So wirkst du in deinem Ferialpraktikum, als hättest du was zu tun

Beschissener als im Sommer wirklich zu arbeiten, ist eigentlich nur, wenn man so tun muss, als würde man arbeiten.
5.8.16
Ferialpraktikantin, die so wirkt, als hätte sie etwas zu tun

Machen wir uns nichts vor. 90 Prozent der Ferialpraktika sind wahnsinnig unnötig und nur für den Lebenslauf da. Ich fange jetzt nicht an, über die heutige Arbeitswelt, die auf Praktikanten aufgebaut ist, zu lamentieren. Wir wissen alle, wie der Hase läuft. In den meisten Fällen besteht schon im Vorhinein nicht der Hauch einer Chance auf eine Übernahme—das weiß die Firma und das weißt du.

Als Praktikant bekommt man grundsätzlich Aufgaben, die entweder so einfach sind, dass du an deiner Selbstwahrnehmung zweifelst, oder solche, mit denen die Angestellten seit Monaten auf dich warten, weil sie selbst keine Lust dazu haben. Dir mehr aufzubürden wäre für die Entlohnung auch irgendwie frech, aber trotzdem ist es nicht besonders befriedigend, das mentale Dasein eines Magistratsbeamten zu fristen.

Aber auch, wenn fünf Stunden schwimmen gehen ziemlich sicher produktiver wäre, tut man viel für einen neuen Eintrag im Lebenslauf, und dafür braucht man vor allem zwei Dinge: Geduld und eine gute Tarnung. Denn: Wer arbeitsam aussieht, obwohl er wenig bis keine Arbeit hat, hinterlässt einen guten Eindruck. Und weil ich wirklich gut darin bin, so zu tun, als würde ich sehr viel machen, kommen hier meine besten Tipps.

Öffne alle MS-Office Programme und lass sie im Hintergrund laufen

Alternativ gehen natürlich auch alle Mac-Programme. Ganz wichtig ist dabei Excel (oder Numbers). Scheiß drauf, dass du nie verstanden hast, wie das mit den Zellfunktionen wirklich funktioniert. Niemand hat das. Aber jeder hat es im Lebenslauf stehen. Schreibe ein paar Dinge rein. Vielleicht Zahlen, vielleicht Worte. Je nachdem.

Mache eine Pseudo-Liste. Zum Beispiel mit Dingen, die du diese Woche noch tun musst oder tun möchtest. Oder eine Liste mit irgendwelchen finanziellen Daten. Wenn du keine hast, weil man dir wirklich gar keine Verantwortung gegeben hat, dann erstelle deine eigene Liste. Hab sie immer im Hintergrund offen und bereit—für den Fall, dass jemand an deinem Platz vorbeigeht.

Word beziehungsweise Pages ist auch super. Tu so, als würdest du dir die ganze Zeit Notizen machen. In den Meetings, in die du mitdarfst. Jedes Mal, wenn der Chef mit dir sprechen will. Es wird genügend Möglichkeiten geben. Mach dir Notizen. Formatiere diese Notizen in rot, oder auch dick oder auch kursiv. Das wirkt ziemlich motiviert und du kannst dieses total durchdachte Werk aus Farbcodes immer öffnen, wenn jemanden an deinem Platz vorbeigeht.

Man grinst nicht bei der Arbeit. Man schaut stattdessen "konzentriert"—also grimmig—und tippt einzelne Wörter so hin wie Bob Ross Bäume malt.

Beziehe dich auf Aussagen aus der Vergangenheit

Wenn du deine Notizen beisammen hast—auf denen meistens schön formatiert Dinge stehen wie „Blabla, XY-Effizienz steigern, blabla"—, kannst du in den nächsten Meetings oder Gesprächen immer wieder auf sie zurückgreifen und ein paar der Schlüsselwörter fallenlassen. Also ohne das Blabla. Beziehe dich auf die Aussagen, die der Chef schon lange vergessen hat, weil er tatsächlich arbeitet.

