Spike Jonze spricht über Liebe, Intimität und seinen neuen Film 'Her'

Ab heute läuft Her in den deutschen Kinos. Wir trafen Regisseur Spike Jonze in Berlin und sprachen über seinen neusten Film. Die Essenz dieses Gespräches könnt ihr hier lesen.

|
März 27 2014, 11:44am

Ab heute läuft Her in den deutschen Kinos. Der neueste Film von Spike Jonze, dem Creative Director von VICE, der in den 90ern die vermutlich besten Musikvideos der Welt gemacht, Jackass erfunden und währenddessen auch die definierendsten Filme unserer Generation geschaffen hat. Keine Überraschung also, dass die Leute von den Oscars sich dieses Jahr auch endlich bequemt haben, sein Genie zu würdigen. Her bekam dieses Jahr den Oscar fürs beste Drehbuch.

VICE hat letzten Monat ein privates Screening des Films in Berlin veranstaltet, vor dem ich die Chance hatte, ein bisschen Zeit mit Spike zu verbringen, bevor er sich auf den Weg nach Paris machte, wo er weiter den Film promotete und Freunde traf. In den paar Stunden, die wir gemeinsam verbringen konnten, sprachen wir über den Film. Die Essenz dieses Gespräches könnt ihr weiter unten lesen.

Obwohl es darum geht, dass der Hauptcharakter sich in ein Betriebssystem verliebt, ist Her keineswegs eine dystopische Warnung vor der verheerenden Kraft der modernden Technologie. Vor allem ist es ein Film über Liebe und Intimität. Leider geht er dabei nicht ins Detail—aber darum geht es auch irgendwie.

© 2013 WARNER BROS

Die Art, wie Spike Filme macht, gleicht seiner Persönlichkeit—neugierig, sympathisch, bescheiden und fragend. Diese Eigenschaften führen dazu, dass Her so perfekt ausbalanciert ist. Er zeigt nicht nur, was Liebe sein kann, sondern auch, wie verdammt schwer (und vermutlich auch irrelevant) es ist, rauszufinden, warum die Leibe uns überhaupt passiert und was sie bedeutet.



VICE: Was ist in deinem Film die größte Herausforderung, die der Liebe im Wege steht?
Spike Jonze: Ich glaube, die wichtigste Frage, die der Film stellt, ist zeitlos. Es geht darum, wie man mit jemandem Intimität schafft, wie man das aufrecht erhält und wie man gegenüber dem Anderen offen bleibt, während man sich selbst verändert. Wie kann man eine andere Person lieben, ohne sie dazu bringen zu wollen, sich selbst einzuschränken. All das zusammen. Wie man gesehen wird und wie man sich der Person offenbaren kann, die man liebt.

Ist die Art, mit Intimität umzugehen, für unsere Generation anders, als sie es noch bei unseren Eltern war?
Ich glaube, wir haben neue Möglichkeiten, um Intimität zu vermeiden, aber auch um sie zu schaffen. Egal, ob in einer E-Mail, einem Gespräch oder einer sexuellen Beziehung, die Frage ist immer, ob man tatsächlich präsent und authentisch gegenüber dem Anderen ist. Und das ist die größte Herausforderung, oder? Das ist eine persönliche Frage, die man immer stellen muss. Im Film gibt es keinen wirklichen Gegenspieler. Theodore ist vermutlich sein eigener Antagonist und bei der Frage der Intimität geht es uns wahrscheinlich allen so.

© 2013 WARNER BROS

Und es wird nicht gerade einfacher, weil wir uns ständig verändern und weiterentwickeln.
Das erinnert mich an eine Sache, die mein Vater gesagt hat. Er dachte, der Film handle von Evolution. Ich dachte über Evolution im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz nach und das war interessant, aber es geht auch um unsere persönliche, emotionale und spirituelle Evolution. Theodore sagt an einer Stelle, dass es die große Herausforderung an einer Beziehung ist, als Individuum zu wachsen, ohne sich voneinander zu entfernen, oder sich zu verändern, ohne die andere Person zu verschrecken. Wir verändern uns permanent und wachsen, und alles um uns herum verändert sich ebenfalls. Das alles in einer Beziehung zu akzeptieren, ist verdammt schwer, aber eben essentiell.

Wie gehst du es an, einen Film über Liebe zu machen—einen der kompliziertesten, verwirrendsten und trotzdem wichtigsten und bewegendsten Aspekte des menschlichen Lebens?
Als ich angefangen habe, habe ich alles runtergeschrieben, worüber ich nachgedacht habe, was mich verwirrt hat und was ich verstehen wollte. Natürlich hat alles Graustufen, weil es so schwierig ist, unsere Motivationen zu erklären. Ich glaube, bei meinem Film ist es genauso. Die Motivation ist nicht diese eine Sache. Ich will, dass sie der Wirklichkeit näher kommt. Das ist alles kompliziert.

© 2013 WARNER BROS

Das ist mir aufgefallen, als ich den Film gesehen habe. Einerseits wollte ich wissen, was du damit sagen wolltest und auf der anderen Seite hatte ich auch diese ganzen Emotionen. Es war verwirrend und frustrierend, aber auch sehr rührend.
Eine der Sachen, die bei der Arbeit mit Joaquin immer wieder passiert sind, war, dass ich ihm eigentlich gegenteilige Regieanweisungen gegeben habe: Du bist aufgeregt wegen deines Blind-Dates, aber gleichzeitig ist es dir auch peinlich, dass du sie attraktiv findest. Du weißt nicht, ob es zwischen euch wirklich funken wird, aber eigentlich ist es dir auch egal, weil du einfach nur jemanden brauchst. Jeder Moment ist voller Emotion, weil wir als Menschen eben so kompliziert sind. Wir sind komplizierte, emotionale, intelligente Individuen, die viele Dinge gleichzeitig denken und fühlen und ich wollte, dass der Film sich genauso lebendig anfühlt.

Ich weiß, was du meinst. Ich habe den Film jetzt ein paar Mal gesehen und jedes Mal war es anders.
Meine Lieblingsfilme sind die, in denen ich jedes Mal etwas Anderes sehe. Manchmal, weil es mir vorher nicht aufgefallen ist, manchmal, weil mein Leben anders ist und ich mich deswegen vielleicht auf einen anderen Aspekten des Films konzentriere. Das ist mein Ziel: mich komplett, mit all meinen widersprüchlichen Gefühlen in die Dinge einzubringen, die ich mache.

© 2013 WARNER BROS

Das ist vermutlich auch der einzige Weg, wie man ein Thema wie Liebe künstlerisch verarbeiten kann. Dabei spielen permanent so viele unterschiedliche Faktoren mit, dass es irgendwo vage bleiben muss, weil wir diese ganze Komplexität gar nicht fassen können.
Eigentlich ist es lustig, entweder es ist das Einfachste der Welt oder unglaublich, unglaublich kompliziert. Aber eigentlich ist eben doch beides zur gleichen Zeit.
 
Aaron Rose, ebenfalls Filmemacher und langjähriger Freund von Spike, fragte ihn, nachdem er den Film in Berlin gesehen hatte, wann der Punkt gekommen war, an dem er wusste, dass der Film fertig war. Spike beantwortetet das damit: „Am Ende ist es das geworden, was es nicht nicht werden konnte.“

Für mehr Infos über den Film solltet ihr euch das Video von Lance Bangs ansehen, das er für
The Creators Project gedreht hat. Er interviewt die Freunde von Spike und spricht mit ihnen über Liebe, ihre eigenen Beziehungen und Probleme mit Intimität.
 

Mehr VICE
VICE-Kanäle