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Ich habe eine Woche von einem Euro am Tag gelebt

Man lernt viel über unsere Gesellschaft, wenn man kaum Geld für Essen hat.
7.10.14

Alle Fotos von VICE Media.

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern geben wir Österreicher im Durchschnitt nur einen sehr kleinen Teil (rund 10 Prozent) unseres Geldes für Nahrungsmittel aus. Österreich ist eines der reichsten Länder der Welt, gleichzeitig steigt aber die Zahl der Menschen, die an oder unter der Armutsgrenze leben. In Wien werden jedes Jahr circa 70.000 Tonnen Lebensmittel vernichtet, während hier mit 17 Prozent der Bevölkerung das Armutsrisiko am höchsten ist. Viele Menschen haben nicht die Möglichkeit, für Nahrung so achtlos Geld auszugeben, wie es ein großer Teil von uns tut.Ich wollte wissen, wie es ist, wenn man nur extrem wenig Geld für Nahrungsmittel ausgeben kann, also habe ich eine Woche für einen Euro am Tag gelebt.

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Grundsätzlich kann ich sehr gut sparen. Ich rauche nicht, trinke vor dem Fortgehen mit meinen Freunden immer billigen Wein, damit ich mir im Lokal nichts mehr kaufen muss und bin absolut nicht wählerisch, wenn es um Essen geht. Aber auch für das Essen, das man unwählerisch ausgesucht hat, muss man leider zahlen. Immer mehr Menschen können sich in Österreich keine regelmäßigen Mahlzeiten leisten.

Eines ist auf jeden Fall klar und für jemanden wie mich, die in einem Haushalt aufgewachsen ist, in dem es immer gutes und ausgewogenes Essen gab, nur sehr schwer zu lernen: Wenn man kein Geld hat, kann man nicht essen, worauf man Lust hat. Selbst während dem Studieren und damit der—aus der Sicht von uns verwöhnten Mimosen—Zeit der völligen Armut, isst man doch meistens Dinge, die man gerade essen möchte. Billig, ja, aber nicht das einzige, das man sich an diesem Tag leisten kann und für das man nur Geld ausgibt, weil man einfach essen muss.

Für eine Arbeitswoche—also fünf Tage—würde ich am Tag einen Euro für meine Ernährung ausgeben, um herauszufinden, was so eine Veränderung in Bezug auf Essen, Geld, Sozialleben und die Selbstverständlichkeit, dass wir all das (zumindest zu einem gewissen Teil) haben, bewirkt.

Montag

Symbolfoto von Hanna beim Essen.

Wochenlang habe ich das Experiment verschoben, weil es einfach kaum Wochen gibt, in denen man nicht schon im Vorhinein weiß, dass man mal Essen oder mit jemandem auf einen Kaffee oder ein Bier geht. Montag wollte ich also anfangen—das war der Geburtstag einer meiner besten Freundinnen, die sich ein gemeinsames Abendessen gewünscht hat, also habe das Experiment einen Tag nach hinten verlegt und verlängert. Du merkst also schnell, dass deine sozialen Kontakte darunter leiden werden. Wenn du drei Mal gefragt wirst, ob du zum Essen oder Fortgehen mitkommst und du immer nein sagst (vielleicht sogar ohne Begründung, weil es dir unangenehm ist, zuzugeben, dass du kein Geld hast), dann fragt dich irgendwann auch niemand mehr.

Dienstag

Ich hatte gehofft, vom Essen Montag Abend so satt zu sein, dass ich den ersten Tag mit weniger als einem Euro überleben würde, um für düstere Zeiten ein paar Cent Puffer zu haben. Aber bei einem Euro kann man sich halt leider auch kaum etwas zusammensparen. Montagmorgen bin ich also zum Hofer, weil er meistens die beste Anlaufstelle für billige Einkäufe ist und viel besseres Alles hat (vor allem Gemüse), als Penny oder Zielpunkt.

Ich war ziemlich schnell ernüchtert und überfordert. Gemüse kann man sich um einen Euro kaum leisten, vor allem, wenn man noch etwas anderes essen möchte. Schwarzbrot ist auch völlig unleistbar, am billigsten sind beim Hofer 10 Semmeln für 79 Cent. Alles für aufs Brot kostet 99 Cent oder mehr und weil ich nicht gleich mein Geld für volle zwei Tage ausgeben wollte, habe ich Sauerrahm für 59 Cent gekauft. Beides würde für mindestens zwei Tage reichen, also war ich glücklich und habe beim Verlassen der Filiale gleich meinen Hund vor der Tür vergessen. Aber nur für ein paar Meter.

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Weißbrot macht auf Dauer aber absolut nicht satt, ich habe drei Semmeln gegessen, die letzten Stunden in der Arbeit schon ganz schön gelitten und bin danach noch einmal Einkaufen gegangen. Ich war dann aber so verzweifelt, dass ich zu viel Geld ausgeben würde, dass ich am Abend nur noch eine Semmel gegessen habe, mir aber vom Spar (Hofer war in diesem Fall zu teuer) Reis und eine Dose Tomaten für den nächsten Tag mitgenommen und vorgekocht habe.