Ein Beispiel hierfür wäre: "Wie letzte Woche besprochen, sollten wir die XY-Effizienz steigern". Du musst dir nicht wirklich Gedanken machen, was das ist und wie man das erreicht. Es gibt immer einen Mitarbeiter, der eine tolle, improvisierte Idee hat, um dem Chef zu schmeicheln. Der Satzanfang "Wie letztens besprochen" ist übrigens dein neuer bester Freund.

Wenn es ein Einzelgespräch ist, überlege dir fünf Minuten vorher, wie du die XY-Effizienz steigern würdest. Erfahre fünf Minuten später, warum es die Firma "nicht so macht". Nicke dabei und tue so, als würdest du es vollkommen verstehen. Mach dir eine Notiz, was die Firma nicht macht und schreibe ein schön formatiertes WTF dazu. In etwas kleinerer Schrift.

Chatte langsam und lege Pausen ein

Ja, die Chat-Gespräche, die du in diesen Stunden führst, werden voller geladenen Emotionalität sein. In jeder Langweile liegt ein bisschen Dramatik. Aber halte deine Finger zurück. Niemand arbeitet so, dass er in einer Sekunde 257 Zeichen in die Tastatur hämmert und dabei dämlich grinst. Man grinst nicht bei der Arbeit. Man schreibt nicht wie ein Orkan an einer wichtigen E-Mail. Man schaut stattdessen "konzentriert"—also grimmig—und tippt einzelne Wörter so hin wie Bob Ross Bäume malt.

Runzle die Stirn, mach die Augen klein—übe dich in ein bisschen Gesichtsakrobatik. Ab und an kannst du verwundert schauen. So in der Art: "Oh, wow! Diese monotone Aufgabe ist so überraschend und lehrreich!" Mache es wie in der Schule—nachdenkend aussehen, damit man nicht drangenommen wird.

Folgende Chat-Taktik hat sich bei mir bewährt—sie hat mich zwar auch ein paar Liebschaften gekostet, aber ich hatte eine gute Zeit: Chatte in Absätzen. Schreibe den ersten Teil der Nachricht, mach eine Trinkpause. Schicke den Absatz nicht ab. Schreibe den nächsten Absatz.

Führe aus und gehe ins Detail. Huste kurz und halte Blickkontakt mit einem Mitarbeiter. Lächle ihm sanft und demütig zu. Schreibe den nächsten Absatz, der ein neues Gesprächsthema erschließt. Arbeite in unregelmäßigen Intervallen an deinen Chat-Texten. Schick das Ganze weg. Geh auf die Toilette. Wiederhole den Ablauf bis 18:00 Uhr.

Lass dein Handy in der Tasche

Ich weiß: Die meisten coolen Apps sind nur am Handy verfügbar oder wirken einfach am Smartphone viel besser. Tinder, Pokémon Go, Snapchat, WhatsApp und Instagram, um nur die wichtigsten Beispiele zu nennen. Die letzten zwei sind aber auf jeden Fall auch am Computer abrufbar. Ich könnte dir die Seiten hier verlinken, aber du hast ja selbst genug Zeit für Recherche. Ich möchte dir diese Aufgabe nicht nehmen, weil ich weiß, wie spannend so etwas sein kann.

Am Handy zu hängen, wirkt so, als würdest du nichts zu tun haben. Und dein Ziel ist es, niemals so zu wirken. Freunde dich also mit neuen Webseiten an. Warst du schon auf StumbleUpon? Wie wärs mal wieder mit Pinterest? Kennst du schon Tumblr beziehungsweise Reddit? Die letzte Frage ziehe ich zurück, weil ich davon ausgehe, dass du pervers bist und kaum woanders abhängst. Aber hast du schon daran gedacht, dass du Reddit auch auf deinem Arbeitscomputer öffnen kannst und es schön unauffällig aussieht?

