Foto: Grey Hutton

„Flüchtlinge vergewaltigen deutsche Kinder“ — Wie Rassisten versuchen, Stimmung gegen alle Nicht-Deutschen zu machen

Die unangenehme Social-Media-Strategie der „Asylkritiker".

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Aug. 14 2015, 8:43am

Foto: Grey Hutton

Am Montag tauchte ein öffentlicher Post auf Facebook auf, der schnell die Runde in „asylkritischen" Kreisen machte und mittlerweile fast 10.000 mal geteilt wurde. Eine Person namens Gregor Stein postete drei Fotos und schreibt:

Der Originalpost auf Facebook. Unkenntlichmachung von uns.

„Keine 10 Minuten im Wasser... Paarungswillige "Flüchtlings?"-Meute bildet Willkommenskulturring um kleines deutsches Mädchen(höchstens 10 Jahre alt) und fangen an zu grabbeln, bevor unsere Herrenrunde lautstark eingreifen musste..."

Zwei der Fotos sind identisch, eines davon zeigt nur einen anderen eingezoomten Bildausschnitt. Das dritte Foto scheint etwas weiter entfernt aufgenommen worden zu sein und scheint dieselbe Situation zu zeigen. Was dort aber genau zu sehen ist, weiß man nicht. Mehrere männliche Personen in der Nähe eines Mädchens im Wasser. Tatsächlich wirken die Fotos, gerade auch, nachdem man den Text liest, bedrohlich. Es könnte sein, dass das Mädchen in der Mitte Angst hat. Es könnte aber auch eine vollständig aus dem Zusammenhang gerissene Situation sein, die nichts mit dem geschriebenen Text zu tun hat.

Mehrere andere Kinder sind im Wasser, auf dem aus größerer Entfernung aufgenommenen Foto sind auch andere Erwachsen zu sehen, die nicht so wirken, als seien sie in der Nähe eines potentiellen sexuellen Missbrauchs.

Niemand weiß also, was hier passiert ist. Niemand weiß, wer die Männer auf den Fotos sind, niemand weiß, wer das Mädchen ist. Man muss sich auf die Worte von Gregor Stein verlassen und die sagen folgendes:

„Paarungswillige ,Flüchtlings?'-Meute"

Paarungswillig ist kein Wort, dass man normalerweise für Menschen benutzt. In diesem Zusammenhang suggeriert Stein, dass man es hier mit einer enthemmten, tierischen (wie er schreibt) „Meute" zu tun hat, die eben nur noch wenig mit „normalen" Menschen gemeinsam hat. Den Wortteil „Flüchtlings" setzt er in Anführungszeichen und versieht ihn mit einem Fragezeichen. Das könnte mehrere Bedeutungen haben. Ist Stein unsicher, dass es sich bei den Männern um Flüchtlinge handelt? Oder denkt er vielleicht eher, dass sich die Männer lediglich als Flüchtlinge ausgeben, beziehungsweise die Bezeichnung Flüchtling irreführend ist, weil es vielleicht „Wirtschaftsflüchtlinge" sind. Es könnte auch sein, dass Stein in seiner Argumentation Webseiten wie Metapedia, PI-News oder Netzplanet folgt, die das Wort „Flüchtling" als Propagandabegriff verstehen und glauben, dass es eine „Einwanderungsindustrie" gibt, deren Ziel es ist, möglichst viele Menschen aus anderen Regionen nach Europa und speziell nach Deutschland zu bringen, um die Bevölkerung zu destabilisieren und am Ende eine neue Weltordnung einzuführen.

Stein hat seinen Post insgesamt 15 mal bearbeitet. Hier der ursprüngliche Text.

„Willkommenskulturring"

Der Begriff „Willkommenskultur", also die Idee, Menschen, die aus dem ein oder anderen Grund nach Deutschland geflohen sind, willkommen zu heißen, ihnen tatsächlich zu helfen und sie zu integrieren, hat in „asylkritischen" Kreisen eine ähnliche Bedeutungsumkehrung wie „Gutmensch" erfahren. Der Begriff wird ironisch verwendet in Zusammenhängen, die zeigen sollen, dass die „Willkommenskultur dieser Gutmenschen" gescheitert ist. Beispielsweise wenn es Probleme in einer Flüchtlingsunterkunft gibt, sich ein Flüchtling strafbar macht oder es so aussieht, als ob das passiert sei. Das Ganze ist ein Totschlagargument, das jeden ernsthaften Versuch, sich mit Integration und Rassismus auseinanderzusetzen, diskreditieren soll. In diesem Fall soll gesagt werden, dass sexueller Missbrauch von den „Gutmenschen" in Kauf genommen wird, um eine „Willkommenskultur" durchzusetzen, die eigentlich kein „guter Deutscher" will.

Das „kleine deutsche Mädchen(höchstens 10 Jahre alt)"

Wir wissen nichts über dieses Mädchen. Außer, dass Stein behauptet, sie sei Deutsche. Die Flüchtlinge sind offenbar nur deswegen nach Deutschland gekommen, um sich sexuell auszuleben. Warum die Nationalität überhaupt eine Rolle spielt, bleibt offen. Wäre die Situation anders, wenn es sich um ein italienisches, spanisches, norwegisches oder syrisches Mädchen handeln würde? Der einzige Sinn darin, die Nationalität zu nennen, ist zu sagen, dass diese „Tiere" (aka möglicherweise Flüchtlinge) versuchen, die deutsche Rasse zu beflecken.