Gesamtausgaben bis Ende Dienstag: 2 Euro 56 Cent

Mittwoch

Reis mit Tomaten aus der Dose. Ohne Salz oder Gewürze.

Das Essen, das ich Dienstag Abend gekocht habe, habe ich Mittwochmorgen gleich mal daheim vergessen. Einfach etwas Neues kaufen konnte ich natürlich nicht, also bin ich umgedreht und zu spät in die Arbeit gekommen. Den restlichen Tag habe ich sämtliche Supermärkte gemieden, Reis mit Tomaten und eine Semmel vom Vortag gegessen. Meine Kollegin Steffi ist zu Mittag aus ihrem Malaysien zurückgekommen und hat für das ganze Büro Pralinen mitgebracht. Die Augen aller haben geglüht, gesagt haben sie aber, die Pralinen würden stinken und nach Fisch schmecken, damit ich mit meiner mittlerweile leeren Schüssel Reis nicht völlig verzeifeln würde.

Gesamtausgaben bis Ende Mittwoch: 2 Euro und 56 Cent

Donnerstag

Mittagessen im Büro. Mein Reis mit Tomaten vorne rechts, in der Farbe, die er verdient hat.

Für Donnerstag hatte ich wieder 44 Cent, aber ich hatte noch Reis, Tomaten, Semmeln und Sauerrahm, also beschloss ich, mir die 44 Cent vorerst aufzuheben, sodass ich mir am Freitag vielleicht etwas mehr leisten könnte. Drei Tage Semmeln mit Sauerrahm sind aber schon eher unbefriedigend, außerdem war ich einfach seit drei Tagen nicht wirklich satt gewesen. Also wollte ich irgendwoher Essen bekommen, für das ich nicht bezahlen muss.

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Meine Mitbewohnerin hat gleich Dumpstern vorgeschlagen, was schon ein wenig Überwindung kostet und als Ahnungslose noch dazu viel Zeit. Schließlich kann man nicht einfach zum nächsten Supermarkt gehen und im Müll wühlen. Außerdem braucht man einen extra Schlüssel und für den wollte ich kein Geld ausgeben, weil das zum Geld für Essen(sbeschaffung) zu rechnen gewesen wäre. Also habe ich danach Food Sharing versucht, was aber auch nicht funtkioniert hat. In Wien gibt es vielleicht zwei Angebote tagsüber und bis du das Angebot siehst, haben schon 10 Leute vor dir kommentiert, dass sie das Essen haben wollen. Auch wenn ich die Idee dahinter super finde—noch machen es bei uns einfach zu wenig, als dass es richtig funktionieren könnte.

Donnerstags habe ich ab Nachmittag an nichts anderes mehr denken können, als an Essen. Fast hätte ich das Projekt gegen 16:00 Uhr abgebrochen, weil ich schon alles aufgegessen hatte, das ich in die Arbeit mitgenommen hatte und daheim auch nur nackter Reis auf mich wartete. Auf dem Heimweg habe ich dann Tomatenmark gekauft, mit dem ich am nächsten Tag kochen wollte und von dem ich in diesem Moment überzeugt war, dass es mir das Leben retten würde.

Gesamtausgaben bis Ende Donnerstag: 3 Euro 11 Cent

Freitag

Frühstück, Mittag- und Abendessen.

Was Bud Spencer satt macht, macht jeden satt. Speck ist zwar unleistbar, aber Bohnen nicht. Für die nächsten zwei Tage wollte ich also groß vorkochen. Reis hatte ich noch, also habe ich beim Hofer Kidneybohnen, weiße Bohnen und Mais gekauft. Im Nachhinein betrachtet kann ich meine Euphorie nur noch halb verstehen, aber zu diesem Zeitpunkt war ich über das Essen glücklicher, als wäre Bud Spencer persönlich vor mir gestanden. Zumindest fast.

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Freitag musste ich Shampoo kaufen, das ja zum Glück nicht in mein Budget eingerechnet werden musste. Wenn man in den dm geht, erwartet einen auf dem Weg zum Shampoo dieser Anblick:

Ich habe innerlich ein bisschen geweint, bin schnell wieder nach Hause und habe eine Schüssel von meinem Essen frustgegessen, das ich abends fast zur Hälfte aufgegessen hatte. Deshalb aß ich nicht so viel, bis ich satt war, weil ich Angst hatte, am nächsten Tag sonst nicht mehr genug zu haben.

Freitag Abend war ich mit Freunden im Café Bendl. Als alle bestellt hatten, habe ich gefragt, ob ich ein Glas Wasser haben könnte, worauf die Kellnerin mit einem „Wos? Das geht nicht. Bist krank?" antwortete. Mein bester Freund antwortete: „Ja, sehr krank", also hat sie mir dann netterweise doch ein Glas Leitungswasser gebracht.