Mach deine Browser-Tabs zu einem Mosaik

Es ist nie klug, nur einen Tab offen zu haben. Vor allem, wenn dieser Tab eine Social-Media-Plattform ist. Es gibt bestimmt Internetseiten, die irgendwie mit deinem Praktikum zu tun haben. Habe die auf jeden Fall offen.

Pro-Life-Hack: Benutze Excel und die ganzen Programme gleich in deinem Internet-Browser. Oder steige um auf Google-Sheets. Wie das alles geht, erfährst du auch durch Online-Recherche. Mach am besten schon mal einen neuen Tab dafür auf.

Bewege dich im Haus

Stell dir vor, du hättest Arbeit. Arbeitende Menschen haben einen sehr bestimmten und hastigen Gang. Gehe nur so zu der Kaffeemaschine. Gehe ab und zu zum Drucker. Druck vielleicht vorher irgendwelche Pinterest-Bilder aus. Gehe immer wieder zur Kaffeemaschine. Gehe auch manchmal zum Empfang und stelle unnötige Fragen.

"Haben wir Sackerl?" ist eine Frage, die man zum Beispiel immer stellen kann. Du bist in der Firma so egal, dass die Empfangsdame niemals deinen Chef fragen würde, warum du nach einem Sackerl gefragt hast. Sie geht davon aus, dass du arbeitest. Dass du entsandt wurdest. Dass irgendetwas von dem, was du tust, einen tieferen Sinn ergibt. Diese Närrin.

Mache niemals Verbesserungsvorschläge

Leider tappen viele Praktikanten in diese Falle, weil sie glauben, es wirkt scharfsinnig, motiviert und analytisch. Es wirkt zwar sehr motiviert, nervt aber alle. Angestellte sehen dich in einer Rolle: Diese Rolle enthält auf gar keinem Fall einen aktiven Part. Sie denken dann, dass du ein nerviger Besserwisser bist. Wenn du gefragt wirst, kannst du vorsichtig deine Vorstellungen ansprechen.

So wie in einem Beziehungsstreit. Also mit Floskeln arbeiten, die den Fehler nicht bei der Firma sehen. "Meiner Meinung nach", "Ich glaube" oder "Für mich fühlt es sich ja so an, als ob" sind tolle Satzanfänge. "Euer Management ist echt beschissen" kommt da weniger gut. Außerdem wissen sie das bereits, falls es denn so ist. Sie wollen es nur nicht hören. Schon gar nicht von jemanden, der bald wieder weg ist und die ganze Zeit wie ein Lobotomisierter auf der Suche nach Sackerl durch die Firma streift.

Feedback und Finale

Wenn am Ende die Feedback-Runde kommt, lobe auf jeden Fall die Firma. Erzähle, wie wichtig es für dich war, eine Einsicht in [Abteilungsname] zu bekommen. Wenn du Kritik hast, formuliere sie kurz und bündig—und nur, um dann dein Lob auszuführen. Wenn du kritisiert wirst, gib deinem Chef auf jeden Fall immer recht. Sag "Ja, ich habe das bei mir selbst auch bemerkt" oder "Stimmt, daran arbeite ich noch."

Voilà, schon hast du das ausgezeichnete Praktikumszeugnis so gut wie in der Tasche. Das hättest du zwar wahrscheinlich sowieso bekommen, weil es dafür eine Vorlage gibt, in die einfach nur dein Name eingefügt wird und die niemand ernsthaft ändert, weil sich kein Mensch auch nur genügend um Ferialarbeiter schert, um noch diese ominösen versteckten Codes einzubauen, die angeblich total viele geheime Bedeutungen haben. Außer, dein Nachfolger hat noch weniger zu tun als du und ist noch viel motivierter. Aber das ist etwas, an das du gar nicht erst denken solltest. Diese arme Sau.

Fredi auf Twitter: @Schla_Wienerin