nur Frauen dem "Wunsch nach mehr" nachgehen können? Studien besagen, dass Männer vor allem gerne einen sehr langen Penis im schlaffen Zustand haben wollen, und dass Frauen Männer mit einem langen und breiten Penis attraktiv finden. Laut diesen Studien schließt das weibliche Gehirn auf die Manneskraft und Fortpflanzungsfähigkeit eines Mannes dadurch zurück. Ebenso sind breite Schultern ein Merkmal, auf das Frauen schauen.

Man kann also davon ausgehen, dass es sich um evolutionäre Relikte im Denkprozess handelt, die darauf abzielen, als Frau den stärksten und besten Mann für die Fortpflanzung zu identifizieren. Eine Penisvergrößerung ist heutzutage möglich – jedoch sollte man ein ausführliches Gespräch mit einem Spezialisten führen, um realistische Erwartungen abzugrenzen.

Wie sehen die aus? Oder besser: Wie kann man sich diese Behandlungen überhaupt vorstellen?
Man kann sowohl die Länge des Penis als auch den Umfang, also die Dicke des Penis verändern. Bei der Penisverlängerung wird durch Durchtrennen der Penishaltebänder der sichtbare Anteil des Penis im schlaffen Zustand um bis zu 6 Zentimeter verlängert – das kann einen massiven Unterschied zum ursprünglichen Penis machen, da einige Männer nicht mehr als fünf bis sechs Zentimeter Penislänge im schlaffen Zustand haben.

Bei der Penisverdickung kann man durch den Einsatz von Hyaluronsäure oder körpereigenem Fett eine Verdickung des Penis bewirken. Auch hier führt der voluminösere Penis zu einer Veränderung des Selbstbildes, der Sexualität und des Selbstvertrauens. Erwarten kann man je nach injizierter Menge Fett zwischen 30 und 50 Prozent mehr Umfang. Da muss man allerdings auch darauf hinweisen, dass die Verdickung nicht permanent ist, da Hyaluronsäure vom Körper abgebaut wird und man sie nach ungefähr einem Jahr wieder nachspritzen müsste.

"Eine schön gemachte Beschneidung ist wie die Visitenkarte eines Mannes."

Zu Ihren Behandlungen zählen ja unter anderem Hodensackstraffungen und Peniskopfverdickungen. Haben Sie einen Eingriff, den Sie am liebsten durchführen?
Ich freue mich auf jeden Eingriff, weil ich damit Probleme löse und Freude ins Leben des betroffenen Mannes zurückbringe. Die Korrektur einer angeborenen oder erworbenen Penisverkrümmung ist zum Beispiel ein toller Eingriff, da Patienten dadurch erst wieder in der Lage sind, aktiv am Geschlechtsverkehr teilzunehmen. Eine schön gemachte Beschneidung ist außerdem wie die Visitenkarte eines Mannes – unschöne Narben haben am besten Stück nichts verloren.

Die Implantation einer Penisprothese wiederum ist eine komplexe Operation, die mir technisch Spaß macht und dem Patienten nach langer Leidensphase mit erektiler Dysfunktion wieder erlaubt, Sexualität zu erleben. Ebenso erfüllt mich eine Penisvergrößerung mit Freude, wenn ich Patienten nach der Operation zur Nachsorge treffe und in ihren Augen ein Funkeln sehe, das mir zeigt, dass ich durch den Eingriff ihr Leben und ihr Selbstvertrauen positiv verändern konnte.


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Frauen müssen regelmäßig auf dem Gynäkologenstuhl Platz nehmen – warum ist die Andrologie Ihrer Meinung nach im Gegensatz zur Gynäkologie so unsichtbar?
Die Andrologie ist ein kleines Teilgebiet der Urologie – es behandelt, wie gesagt, Probleme des männlichen Geschlechts. Da wir Männer nicht gewohnt sind, über Probleme oder intime Wünsche zu reden, scheuen sich viele, mit einem Spezialisten über ihre Wünsche und Ängste zu reden. Frauen werden von ihren Müttern in die gynäkologische Vorsorge und Kontrolle begleitet und darüber aufgeklärt – bei uns Männern ist in den seltensten Fällen ein Vater vorhanden, der uns bei der Hand nimmt und mit 18 Jahren zum Urologen führt. Daher denke ich, dass viele Männer im Allgemeinen mit Arztbesuchen ein Problem haben. Noch dazu, wenn es um intime Themen geht.

Welches Verhältnis haben die meisten Männer Ihrer Erfahrung nach zu ihrem Penis?
Die meisten Männer haben ein gesundes Verhältnis zu ihrem Penis. Soll ja auch so sein, denn der Penis ist ein wichtiges Organ des Mannes. Die tägliche Intimhygiene sollte bei jedem Mann Bestandteil des morgendlichen Waschrituals sein. Wenn nicht oft genug unter der Vorhaut gewaschen wird, kann es zur Ansammlung abgestorbener Hautanteile kommen, die wir als Smegma kennen.

Eichelkäse!
Ebenso kann es bei fehlender Hygiene zu deutlicher Geruchsbelästigung kommen. Die Take-Home-Message ist daher: Intimhygiene ist wichtig!

Wie gehen Sie mit ungewollten Ständern von Patienten um?
Wenn ein Patient eine Erektion bei einer Untersuchung bekommt, ist das als normal anzusehen, da durch die manuelle Stimulation am Penis das taktile Erektionszentrum positiv beeinflusst wird und es durch einen positiven Rückkoppelungsmechanismus zu einer reflektorischen Erektion kommen kann. In solchen Fällen versucht man einfach, professionell mit der Situation umgehen.

Was war der kleinste und größte Penis, den Sie je gesehen haben?
Die Welt der Pornografie suggeriert ja, dass wir mindestens 20 Zentimeter haben müssen, um als normal zu gelten – das ist erfreulicherweise nicht der Fall. Die Größe eines Penis hat jedoch immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Aus Studien der Evolutionsforschung lässt sich schließen, dass ein großer Penis das weibliche Geschlecht immer schon mehr angesprochen hat als ein kleiner.

Der kleinste Penis, den ich je gesehen habe, hat im erregten Zustand nur vier Zentimeter gemessen. Dabei handelte es sich aber um ein genetisches Problem, das sich negativ auf das Wachstum des Penis ausgewirkt hat.

Den größten Penis, den ich persönlich gesehen habe, würde ich mit 25 Zentimetern Länge im erregten Zustand beziffern. Man mag sich das auf den ersten Blick toll vorstellen – für diesen Mann war es aber mehr eine Last. Die Größe und der Umfang des Penis führten zeit seines Lebens zu Problemen bei der Sexualität. Schlussendlich musste ich bei diesem Patienten nach langer Potenzproblematik bei der Implantation einer Penisprothese auch eine Penisverkürzung machen, bei der wir fünf Zentimeter an Länge wegnahmen.

Gibt's so was öfter? Zu große Penisse?
Das tritt sehr selten auf, aber es kommt schon vor. Wie gesagt musste ich einmal aufgrund eines zu langen Penis eine Verkürzung durchführen. An einen weiteren Fall erinnere ich mich auch, bei dem es aufgrund einer Sichelzellenanämie zu immer wiederkehrenden Dauererektionen kam. Man nennt das auch "Stuttering Priapismus". Das führte schlussendlich dazu, dass sich das Penisgewebe sehr stark dreidimensional ausdehnte. Der Patient klagte ebenfalls über einen zu großen und zu dicken Penis. Der Wunsch nach mehr Länge und mehr Größe überwiegt aber im Allgemeinen.

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