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Ein Süchtiger erzählt, wie es ist, eine Drogenersatztherapie zu machen

Personen in Substitutionsprogrammen sind nicht immer die wandelnden Drogen-Zombies, als die sie oft gelten, sondern auch Menschen mit Arbeit und Perspektiven, die einfach ihr Leben meistern wollen. Das zeigt auch unser anonymer Erzähler.
02 September 2015, 5:00am
Foto: Steven Snodgrass | flickr | cc by 2.0

60 Prozent aller Opiatsüchtigen sollen sich laut Drogen-Bericht 2014 in einer Drogenersatztherapie befinden. Insgesamt sind es in Österreich knapp 17.000 Personen. Das wird als Erfolg gefeiert. Gleichzeitig ist das Klischee des Substi-Zombies immer noch weit verbreitet—torkelnde Gestalten in U-Bahnstationen, in der Hand eine Plastikflasche mit undefinierbarem Inhalt, eine Bauchtasche umgeschnallt, glasiger Blick und bläulicher Sabber, der aus dem Mund rinnt.

P. ist in ein gutes Beispiel, um diesem Klischee entgegenzuwirken. Abgesehen davon, dass er nicht wie ein Junkie aussieht, geht er gleich mehreren Arbeiten nach und hat auch einen konkreten Plan, was eine weitere Ausbildung betrifft. Das Substitutionsprogramm hilft ihm bei diesem Plan. Ich treffe P. an einem Nachmittag im Eingang seines Hauses, er kommt mir mit einem riesigen Wäschekorb entgegen. Während wir im Salon gegenüber auf die Wäsche warten, drückt er sich ein Red Bull aus dem Getränkeautomaten und beginnt zu erzählen. Er wirkt fit, ausgeschlafen und gut gelaunt. Teilweise liegt das vielleicht auch daran, dass er seine heutige Dosis bereits intus hat. Das hier ist seine Geschichte in seinen Worten.

„Ich war vorhin in der Apotheke. Das ist in dem ganzen Prozedere eigentlich noch immer der Punkt, der unangenehm ist. Nachdem man am Anfang vor allem mit Junkies zu tun hat oder mit Leuten, deren Aufgabe es ist, mit Junkies zu tun zu haben, trifft man in der Apotheke das erste Mal auf ,normale' Menschen. Wenn man sich schon nicht ganz wie ein Krimineller fühlt, spürt man hier von manchen Mitarbeitern zumindest so eine Mischung aus Mitleid und Skepsis oder einfach das Gefühl, dass man zumindest nicht als völlig zurechnungsfähig wahrgenommen wird. Weil ich vom Äußeren her relativ normal aussehe, war das für alle Beteiligten vielleicht noch ein Stück seltsamer.

Mittlerweile hat sich das halbwegs gelegt. Ich hab meine fixe Apotheke und die Leute dort kennen mich auch schon. Was komisch bleibt, ist der Umstand, dass du dir deine tägliche Dosis direkt am Tresen vor all den anderen Kunden reinhauen musst. Die gewissen Blicke hinter dem Rücken, die spürt man.

Mit dem Programm hab ich vor ziemlich genau einem halben Jahr begonnen. Du suchst dir einen passenden Verein raus, gehst dort hin und machst erstmal ein Gespräch mit einem der psychosozialen Betreuer. Die versuchen, dich einzuschätzen, wo du im Leben stehst, was für ein Typ Junkie du bist, wie viel du nimmst—bei mir waren das damals ein bis zwei ,Bemmerl', also Kügelchen mit zirka einem Gramm Heroin—, wie du es nimmst, was in meinem Fall nur nasal war, und was du bisher sonst schon so genommen hast. Sie hätten mich besser fragen sollen, was ich noch nicht genommen habe.

Der Pisstest, den du anschließend beim Betreuungsarzt machst, muss logischerweise positiv auf Opiate sein. Danach versuchen sie dich auf die entsprechenden Medikamente einzustellen und sie versuchen das natürlich auf möglichst niedrigem Niveau. Das bedeutet, die Tabletten, die sie dir mitgeben, reichen nie und nimmer für die ursprünglich ausgemachte Zeit aus. Ich hab die erste Mitgabe wie vereinbart erst genommen, als ich die ersten Entzugsschmerzen spürte. Nach drei Tagen stand ich bei meinem Verein aber wieder in der Tür und bettelte um mehr. Die Dosis hat sich dann aber recht bald bei 12 Milligramm Subutex eingependelt, was im allgemeinen Vergleich relativ wenig ist.

