Quantcast
Stuff

Wir haben mit Ärzten über ein Ketamin-Gerücht gesprochen, das in der Berliner Partyszene seine Runden dreht

Wir sind dem Gerücht auf den Grund gegangen, dass Ketamin als Droge während der Schwangerschaft unbedenklich sein kann.

David Molina

Der breiten Öffentlichkeit wurde Ketamin als das „Pferdebetäubungsmittel" bekannt, als dieses starkes, verschreibungspflichtiges Medikament, das man eigentlich Pferden spritzt und das bei zu starker Dosierung den Drogenkonsumenten ins ominöse „K-Hole" stürzt. In diesem Zustand brechen audiovisuelle Halluzinationen über ihn herein, bis hin zur Lähmung und Ohnmacht. Hinzu kommt, dass Ketamin schwer zu dosieren ist und ein eigenverantwortlicher Konsum zu gefährlichen Kreuzreaktionen führen kann, mit anderen Medikamenten oder mit nicht berücksichtigten eigenen Krankheitsbildern. Das stimmt. Dennoch erfuhr Ketamin in der öffentlichen Wahrnehmung allmählich ein differenzierteres Bild. In den Medien erschienen mehr und mehr Meldungen, in welchen Bereichen der Wirkstoff zudem noch Anwendung findet: Als Schmerz- oder Betäubungsmittel in der Anästhesie, als eins der ultimativen Mittel für Kinder bei asthmatischen Schockanfällen und mittlerweile wird es selbst als eine „Wunderwaffe" gegen Depression gepriesen. Auf Grund seiner vielfältigen Einsatzmöglichkeiten hat es die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sogar auf die Liste der unentbehrlichen Arzneimittel gesetzt.

Nun kursiert ein neuer Mythos: Bei richtiger Handhabung kann es gefahrlos als Droge selbst während der Schwangerschaft eingesetzt werden. Zum ersten Mal hörte ich davon auf einer Hausparty, dem Geburtstag von einer Freundin. Ich kam zu spät und hatte Hunger, doch abgesehen von einem vertrockneten Karottenkuchen lag auf dem Küchentisch nichts mehr. Auf Nachschub war nicht mehr zu hoffen, die Zeit zu essen, war offensichtlich vorüber, bei den Gästen wirkten allmählich die Drogen, sie fühlten sich satt. Dann kam Jenny durch die Tür, ich kannte sie nicht. Sie stellte sich vor. Sie wirkte ein bisschen wie aus den 90ern gefallen, wie jemand, der vom Tresor noch Geschichte zu erzählen hatte, als der Tresor noch Geschichten zu erzählen hatte. Sie hielt einen American Cheesecake in Händen, mit Zauberkerzen garniert, die Rettung. „Himbeer-Vanille, ist mir beim Kotti fast runtergefallen. Scheiß U-Bahntreppen." Wir machten Witze, sie gab mir ein Stück, ein Fest, ich sagte: „Das saftigste an dem Karottenkuchen da drüben ist der Puderzucker oben drauf." „Sicher, dass das Puderzucker ist?" Haha ... „Nein." Dann kam ein Stoß Menschen zu uns in die Küche, Tüten und Spiegel machten die Runde. „Nein danke, ich hab schon" hat sich als Antwort bewehrt, wenn man nichts ziehen will, Jenny war dran: „Ich bin doch schwanger, du. Wenn überhaupt, dann nur Keta." Nee, jetzt wirklich. „In geringen Dosen ist das OK." „Solange es das Medizinische ist und kein Dreck von der Straße. Aber Vorsicht mit Ketanest S", versuchte mich einer ihrer Kumpels aufzuklären. „Ah OK, wusste ich gar nicht, echt interessant." Drogengespräche mit kaputten Leuten in Berliner-Altbauküchen kannte ich zu genüge, man altert dabei gleich doppelt so schnell. Ich ging ins Wohnzimmer, wollte schauen, was die Anderen machen. Nicht viel, wenige Stunden später war ich wieder zu Hause.