Die ganze Situation ist doch eher fragwürdig. Sollte es tatsächlich zu einem sexuellen Übergriff gekommen sein, wäre es dann nicht wichtiger gewesen, sofort einzugreifen und das Mädchen aus einer bedrohlichen Situation zu retten, statt es zu fotografieren? Und was war die Konsequenz? Stein schreibt:

„Unsere Herrenrunde [musste] lautstark eingreifen [...] ..."

Aber was heißt das genau? Auf meine Anfrage bei der Pressestelle der Polizei erfahre ich, dass man seit dem 12. August von diesem Facebook-Post weiß und tatsächlich Ermittlungen aufgenommen hat. „Betroffene haben sich bisher bei der Polizei Berlin nicht gemeldet." Außer dem eigentlichen Post gibt es also keine Erkenntnisse, weder von sexuellen Übergriffen, noch von einer Schlägerei oder irgendeinem Zwischenfall. Was ist mit den Eltern des Mädchens oder anderen Begleitpersonen?

Genauso sieht es in den Restaurants und Biergärten rund um die Seen in Weißensee aus. Niemand weiß von einem sexuellen Übergriff. Die Mitarbeiter, mit denen ich telefoniere, sagen, dass sich solche Vorfälle normalerweise sehr schnell herumsprechen.

Gregor Stein hat leider nicht auf meine Kontaktanfrage reagiert, um die Geschichte genauer zu erläutern. Aber wer ist dieser Typ eigentlich? Kein Unbekannter.

Stein gehört zum Pegida-Umfeld und ist in diesem Video zu sehen, als er zusammen mit der ehemaligen Pegida-Ikone Kathrin Oertel und anderen versucht, an einem Demonstrationszug der alten Friedensbewegung teilzunehmen. Dabei trägt er ein Transparent, auf dem Links- und Rechtsextremismus gleichgesetzt werden. Die anderen Teilnehmer hindern die Gruppe mit „Nazis raus"-Rufen daran. Ansonsten gehört Stein auch zu „Endgame", einer relativ abstrusen Gruppe (Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas), die aus den Trümmern der Montagsmahnwache und unter Pegida-Einflüssen entstanden ist.

Steins persönliches Facebook-Profil ist dann auch dementsprechend unangenehm. Antifeministische Comics, auf denen zu sehen ist, dass „hässliche" Frauen (Feministinnen), eigentlich nur Familien zerstören wollen. Fotos von der „Wahlalternative 2017", einer neuen Partei, die von ehemaligen AfD-Mitgliedern gegründet worden sein soll, denen die Mutterpartei zu links war und die Anja Reschke für ihren Flüchtlingskommentar kritisieren. Geteilte Beiträge der rechtsextremen „Identitären Bewegung", Videos von Ken Jebsen und ein Menge „asylkritischer" Beiträge, die dem gleichen Muster folgen wie Steins Post vom Badesee.

Sollte am Montag in Weißensee tatsächlich ein Mädchen angegriffen worden sein, wäre das schlimm. Dabei ist es vollkommen egal, welche Nationalität das Mädchen hatte oder welche Nationalität die Angreifer hatten.

Genauso schlimm ist eine andere Geschichte, die vergangene Woche im Saarland passiert ist. Ein älterer Mann wurde von einem Betrunkenen sehr schwer verletzt. Der Betrunkene war ein Asylbewerber. Aber vor allem eben betrunken und offensichtlich ein Idiot. Also ein betrunkener Idiot. Solche Menschen gibt es leider.

Aber nur weil ein betrunkener Idiot nicht aus Deutschland kommt, bedeutet das nicht, dass alle Menschen, die nicht aus Deutschland kommen, betrunkene Idioten sind.

Auch zu diesem Vorfall gibt es einen begleitenden Facebook-Post, der über 100.000 mal geteilt wurde. Der Text kommt scheinbar vom Neffen des Opfers und ist mit einem drastischen Bild versehen. Logischerweise ist der Neffe schockiert von dem, was passiert ist. Jeder wäre das, wenn ein naher Verwandter oder Freund fast unkenntlich geschlagen werden würde. Und trotzdem hat das alles nichts mit der Nationalität der Beteiligten zu tun.

2015 gab es bisher etwa 170.000 Asylanträge in Deutschland. 2014 waren es 173.000. Innerhalb dieser Gruppe wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch Idioten geben.

Aber deswegen zu sagen, dass alle diese Menschen wieder weg müssen, Schmarotzer und kriminell sind, und danach zu rufen, die Grenzen dichtzumachen, ist reinster Rassismus. Die politischen und wirtschaftlichen Zustände, aus denen sie hierherkommen, sind furchtbar und vermutlich für die meisten von uns, die schon immer in Deutschland leben, unvorstellbar. Und so schwierig es vielleicht auch zu verstehen ist, auch die (sicher vorhandenen, wenn auch statistisch insignifikanten) Idioten genießen Asylrecht.

Die Sprache und die halbgaren Informationen und auch Lügen, die die sogenannten „Asylgegner" benutzen, um ihre Thesen zu untermauern, sind genau der gleiche Rassismus. Mit Meldungen wie der von Gregor Stein wird versucht, alle Nicht-Deutschen zu diskreditieren und zu suggerieren, dass jeder Syrer ein Vergewaltiger ist. Schaut man auch nur etwas genauer hin und erkennt, wo diese Meldungen herkommen und wie sehr sie aus dem Zusammenhang gerissen, falsch verstanden oder auch einfach nur erlogen sind, wird das schnell klar. Für die Tausenden, die diese Meldungen teilen, ist es aber leider nur Wasser auf die rassistischen Mühlen.

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