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Wie es sich anfühlt, in den Kopf geschossen zu werden

„Dieses Geräusch werde ich wohl niemals vergessen."
21.4.16

Die Aufnahmen der Überwachungskamera des Mitarbeiterparkplatzes von Gary Melius' Anwesen zeigen, wie der Immobilienentwickler auf sein Auto zuläuft und einsteigt. Zehn Sekunden später erscheint plötzlich eine schattenhafte Figur, schleicht sich zur Fahrerseite und schießt Melius in den Kopf.

Der 71-Jährige überlebte den Mordversuch, aber die Identitäten des Attentäters und des Auftraggebers bleiben bis heute eines der größten Geheimnisse von New York. Genauso wie im Fall des Serienmörders von Long Island ist jetzt auch beim Attentat auf Melius das FBI zuständig. Die Behörde hat in der Gegend viele ungelöste Verbrechen übernommen, nachdem James Burke), der ehemalige Polizeichef von Suffolk County, für die Missachtung von Bürgerrechten und Vertuschung verurteilt worden war.

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Aufgrund von Melius' öffentlichem Ruf als unabhängig agierender „politischer Powerbroker", der Lokalpolitiker sowohl aus dem demokratischen als auch aus dem republikanischen Lager finanziell unterstützt hat, war das Interesse an dem Mordversuch unglaublich groß. Aber auch das Zuhause des Immobilienentwicklers—das Oheka Castle—hat dazu beigetragen: Als Teil der berühmten Gold Coast von Long Island wurden in dem weitläufigen Herrenhaus und Hotel diverse Szenen des Films Citizen Kane gedreht und die märchenhafte Erscheinung gilt auch als eine der Inspirationsquellen von The Great Gatsby.

Das verschneite Anwesen von Oheka Castle am 24. Februar 2014, also dem Tag des Attentats | Foto: AP Photo/Frank Eltman

Als ehemaliger Spengler, der in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist, lieferten Melius und seine harte Jugend auch die Vorlage für Rouge Police Union, einen Doku-Artikel der Zeitung Village Voice aus dem Jahr 1993. Dem Immobilienentwickler zufolge ist sein größter Feind seit dem Kopfschuss die Klatschzeitung Newsday, denn das Blatt hat nun schon mehrere unschöne Storys über Melius' Beziehungen und politische Aktivitäten abgedruckt—darunter auch ein Investigativ-Artikel, in dem behauptet wird, dass er für seine politischen Aktivitäten finanziell „entschädigt" wurde. Melius bezeichnet diese Anschuldigungen als Lügen.

Wir haben Melius in seinem Büro im Oheka Castle angerufen, wo inzwischen auch ein Militärhelm mit seinem eingravierten Namen sowie eine Silberkugel zu finden sind—alles Geschenke von Freunden, die an das gescheiterte Attentat erinnern sollen.

Gary Melius in den Wochen vor dem versuchten Attentat | Foto: AP Photo/Paul Price

VICE: Gibt es etwas, das du noch vor dem eigentlichen Interview loswerden willst?
Gary Melius: Wenn die Leser aus dieser Geschichte eine Sache mitnehmen sollen, dann bitte folgende: Das, was Newsday mir angetan hat, war schlimmer, als in den Kopf geschossen zu werden.

Alles klar, dann fangen wir doch gleich mal damit an. Wieso sagst du so etwas?
Weil die jetzt schon fast 160 Artikel geschrieben haben, in denen ich irgendwie erwähnt werde. Dazu kommen dann noch 16 Titelstorys. Selbst wenn ich Hochverrat begangen oder ein ganzes Dorf vergewaltigt hätte, wäre wohl nicht so häufig über mich berichtet worden.

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Es kommt jedoch auch nicht alle Tage vor, dass ein Mensch einen Kopfschuss überlebt. War die mediale Aufmerksamkeit größer, als du erwartet hast?
Wir reden hier nicht von den Medien, sondern von Newsday.

OK. Das Attentat liegt jetzt schon über zwei Jahre zurück. Erinnerst du dich überhaupt noch an die Details?
Ich erinnere mich noch an alles, aber den Typen, der auf mich geschossen hat, habe ich leider nicht gesehen. Ich saß einfach nur im Auto und plötzlich dachte ich mir: „Was ist da gerade passiert?"

Hast du das Bewusstsein verloren?
Nein.

Aber Schmerzen verspürt?
Oh ja. Riesige Schmerzen.

Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, von welcher Art Schmerz wir hier reden. Ich meine, ich habe mir ja noch nicht mal einen Knochen gebrochen. Wie fühlt es sich an, in den Kopf geschossen zu werden?
Heftig. Und laut. Mein Kopf dröhnte richtig.

In deinen Ohren dröhnte es?
Nein, es dröhnte direkt in meinem Kopf. Dieses Geräusch werde ich wohl niemals vergessen. Ich hatte so etwas noch nie gehört und ich habe es seitdem auch nicht noch mal zu hören bekommen. Irgendwie kam es mir so vor, als würde ich mich in einer Dose befinden—so laut war es.

Wann hast du realisiert, dass dich da gerade jemand umbringen wollte?
Als wir ins Krankenhaus fuhren, fiel mir das Einschussloch in meinem Autofenster auf. Ich hatte im Grunde aber keine Ahnung, was eigentlich abging. Mein Kopf blutete und war in ein Handtuch eingewickelt. Ich wies dann nur noch meine Tochter an, mich ins Krankenhaus zu bringen.

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Du bist nach dem Attentat also aus eigener Kraft aus deinem Auto ausgestiegen?
Ja. Mir war klar, dass da irgendetwas nicht stimmte, aber ich wusste eben nicht, was. Hatte ich mir den Kopf irgendwo gestoßen? Ich wollte unbedingt zurück ins Haus, konnte jedoch nicht mehr richtig sehen. Die Videoaufnahmen zeigen ja auch, wie ich durch die Gegend stolpere. Ich bemerkte einen Schatten und meinte nur: „Hey du Idiot, hilf mir doch mal!" Dabei war das der Typ, der auf mich geschossen hatte. [Lacht] Mir war in diesem Moment ja gar nicht klar, mit wem ich da redete.

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Weißt du noch etwas von der Fahrt ins Krankenhaus?
Ich bin immer wieder eingenickt, war mal anwesend, dann wieder nicht. Ich erinnere mich daran, wie ich die ganze Zeit zu mir selbst gesagt habe, dass ich wohl sterben werde. Angst hatte ich jedoch keine. Ich glaube, ich habe einfach akzeptiert, was da passiert war, und es fühlte sich so an, als würde ich einschlafen—wie bei einer Narkose.

Man redet da ja immer vom Licht am Ende des Tunnels.
Nein, nicht sowas. Ich hielt es einfach nur ganz emotionslos für möglich, dass mein letztes Stündlein geschlagen hat.

Hat dir in diesem Moment irgendetwas Trost gespendet? Durch andere Interviews habe ich erfahren, dass du dich selbst als spirituellen Menschen ansiehst.
Ich konnte eigentlich nur an eine Sache denken, nämlich daran, dass ich meine Familie in einer schlechten finanziellen Lage zurücklassen würde. [Lacht bitterlich] Mein Leben ist leider ziemlich kompliziert und chaotisch.

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Vor dem Attentat warst du gerade auf dem Weg, dich zum Lunch mit dem ehemaligen US-Senator Al D'Amato zu treffen, richtig?
Richtig.

Hat das FBI irgendeinen Zusammenhang zwischen deinen politischen Aktivitäten und dem Mordversuch hergestellt?
Nun, die Ermittlungen des FBI stehen ja noch ganz am Anfang. Wenn ich jedoch einen Verdächtigen benennen müsste, dann würde ich wohl zuerst an Jay Jacobs denken, den Vorsitzenden der Demokraten von Nassau County.

Warum?
Als ich noch im Krankenhaus lag, sagte er ziemlich schlimme Dinge über mich. So redete er zum Beispiel von einem „politischen Kampf bis zum Tod". Das empfand ich doch als eine recht komische Formulierung, denn ich lag ja immerhin noch in meinem Krankenbett und konnte nicht mal aufstehen.

Kennst du ihn?
Oh ja, ich kenne ihn.

In der Vergangenheit hast du ja schon viele verschiedene Politiker unterstützt. Nach welchen Kriterien bist du da vorgegangen?
Natürlich musste ich die jeweilige Person erstmal mögen. Ich bin der Meinung, dass hier in den USA einiges im Argen liegt. Außerdem glaube ich, dass wir eigentlich alle der gleichen Gruppe angehören. Wir interessieren uns jedoch gar nicht für die politischen Kandidaten selbst, sondern nur für die Partei. Hier könnte wohl auch ein neuer Hitler antreten und die Leute aus der Partei würden trotzdem für ihn stimmen.

Haben sich deine Ansichten zum Thema Gewalt seit dem Attentat irgendwie verändert?
Nicht wirklich. Ich besitze zum Beispiel auch heute noch keine Waffe.