Zahltag

​Österreich kann nicht nur rechtsaußen

Was die österreichische Wählerschaft noch lernen muss und was eine laufende Frau mit dem Ende der Zweiten Republik zu tun hat.
26 April 2016, 10:00am

Foto von Christopher Glanzl via VICE Media

An dieser Stelle erscheint regelmäßig Manfred Klimeks Kolumne "Zahltag". Die darin veröffentlichten Texte bilden ausschließlich die Meinung des Autors ab.

Jahrelang hab ich auf diesen Tag gewartet, auf den Tag der Strafe, die dieses Land treffen soll, wie der Blitz den im freien Feld scheißenden Idioten. Also nicht das Land, das schöne Land, dem nur das Meer zum Gesamten fehlt—und die alte Hymne. Nein, es soll die Bevölkerung des Landes treffen, vor allem die Wiener, dieses von Niedertracht durchsetzte Pack, das ich als Wiener hasse und liebe, wie ich die Stadt hasse und liebe, beides zugleich—"weil ich es kann".

Als ich adoleszent war, da spuckten mir am 1. Mai auf der Straße alte Nazis—bekennend sozialdemokratische alte Nazis—ins Gesicht, weil ich einen Anti-Atomkraft-Button trug. Sie schrieen mich an, dass sie es gewesen wären, die das Land nach dem Krieg wiederaufgebaut hätten. Und dass ich vor dieser Leistung Respekt zu zeigen hätte. Ich schrie zurück, dass sie es ja auch gewesen wären, die das Land vor dem Krieg und im Krieg gewissenhaft und gründlich ruiniert hätten. Das tat selbstredend dem Spucken und Schreien keinen Abbruch.

An einem dieser Tage, ich war gerade 18 geworden, da stand ich nach einer Demonstration für ein besetztes Jugendzentrum vor dem Burgtheater, an der dortigen Straßenbahnstation, wartete mit meiner Freundin auf die Bim, und einer dieser alten grauen Männer baute sich mit seiner verrunzelten Frau vor mir auf. Er plärrte mir ins Gesicht, plärrte, plärrte, plärrte—keine Ahnung was, ich habe nicht hingehört.

Als seinem Furor der Atem zu fehlen begann, stoppte ich ihn mit einer Handbewegung und sagte leise, mit meinem vom _Gauloises_-Rauchen rauen Timbre: "Wissen Sie, wenn Sie tot sind, und das wird bald der Fall sein, wenn Ihnen dann die Würmer durchs Gesicht kriechen und Ungeziefer ihre Gedärme fressen, dann ficke ich diese schönste und großartigste Frau hier neben mir. Und sie fickt mich. Wir ficken den ganzen Tag einfach so rum. Sehen Sie hin! Das ist die Art Frau, die Sie nie gekannt haben und nie kennenlernen werden. Was wollen Sie also von mir? Sie sind bereits tot. Mit Ihnen zu reden hat keinen Wert."

Der Mann schwieg auf der Stelle, sah mich überraschend lange an, nickte kurz mit dem Kopf, nicht anerkennend, nickte einfach so, irgendwie unbestimmt, nahm seine Frau an der Hand und ging langsam in den Horizont hinein, der ein Wagen der Linie D war. Rot mit braunen Holzbänken. "Passt", dachte ich mir.

Sein Blick war keineswegs bitter. Er war unsicher. Ich hatte ihn erkannt. Ich hatte seine Ängste erkannt—das, was er wusste, das vom Ende seines Seins, das wusste ich auch. Er hatte realisiert, dass ich ihn als Person wahrnahm. Obwohl als Schablone, fühlte er sich persönlich betreut.

Das Boot ist keineswegs voll. Wir müssen jedoch jenen, die kommen, klar machen, dass sie hier keine islamischen Parallelgesellschaften errichten können.

Und das ist, was heute fehlt; jetzt gerade, in der Politik, überall, das ist, was die Parteien und eigentlich die Volksvertreter machen müssten: den Leuten nicht nach dem Maul reden, dämlich Positionen nicht diskutieren, nicht versuchen die Leute zu belehren, sondern sie einfach nur hart konfrontieren. Das fehlt dem Volk. Die Ansage! Die Überzeugung! Das Wirkliche! Das Sein!

Freilich nicht wie ich damals, das war ja nur diesem speziellen Anlass angemessen. Aber mit auszusprechenden Fakten. Etwa folgenden Satz: "Das Boot ist keineswegs voll, wir können sehr wohl noch weitere Flüchtlinge aufnehmen. Wir müssen jedoch jenen, die kommen, eindringlich klar machen, dass sie hier keine islamischen oder patriarchalen Parallelgesellschaften errichten können und sich, hart aber wahr, gefälligst assimilieren sollen." Ein solcher Satz von Van der Bellen hätte Norbert Hofer einige Prozent Stimmen gekostet.

