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Der Sexmob, der keiner war: Wie Polizisten Kiel zum zweiten Köln machen wollen

Ein Mob aus bis zu 30 Männern mit Migrationshintergrund soll drei Mädchen in Kiel „massiv belästigt" haben. Die Frauen sollen auch mit Handys abgefilmt worden sein. Stimmt aber gar nicht.

von VICE Staff
07 April 2016, 12:02pm

Foto: imago | Christian Mang

Wie sie es machen, sie machen es falsch. So zumindest ist immer mal wieder der Eindruck von den Polizisten dieser Tage in Deutschland. Die Straftaten in der Kölner Silvesternacht hatte man klein zu halten versucht—laut Welt soll jetzt sogar eine E-Mail der Polizei Köln aufgetaucht sein, in der von einem „Stornierungswunsch" die Rede ist, mit der Absicht, die sexuellen Übergriffe vertuschen zu wollen—und auch Szenen wie die in Clausnitz, wo ein Beamter einen geflüchteten Jungen im Schwitzkasten aus dem Bus zerrte, tragen nicht gerade zur Entspannung des Arbeitsklimas der Männer in Blau bei. Ihnen wird auf die Finger geschaut, Spielraum für Fehler ist kaum vorhanden, und genau das provoziert erst recht Fehler.

Wie angespannt die Lage ist, zeigt der Fall Sophienhof. Laut Polizeibericht soll es am 25. Februar „in der Zeit zwischen 17:30 und 19:30 Uhr im Kieler Sophienhof zu mehreren Straftaten durch junge Männer" gekommen sein. Bei den Männern handelt es sich um zwei Afghanen, die drei Mädchen im Alter von 15, 16 und 17 Jahren beobachtet, verfolgt und dann mit ihren Handys gefilmt haben sollen. Im Laufe des Geschehens wurde aus den zwei 19 und 26 Jahren alten Verfolgern eine ganze Gruppe aus 20 bis 30 Personen mit Migrationshintergrund, die die drei jugendlichen Frauen bedrängten. Schließlich alarmierten Zeugen die Polizei, was zu einer vorläufigen Festnahme von vier Männern führte.

Zu körperlichen Übergriffen gegenüber den Frauen soll es nicht gekommen sein, doch zum Politikum entwickelt sich nun das angebliche Bildmaterial auf den Handys. Laut Polizeibericht, wollen die drei weiblichen Opfer beobachteten haben, „wie die Beschuldigten die Daten augenscheinlich an Dritte versendeten". Drei Tage später dementierte die Polizei bereits die Verdachtsvorwürfe; man konnte unter dem gesichteten Material keine entsprechenden Bilddaten finden.

Dann aber—und das ist das Rätsel—meldete sich am 2. März Vize-Landespolizeidirektor Joachim Gutt zu Wort und verkündete: „Wir haben Bilder der Opfer gefunden." Nur leider stimmte das gar nicht, wie nun die Kieler Staatsanwaltschaft bestätigt. Gegenüber Spiegel Online widerlegt Oberstaatsanwalt Axel Bieler die Aussage des Vize-Landespolizeidirektor Gutt: „Die Mädchen sind nicht gefilmt und fotografiert worden." Damit nicht genug: „Es gab keinen Mob." Stattdessen gehe man von Schaulustigen aus, die „nicht in das Geschehen eingegriffen haben".


Ebenfalls gegenüber Spiegel Online spricht Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef im Kieler Landtag, von einer „erschreckenden Pannenserie" der Polizei. „Hier wurde ein Fall konstruiert, der keiner war". Aber warum? Denn der Verdacht, dass die zwei Afghanen die Frauen belästigt haben, hat weiterhin Bestand; auch wird gegen die Männer wegen Widerstandes gegen Vollstreckungsbeamte Anklage erhoben—sie widersetzten sich mit Gewalt der Festnahme. Warum also muss bei einem derartigen Tatbestand den Verdächtigen vom Vize-Landespolizeidirektor höchstpersönlich das Handy-Bildmaterial angedichtet werden?

Auch hier wird wohl die Furcht vor Fehlern noch viel größere Fehler verursacht haben; aus Angst, sich für die Verhaftung gegenüber der Öffentlichkeit rechtfertigen zu müssen, wurde auf Chefebene für klare Verhältnisse gesorgt: „Wir haben Bilder der Opfer gefunden", die Rechtfertigung steht. Oder aber es ist ganz nach dem Stille-Post-Prinzip der Informationsfluss hoch auf dem Weg zum Vize-Landespolizeidirektor Gutt erheblich gestört worden und er bekam das Gegenteil von dem zu hören, was ursprünglich gesagt wurde, nur dann stellt sich die Frage, welche der beiden Varianten die bitterere ist: Aus Angst zu lügen oder nicht zu wissen, was man weiß?