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Dr. Adam R. Winstock: Alle ignorieren die Empfehlungen. Die nationalen Trink-Richtlinien reden immer von den Risiken langfristiger Schäden, aber die Leute interessieren sich eher für den kurzzeitigen Nutzen. Diese Richtlinien sind ausführlich belegt und wenn man sie befolgt, ist das Risiko von alkoholbedingten Gesundheitsproblemen viel geringer. Man trinkt jedoch vor allem für das kurzzeitige Vergnügen, also um ein wenig—oder manchmal total—betrunken zu sein.
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Dieses Jahr werden wir die bestehenden Richtlinien in Frage stellen und die Meinung der Öffentlichkeit dazu nutzen, die ersten „sichereren Alkohol- und Drogenkonsum-Obergrenzen“ festzulegen. Beim GDS 2015 werden wir fragen, wie viel die Leute trinken oder einnehmen müssen, um eine Wirkung zu spüren und Spaß zu haben. Aber auch die Risiken der verschiedenen Intensitäten und Häufigkeiten des Konsums werden untersucht. Ich glaube, dass die meisten Drogenkonsumenten viel vernünftiger sind, als man denkt.Stimmt. Das erklärt wohl auch, warum vom Staat finanzierte Kampagnen es nicht wirklich schaffen, diese Zielgruppe anzusprechen.
Meiner Meinung nach hat z.B. Frank schon einen gewissen Informationsgehalt, ist aber nicht für Leute geeignet, die gerne Drogen nehmen. Das ist so, als würde man einen Vegetarier zu McDonalds einladen. Talk to Frank ordnet sich—wie viele andere staatliche Kampagnen auch—dann doch folgender Einstellung unter: „Drogen sind gefährlich und sollten nicht konsumiert werden. Deshalb sind sie illegal.“ So ist es schwierig, wie Erwachsene über dieses Thema zu reden und dabei den Tatsachen ins Auge zu blicken: Drogenkonsumenten sind im Allgemeinen nicht dumm. Der Konsum dient zur Sozialisierung und sie wollen sich oder ihren Mitmenschen dabei nicht bewusst Schaden zufügen.
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Nun, die unproblematischen Drogenkonsumenten spielen keine Rolle, weil sie nicht viele Straftaten begehen oder ihr Leben zerstören. Deswegen fällt diese große Zielgruppe einfach weg (ungefähr 89 Prozent der Konsumenten nehmen Drogen, um Spaß zu haben).Es fehlen auch die finanziellen Mittel und das Interesse. Dazu kommt, dass die Risikominderung immer auf einen Rückgang von Straftaten und Todesfällen abgezielt hat und eigentlich wegen HIV ins Leben gerufen wurde. Die meisten unproblematischen Konsumenten sind jedoch nicht vom Tod oder von HIV betroffen. Die Regierung weiß nicht wirklich, welche Ratschläge man diesen Leuten geben soll. Es wird einfach die „Nehmt keine Drogen“-Schiene weitergefahren. So bleibt nur wenig Spielraum, um zu akzeptieren, dass die Risiken stark verringert werden können, wenn man das Konsumverhalten und die Umstände verändert.Für die große Mehrheit der Menschen, denen der Drogenkonsum keine Probleme macht, ist Abstinenz keine Alternative. Die Empfehlungen sind einfach nicht auf die Zielgruppe zugeschnitten—das ist nämlich die Allgemeinheit und nicht der risikoreiche Teil von Auffälligen.
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Die Individualisierung wird durch „Drugs Meter“ und „Drinks Meter“ möglich gemacht. Anderswo findet man nur viel allgemeinere Infos. Ich bin nicht so naiv und glaube, dass die Menschen einfach so ihr Drogenkonsumverhalten ändern, nur weil wir bei GDS diese nette, kleine App programmiert haben. So verändert man kein Verhalten. Das wird nur passieren, wenn man den Leuten die Möglichkeit gibt, über die persönlichen Folgen ihres Verhaltens nachzudenken. Sie sollen erkennen, welchen Einfluss eine Veränderung auf ihre Erfahrungen und das Gesundheitsrisiko hat.

So gesehen gibt es vier Barrieren, die uns davon abhalten, unser Verhalten zu ändern. Zuerst einmal überschätzen wir unsere persönliche „Unverwundbarkeit“. Diese Barriere wird bei unseren Diensten folgendermaßen angegangen: Wir zeigen den Nutzern, wie ihre persönliche und familiäre Vorgeschichte, die eingenommenen Medikamente und ihre Art des Drogenkonsums das persönliche Gesundheitsrisiko beeinflussen. Man kann also nicht sagen „Das betrifft mich ja gar nicht“, denn es betrifft einen voll und ganz.Als Zweites sagen wir uns: „Ja, ich betrinke mich am Wochenende. Aber scheiß drauf, alle meine Kumpel machen das auch und uns geht’s gut.“ In der Gruppe fühlen wir uns geborgen—aber unsere Gruppe ist natürlich sehr klein. „Drugs Meter“ vergleicht dich nicht nur mit deinen 25 Freunden, es vergleicht dich mit Zehntausenden Menschen aus der ganzen Welt, die die gleichen Drogen wie du konsumieren. Ich glaube, dass einen dieses soziale, maßgebende Feedback unwohl fühlen lassen kann. Man merkt dann vielleicht, dass zwei Gramm Koks jeden Freitag und Samstag nicht die durchschnittliche Menge sind. Wenn wir über das Verhalten Anderer Bescheid wissen, dann kann auch unser eigenes Verhalten in die richtige Richtung gelenkt werden.
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Erstaunlich wenig. Aber eigentlich ist unsere Arbeit auch nicht wirklich so radikal. Wenn man etwas gesunden Menschenverstand besitzt, Ahnung vom Drogenkonsum hat und nicht dem Moralismus um einen Rausch zustimmt, dann hat „The High Way Code“ nichts wirklich Umstrittenes an sich. Es wird sich an bewährte Modelle der Peer-Education gehalten. Die sind abgeleitet aus vernünftigen Gesprächen mit Leuten, die die Tatsachen anerkennen.Wir sagen einfach nur: „Hey Leute, das hier sehen eine Menge Leute als vernünftig an und sie nehmen die gleichen Drogen wie ihr. Übrigens, ihre Erfahrung scheint dadurch nicht schlechter zu werden, also denkt doch mal darüber nach.“Wir gehen nicht mit der Brechstange vor. Uns geht es um den Informationsaustausch. Ich sehe unser Unternehmen im Grunde auch als eine Informationsvermittlung an. Die Leute geben uns Informationen und wir geben ihnen Informationen zurück. Das ist rational und nicht radikal.Warum hat es deiner Meinung nach so lange gedauert, bis jemand einfach Drogenkonsumenten im großen Stil nach ihrem Wissen und ihren Erfahrungen gefragt hat? Beide Sachen scheinen ziemlich leicht zugängliche und wertvolle Informationen zu sein.
Stimmt, das ist ja nichts total Kompliziertes. Viele Mitglieder der Risikominderungs-Bewegung haben schon länger solche Vorschläge gemacht. Es braucht eben bloß ein wenig, bis das auch bei Leuten wie mir ankommt. Dank GDS sind wir in der Lage, bei der eigentlichen Durchführung zu helfen. Wir können uns wirklich glücklich schätzen, ein solches Netzwerk aus Forschern, Medienpartnern und uns helfenden Menschen zu haben.Vielen Dank, Adam.