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Dickpics für Minderjährige und Wurst-Deepthroat – Die Welt des YouTube-Badgirls Katja Krasavice

Spätestens wenn die YouTuberin ihre Zuschauer dazu aufruft, ihrer 14-jährigen Nichte auf Snapchat so viele Nacktbilder wie möglich zu schicken, sollten die Warnleuchten aufblinken.

Paul Garbulski


Titelfoto: Screenshot von Katjas YouTube-Clip ‚Wer bekommt mehr rein?'

Brüste wie Medizinbälle, gemachte Nase, Augenbrauen und Make-up mit der Spritzpistole aufgetragen, wasserstoffblonde Extensions an das dahingefärbte Haupthaar getackert: Das ist Katja Krasavice. Das Klischee einer hochgezüchteten Pornodarstellerin, wie wir sie zu Hunderten aus Evil-Angel-Gangbang-Produktionen des Silicon Valley kennen—Körper mit Skalpellen und Tätowiernadeln veredelt, bereit, in alle Löcher gefüllt zu werden. Der Unterschied ist, Katja macht nicht in Porno, sie ist YouTuberin. Und was für eine. Sie hat mehr YouTube-Abonnenten als der Spiegel, ARD und Arte zusammen—515.827, um genau zu sein. Immer Mittwochs und Sonntags lädt sie ihre Videos hoch, doch im Gegensatz zur verpickelten Konkurrenz, die sich beim Durchspielen von virtuellen Welten aufnimmt oder mit ihrer Community teilen möchte, wie beim Unboxing das neue iPhone 6 riecht, wenn man die Schutzfolie abzieht, gibt es bei Katja Titten zu sehen. Immer. Titten in Kombination mit so wenig Kleidung wie möglich sind gewissermaßen das tragende Konzept ihrer Videos. ... und Pink als farbliches Grundmotiv des neunzehnjährigen Lebens.

Wer sich dann noch die Titel der Clips durchliest, der scheint über Katja im Bilde: Auf mich wichsen, So kriegt man mich ins Bett, Wie dumm bin ich wirklich. Gar nicht, Katja, gar nicht. Weder bist du dumm, noch hat man dich selbstbetitelte „Plastic Barbie" mit dem ersten Blick erschlossen. Never judge a book by its cover. Bei näherem Hinsehen überrascht ihre Uneitelkeit. Sie spricht offen über ihre Nasen- und Brust-OPs, zeigt die unvorteilhaftesten Fotos aus ihrer Zeit vor dem Makeover und wer glaubt, sie sei eine der Frauen, die ohne Make-up nicht einmal nachts kacken gehen würden, der täuscht sich auch hier. Gleich in mehreren Clips zeigt sie sich ungeschminkt und gibt noch ihr Statement dazu: „Ich finde mich mit und ohne Make-up schön. (...) Ich fühle mich wohl in meiner Haut und das sollte jede Frau bzw. jeder Mensch. Egal wie er oder sie aussieht. (...) Ich stehe zu meinem Aussehen; sei es komplett zugeschminkt oder komplett ungeschminkt."

Katja steht zu ihrem Aussehen und ihrem Tun. Das muss sie; anders wären Kommentare, die sie als dreckige Fame-Hure beschimpfen und ihr den Krebstod wünschen, kaum zu ertragen. Natürlich wiegen die Tausenden Liebesbekundungen so manchen Hasskommentar auf und wenn bei jedem neu geposteten Bild oder Video Teile der Community vor schierer Geilheit ihren Verstand verlieren, dann schmeichelt das durchaus dem Ego und pusht das eigene Selbstbild wieder nach oben.

Sofern Katja tatsächlich auf Dirty-talk steht | Screenshot: Katjas Facebook-Seite

Aber wer jemals medial präsent und Ziel von Hass oder Kritik war, der weiß: Ein Rest davon bleibt immer auch hängen. Wie Katja dazu den nötigen Abstand gewinnt, ist auch überraschend. In einem ihrer Videos spricht sie über den Selbstmord ihres ältesten Bruders, sie ging in die Grundschule, als es passierte. Katja ist die jüngste von drei Geschwistern, einen weiteren Bruder hatte sie noch, auch er ist gestorben. Aber über ihn spricht sie nicht. Über den Selbstmord schon. Böse Zungen mögen ihr unterstellen, sie kommerzialisiere ihr Schicksal, ich tue das nicht.