Gesamtausgaben bis Ende Freitag: 4 Euro 88 Cent

Samstag

Früstück und Mittagessen.

Uns ist dieses Konzept von Früstück, Mittag- und Abendessen, also von drei verschiedenen Mahlzeiten am Tag, so weitergegeben und anerzogen worden, dass es extrem unbefriedigend ist, zwei Tage den ganzen Tag dasselbe zu essen, auch wenn es natürlich satt macht.

Ich habe also Samstag mein Chili sin Carne (das eigentlich auch sin Chili war) gegessen und war den ganzen Tag über sehr müde und unmotivert. Für den Abend hatte ich Tickets für das Philival im Gartenbaukino geschenkt bekommen. Teuren Alkohol kann ich nocht nicht so schätzen—keine Ahnung, ob das noch kommt—und schlimme Kater habe ich auch nur sehr selten, also war billiger Alkohol für mich nie ein Problem. Aber ein Getränk (mit oder ohne Alkohol) kostet trotzdem mindestens zwei Euro, die ich natürlich laut der Spielregeln nicht hatte. Die Veranstaltung ging schon um 16:00 Uhr los, also gab es kein Abendessen und zu trinken auch nichts und so sah ich den anderen beim Satt- und Betrunkenwerden zu.

Macht alles nur halb so viel Spaß, wenn man die ganze Zeit an Essen denkt. I-Wolf am Philival.

Am späteren Abend war ich so hungrig, dass mir richtig kotzübel wurde, während um mich herum alle Essen in sich reinschaufelten, Bier tranken und der Nino aus Wien von Schlagobers und Torten sang. Wenigstens hatte ich die Aussicht, dass um Mitternacht das Experiment vorbei sein würde. Aber—und das ist eigentlich alles, worum es mir mit diesem Experiment geht—diese Aussicht haben viel zu viele Menschen nicht, die sich anders als ich nicht freiwillig auf diese Spielregeln eingelassen haben, sondern diese Regeln als fixe Konstante von der Gesellschaft aufgezwängt bekommen, weil sie arm sind.

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Gesamtausgaben bis Ende Samstag: 4 Euro und 88 Cent

Was bleibt

Wenn man kein Geld hat, braucht man viel mehr Zeit für alles. Was absurd ist, weil die Menschen, die wenig Geld haben, meistens nicht die mit extrem viel Freizeit sind, in der sie sich Gedanken über das Abendessen machen können. Klar, Arbeitslosigkeit klingt auf den ersten Blick wie 8 Stunden Zeit das, was Spaß macht, aber das ist es nicht—zumindest dann nicht, wenn du den ersten Monat dieses Zustands hinter dich gebracht hast und plötzlich doch etwas daran ändern willst. Außerdem sind viele Menschen nicht freiwillig arbeitslos; viele fallen komplett durch jeden gesellschaftlichen Raster, sind obdachlos oder haben sonstwie ein schwieriges Leben ohne fixe Regeln und müssen entsprechend ständig unterwegs sein und ihr letztes Bisschen selbstbestimmtes Leben managen.

Es klingt banal, aber meine Probleme waren tatsächlich davon bestimmt, dass ich mich über die Essens-Kluft ausgeschlossen fühlte. Man kann sich nicht einfach in der Mittagspause (sei es Arbeit, Uni oder Schule) so wie der Rest in der Kantine oder im Billa ums Eck ein Mittagessen kaufen. Stattdessen steht man morgens früher auf, um sich was für den Tag vorzubereiten. Wenn dann alle in die Kantine gehen—die es bei uns glücklicherweise nicht gibt—, kann man eben nicht mitgehen. Man kann auch nicht einfach in den nächstgelegenen Supermarkt gehen, weil man immer Preise vergleichen muss, um zu sehen, wo man was am besten einkauft.

Ich war außerdem die ganze Woche übermüdet und zu nichts zu gebrauchen. Eine schlechte Ernährung macht schwach. Wenn wir im Supermarkt stehen und überlegen, auf was wir gerade Lust haben, dann spüren wir oft schon selbst, was unser Körper braucht. Ich hatte Ende der Woche ein riesen Bedürfnis nach Orangensaft und Salz. Weil ja selbst die Mahlzeiten, die ähnlich zu dem sind, was wir sonst essen würden (Ende der Woche war es fast Chili con Carne, das ich gegessen habe), sind nur die minimalistische Version. Ohne Gewürze, ohne Zwiebeln, ohne Fleisch. Wenn man also nach einer Woche schon merkt, wie man in der Arbeit nur noch gähnt und unkonzentriert ist, kann man die Schwierigkeit, aus dem Teufelskreis keine Arbeit, kein Geld (oder wenig Arbeit, wenig Geld) ausbrechen zu können, sehr gut verstehen.

Folgt Hanna auf Twitter und erklärt ihr ruhig, wie sie das Geld besser ausgeben können hätte: @hhumorlos