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Warum es geil ist, ein Secondo zu sein

In der Primarschule ist es noch grausam, aber irgendwann entdeckst du wie wertvoll es ist, zwei Kulturen zu kennen.
16.6.15
Titelbild von Abdurahim Abdushi

Ausländer hier, Ausländer dort—keine richtige Heimat und doch überall Zuhause, das kennen wohl viele Secondos. Oft habe ich den Spruch: „In meiner Brust schlagen zwei Herzen" gehört. Ein Synonym für irgendwie heimatlose Seelen, die es sich selbst nicht eingestehen können: Ewige Ausländer—in beiden Ländern.

Während meiner Kindheit und auch in der Jugend wurde ich in regelmässigen Abständen mit dem damals beliebten „Drecks-Jugo"-Slogan konfrontiert. Bereits im Kindergarten erlebte ich Rassismus. Weil ich mich mit einem kroatischen Jungen in meiner Muttersprache verständigt hatte, wurde mir von meiner Lehrerin der Mund mit Klebeband zugeklebt. Erst richtig mit der Angst bekam ich es zu tun, als sie mich in eine dunkle Besenkammer sperrte. So sass ich dort mit zugeklebtem Mund auf dem Boden, lauschte dem Lachen aus dem nahe gelegenen Klassenzimmer und fühlte mich endlos einsam. Was hatte ich verbrochen, dass ich so bestraft wurde? Nach Unterrichtsende durfte ich den Raum wieder verlassen. Die Lehrerin sagte mir, sie wolle nie mehr diese ausländische Sprache von mir hören. Natürlich verstand ich, mit meinen fünf Jahren, noch immer nicht wirklich was gerade abging. Dennoch sprach ich seither praktisch kein serbokroatisches Wort mehr in der Schule.

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Die Lehrstellensuche war für mein 15-jähriges Ich kein Kinderspiel. Die Endung „-ic" im Nachnamen liess sich nicht verbergen. Trotz guter Noten und einem sauberen Bewerbungsschreiben musste ich rund 50 von Hand angefertigte Dossiers versenden, bis ich endlich eine Lehrstelle fand. Damals war es üblich, sich vorab telefonisch nach der Verfügbarkeit der Stelle zu erkundigen. Unzählige Male war—nachdem ich meinen Namen genannt hatte—die zuvor freie Stelle plötzlich vergeben. Was mich dabei am meisten irritierte: Die Absagen kamen viel zu schnell. In der kurzen Zeit hätte kein Mensch überprüfen können, ob die Position tatsächlich vergeben war. Meine Eltern pflegten zu sagen: „So ging es den Italienern anfangs auch und jetzt gehören sie doch dazu."

Italienische Gastarbeiter im Unterricht; Foto: Barchbot | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Im Jahr 2015 gehören Secondos zum Alltag der Schweiz und die Situation hat sich glücklicherweise entspannt. Immerhin ein Drittel der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund. Geblieben ist eine kulturell entwurzelte, aber gesellschaftlich integrierte Secondo-Generation. Die Ungewissheit meiner eigenen Identität nagte lange Zeit an mir. Erst vor kurzem wurde mir, mit meinen 28 Jahren, das erste Mal klar, wie geil es eigentlich ist, ein Secondo zu sein. Zwei Identitäten bedeuten zwei Welten, aus denen kulturell und traditionell geschöpft werden kann. Somit kann ich meine eigene Kultur gestalten.

Letzte Woche fuhr ich zu einer Feier auf den Balkan. Nein, keine Hochzeit, sondern der 18. Geburtstag meiner Cousine. Apropos: Cousins und Cousinen kenne ich in dieser Form nicht—für mich gibt es nur Brüder und Schwestern. In Belgrad angekommen, nahm meine Familie mich am Flughafen in Empfang. Es würde für sie niemals in Frage kommen, mich oder ein anderes Familienmitglied ein Taxi oder den Bus nehmen zu lassen. Es dauerte noch zwei Tage bis zum Fest, aber ein Teil der Verwandtschaft hatte sich bereits im Haus meiner Grosseltern eingefunden. 30 Personen übernachteten eine Woche lang dort und 140 Gäste kamen ans Fest. „Nur die engsten Verwandten, nichts Grosses", hatte mir meine Tante mit einem Lächeln versichert.

