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Der SS-Arzt, der zum Islam konvertierte und so den Nazi-Jägern entkam

Wir sprachen mit der deutschen Journalistin Souad Mekhennet, die versuchte, den Kriegsverbrecher Aribert Heim ausfindig zu machen.
Jamie Clifton
London, GB
Foto: Aribert Heim

Aribert Heim

Der österreichische KZ-Arzt Aribert Heim, später auch unter dem Namen „Dr. Tod“ bekannt, gehört zu jenen hochrangigen Nazis, die der Strafverfolgung entkamen. Unter anderem hat er Häftlingen Benzin ins Herz gespritzt und ihre Schädel als Trophäen gesammelt. Trotz seiner furchtbaren Verbrechen schaffte er es, vor den Behörden zu entkommen. Als sie Anfang der 60er auf ihn aufmerksam wurden, war er bereits aus Deutschland geflohen. Fast 50 Jahre später erfuhr die deutsche Journalistin Souad Mekhennet, dass Heim zum Islam konvertiert und in Kairo untergetaucht war. Zusammen mit dem Journalisten Nicholas Kulish beschloss sie, der Sache auf den Grund zu gehen, in der Hoffnung, Heim ausfindig zu machen und herauszufinden, was nach seinem plötzlichen Verschwinden aus Deutschland genau passiert war. Ihr Artikel über die Nachforschungen erschien in der New York Times, bevor sie die Geschichte in dem Buch The Eternal Nazi weiter ausbauten. Ich habe mich mit Mekhennet und Kulish unterhalten—über ihre Erlebnisse, die Aktentasche mit Heims Dokumenten, die ihnen in Kairo gegeben wurde, und über die Auswirkungen der Geschichte auf sie selbst und die Menschen, die Heim am nächsten standen.

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Die ägyptische Adoptivfamilie gab Aribert Heims Aktentasche an Mekhennet und Kulish weiter

VICE: Beginnen wir von vorn. Wann habt ihr mit eurer Recherche zu Aribert Heim angefangen? 
Souad Mekhennet: Es begann 2008 damit, dass ich einen Anruf von einer alten Quelle bekam. Wir trafen uns und er packte die Kopie eines Fotos von Aribert Heim aus. Er erzählte mir, dass dies der meistgesuchte Nazi-Arzt sei, „Dr. Tod“. Heim soll sich in einem bestimmten Viertel in Kairo versteckt haben, was aber nicht bestätigt war. Ich sprach mit Nick und wir beschlossen, uns der Herausforderung zu stellen. Ich nahm sein Foto mit nach Kairo, um herauszufinden, ob die Sache stimmte. Wir gingen von einem kleinen Hotel zum nächsten, bis wir am dritten Tag jemanden fanden, der ihn wiedererkannte. Wie kam es, dass Heim zum meistgesuchten Nazi der Welt wurde? 
Nicholas Kulish: Als Arzt der Waffen-SS hat er in einer Reihe von Konzentrationslagern gearbeitet, unter anderem in Buchenwald und Mauthausen. Er war angeklagt, 1941 abscheuliche Verbrechen in Mauthausen begangen zu haben. Unter anderem hat er gesunde Patienten operiert und dabei getötet und Menschen Benzin ins Herz gespritzt. Außerdem hat er Schädel mit besonders guten Zähnen als Trophäen mitgenommen und sie sich auf den Schreibtisch gestellt. Und nach dem Krieg ist er davongekommen.
Das Unfassbare besteht für viele darin, dass er nach dem Krieg über zwei Jahre in Haft war, zuerst bei den Amerikanern und dann bei deutschen Behörden. In seiner Akte war jedoch kein Hinweis darauf zu finden, dass er in Mauthausen gedient hat, und so wurde er 1947 im Zuge der Weihnachtsamnestie entlassen. Wie konnte er das aus seiner Akte verschwinden lassen?
Das weiß niemand so richtig. Es kann ein glückliches Versehen gewesen sein, es wurden ja Millionen Soldaten durch halb Europa geschickt. 
SM: Außerdem waren die Zeugen von Heims Gräueltaten in Österreich, und die Ermittler brauchten ziemlich lange, um herauszufinden, wer und wo Heim war. Ja, ich habe einen Bericht darüber gelesen, dass Nazi-Jäger durch ein Theaterstück von einem Holocaust-Überlebenden auf Heim aufmerksam wurden.
NK: Ja, das war faszinierend. Es war eines der ersten Kunstwerke über den Holocaust. Der Autor, Arthur Becker, war eine Art Ermittlungsassistent bei den Kriegsverbrechen in Mauthausen und schrieb 1946 die erste aktenkundigen Zeugenaussage zu Heims Verbrechen. Dann verfasste er dieses Stück, in dem der Bösewicht ein Arzt ist, der Schädel als Trophäen sammelt. So ist Heim zwei Jahre nach dem Krieg zum geheimnisvollen Nazi-Mörder geworden. Zu der Zeit, als Heim als professioneller Eishockeyspieler aktiv war.
SM: Ja, er war nach Bad Nauheim gezogen und spielte für das Eishockeyteam der Roten Teufel. Dann lernte er eine Frau aus einer sehr wohlhabenden Familie kennen und zog in eine riesige Villa in Baden-Baden, wo er als Gynäkologe arbeitete. Wie lange hat es gedauert, bis die Nazi-Jäger ihm auf die Schliche kamen?
NK: 1962 bekam er einen Telefonanruf und wurde gefragt, ob er der Arzt sei, der in Mauthausen gearbeitet hatte. Dann hatte er ein unheimlich lockeres Treffen mit ein paar Ermittlern, aber er wusste, was es bedeutete. Er lieh sich den Mercedes seines Schwagers und setzte sich aus Deutschland nach Frankreich und aus Frankreich nach Spanien ab, wo er das Auto stehen ließ, bevor er weiter nach Marokko zog. Sein Schwager war ziemlich sauer, als er das Auto abholte. Er sagte: „Du hättest es zumindest waschen können.“

