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„Es war mir egal, ob sie mich versklaven oder ob sie mich umbringen würden."

Angeblich soll das neue Cabaret-Gesetz der Sicherheit der Frauen dienen und nebenbei dazu verhelfen, illegale Prostitution zu unterbinden. Wir haben mit einer Tänzerin über ihre Geschichte und die Folgen eines solchen Gesetzes gesprochen.
08 Januar 2016, 6:00amUpdated on 08 Januar 2016, 8:42am
Foto: dirvish

Neues Jahr, neues Glück sagt man. Nun, das dachte sich wohl auch der Bundesrat und beschloss, das neue Jahr mit ein paar neuen Gesetzen einklinken zu lassen. Wie zum Beispiel, dass per 1. Januar Tänzerinnen aus Drittstaaten nicht mehr in Schweizer Cabarets arbeiten dürfen. Dieser Entscheid stand bereits im Jahr 2014 aufgrund der Empfehlung einer „ExpertInnengruppe" fest, doch ist er erst dieses Jahr in Kraft getreten. Angeblich soll das neue Gesetz der Sicherheit der Frauen dienen und nebenbei dazu verhelfen, illegale Prostitution zu unterbinden.

Doch was genau sind „Drittstaaten"? Per Definition sind das Länder, die weder Teil der Europäischen Union, noch des Europäischen Wirtschaftsraums sind. Betroffen von dieser neuen Regelung sind also vor allem russische, ukrainische und brasilianische Frauen, die in Schweizer Cabarets arbeiten.

Aber wenn russische/ukrainische/brasilianische Frauen nicht mehr in Cabarets tanzen, stellt sich doch die Frage: Wer dann? Nun ja, das ist genau das Problem: Niemand. Für viele Etablissements bedeutet diese neue Regelung den Konkurs.

Man könnte jetzt die arme Schweizer Wirtschaft bedauern, die wegen des Einkaufstourismus ja sowieso schon am Arsch ist und mit diesem rechtlichen Kinnhaken seitens der Regierung das baldige Knockout erwartet oder man wendet seine Augen einfach auf die wirklichen Leidtragenden dieser Neuerung (und nein, es sind nicht die Cabaret-Besitzer).

Foto: karendesuyo | Flickr | CC BY 2.0

Ich habe mich für Letzteres entschieden und deswegen mit einer Frau geredet, die sich im Erotik-Business sehr gut auskennt. Svetlana arbeitete während drei Jahren in verschiedenen Cabarets der Schweiz und weiss genau, wie die Anwerbung potenzieller Tänzerinnen abläuft und wie gefährlich das Leben einer Cabaret-Tänzerin wirklich ist:

VICE: Hallo Svetlana. Wie kamst du zu deinem früheren Job als Tänzerin?
Svetlana: Nun bevor ich Tänzerin wurde, arbeitete ich in Russland mit meiner Mutter als Verkäuferin. Bei jedem Wetter mussten wir raus gehen um unseren Stand auf dem Bazar aufzubauen, damit wir uns etwas zu essen leisten konnten.

Eines Tages, während ich mir die Beine in den Bauch stand, sprach mich ein älterer Mann an. Er sagte, ich sei sehr hübsch und fragte, ob ich nicht unter besseren Umständen mehr Geld verdienen wollte. Er gab mir seine Nummer und sagte, ich solle bei ihm vorbeikommen, falls ich Interesse hätte.

Zusammen mit meiner Mutter gingen wir also zu ihm. Er stellte seine Agentur vor und versicherte uns, dass bei ihm alles höchst seriös sei und dass seine eigene Tochter auch in der Schweiz als Tänzerin arbeiten würde. Dann machten wir ein paar Unterwäsche-Fotos beim Fotografen, setzten die Papiere auf, beantragten das Visum und schon sass ich im Flieger in Richtung Schweiz.

Foto: Leki B-right-on | Flickr | CC BY 2.0

Und hattest du Angst?
Natürlich. Bevor ich ins Flugzeug stieg, habe ich mich von allen für immer verabschiedet. Ich dachte, ich würde nie mehr zurückkehren.

Wieso bist du trotzdem geflogen?
Ich hatte doch keine andere Wahl. Wir hatten kein Geld und es gab auch keine Arbeit. Noch dazu hatte ich ein kleines Kind. Zu dem Zeitpunkt hatte ich einfach keine Lust mehr, in Armut leben zu müssen. Es war mir egal, ob sie mich versklaven oder ob sie mich umbringen würden. Hauptsache, ich kann meiner Familie ein bisschen Geld schicken.

Und wie sah schliesslich dein Arbeitstag aus?
Im Grunde musste ich die Männer unterhalten. Ich musste mit Ihnen reden, mich für sie interessieren, ihnen eben ein gutes Gefühl geben. Das Ziel war es natürlich, dass sie mir dafür möglichst viel Champagner ausgaben. Je mehr Getränke dir ausgegeben werden, desto mehr Lohn bekommst du. In meinem ersten Monat habe ich für 10'000 Franken Champagner getrunken und bekam eine Provision von 500 Franken. Nebenbei mussten wir hin und wieder an der Stange tanzen.