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Ein alkoholgetränktes Abendessen (vor dem eigentlichen Fest) mit 30 Familienmitgliedern wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis. Bereits während dem Essen diskutierten und lachten wir, ja, schrien auch über Tische hinweg. Während der Abend seinen Lauf nahm, wurde auch die Musik lauter. Plötzlich tanzten Jung und Alt quer über den Hof den Kolo (einen serbischen Volkstanz) und die umliegende Nachbarschaft schloss sich unangemeldet an. Das Temperament und die Lebensfreude überwältigten mich. In der Lautstärke eines kleinen Open-Airs feierten alle Anwesenden an einem Montag bis in die frühen Morgenstunden. Die Atmosphäre an diesem Abend entzog sich rationalen Erklärungsversuchen. Ich begriff just in diesem Moment, dass ich nie eine Entscheidung zwischen der Schweiz und Serbien werde fällen müssen oder können.

Đerdapsee in Serbien; Foto: Cornelius Bechtler | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Normalerweise schätze ich meine Privatsphäre in Zürich sehr. Freunde geben Bescheid, bevor sie vorbeikommen, WG-Mitbewohner klopfen an Zimmertüren an und elterliche Besuche werden frühzeitig angekündigt. Alles ist geregelt und folgt einem gewissen Schema. Ziehe ich mich in Serbien für eine Stunde zurück, ernte ich Unverständnis. Ob ich krank sei oder sonst Sorgen habe, da ich hier allein sitze. Die Freizeit wird auf dem Balkan mit der Familie verbracht. Die Hausaufgaben werden in der Küche gemacht, während neben dir Grossmutter kocht und der Vater die Zeitung liest. Alle essen, feiern, leben und sterben gemeinsam.

Es ist die Summe dieser Kleinigkeiten, die einen kulturellen Graben zwischen mir und meinem Umfeld schafft. Ob ich mir vorstellen könne, in Serbien zu leben, werde ich häufig gefragt. Genau diese Frage bringt es im Grunde auf den Punkt. Es käme mir niemals in den Sinn, für 200 Euro im Monat einem frustrierenden Job nachzugehen!

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Uni-Absolventen finden in Serbien kaum eine Anstellung und müssen sich mit schlechtbezahlten Berufen in der Gastronomie begnügen. Wir haben die bestausgebildeten Barkeeper der Welt, scherzt man auf dem Balkan.

Mädchen in albanischer Tracht; Foto: Zeke | Wikimedia Commons | CC BY 3.0

Ich bin in der Schweiz geboren und in einem gottverlassenen Kuhdorf in den Bündner Bergen aufgewachsen. Trotzdem bleibe ich in dieser, meiner faktischen Heimat—in Chur geboren heute wohnhaft in Zürich—ein sogenannter Schweizer mit Migrationshintergrund, sprich: Ausländer. Da bringt auch fliessendes Schweizerdeutsch oder eine Einbürgerung nichts. Das Blut in meinen Adern ist aus dem Balkan und mein Bewusstsein? Das ist Schweizer durch und durch. Fahre ich nach „unten" in den Urlaub, bin ich „der Schweizer mit dem starken Akzent". Aber was soll ich jetzt eigentlich sein? Wahrscheinlich weder noch. Selbst auf dem Papier bin ich ein Doppelbürger, ich kann nicht einmal die Fakten für mich entscheiden lassen.

Wieso soll ich überhaupt entscheiden müssen, was ich nun sein soll. Die paar Wochen im Jahr, die ich in Serbien verbringe, geniesse ich in vollen Zügen und natürlich vermisse ich meine Familie, wenn ich nicht dort bin. Doch genauso gerne komme ich wieder zurück ins verregnete Zürich. Dank meinem Migrationshintergrund betrachte ich gewisse Situationen automatisch aus zwei Perspektiven. Je nachdem fällt es mir auch einfacher, mich in Andere hineinzuversetzen. Genau dafür bin ich dankbar. Als Secondo werde ich ohnehin der ewige Ausländer bleiben, da kann ich auch gleich das Beste draus machen.

Ivan auf Twitter: @iiivanmarkovic

Vice Switzerland auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild: Abdurahim Abdushi | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0