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Heims Passbild

In Ägypten konvertierte er zum Islam und nahm den Namen Tarek Hussein Farid an. Im Buch wird deutlich, dass er sehr gut darin war, seine Identität zu verbergen. Glaubt ihr, dass das mit seiner Konversion zusammenhängt?
SM: Wir haben ein paar Theorien darüber gehört. Seine richtige Familie stellte die Theorie auf, dass Heim sich sehr unsicher fühlte, als Ägypten anfing, sich Israel anzunähern. Die Konversion zum Islam war eine Möglichkeit, seinen Namen zu ändern und sich besser zu integrieren. Seine adoptierte Familie hingegen glaubt, dass er ein genuines Interesse an der Religion hatte, dass er betete und alle Regeln befolgte. Es hängt davon ab, mit wem du sprichst. Es ist ihm aber definitiv gelungen, die Leute von seinem Interesse am Islam zu überzeugen. Könnt ihr mir ein bisschen über die Familie erzählen, bei der er in Ägypten lebte?
Er zog in ein kleines Hotel namens Kasr el Madina und erregte das Mitleid des Besitzers und seiner Familie, weil er dieser ältere, allein lebende Mann aus dem Ausland war. Im Laufe der Zeit freundete er sich mit dem Besitzer an, die Familie kochte für ihn und sie verbrachten Zeit zusammen. Er nahm sie mehr oder weniger als seine Familie an und sie nahmen ihn auf. Er wurde ein enger Freund von Mahmoud Doma, den wir für das Buch mehrmals interviewt haben. Heim wurde zum zweiten Vater für Mahmoud und seinen jüngeren Bruder—ihr Vater war gestorben, als sie noch sehr jung waren. Wie war es, als ihr der Familie erzählt habt, dass der Mann, den sie kannte, all diese furchtbaren Verbrechen begangen hat?
Sie hatten keine Ahnung davon, dass er sich versteckte oder wer er wirklich war, deshalb war es eine große Überraschung für sie. Sie wussten nichts von seiner anderen Identität, wohl aber, dass er verheiratet war und zwei Kinder in Deutschland hatte. Sie hatten Rüdiger [Heims jüngeren Sohn] kennengelernt, der irgendwann anfing, seinen Vater zu besuchen. In welchem Ausmaß waren seine Taten seiner richtigen Familie bewusst?
Nun, wir haben uns mit seiner Ehefrau unterhalten, bevor sie starb. Sie sagte, sie hätte nichts gewusst, bevor sie zum ersten Mal von den Anschuldigungen gehört hatte [nachdem Heim sich mit den Ermittlern in Baden-Baden getroffen hatte]. Ihre Mutter hatte ihm offenbar gesagt, dass die Familie unter keinen Umständen mit einem solchen Prozess konfrontiert werden könne und es für alle am besten sei, wenn er verschwindet.
NK: Das Ironische dabei ist, dass er 1962 angeblich floh, um seine Familie zu beschützen—zu einem Zeitpunkt, zu dem ein NS-Kriegsverbrecher mit einer Verwarnung oder ein paar Jahren Gefängnis davonkommen und danach wieder zu einem normalen Leben zurückkehren konnte. Stattdessen setzte er seine Familie ein halbes Jahrhundert lang Telefonabhörungen, Befragungen und Durchsuchungen aus, während er sich Jahrzehnte lang im Exil niederließ und Ägypten zu seinem Gefängnis machte.

