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Wie es ist, ein schwuler und ein nicht-schwuler, eineiiger Zwilling zu sein

Auch wenn sie die gleiche DNA und meistens die gleiche Erziehung teilen, können eineiige Zwillinge sich bei der sexuellen Orientierung unterscheiden. Wir haben zwei Zwillinge aus Melbourne gefragt, was Unterschied für sie bedeutet.

von Julian Morgans
04 Juni 2015, 4:06am

Angus und Eric in jung und süß

Eineiige Zwillinge werden ihr ganzes Leben lang verglichen. Sie teilen sowohl die gleiche DNA (auch wenn sie unterschiedlich zum Ausdruck kommt) als auch häufig ihre Erziehung, also sind sie allgemein sehr ähnliche Individuen, egal wie sehr sie sich auch anstrengen, einzigartig zu sein. Und das ist der Grund, warum ich zwei meiner Freunde so interessant finde.

Angus und Eric Woodward sind 25-jährige, eineiige Zwillinge aus Melbourne. Eric ist schwul, während Angus hetero ist, was einen interessanten Mikrokosmos der Individualität erschaffen hat, als sie in die Pubertät gekommen sind. Die Sexualität zu entdecken, ist für jeden eine Reise, vielleicht noch mehr, wenn du einen Zwilling hast, der gleichzeitig das Gegenteil von dir ist. Um herauszufinden, wie Sexualität ihre Beziehung und ihr Selbstverständnis beeinflusst hat, habe ich Angus und Eric um ein paar Einsichten gebeten.

VICE: Hey Eric, fangen wir damit an, wie du deine eigene sexuelle Orientierung entdeckt hast.
Eric: Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass ich in der Grundschule Jungs wahrgenommen und mich zu einigen von ihnen hingezogen gefühlt habe. In der achten oder neunten Klasse habe ich dann gedacht, dass das bedeutet, dass ich wahrscheinlich schwul bin. Ich habe gehofft, dass das vielleicht doch nicht der Fall ist, aber an diesem Punkt hast du eine Wahl. Entweder du liebst dich selbst und schaust nie zurück oder nicht. Ich habe also beschlossen, mich selbst zu lieben. Ich war schwul, also war ich auch anders.

Hast du dich jemals gefragt, wie ihr euch bei etwas so Grundlegendem unterscheiden könnt?
Eine meiner ersten Theorien war, dass ich nicht wirklich viel mit Mädchen in Kontakt kam. Ich bin auf eine anglikanische Jungenschule gegangen. Und versteh mich nicht falsch, ich habe meine Schule geliebt, aber Homosexualität wurde dort nie in positiver Weise behandelt. Es war nie Teil des öffentlichen Diskurses, der mir gesagt hätte: „Es ist OK, sich zu akzeptieren, wie man ist." Aber ich wollte, dass es tiefer geht.

Angus (links) und Eric (rechts), mittlerweile sind sie älter

Angus, was denkst du, wie hat dein Zwilling deine Identität allgemein beeinflusst?
Angus: Na ja, als Zwilling wirst du immer verglichen und das hat uns vielleicht auf verschiedene Wege geschickt. Vielleicht habe ich reagiert, indem ich mich ein bisschen mehr typisch männlich und ein bisschen prolliger verhalten habe. In Wahrheit war Eric immer viel erwachsener als ich. Ich denke, ich war immer ein bisschen unsicherer und wollte einer der coolen Jungs sein. Und ich denke schon, dass das in gewisser Weise zu unserem Sinn für Sexualität beigetragen hat.

NOISEY hat sich mit anderen Zwillingen getroffen

Das Ganze geht ein wenig in Richtung einer Anlage- und Umwelt-Argumentation. Eric, wie fühlst du dich, wenn Leute dies auf Homosexualität anwenden?
Ich denke, die Umwelt spielt eine gewisse Rolle, aber das wird viel zu sehr aufgeblasen. Ich denke, wenn du Sachen sagst wie „Mein Vater hat mich zu lange umarmt" oder „Meine Mutter hat mir noch die Brust gegeben, als ich schon zu alt war", dann ist das etwas zu kurz gedacht. Für mich war ein großer Moment ein Uni-Kurs namens Gleichgeschlechtliche Anziehung: Von Gott bis Gene. In der Vorlesung hat ein Genforscher gesagt, dass die Gene Sexualität erklären, auch wenn es kein Schwulengen gibt. Da habe ich zum ersten Mal jemanden mit Einfluss gehört, der gesagt hat: „Du hast keine Wahl."