Subutex ist vom Wirkstoff her Buprenorphin und ist primär dazu da, dass man keine Entzugserscheinungen hat, dass es einem nicht scheiße geht. Wenn man was spürt dann ist das eher die ansteigende Körpertemperatur, ein Rausch ist das nicht. Es geht darum, dass du deinen Tag meistern kannst. Mit Entzugsschmerzen geht das jedenfalls nicht.

Was die Entzugsschmerzen betrifft, so stell dir am Besten die brutalsten Zahnschmerzen deines Lebens vor, denen du wiederum 24 Stunden am Tag ausgesetzt bist, ohne auch nur eine Sekunde Pause. Und du weisst ganz genau was dagegen helfen würde, aber es würde auch dein kleines Entzugsexperiment sofort zunichte machen und dich letzten Endes nur tiefer in die Scheiße reiten. Oder vergleiche es mit der Grippe des Jahrtausends und permanenten Muskel und Gliederschmerzen und den extremsten Temperaturschwankungen, die sich im Minutentakt abwechseln.

An Tagen, an denen ich es mal auf diese harte Tour versucht habe, befand mich gefühlte zehn Stunden auf Knien und zusammengekauert auf der Matratze, konnte ich mich wegen der Gliederschmerzen keinen Zentimeter bewegen, es nur in dieser Position aushalten. Gleichzeitig fühlt es sich in deinem Kopf so an, als lebe darin eine fette, schwarze Gewitterwolke, die geistig alles verschlingt, was jemals von einem da gewesen ist.

Es waren mehrere Auslöser die mich dazu gebracht haben die Therapie zu beginnen. Letztes Jahr zog ich für einige Monate nach Berlin. Ich war zwar davor schon abhängig, aber die Zeit dort hat mich sicher endgültig runtergezogen. Das Zeug war billiger und heftiger und psychisch ging es mir zunehmend räudiger. Auch Selbstmord hatte ich irgendwann im Hinterkopf.

Eines Abends ließ ich mir ein brennheißes Bad ein, schnupfte 2 Gramm binnen zwei Stunden, warf noch ein paar Benzos ein, legte mich ins Wasser und wollte einschlafen; nahm es zumindest in Kauf dabei auch drauf zu gehen. Mein damaliges Mädel hatte den Schlüssel zu meiner Wohnung und kam eher zufällig vorbei und hielt mich bei Bewusstsein.

Zurück in Wien waren es ebenfalls die Menschen um mich herum, die mir zeigten, dass es so nicht weitergehen kann. Ich merkte, dass es meine alten Freunde nicht mehr wirklich mit mir in einem Raum aushielten. Daneben taten sich auch berufliche Chancen auf. Ein Job, eine Aussicht auf eine neue Ausbildung im Herbst und die Menschen um mich, sind einfach Perspektiven, die einen antreiben, klar im Kopf werden zu wollen.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich momentan kein Heroin mehr nehme. Natürlich versuche ich es zu lassen, aber in manchen Nächten gibt es Ausrutscher.

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich momentan kein Heroin mehr nehme. Natürlich versuche ich es zu lassen, aber in manchen Nächten gibt es Ausrutscher. Wenn einem der Kick fehlt, den man vom Subutex ja nicht bekommt. Oder es passiert, wie zuletzt, aus einer Not heraus. Da hab ich am Wochenende die Öffnungszeiten der Apotheke verpennt und dann fehlt dir die Dosis für gleich zwei Tage. Dann lief es zwangsläufig darauf hinaus, dass ich mir an beiden Tagen jeweils ein Gramm reingezogen hab.

Mein Betreuungsarzt merkt das beim Urintest natürlich, spricht das aber in aller Unaufgeregtheit an. Es gibt auch die Möglichkeit, mit Polamidol ein zweites Medikament verschrieben zu bekommen, das auch für einen gewissen Kick sorgt, ähnlich wie das früher gängigere Methadon. Das will ich aber unbedingt vermeiden. Pola ist nämlich auch das Zeug, das vor allem diese Zombie-ähnlichen Junkies in rauen Mengen nehmen.

Persönlich wird wohl einiges von den nächsten Wochen bzw. Monat abhängen. Von der Arbeit aus bin ich für einige Wochen in Deutschland. Zeug zu kaufen wird es in dem Kaff wohl nicht geben, was sicher eine Absicherung ist. Über eine bestimmte Mitgaberegelung kann ich aber mein Subotex mitnehmen. Die Zeit dort wird sicher entscheidend, vielleicht noch entscheidender wird es aber, dann zurück nach Wien zu kommen."

Thomas Hoisl auf Twitter: @t_moonshine


Titelbild: Steven Snodgrass | flickr | cc by 2.0