Keta und Schwangerschaft—ein paar Monate später auf der Nation of Gondwana hörte ich wieder davon. Er: vermutlich knapp über 20, bordeaux-farbene Weste mit Federn als Halsband, sie: Dreads in den Haaren und Septum-Piercing—aufgeschnappte Wortfetzen zum gleichen Thema. Ich blieb kurz stehen, musste dann weiter, die Freunde und das Set von Recondite riefen.

Erst kürzlich schon wieder das Thema beim Abendessen mit Freunden und entfernten Bekannten. Auch LSD als unbedenkliches Mittel wurde in die vor sich hinspekulierende Runde geworfen. Jeder hat irgendetwas gehört, niemand wusste so richtig Bescheid. Nun war genug.

In den Internetforen ist nur wenig bis gar nichts darüber zu finden. Verständlich. Welche angehende Mutter fragt schon, ob es OK wäre, sich Keta zu geben. Andererseits gibt es nichts, was es nicht gibt. Frauen, die in der Schwangerschaft rauchen und trinken, sind keine Seltenheit, auch Heroin-, Crystal- und Kokainabhängige bekommen Kinder. Von Hundert auf Null mit dem Konsum aufzuhören, ist nicht nur nicht leicht, es kann auch schlimmer enden, als wenn die Mutter über die Schwangerschaft hindurch einen konstanten Pegel an Drogen oder Methadon hält. Warum ein abrupter Entzug gefährlich sein kann, erklärte uns Fachärztin Anett Bläser vom Uni-Klinikum Leipzig bereits im Rahmen unserer Berichterstattung zu Entzugskindern genauer: „Das ist versucht worden, man ist aber davon abgekommen, weil man in der Schwangerschaft einen möglichst stabilen Verlauf haben will. Gerade im letzten Drittel steigt der Drogenbedarf eher an, das heißt, der Stoffwechsel der Frauen verändert sich, sodass sie eher mehr brauchen. Und da sind dann mehr Frauen zum Beikonsum übergegangen oder haben sich doch wieder Heroin beschafft, sodass die ganze Sache wieder instabiler wurde. Deswegen macht man das eher nicht mehr."

In meinem Umfeld heiraten immer mehr Freundinnen oder kriegen Kinder, es ist der Lauf der Dinge, wenn man an der 30 kratzt oder sie bereits geknackt hat. Keine von ihnen ist drogenabhängig, sie alle werden großartige Mütter und doch wünsche sich die meisten von ihnen manchmal dasselbe: Den Kopf einfach mal abschalten. Für eine Weile nur, kurz den Reset-Knopf drücken und die dumpfe Stille all die Pflichten und lauernden Herausforderungen ertränken lassen. Wie früher, als das Leben zu viel wurde. Drogen wären für sie trotzdem undenkbar. Die angehenden Väter haben es einfacher; sie können weiter mit ihren Jungs einen saufen gehen, den Stress vergessen, den Alltag beiseite legen. Bei Frauen könnten schon kleinste Menge an Alkohol zum fetalen Alkoholsyndrom und somit zu schlimmsten Missbildungen des Kindes führen. Keta also? Als Option für Mütter, denen die abrupte Entsagung so schwer fällt? Klingt wahnsinnig.

Um nicht herumzuspekulieren, fragten wir diverse Experten an, doch die waren äußerst zurückhaltend. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wollte „Fragestellungen dieser Art ausschließlich im Zusammenhang mit der bestimmungsgemäßen Anwendung eines Arzneimittels beantworten". Alle weiteren Mediziner antworteten auf die Anfrage—wenn überhaupt—nur zaghaft. Sie erklärten, nicht genügend Kenntnis auf diesem Gebiet zu besitzen, bedankten sich höflich oder verwiesen auf einen Experten, der selbst wiederum auf einen weiteren Experten verwies und so weiter und so fort. Bei der Frage, ob Alkohol oder Heroin während der Schwangerschaft unbedenklich eingenommen werden könnte, wäre die Antworten gewiss konkreter ausgefallen. Konnte am Gerücht tatsächlich was dran sein und daher die Vorsicht?