Die Selbstoffenbarung in Clipform bricht die oberflächliche Naivität jedenfalls endgültig auf, das Mädchen aus Plastik gewinnt vollends an Tiefe und erklärt ganz nebenbei, wie sie dem Druck all ihrer Hater standhält: „Mir ist es egal, wenn mich jemand auf Facebook disst, wenn mich jemand auf YouTube disst, wenn mich jemand im echten Leben disst. Ich habe schon so viel durch, dass so was für mich einfach nur sinnlose Scheiße ist, mit der ich mein Leben nicht verschwenden muss, weil ich weiß, es gibt viel schlimmere Sachen, viel relevantere Sachen (...) ."

Für den Bruchteil mehrerer Minuten transportiert dieses Video genau das, wonach jeder andere YouTuber lechzt—die Grundzutat des ersehnten Erfolgs: Authentizität. Hier nun könnte man diesen Artikel allmählich auslaufen lassen. Es ließen sich noch ein paar Worte darüber verlieren, wie geschickt Katja ihre Community bei Laune hält, indem sie gerade so viel von sich und ihrer Haut zeigt, um die Lust weiter steigen zu lassen, ohne sie aber vollends zu befriedigen. Keine Nippel, kein „Ja" zu Pornoanfragen, denn dieses Business ist hart, Frauen werden dort schneller verbraucht, ihr Mythos wäre verflogen. Auch ist überhaupt nicht geklärt, ob Katja wirklich so versaut ist, wie sie auf ihrem YouTube-Kanal den Kids weis machen will.

Keine Frage, so wie das 19-jährige Mädchen aus Leipzig die familiären Schicksalsschläge weggesteckt hat und sich in der hart umkämpften YouTube-Arena durchzubeißen wusste, nötigt es einem Respekt ab. Und mit etwas Wohlwollen ließen sich auch noch ein emanzipatorisches Element in ihrem Trotz gegenüber den Hatern entdecken und der selbstbewussten Verteidigung ihrer weiblichen Sexualität.

Nur leider könnte man bereits darüber streiten, was für ein Bild von Weiblichkeit Katja transportiert und woher sie ihre Souveränität zieht. Denn wie sehr sie sich auch darum bemüht, ebenso die Vorzüge einer „natürlichen" und ungeschminkten Schönheit hochzuhalten, kommt sie dabei trotzdem nicht über das Gerede von Schönheitsidealen hinaus. Ihr Zuspruch an die weibliche Community, sich von den Typen nicht einreden zu lassen, was schön und was es nicht ist (mit oder ohne Schminke), greift zu kurz. Katja stellt sich gar nicht erst die Frage, warum Frau denn überhaupt schön sein muss (was immer das auch bedeutet). Interessant wäre es zu wissen, ob Katja auch dann ihre selbstbewusste Ader bliebe, wenn sie nicht mehr über einen solchen Körper verfügte. Doch so pedantisch muss man bei Katjas Versuchen, für ihre Fans einen aufklärerischen Bildungsauftrag zu fahren, gar nicht erst sein. Immer wieder torpediert sie die eigenen Bemühungen, über einen gewissen Grad an Oberflächlichkeit zu gelangen:

„Und wenn ein Mann meint, er will nur ungeschminkte Fotos von dir, dann frag ihn nach einem Foto, wo sein Schwanz schlaf ist. Das zu dem Thema."

„Macht, was ihr wollt, Weiber. Und Jungs, wenn ihr nicht ausseht wie David Beckham, dann dürft ihr auch nichts von uns verlangen, es tut mir Leid."

„Ey, schützt euch. Vor Krankheiten, vor einem Baby, wenn ihr jung seid. Krankheiten habe ich ja nicht, das weiß ich, das gucke jedes halbe Jahr nach. Weil ich weiß, ich habe sehr viel Sex manchmal ohne Kondom. (...) Ich bin nicht schwanger. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Also jetzt werde ich mich zusaufen."