Zur Abwechslung mal männliche Stripper:


Und wie sah es mit Sex aus?
Wenn man sich etwas dazu verdienen wollte, konnte man natürlich mit den Männern schlafen. Sie mussten dich dann sozusagen mit Champagner „freikaufen". Für eine günstige Flasche (etwa 250 Franken) bekam man eine halbe Stunde Freizeit, für eine teurere eine Stunde. Wir wurden aber zu nichts gezwungen. Jede Frau entschied selbst, ob sie mit einem Mann schlafen wollte oder nicht und wie viel es kosten sollte. Das Geld durfte man dann selbst behalten, ohne irgendwelche Abgaben. Es heisst aber nicht automatisch, dass ein Mann mit dir Sex haben will, wenn er deine Zeit beansprucht. Oft wollten die Männer einfach nur Gesellschaft und führten uns zum Essen aus.

Hat dir die Arbeit Spass gemacht?
Es machte mir hin und wieder schon Spass aber ich habe es nicht gerne gemacht. Ich hasse es, mit fremden Leuten reden zu müssen. Und das ist nun mal das, was man als Cabaret-Tänzerin jeden Tag tun muss. Aber ich habe gerne getanzt. Da kam ich mir wie ein Star vor.

Mit freundlicher Genehmigung von Svetlana

Bereust du, dass du in die Schweiz gekommen bist?
Ganz und gar nicht. Diese Arbeit war für mich eine Schule. Ich habe gelernt, wie man sich Männern gegenüber verhalten soll, wie man mit ihnen flirtet und wie man sie verführt. Es gab keine Erniedrigungen. Alle Männer haben uns angehimmelt. Noch dazu wurden wir immer zum Essen ausgeführt. Die Männer dachten wohl, weil wir aus Russland kommen, seien wir sehr hungrig.

Würdest du diesen Weg auch anderen Frauen mit ähnlichen Situationen empfehlen?
Diese Arbeit ist nicht für jeden geeignet. Man braucht einen sehr starken Charakter. Du kannst hier nicht blind jedem vertrauen. Es gibt auch Arschlöcher, die dich schlagen oder verarschen. Aber auch für den eigenen Körper ist es eine Herausforderung. Es gab Mädchen, die konnten psychisch mit diesem Job nicht klarkommen. Sie waren dann entweder zu verklemmt oder haben sich gottlos besoffen und konnten gar nicht mehr mit den Männern reden.

Einige wurden Alkoholikerinnen, weil sich Körper und Psyche schon zu sehr an den übermässigen Alkoholkonsum gewöhnt hatten. Andere wurden drogenabhängig. Eine Freundin von mir, die konnte nur auf Koks arbeiten, weil sie es sonst nicht ausgehalten hätte.

Was hältst du davon, dass Frauen aus Nicht-EU-Staaten verboten werden soll, in der Schweiz zu arbeiten?
Ich finde das sehr schade. Die Mädchen kommen hierher, mit dem Ziel, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Und für die Männer ist es auch ein Verlust. Viele Schweizer haben dadurch gute Ehefrauen finden können, die sie wieder in die richtige Bahn gelenkt haben. Es ist ja nicht so, dass diese Frauen irgendwelche Strassenschlampen wären. Ich habe nur mit gebildeten Frauen zusammengearbeitet, zum Beispiel Psychologinnen, Medizinerinnen oder Ballerinas. Sie alle hatten einfach Pech oder nicht genügend Kontakte, um in ihrem Heimatland Karriere zu machen und sind deswegen hier gelandet.

Mit freundlicher Genehmigung von Svetlana

Was denkst du, wird mit diesen Frauen jetzt passieren?
Ich bin der Meinung, das Verbote praktisch immer einen gegenteiligen Effekt haben. Die Frauen werden wahrscheinlich versuchen, auf illegalem Weg an Arbeit zu kommen und so in die Prostitution abrutschen. Natürlich werden sie dadurch an viel schlimmere Menschen geraten, die sie für wenig Geld ausnutzen oder gar versklaven.

Mit dieser Meinung ist Svetlana nicht allein. Die Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) hat sich öffentlich gegen das neue Cabaret-Gesetz ausgesprochen. Auch sie befürchtet, dass Frauen dadurch in die Illegalität und letztendlich in die Prostitution getrieben werden.

Der Bundesrat hatte das erklärte Ziel, Frauen aus Drittstaaten zu schützen. Aber Armut und Verzweiflung werden in diesen Ländern nicht einfach verschwinden, nur weil die Schweiz ihre Pforten schliesst. Frauen wie Svetlana werden weiterhin alles versuchen, um Ihren Familien zu helfen—ob auf legalem oder illegalem Weg. Für Svetlana ging diese Reise bisher gut aus. Ob das ab 2016 auch noch möglich sein wird, ist zu bezweifeln.

Folgt Sascha auf Twitter: @saschulius

Folgt Vice Schweiz auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild: dirvish | Flickr | CC BY 2.0

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