Brauchen wir endgültig ein Selfie-Verbot?

Nachdem jetzt auch bei den Filmfestspielen von Cannes nicht mehr selbst geknipst werden soll—ist es Zeit für No-Go-Areas für Selfie-Sticks?

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12 Mai 2015, 6:23am

Foto: Shankar S. | Flickr | CC BY 2.0

Es ist so eine Sache mit Selfies. Einerseits geben sie einem die Möglichkeit, sich selbst exakt so darzustellen, wie man gerne aussehen würde. Andererseits sieht man während des Akts der Selbstfotografie nicht nur wahnsinnig selbstverliebt, sondern auch hochgradig albern aus. Das hält den Großteil von uns natürlich nicht davon ab, unsere Instagram-Feeds auch weiterhin mit Schnutenmündchen, Spiegelfotos und „#nomakeup #nofilter #ehrlich!!11"-Posts zu fluten. Schließlich hat Kim Kardashian kürzlich sogar einen Bildband mit ihren Lieblingsselbstporträts veröffentlicht. Trotzdem scheint sich, pünktlich zur flächendeckenden Einführung der Selfiesticks, eine Art Anti-Selfie-Bewegung zu etablieren. Vollkommen zu Recht.

Selfieception. Screenshot: Instagram

Eine der ersten Veranstaltung, bei der es zu einem offen kommunizierten Selfie-Bann kam, war die diesjährige MET-Gala in New York. Ausgesprochen wurde das Fotoverbot von Anna Wintour, ihres Zeichens Ausrichterin der Gala und ebenso berühmte wie berüchtigte Vogue-Chefredakteurin. Einer Frau, mit der man sich wirklich nicht anlegen will. Vor allem dann nicht, wenn man Der Teufel trägt Prada gesehen hat. Auch wenn das Ganze absolut gar nicht funktioniert hat—Lady Gaga, Justin Bieber und (natürlich) Kim Kardashian konnten es dann doch nicht lassen—, die ausdrückliche Ablehnung des Selbstfotografierens scheint langsam Schule zu machen.

Mittlerweile hat sich auch der Chef der Filmfestspiele in Cannes, immerhin die prestigeträchtigste Filmverleihung Europas überaus, negativ zum Zwang zur Selbstfotografie ausgesprochen. Insbesondere der „lächerliche und groteske" Trend der Stars, sich selbst auf dem roten Teppich zu fotografieren, gehöre seiner Meinung nach abgeschafft. „Du siehst nie so hässlich aus wie auf einem Selfie" sagte Thierry Fremaux gegenüber The Hollywood Reporter. Statt einem strikten Verbot will man allerdings versuchen, die anwesenden Prominenten durch Ansprache durch Ordner und Mitarbeiter dazu zu bewegen, ihre Selfie-Aktivitäten nach Möglichkeit freiwillig einzustellen.

Screenshot: Instagram

Während Veranstaltungen wie die MET-Gala oder die Filmfestspiele in Cannes sich wohl vor allem am fehlenden Glamour-Faktor des zwanghaften Selbstfotografierens stören, stellt sich auch für den normalen Smartphone-Besitzer immer mal wieder die Frage, ob es nicht manchmal einfach unangemessen sein kann, ein Selfie zu schießen. Schließlich zeigt man mit kaum einer anderen Tat ein derart hohes Maß an Selbstverliebtheit und Egozentrik.

Was zum Beispiel geht in einem Menschen vor, der sexy Selbstporträts am Berliner Holocaust Mahnmal macht und sie anschließend auf Tinder hochlädt? Wie fühlt sich der Angehörige eines Holocaust-Überlebenden vor dem Eingang von Auschwitz, wenn neben ihm minderjährige Schulmädchen Schnuten in die Frontkamera ihres iPhones machen? Wenn die Leute moralisch selbst anscheinend so unbeleckt sind, dass sie es selbst nicht merken—brauchen wir dann klar festgelegte No-Go-Areas für Selfie-Sticks?

Vielleicht führt auch die grundlegende Einstellung, Fotos, die man macht, nicht mehr nur für sich selbst, sondern vordergründig eben auch für die digitale Folgschaft aufzunehmen dazu, dass wir nach dem perfekten Bild streben. Von der Umgebung, der Situation, uns selbst. Sollten unsere Enkelkinder uns irgendwann fragen, warum jedes einzelne Bild von früher Oma von so richtig nahem zeigt, werden wir uns wohl mit „Oma wollte von fremden Menschen aus dem Internet hören, dass sie schön aussieht" rausreden müssen. Das kann man traurig oder gut finden, Fakt ist aber: wenn wir nicht bald mit unseren eigenen Selfie-Sticks verprügelt werden wollen, muss eine Art Social-Media-Knigge her. Und ausschließlich Fotos zu besitzen, auf denen nur noch der eigene Torso zu sehen ist, ist ja vielleicht auch ein bisschen langweilig.