Wie hat sich Rüdiger verhalten, als ihr mit ihm gesprochen habt? Wie hat er die Verbrechen mit dem Vater, den er in Kairo besucht hat, in Einklang gebracht?
SM: Ich hatte den Eindruck, dass er es nicht wahrhaben wollte, dass sein Vater all diese Verbrechen begangen hat. Er wollte es nicht wissen, ob er die Taten wirklich begangen hat oder nicht. Er war besessen davon, die Unschuld seines Vaters zu beweisen.
NK: Heim hatte zwei Söhne und es ist sehr aufschlussreich, wie unterschiedlich ihre Reaktionen waren. Der ältere Sohn wusste mehr oder weniger davon, er erinnerte sich an seinen Vater und all die Befragungen und die polizeilichen Ermittlungen. Er hatte nichts mehr mit seinem Vater zu tun und ihn nie in Kairo besucht. Der jüngere Sohn, der sechs Jahre alt war, als sein Vater verschwand, hatte kaum eine Erinnerung an ihn und machte sich auf die Suche nach einem Vater, den er nie gekannt und nach dem er sich immer gesehnt hat. Gab es etwas, das euch im Laufe der Recherchen für das Buch besonders überrascht hat?
Eine Sache, die mich überrascht hat, war, wie viele echte Inglourious Basterds-Geschichten es gab. Gruppen mit Namen wie „Vengeance“ und „Avengers“ haben ehemalige Mitglieder der SS und der Gestapo verfolgt und getötet. Tuviah Friedman, der später mit [dem berühmten Nazi-Jäger] Simon Wiesenthal zusammenarbeitete, brachte im Europa der Nachkriegszeit Nazis zur Strecke. Der SS-Führer, der als Henker von Riga bekannt war, wurde in einer Truhe im Schlafzimmer seines Strandhauses in Uruguay gefunden, wo er für seinen Part im Holocaust hingerichtet worden war.
SM: Außerdem, dass der Mossad versucht hat, Nazis in Ägypten umzubringen. An Hans Eisele, einen anderen Nazi-Arzt, wurde eine Briefbombe geschickt, die jedoch in den Händen des Postboten explodierte. Was habt ihr persönlich aus der Sache mitgenommen?
Es war eine Gelegenheit, die Ereignisse in Deutschland aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. Die ägyptische Familie gab uns Heims verstaubte und rostige Aktentasche, die voller Briefe und Krankenakten war und einen langen Bericht über Juden und den Antisemitismus enthielt, in den er sich hineingesteigert hatte. Ich habe gelernt, dass es noch so viele Dinge gibt, von denen wir nichts wissen. Ich bin zwar in Deutschland aufgewachsen und habe Geschichte studiert, aber es gibt so viel, das wir nicht wissen.

Und du, Nick? 
Ich habe einen pensionierten Richter, der in seiner Freizeit Nazis jagte, gefragt: „Was bringt es, 90-jährige Menschen zu verhaften? Was bringt es, sie überhaupt noch zu verfolgen?“ Er sagte: „Sie haben in den Konzentrationslagern 90-jährige Männer und Frauen in den Tod geschickt und hatten kein Problem damit, Neugeborene umzubringen. Deshalb verfolgt man zu jedem Zeitpunkt und um jeden Preis Gerechtigkeit.“ Es gibt einen Grund dafür, warum Mord in den USA nicht verjährt—weil die Opfer Gerechtigkeit verdienen, egal, wie lange es dauert. Was haltet ihr von der Theorie, dass Heim noch lebt?
SM: Es gibt eben keinen Leichnam. Nach unseren Recherchen glauben wir, dass er in einem Massengrab begraben ist, aber einen endgültigen Beweis dafür gibt es nicht. Aus der Perspektive der Nazi-Jäger ist eine solche Skepsis normal. In Deutschland gab es Nachforschungen über Heim, aber aufgrund unserer Recherchen und wegen weiterer Beweise wurde der Fall geschlossen.
NK: Einerseits ist er nach dem Krieg so oft geflohen, und die Vorstellung, dass er ein letztes Mal entkommen ist—dass er seinen eigenen Tod inszeniert hat—ist sehr attraktiv. Andererseits würde Heim im Juni 100 Jahre alt werden. Die Leute haben das Gefühl, dass der Gerechtigkeit noch immer nicht Genüge getan wurde und irgendwie kann man nie genug Menschen für die Verbrechen des Holocaust zur Verantwortung ziehen. Denkt ihr, dass die meisten Gelegenheiten verpasst wurden?
In den späten 40ern und frühen 50ern, als fast alle NS-Täter zur Verantwortung hätten gezogen werden können, waren die Amerikaner vor allem mit dem Kampf gegen die Sowjets beschäftigt, und die Sowjets vor allem mit dem Kampf gegen die Amerikaner. Die Deutschen wollten einfach nur Mercedes und BMWs bauen und alles vergessen. Man war erst bereit, sie zu verfolgen, als diese Leute anfingen zu sterben. Danke. The Eternal Nazi, erschienen bei Doubleday, ist jetzt erhältlich.