Fotos

Nur die Realität ist geiler als Filme

Ein Mann reitet auf einem Hai, Dirk Nowitzki hängt an einem fliegenden Hubschrauber und der KKK zeigt seine Brüste. Das passiert, wenn man Pierre Winther machen lässt, was er will.

von Grey Hutton
27 März 2015, 12:48pm

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass es sich bei Pierre Winthers Fotos um Standbilder aus einem Film handelt—einem dunklen und verworrenen Film, der einen verängstigt und verwundert zurücklässt. Damit liegt man jedoch falsch, denn diese faszinierenden Bilder sind alle bis ins kleinste Detail durchgeplant und akribisch zusammengestellt—oftmals stellen sie ganze Geschichten in nur einem Frame dar. Winther ist verantwortlich für einige der berühmtesten Kampagnen von Levi's, Diesel oder Dunhill. Dazu sind seine Bilder regelmäßig in Magazinen wie The Face oder dem Rolling Stone zu sehen, er hat schon Musikvideos für Künstler wie Björk, INXS und die Beastie Boys gedreht. Sein neues Buch mit dem Titel Nothing Beats Reality (teNeues, 2015) ist eine Zusammenstellung dieser Arbeiten—ein avantgardistischer Wirbelsturm eines Konzeptualismus-Anhängers, der die Grenzen der Fotografie in den letzten 25 Jahren immer wieder neu definiert hat. Ich hatte das Vergnügen, zusammen mit Winther einen Nachmittag im Filmstudio Babelsberg zu verbringen, wo wir in vielen teuren Filmsets herumwanderten und dabei über sein neues Buch plauderten.

Pierre Winther auf dem Babelsberg-Gelände. Fotos: Grey Hutton

VICE: Warum hast du dich dazu entschieden, dein erstes Buch erst jetzt zu veröffentlichen?
Pierre Winther: Irgendwie ist immer etwas dazwischen gekommen. Ich hatte jedoch das Gefühl, dass es jetzt endlich an der Zeit wäre, ein paar „ausgewählte" Sachen aus meiner Arbeit der letzten 25 Jahre zusammenzusammeln. Dabei handelt es sich allerdings noch nicht einmal um die Spitze des Eisbergs. Wir haben bereits damit angefangen, an einem zweiten Buch zu arbeiten, das dann nur meine originalen Polaroid-Bilder, meine Zeichnungen und meine Skizzen enthält.

Wieso hast du gerade diese Fotos für das Buch ausgewählt?
Wir wollen bei den Lesern das Gefühl aufkommen lassen, dass eigentlich fünf oder sechs parallele Geschichten gleichzeitig ablaufen—also eher wie in einem Film. Man soll denken, dass man in Handlungen eintaucht und dabei selbst entscheiden kann, wie das Ganze ausgeht. Deshalb tauchen auch manche Charaktere mehrmals auf. Ich habe das Buch auf diese Art konzipiert, um einen filmischen Erzählrahmen für diese Geschichten zu schaffen.

Man könnte dich als Fotografen, als Konzeptkünstler, als Creative Director und als Regisseur bezeichnen. Aber wie siehst du dich selbst?
Dieses Problem habe ich jetzt schon seit 25 Jahren. Ich sitze quasi zwischen den Stühlen. Ich betrachte meine kommerziellen Projekte immer als Kunstprojekte, bei denen am Ende ein Logo erscheint. Die Kunstwelt sieht so etwas jedoch nicht als Kunst an, weil das Projekt ja für einen Kunden gemacht wurde. Die kommerzielle Welt sagt dann wiederum, dass das Ganze ein wenig zu künstlerisch sei ...

Das hat dir doch aber bestimmt auch schon mal irgendwie geholfen?
Auf jeden Fall. Wenn die Kunden merken, dass meine Bilder gut genug für ein Auktionshaus sind, dann wird ihnen auch klar, dass meine Kampagnenfotos ebenfalls von hoher Qualität sein müssen. Ich sage meinen Klienten immer Folgendes: Die Fotos sollten letztendlich so gut sein, dass man sie später mal aufhängen will. Das ist immer mein Ziel, wenn ich ein Projekt beginne.

Wie schlägt deine Arbeit die Brücke zwischen kommerzieller Fotografie und Kunst?
Irgendwie hatte ich das schon immer drauf, das ist ja das Witzige. Ich habe mich von Anfang an mehr als Künstler gesehen. Mir ist jedoch auch schnell klar geworden, dass ich einen Geldgeber brauche, wenn ich meine Vorstellungen verwirklichen will. Deshalb bin ich zu den Kunden gegangen und habe ihnen meine Idee verkauft—so wurden sie zu meinen Mäzenen. Von diesen Sachen hier wurde zum Beispiel kaum etwas von den Agenturen in Auftrag gegeben.

Wie viele Leute arbeiten bei solchen Produktionen am Set?
So viele wie bei einer groß aufgezogenen Werbung—vielleicht so 50 bis 70. Das ist vor allem der Fall, wenn ich Fotos und Film kombiniere. Das ist eine Möglichkeit, alles zu verbinden, denn meine Fotos erwecken sowieso den Eindruck eines Films. Ich arbeite viel mit dem Kameramann zusammen, der auch den Film The Hurt Locker gedreht hat.