Man könnte ewig so weiter machen. Fast jeder Clip ist ein Steinbruch mentaler Unfälle, was halb so schlimm wäre, wenn Katja ihre Perlen der Weisheit auf Pornhub einem geistig entwachsenen Publikum von vereinsamten Männern entgegenbrüsten würde, doch wer sich auf Twitter oder Facebook die Profile ihrer User anschaut, wird überwiegend Kids im Alter von 12 bis 18 Jahren entdecken—ihr YouTube-Kanal hat gar keine Beschränkug, im Grunde kann sich jedes Kind mit einem Internetzugang Katja gönnen. Auf dieses Weise sexualisiert sie einen medialen Jugendbereich bis an die Grenze des Erlaubten, vielleicht auch schon darüber hinaus. Da hilft es auch nicht viel, wenn sie die Titel ihrer Clips mit kleinen Strernchen und süßen Smileys versieht: BEST OF A*SCH & T*TTEN :P.

Wie sehr Katja Krasavice den Bezug zu einer gesunden Sexualität verloren zu haben scheint, zeigt ihr Umgang mit ihrer 14-jährigen Nichte. Daniela, wie die Tochter ihres an Suizid verstorbenen Bruder laut ihrem Instagram-Profil heißt, wird gleich in mehreren Clips vor den medialen Sexkarren gespannt. In dem Clip Sex mit meiner Nichte? werden Katja und dem Kind fragen gestellt, die beide zu beantworten haben. „Habt ihr euch schon mal darüber gestritten, wer die größeren Brüste hat?" „Willst du auch eine OP?" Ja sie will, auch die Nase. „Könntest du deine Nichte so umstylen wie dich?" Natürlich kann Katja das. Aber nur, wenn die sabbernden Follower das Video liken und die Marke von 15.000 Likes durchbrochen wird. „Habt ihr euch schon mal geküsst?" Ja, auch medienwirksam ausgeschlachtet und eigens inf dem Clip Ich küsse eine Frau! festgehalten. Über 2.355.000 Klicks, einer der größten Renner auf Katjas Seite.

Ob hier fehlgeleitete Muttergefühle im Spiel sind und Katja für ihrer Nichte ein ebenso lukratives Multimedia-Standbein aufbauen möchte wie in ihrem eigenen Fall, wird spätestens dann zum Nebenschauplatz, wenn zum Schluss des Videos Nacktbilder von mir und meiner Nichte die Netzgemeinde dazu aufgerufen wird, Danuschka auf Instgram zu folgen und ihr auf Snapchat so viele Nacktbilder wie möglich zu senden. Zuvor waren wieder Fragen zu beantworten wie: „Wer würde eher Geld für Sex nehmen?", „Wer würde eher auf Sex verzichten?", „Wer würde eher seinen eigenen Tampon essen?". Nacktbilder gibt es nicht zu sehen, aber allein die Masche, Leute mit solchen Titeln ködern zu wollen, ist mehr als billig.

Ich weiß nicht, vielleicht bin ich ja auch ein Relikt aus einer vergangenen Ära, das Häuser anbellt, in denen keiner mehr wohnt, weil eine mit ihren Titten wackelnde Katja Krasavice die Kids von heute sowieso völlig kalt lässt, da mittlerweile selbst die Zwölfjährigen ihre vor den Eltern geheim gehaltenen Prepaid-Smartphones besitzen, mit denen sie Zugang zu ganz anderen Abgründen des Internets haben.

Aber solange die Modewelt noch darüber rätselt, ob es vertretbar sei, dass die 14-jährige Tochter von Cindy Crawford in Magazinen zur leidenschaftlichen Frau hochstilisiert wird, ist es vielleicht auch noch OK, einen Aufruf zu hinterfragen, der ein Kind mit Dick-Pics auf Snapchat zu bombardieren versucht. Ja, mag sein, dass heute gerade Mädchen viel schneller zu Frauen reifen, nur stellt sich die Frage, wie sehr ihr Geist mit dem Körper Schritt halten kann.

Und was Katja anbetrifft: Gerne hätten wir uns mit ihr über all das unterhalten, aber unsere Anfragen blieben unbeantwortet. Man möchte ihr glauben, dass sie ihre Nichte aus altruistischen Motiven vor die Kamera setzt, man möchte ihr glauben, dass sie sie ist, eine Person mit aufrichtiger Freude an der eigenen Sexualität, und dass hinter ihr keine wertschöpfende Maschinerie wie hinter den meisten YouTube-Goldeseln steckt—man möchte ihr das glauben, tut es aber nicht.

Paul ist schon volljährig, ihr könnt ihm bedenkenlos auf Twitter folgen.