Schließlich waren zwei Ärzte doch bereit, darüber zu reden—off the record, anonym. Man sei sich nicht sicher, alles unter Vorbehalt, aber: Eine entscheidende Frage wäre, ob Ketamin plazentagängig ist; ob also der Wirkstoff von der Mutter auf das Kind im Bauch übertragen werden kann. Ja, er kann. In dem Fall wäre weiter zu fragen, ob Ketamin teratogene Eigenschaften besitzt, einfach ausgedrückt, ob es toxische Wirkungen auf das Kind entfaltet, die zu Fehlbildungen führen können. Und genau an dieser Stelle wird sich das Gerücht von Ketamin als Schwangerschaftsdroge vermutlich entzündet haben, denn anscheinend konnte keine Teratogenität in Tierversuchen festgestellt werden. Doch das sollte nicht zum hinreichenden Argument für Ketakonsum während der Schwangerschaft werden. Nur weil keine Teratogenität in Tierversuchen festgestellt werden konnte, heißt dies nicht, dass das Gleiche für den Menschen gilt. Um das zu erfahren, müssten randomisierte Studien durchgeführt werden, was natürlich völlig wahnsinnig scheint, weil keine Mutter das Risiko einginge, ihr Kind mit Testversuchen womöglich zu vergiften.

Aber selbst wenn Ketamin tatsächlich nicht teratogen wirkt, wäre vom Konsum abzuraten. Es soll nämlich den Gefäßdruck der Mutter heben, die Kontraktilität der Gebärmutter steigern und—je nach Dosis—atemdepressiv auf das Kind wirken. Atemdepression, also eine zu flache oder langsame Atmung, muss für das Kind nicht zwingend ein Problem werden, solange es sich noch im Mutterleib befindet—dort atmet es ja überhaupt gar nicht. Mit den anderen beiden Wirkungen sieht es schon problematischer aus. Ketamin wird eine oxytocin-ähnliche Wirkung nachgesagt. Das Hormon erhöht die Kontraktilität der Gebärmutter und wird auch im sogenannten Wehentropf verwendet, mit dem Geburten künstlich eingeleitet werden. Dies würde bedeuten, dass Ketamin eine wehenstimulierende Wirkung haben kann und somit Frühgeburten provozieren könnte. Der erhöhte Gefäßdruck äußert sich als Bluthochdruck und kann im Extremfall in einer frühzeitigen Entbindung per Kaiserschnitt enden. Ganz sicher belegen ließen sich diese Effekte jedoch nur dann, wenn auch hier randomisierte Studien durchgeführt werden würden, was in Anbetracht des Risikos einer Frühgeburt undenkbar erscheint—allein schon aus ethischen Gründen.

Vielleicht gewinnt aber Ketamin als Medikament noch derart an Bedeutung, dass die Bemühungen um dessen Erforschung noch weiter vorangetrieben werden und über Umwege auch diese Grauzone beantwortet werden kann. Solange aber steht ein unkalkulierbares Risiko im Raum, das jede Überlegung, den Wirkstoff als Droge während der Schwangerschaft auszuprobieren, vergessen machen sollte. Anstatt also nach Wegen zu suchen, wie man Schwangeren doch noch einen Drogenkonsum ermöglichen könnte, sollten die jeweiligen Freundeskreise an sich selbst und an einem Klima arbeiten, das den werdenden Müttern die Zeit der Entbehrungen so einfach wie möglich gestaltet. Ansonsten bleibt tatsächlich nur die Wahl zwischen der Aufgabe des alten Freundeskreises zugunsten einer gesunden Schwangerschaft oder das Festhalten an der Clique mit all ihren Versuchungen.