Und noch was zu Hofer, weil es mir vorhin wieder eingefallen ist: Wenn man einen Kandidaten, der einer österreichfeindlichen Burschenschaft angehört, diese Mitgliedschaft nicht wie einen Brocken vor seine hässliche Krawatte wirft; wenn man ihn danach nicht als deutschnationalen Feind der Republik festmacht, dann ist man ein Volltrottel.

Mit Verlaub: Van der Bellen—den man jetzt wählen muss—ist ein Versager. Seine Berater erst recht. Jetzt ist sie da, die Strafe, die ich mir immer gewünscht habe: Die Dritte Republik Jörg Haiders. Die kaputten Großparteien, die sich das Inseratengeld für die Krawallblätter hinten reinschieben können. Faymann WAR Kanzler. Das ist der Wählerwille. Auch wenn er bleibt, WAR er Kanzler. Ein quakendes Schleuderopfer der eigenen Unfähigkeit. Doch jetzt wünsche ich mir, dass die Strafe nur angedroht und nicht vollzogen wird. Ich knicke ein. Der Kelch soll bitte vorüberziehen. Obwohl die, die ihn kreisen lassen, überhaupt nicht begreifen, warum er in ihren Händen ist.

Nein, es folgt keine weitere Anklage des bürgerlichen Wiener Bobo-Gesindels. Die werden einen Lichtermarsch machen und sich in der Empörung suhlen. Einige dieses Personals (haben sie schon mal nachgedacht, warum es Personalausweis heißt? Nein? Dann wird es Zeit!) verkünden ihr Elend bereits auf Facebook und tragen sich mit dem Gedanken, nach Kanada auszuwandern. Ja! Bitte! Und das Rennrad und den Karmelitermarkt bitte mitnehmen. Ab zu Beau Trudeau. Der wird auf euch warten.

Jetzt, am Ende der Zweiten Republik, muss man das Richtige tun, also Entlassungspapiere vorlegen. Folgende Leute haben sofort zu gehen: Faymann, Ostermeier, Bures, Häupl, Wehsely, ach was, alle roten Apparatschiks. Außer dieser burgenländische Bulle, dessen Namen ich jetzt nicht google. Gehen müssen weiters Mitterlehner, Leitl, ach was, die ganze ÖVP-Spitze. Außer Kurz.

Weil man die Wähler der Ekeligen andauernd als Nazis und Rassisten verunglimpfte, wurden diese Leute eben Nazis und Rassisten—wie ihnen geheißen.

Gehen muss auch die grüne Spitze. Und zwar alle. Und gehen müssen die weltumdichtenden Schönschreib-Journalisten. Aber von denen gibt es eh nur mehr wenige. Sie müssen gehen, denn sie alle sind für den Aufstieg der FPÖ verantwortlich. 30 Jahre lang, von Haiders Putschparteitag 1986 bis zu dieser Wahl, thematisiert diese Ansammlung gesichtzerschnittener Ungustln zwei wichtige und legitim vorzubringende Themen. 1.) Die Parteibuchwirtschaft und die Selbstbedienungsmentalität der Großparteien. 2.) Die Probleme mit der Zuwanderung aus muslimischen Kulturkreisen.

Weil die FPÖ diese beiden Themen an sich riss, weil sie diese als Brandbeschleuniger begriff und einsetzte; weil keine andere Partei ihr die Themen aus den Händen schlug, weil man den Ekeligen den Vortritt ließ, entstand hier nie jene Diskussion, wie sie etwa in Deutschland geführt werden kann. Und weil man die Wähler der Ekeligen andauernd als Nazis und Rassisten verunglimpfte, wurden diese Leute eben Nazis und Rassisten—wie ihnen geheißen.

Die so genannten Anständigen in Politik und Medien haben dieses Wahlvolk gezüchtet und genährt, um sich vor ihm zu fürchten, um es zu benutzen: als stets heraus zu zaubernde Zombies, die sie—selbst, fragil und instabil—im Feinde vereint. Nicht die FPÖ hat die Republik auseinander dividiert; es waren die Linksliberalen und Grünen, selbsternannte Korrekte, die Österreich zerstörten; weil sie es hassten. Weil sie es hassten, wie ich es hasse. Wie sie es lieben, wie ich es liebe. Ich bin die. Viel zu spät bin ich jener Patriot geworden, den Österreich nötig hat. Das war, als ich begriff, dass Österreich eine frühe Nation ist. Und dass dieses Österreich eine DNA hat. Ein Sein ist. Und kein politisches Gebilde. Und dass die Abwehr des Fremden das Natürliche einer frühen Nation ist. Während die späte Nation (etwa Deutschland) noch lange aufsammelt, bis sie genügend Erzählungen beisammen hat.