Da stehen ja dann wirklich viele Leute unter deinem Kommando. Ist schon mal etwas schief gegangen?
Wir planen die Shootings sehr genau durch. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass tatsächlich schon einmal irgendetwas schief gegangen ist. Hoffen wir mal, dass das auch so bleibt! Einmal haben wir jedoch in der Mojave-Wüste zusammen mit Dirk Nowitzki für Nike gedreht. Dabei wurde auch ein Helikopter eingesetzt. Eine Szene sollte in zwei Abschnitten gefilmt werden: Erst sollte sich Dirk einfach nur an der Leiter festhalten, während er noch auf dem Boden stand, und anschließend wollten wir ihn für das Fluggefühl an einen Kran hängen—dabei dienten jedoch dicke Stoffmatten als Absicherung. Dirk hielt sich also an der Leiter fest und plötzlich stieg der Helikopter 15 Meter nach oben! Deutschlands bester und berühmtester Basketballspieler hing an einem Helikopter 15 Meter über dem Boden! Du kannst dir sicher vorstellen, dass vielen Mitarbeitern der Schock ins Gesicht geschrieben stand. Er meinte jedoch, dass er dabei richtig viel Spaß hatte.

Einige deiner Bilder sind doch sehr extrem. Ein Beispiel dafür wäre das Hai-Foto.
Jedes Mal, wenn ich über dieses Bild und seine Entstehungsgeschichte rede, werde ich richtig traurig. Im offiziellen Pressetext wird erklärt, dass wir damals 25 Leute im Wasser waren, Sicherheitstaucher und so weiter auf uns aufpassten, der Hai beruhigt wurde und ein Stuntman aus Los Angeles auf dem Tier geritten ist. Plötzlich war jedoch die ganze Welt gegen uns. Wie könnten wir bloß einen Hai dazu missbrauchen, um für eine Jeans zu werben? Damals bekamen wir unzählige Fax-Nachrichten von Leuten zugeschickt, die sich über diesen Umstand beschwerten. Mir ist jedoch auch wichtig, über dieses Foto zu reden, weil oft angenommen wird, dass wir das Ganze am Computer gemacht haben. 1992 gab es jedoch noch kein Photoshop!

Wie hat sich die Industrie deiner Meinung nach seitdem verändert?
Die Leute sind sich inzwischen viel bewusster darüber, was die großen Marken machen und wie weit sie gehen, um sich selbst zu promoten. Die Unternehmen müssen politisch und ethisch gesehen viel vorsichtiger vorgehen, um nicht irgendwo anzuecken.

Das bedeutet im Grunde auch weniger Spaß.
Das ist so jetzt auch nicht ganz richtig. Manche Unternehmen kommen damit immer noch irgendwie durch—schau dir doch zum Beispiel mal Red Bull an. Die lassen einfach andere Leute die Drecksarbeit machen. Hätte die ganze Hai-Geschichte nicht einfach nur ein Red-Bull-Wettbewerb sein können, wer am längsten auf einem Tigerhai reiten kann? Die schicken doch sogar einen Typen in einem Ballon ins Weltall und lassen ihn dann mit einem Fallschirm wieder zurück auf die Erde springen. Red Bull wäre für mich und meine Bilder sicher ein toller Partner!

Hast du bei deinen Ideen und Konzepten eine bestimmte Vorgehensweise?
Alles beginnt mit einer Idee, die noch keinen Namen besitzt und mit keinem Unternehmen oder Ähnlichem in Verbindung steht. Ich fange einfach bei Null an. Dann habe ich meine Wand und baue das Konzept auf—das ist eigentlich alles. Wenn ich nicht direkt damit fertig werde, packe ich das Ganze erst einmal beiseite und schieße alle Fotos für den digitalen Inhalt. Anschließend kann ich wieder darauf zurückkommen. Nehmen wir doch mal wieder das Hai-Foto für Levi's als Beispiel: Das einzige Magazin, das ich damals gern gelesen habe, war National Geographic. Ich las einen Artikel über Haie und einen Artikel übers Bullenreiten—und schon war die Idee geboren. Modemagazine waren noch nie wirklich mein Ding und ich habe auch nie wirklich eine Ausgabe von The Face in die Hand genommen, als ich für sie fotografierte. Ich finde, so etwas inspiriert einen unterbewusst. Ich will jedoch lieber im echten Leben Inspiration finden. Deshalb habe ich mein Buch auch Nothing Beats Reality genannt.

Dein nächstes Projekt willst du hier im Filmstudio Babelsberg aufziehen, oder?
Ja. Das Projekt wird eine Mischung aus vielen Dingen sein, vor allem aber ein gesellschaftliches Experiment. Ich will eine Kulisse erschaffen—eine richtige kleine Welt, ein komplett gesteuertes Umfeld in einer riesigen Box. Ich kann hier noch keine Details verraten, aber es geht im Grunde darum, wie wir uns gegenseitig wahrnehmen, und wie uns unsere Eindrücke täuschen können. Letztendlich soll man dazu angeregt werden, ein bisschen über sich selbst nachzudenken. Ich erschaffe also eine faszinierende visuelle Welt, die dich einsaugt, und sperr ich quasi die Tür hinter dir ab. Natürlich nehme ich niemanden gefangen, aber ich will meine Botschaft doch auf eine Aufsehen erregende Art und Weise rüberbringen. Genau das macht jedoch viele meiner Projekte aus: einmal etwas anders präsentierter Augenschmaus.