Anschließend habe ich ihn gefragt, wie es sein könnte, dass ich schwul bin, während mein Zwillingsbruder hetero ist. Er hat erklärt, dass es passieren kann, dass eineiige Zwillinge durch geteilte Plazentas ernährt werden, sodass jedes Individuum mit eine anderen Anzahl Hormone abbekommt. Daher können Individuen mit einer genetischen Veranlagung für eine bestimmte Sexualität unterschiedlich beeinflusst werden. Am Abend fragte ich meine Mutter, ob wir unterschiedliche Plazentas hatten, was sie bestätige. Das war ein großer Moment für mich.

Angus, wie hast du reagiert, als Eric dir gesagt hat, dass er schwul ist?
Positiv und ich hatte es definitiv auch schon geahnt. Ich glaube, wir waren ungefähr 18 und ich erinnere mich gut an den Tag. Er holte mich in sein Zimmer und ich sagte: „Du bist schwul, richtig?" Ich habe mich sehr für ihn gefreut.

Eric: Ja, aber ich erinnere mich, dass ich zu der Zeit dachte: „Er freut sich nur, weil er der Heterosexuelle ist." Und dann ist er die Treppe hinuntergerannt und hat gerufen. „Mama! Eric muss dir etwas sagen." Unsere Eltern waren nicht überrascht. Ich dachte, meine Mutter würde mich umarmen und wir würden weinen, aber so etwas kam nicht. Mein Vater sagte tatsächlich: „Ich kann nicht glauben, dass du dachtest, wir müssen das tun. Es ist überhaupt keine Sache." Ich denke, sie sind dort, wo die Gesellschaft sein sollte. Wenn alle in der Gesellschaft so wären, dann müssten wir das unseren Eltern gar nicht erzählen.

Angus, wie bist du das erste Mal auf Homosexualität aufmerksam geworden?
Na ja, in der Highschool gab es einen Kerl, der immer zu mir gerannt kam und mir an den Sack gefasst hat. Ich dachte, er wäre so ein stereotyper Fußball-Typ, weil er mir immer auf den Arsch gehauen und es dann mit einem Lachen abgetan hat. Es war mir unangenehm, aber ich habe es auch mit einem Lachen abgetan. Ein paar Jahre nach dem Abschluss hat ihn mein lieber Zwilling dann aus der Reserve gelockt und es stellte sich heraus, dass es ihm wahrscheinlich mehr gefallen hat, als ich dachte.

Angus (rechts) als Zauberer verkleidet, während Eric ein Feenkostüm trägt

Eric: Der Typ hat sich trotzdem noch nicht geoutet. Ich frage mich, wie viele Typen die Unfähigkeit, ihre Sexualität auszuleben, durch diese tatschige maskuline Kultur ausdrücken müssen. Ich habe mich schon, seit ich jung bin, dafür interessiert zu hinterfragen, wie Geschlecht definiert ist. Ich erinnere mich sogar daran, dass ich als Kind im Kindergarten mal in einem Kleid tanzen wollte. Ich weiß, dass ich mit meiner Mutter darüber gesprochen habe. Und ich bestand darauf, anders zu sein.

VICE: Diese kleinen Racker stellen die grausamsten Tragödien unserer Geschichte nach.

Angus: Wir sind uns sehr ähnlich, aber wir wollten immer unterschiedlich sein. Als wir aufgewachsen sind, hatten wir am selben Tag Geburtstag und so, also gab es immer diese Rivalität, unterschiedlich zu sein. In gewisser Hinsicht hilft die Tatsache, dass Eric schwul ist, uns dabei, unterschiedlich zu sein.

Eric: Wir sind uns bezüglich unserer Grundwerte ähnlich, aber wir sind auch sehr unterschiedlich.

Angus: Ich weiß nicht, Bro, wir sind uns sehr ähnlich.

Eric: Na gut.