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Wir driften in die Poesie ab. Aber nicht ohne Grund. Die ausgezeichnete Kolumnistin und Schriftstellerin Doris Knecht, eine der besten Autorinnen Österreichs und exzellente Chronistin vieler Wiener Bobo-Alltage, schreibt für die zu Unrecht sieche Tageszeitung Kurier eine tägliche Kolumne, die selbstredend feministische Züge trägt—eine Wohltat. Knecht schrieb ein paar Tage vor der Wahl über eine Beobachtung, die sie aus dem Taxi heraus gemacht hatte. Sie schrieb über einer Frau, die nächtens durch Wien läuft. In der Naschmarkt-Gegend. Pferdeschwanz wippend, sexy, ein freies Wesen einer freien Gesellschaft in einer sicheren Stadt. Ein kleiner, großer Text; ein Manifest des Erreichten. Das Motto: "Weil sie es kann". Die Frau. Das Laufen. Nächtens. In Wien.

An denselben Tagen liefen auch andere Frauen. Sie liefen um ihr Leben. In Wien, Graz, Salzburg. Auch nächtens. Auch eine mit Pferdeschwanz darunter. Der wohl wippte beim ums Leben laufen. Hinter diesen Frauen liefen afghanische oder marokkanische Asylantragsteller, die diese zu vergewaltigen versuchten. In einem Fall ist das dann auch gelungen. Weil sie es können.

In den sozialen Medien richten Freunde von Doris Knecht über diese Frauen. Sie schreiben: Wie kann man nur so blöd sein und in der Nacht am Praterstern herumlaufen. Knechts Läuferin lief am Naschmarkt. Das ist freilich klüger. Einige von Knechts sozialmedialen Jubelperserinnen schrieb auch, dass die Frauen bis zu einem gewissen Grad selber für ihr Schicksal verantwortlich sind. Diese Frauen, die das schreiben, verstehen sich als Feministinnen. Wie Doris Knecht auch. Weil sie es können.

Doris Knecht kann freilich nichts für die Leute, die mit ihr auf Facebook befreundet sind. Aber ich nehme ihr den Text nicht ab. Ich denke, diese Frau, über die sie da schrieb, hat es nicht gegeben. An diesem Abend nicht. Der Blick aus dem Taxi traf wohl nackte Hauswände. Ich denke, es musste so ein Text geschrieben werden; ein Statement tat Not. Und so wurde ein Statement draus. Das der freien Frau in einer sicher Stadt. Das Statement sagt: Fürchte dich nicht!

Wenige Tage vor der Wahl gab es hintereinander drei Vorfälle mit Asylantragstellern, die sich Frauen bemächtigten oder zu bemächtigen versuchten. Wie von der FPÖ bestellt quasi. Ich denke, diese drei Taten haben Hofer zuletzt viele, sogar sehr viele Stimmen gebracht. Und nicht die herbeifantasierten sozialen Themen. Und ich denke weiters, dass der Verrat, dieser sich irrtümlich als Feministinnen bezeichnenden Frauen eines der größten Attentate auf die Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen war, der in Österreich je verübt wurde.

Ich glaube, dass ein poetischer Text über eine frei laufenden Frau, der im Alltag kein Weiteres findet, keine Wirklichkeit erfährt; der ein Text bleibt, der mit anderen Erzählungen nicht hält, was er verspricht; ich glaube, dass dieser Text den Kandidaten der Freiheitlichen, dessen Namen ich nicht mehr nennen will, zum Präsidenten macht. Ein wenig mehr als eh schon. Weil die Menschen dieses Lügen satt haben, diese Konstruktionen der Wohllebigen, die es sich auf Fördergelderkosten gut eingerichtet haben in ihrer bunten Innergürtel-Republik. Letztlich wird alles jenem Schein geopfert, den die frühe Nation als DNA wie selbstverständlich mit sich führt. Dem Schein, den die späte Nation noch zu entfachen sucht, zum Glosen bringen will.

Wählen Sie bitte am 22.5.2016 Alexander van der Bellen zum Präsidenten der Republik Österreich. An diesem Tag habe ich Geburtstag. Machen Sie mir dieses Geschenk. Danke für Ihre Aufmerksamkeit.