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Warum ich nicht aufhöre, mit Menschen zu diskutieren, die anders denken als ich

Weder mit meinen Eltern, die meine Sexualität nicht gutheißen, noch mit Freunden, die mit Pegida sympathisieren.

von Kai Witvrouwen
26 April 2016, 4:00am

Foto: Flickr | starmanseries | CC BY-SA 2.0

Foto: Flickr | starmanseries | CC BY-SA 2.0

Facebook kann ein Ort der Geborgenheit sein. Wer einen schlechten Tag hat, der lenkt sich einfach ab mit Katzenvideos, absurden Memes oder dem deutschen Empörungspotential. Und diese Idylle soll auch möglichst niemand stören. Viele Bekannte und Freunde von mir besuchen deshalb die Facebook-Seiten von AfD, Pegida und Co., oder benutzen Tools, um zu checken, wer aus der Freundesliste hier ein "Gefällt mir" gegeben hat. Das machen sie, damit sie diese Leute so schnell wie möglich entfernen können. und sich so eine heile Welt zu erschaffen, in der unappetitliche Meinungen nicht mehr vorkommen. Eine Filterblase, in der man sich mit Menschen, die genauso denken wie man selbst, über das eigene Weltbild austauschen kann. Das ist für mich ein kapitaler Fehler.

Parteien wie die Alternative für Deutschland leben davon, dass sich ihre Anhänger ausgeschlossen und unverstanden fühlen. Sie leben von dem Gedanken, dass unsere Gesellschaft in Gut und Böse eingeteilt wird. Indem man von Anfang an jeden Dialog ausschließt, bestärkt man sie in genau diesem Denken. Anstatt in ein offenes Gespräch über die AfD zu gehen, schweigt man lieber von Anfang an. Dadurch werden Positionen verstärkt und Fronten verhärtet.

Eine Freundin hat mich kürzlich genau zu diesem Thema um Rat gebeten. Sie zeigte mir einige Posts von einem ihrer Facebook-Freunde, die darauf hindeuteten, dass er mit AfD und Pegida sympathisiert. "Was meint der damit, wie reagiere ich darauf? Ich finde das komisch", sagte sie zu mir und ich hatte eigentlich nur einen Rat: "Sprich ihn darauf an. Es beschäftigt dich offensichtlich, weil dir diese Person am Herzen liegt." Ich selbst habe einen Bekannten auf sein "Gefällt mir" für die AfD angesprochen und jetzt reden wir darüber. Ich habe dadurch viel über den AfD-Wähler gelernt und er über meine Ansichten.

Vor etwa einem Jahr wurde mir klar: Ich stehe nicht nur auf Frauen, sondern auch auf Männer. Dieses Gefühl bahnte sich auch schon Jahre vorher an, zulassen wollte ich es allerdings nicht. Ich bin aufgewachsen in einer Familie, die jahrelang eine evangelische Freikirche besuchte, und meine Mutter und mein Stiefvater verstehen sich auch heute noch als gläubige Christen. Deswegen halten sie meine neue Erkenntnis für falsch und wünschten, es wäre nicht so. Das Verhältnis zu meiner Familie war allerdings stets gut, deswegen halte ich es nicht für notwendig, wegen dieses Themas den Kontakt abzubrechen, und umgekehrt ist es genauso. Auch hier suche ich immer wieder das Gespräch, obwohl ich weiß, dass die Meinung meiner Mutter sich nur schwer ändern lässt. Sie greift mich auch nicht auf Grund meiner Bisexualität an oder behandelt mich anders. Sie sucht Akzeptanz für ihre abweichende Meinung. Genauso wie ich Akzeptanz für meine Bisexualität suche. Genauso wie mein Bekannter Akzeptanz für seine politische Ausrichtung sucht.

Viele Menschen in meinem Leben machen meiner Mutter größere Vorwürfe als ich. Manchmal bin ich in Gesprächen mit eben diesen Menschen soweit, dass ich sage, vielleicht sollte ich sie eher konfrontieren. Aber im nächsten Moment kommt mir das einfach nicht fair vor. Sie hat mir schließlich auch keine Vorwürfe gemacht. Es passt nur nicht in ihre Vision von meinem Leben, wie sie mir einmal sagte. Mir selbst fällt es oft schwer, mit meinen Eltern im Gespräch zu bleiben, weil meine Sexualität nicht zur Debatte steht. Vor den eigenen Eltern sollte man sich nicht rechtfertigen müssen. Etwas, das mich glücklich macht, dürfte sie nicht traurig machen. Und doch ist es so. Ich diskutiere deswegen weiter über ein für mich eigentlich indiskutables Thema, um doch noch ein Licht am Ende des Tunnels zu finden. Das muss man natürlich nicht für jeden x-beliebigen Bekannten machen, manche Beziehungen laufen auch so auseinander, aber die Familie hat das, wenn sie nicht gewalttätig oder ausfallend wird, verdient.

Ich habe aufgehört, direkt auf 180 zu gehen, wenn ich eine bestimmte Haltung absolut nicht teile. Stattdessen versuche ich, auch wenn es manchmal schwer ist, zu diskutieren. Es mag aussichtslos scheinen und vielleicht wird man nie die Meinung des Gegenübers ändern, aber wenigstens verbarrikadiert man sich nicht. Manchmal befindet man sich als Mensch in einer Blase. Man umgibt sich mit Menschen, die die eigene Meinung teilen. Ich denke, wir müssen manchmal raus aus der Blase und Verständnis zeigen und gleichzeitig die eigenen Standpunkte darlegen, um vielleicht den Einen oder Anderen mit in die Blase zu holen.